Judenretter Gustav Schröder Der Papitän

Kapitän Gustav Schröder riskierte 1939 seine Karriere, um jüdischen Flüchtlingen an Bord der "St. Louis" zu helfen. Nun ist seine Seemannskiste aufgetaucht. Die alten Dokumente verraten mehr über den leisen Helden.

Archiv Jürgen Glaevecke

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Eigentlich war sie immer da, diese schöne hölzerne Seemannskiste. Die in Wahrheit eine Schatzkiste war, denn sie barg das Vermächtnis eines mutigen, bescheidenen Mannes: Gustav Schröder, passionierter Kapitän, frühes NSDAP-Mitglied - und Held für Hunderte Juden.

Die Kiste stand jahrelang kaum beachtet in der Garderobe eines Altbaus in Hamburg-Othmarschen. Schröders Großneffe Jürgen Glaevecke hat als Kind mal hineingelugt und sah Fotos, Postkarten, Manuskripte. Schnell wieder zu! Viel zu langweilig.

Erst 2015, etwa sechs Jahrzehnte später, öffnete Glaevecke die Kiste wieder. Seine Mutter war gestorben, er musste den Hausstand sortieren. Glaevecke stöberte, las, staunte - und begab sich auf eine Zeitreise: in die Vergangenheit seines 1959 verstorbenen Großonkels, der 1939 mit einer Irrfahrt die Welt in Atem gehalten hatte.

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Kapitän Gustav Schröder: Der Schatz des Judenretters

Zunächst wirkte alles wie immer, als Gustav Schröder am 13. Mai 1939 mit dem luxuriösen Kreuzfahrtschiff "St. Louis" in Hamburg ablegte: Die Kapelle spielte "Muss i denn zum Städtele hinaus", Passagiere winkten vom Deck. Dass die 98. Fahrt der "St. Louis" eine ungewöhnliche sein würde, zeigte eine Order des Kapitäns: Schröder befahl, alle 937 Passagiere zuvorkommend und freundlich zu behandeln. Selbstverständlich war das nicht, denn an Bord waren keine Urlauber - sondern Juden auf dem Weg ins Exil nach Kuba.

Zeitzeugen berichteten später, wie glücklich sie waren, von Deutschen derart respektvoll behandelt zu werden. Schröder ließ auf dem NS-Schiff gar eine provisorische Synagoge einrichten: "Er hat uns erlaubt, das Porträt von Hitler herunterzunehmen, während wir gebetet haben", erinnert sich eine Überlebende in einer Doku (Sendetermin: 24. Januar, 21 Uhr, NDR). "Erst am Ende des Abends mussten wir das Bild wieder zurückhängen. Das war wirklich sehr tapfer von ihm."

Video: Ein Zeitzeuge erinnert sich

Die Welt aber tat es dem menschlichen Kapitän nicht gleich. Niemand wollte die Juden aufnehmen: Kuba trotz gültiger Einreisepapiere nicht; die Dominikanische Republik, die USA und Kanada lehnten aus innenpolitischen Gründen ab.

In der Ferne höhnten die NS-Propagandisten, während die "St. Louis" wochenlang durch die Meere irrte, mit Passagieren in Todespanik vor einer Rückkehr und einem Kapitän, der eigenmächtig handelte und alles tat, um sie zu retten. Am Ende landeten sie in Antwerpen, nur scheinbar in Sicherheit: Viele wurden später doch noch ermordet.

Diese unwürdige Odyssee ist bekannt. Sie wurde 1976 als "Reise der Verdammten" verfilmt. Die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem hat Schröder als "Gerechter unter den Völkern" geehrt; in Hamburg erinnern eine Straße, eine Gedenktafel und bald ein Park an ihn.

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Flüchtlingsschiff: Was aus den Passagieren der "St. Louis" wurde

Und doch bleibt dieser Mann wenig greifbar, auch weil er sich nur ungern ins Rampenlicht stellte. 1941 hatte Schröder das Buch "Fernweh und Heimweh" geschrieben. Es handelte von all seinen Seereisen - nur das "St. Louis"-Drama sparte der Kapitän fast völlig aus: zu heikel. Acht Jahre später schilderte Schröder es nüchtern im dünnen Büchlein "Heimatlos auf hoher See". Auch das ist heute längst vergriffen.

Was also ging in dem Mann vor? Warum riskierte er seine Karriere? Wie wurde jemand zum Judenretter, der schon im Dezember 1933 in die NSDAP eingetreten war?

"Still und leise"

Als "sehr still und leise" beschreibt Jürgen Glaevecke seinen Großonkel im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Ich erinnere mich, wie er bei uns im Garten stand, wohlgekleidet, Kaugummi kauend und freundlich lächelnd. Er strahlte eine unglaublich entspannte Ruhe aus." Und schwieg. "Er war nie ein großer Erzähler. Wenn er vom Krieg erzählte, dann hörte er oft plötzlich auf und blieb sinnierend und nachdenklich auf seiner Couch sitzen."

In der so lange verschollenen Seemannskiste jedoch finden sich zarte Hinweise auf Schröders Innenleben. Postkarten etwa, viele an seinen geistig behinderten Sohn Rolf adressiert. Ihm erzählte Schröder von seinen Seereisen, ihm schenkte er kleine Holzschiffchen: Modelle jener Dampfer, die sein Sohn niemals würde steuern können. So schrieb Schröder während eines Landurlaubs in Hamburg an seinen Sohn, der damals in einer Klinik im Schwarzwald behandelt werden musste:

Lieber Rolfi, vielleicht ist Mutti schon abgereist, denn ich schickte gestern eine Eilkarte, weil ich noch 14 Tage hierbleibe. Ich hoffe, dass Mutti Sonntag hierherkommt. Ich werde dir jeden Tag eine Karte schreiben. Grüß auch an die lieben Schwestern, die dich so lange pflegen.

Unterzeichnet waren einige Karten mit einem netten Wortspiel: "Dein Papitän."

Rolf Schröder an Bord des Schiffes seines Vaters
Archiv Jürgen Glaevecke

Rolf Schröder an Bord des Schiffes seines Vaters

Liegt hier der Schlüssel zu Schröders humanem Handeln? Die Liebe des "Papitäns" zu seinem geistig zurückgebliebenen Sohn, der laut NS-Ideologie doch zu den "lebensunwerten" Menschen zählte? Weckte das Empathie für andere Verfolgte?

"Rolfs Krankheit, die sich weiter verschlimmerte, hat sein Verhalten womöglich befördert", sagt Glaevecke. "Seine grundsätzliche Prägung aber erfuhr er schon in seiner Kindheit." Man findet sie in seinen Erinnerungen. Dort schrieb er:

Ich muss an einen alten Lehrer denken, der uns Schülern immer wieder Toleranz predigte. Er sagte nie ein böses Wort über einen Mitmenschen, nicht einmal über seine Widersacher. "Tragt euch gegenseitig nichts nach", sagte er, "ein wirklich gebildeter Mensch tut das nicht."

Wie "ein Taifun in der Südsee"

In der Seemannskiste hat Schröder die Manuskripte seiner vergriffenen Schriften aufbewahrt - in verschiedenen Ausführungen, oft mit handschriftlichen Ergänzungen. Inhaltlich unterscheidet sie sich zwar wenig von dem, was er in "Heimatlos auf hoher See" 1949 publizierte. Aber manche Sätze der Urfassungen machen das "St. Louis-Drama" anschaulicher. Etwa wenn Schröder von der "Selbstmordstimmung" an Bord schreibt oder resümiert:

Ich möchte dieses ganze Erlebnis, so sehr es mich erschütterte, nicht missen. Es war eine Aufgabe, die mehr Spuren in mir hinterließ als der Taifun in der Südsee. Wer sich in die verzweifelte Lage meiner Fahrgäste und meine Sorge um sie hineindenkt, wird mich verstehen. In der ganzen kritischen Zeit (...) widmete ich mich bei Tage den Fahrgästen und nachts dem Telegrammwechsel.

Das war eine höfliche Umschreibung der Dramatik. Denn als die "St. Louis" am 27. Mai 1939 in Havanna anlegte, eskalierte die Situation. Zwar besaß jeder Passagier eine offizielle Einreisebewilligung für Kuba. Doch ein Regierungswechsel kurz vor der Ankunft machte sie wertlos. Nun hieß es, die Bewilligungen seien von einem korrupten Behördenleiter verkauft worden - und daher ungültig.

Alles Verhandeln half nichts. Die "St. Louis" wurde nach ein paar Tagen aus dem Hafen gezwungen. Es kam zu Selbstmordversuchen. Und die Dramen mehrten sich, weil die USA und andere Staaten ihre Grenzen ebenfalls dichthielten. Schröder schickte Hilfstelegramme in alle Welt, wurde hingehalten und enttäuscht, während seine Passagiere drohten, sich lieber kollektiv ins Meer zu stürzen, als in den NS-Staat zurückzukehren.

Um Schlimmeres zu verhindern, hatte Schröder längst ein jüdisches Bordkomitee eingerichtet, Seelsorge und "Selbstmordverhütungsrundgänge" organisiert, eine Revolte verhindert. Im Stillen dachte er selbst über Sabotage nach. Als ob das kaum erwähnenswert wäre, hat er diese Idee nur auf einen kleinen Zettel geschrieben und an den Rand der Seite 162 eines der Manuskriptentwürfe geklebt:

Sicherheitshalber arbeitete ich mit dem Ltd. Ing. einen Plan aus, nach dem die Fahrgäste an der engl. Kanalküste als Schiffsbrüchige gelandet werden konnten. Zu diesem Zweck sollte das Schiff bei Ebbe und Nacht oder Nebel sachte auf den Strand gesetzt und die Emigranten unter Vortäuschung einer Havarie und Feuer im Schiff schnell an Land gebracht werden. Bei Flut konnte das Schiff wieder freikommen. Ein Platz für dieses Manöver war schon ausgesucht.

"Die schönste Zeit meines Lebens"

Doch die Aktion war nicht mehr nötig. In letzter Minute hatte sich doch eine Lösung gefunden: Die "St. Louis" durfte im Juni 1939 in Antwerpen anlegen. Von dort aus wurden die Flüchtlinge auf Belgien, die Niederlande, Frankreich und England verteilt. Schröder notierte ungewohnt emotional:

Ihre Dankbarkeit war rührend und bewegte mich tief und unvergesslich.

Wie die Flüchtlinge, die nicht ahnten, dass sie bald wieder in Lebensgefahr schweben sollten, genoss der Kapitän danach noch ein paar unbeschwerte Monate. Die "St Louis" wurde wieder zum Vergnügungsdampfer. Schröder steuerte Jamaika, Curaçao, Venezuela und Bermuda an.

Diese letzten Fahrten waren in gewisser Weise die schönste Zeit meines Lebens. Meine Familie lebte in New York, das Wetter war fast immer gut, die Navigation bot keine große Schwierigkeiten, so daß ich mich viel den Fahrgästen widmen konnte, die eine geradezu ansteckende Heiterkeit und Sorglosigkeit an den Tag legten.

Dann überrannten die Nazis Europa und ermordeten am Ende mindestens 254 der ehemaligen "St. Louis"-Flüchtlinge. Schröder brachte die getarnte "St. Louis" von New York an der britischen Seeblockade vorbei nach Hamburg zurück, eine abenteuerliche Fahrt über Murmansk mit defektem Kompass und nur einem ausgedienten Schulatlas als Navigationshilfe.

Es war Schröders letzte Reise, danach wurde er zur Deutschen Seewarte versetzt. Noch einmal kehrte er auf sein Schicksalsschiff zurück: Ein Foto nach dem Krieg zeigt ihn einsam an Deck des nun ausgebrannten Wracks.

    Die Dokumentation "Kapitän Schröder und die Irrfahrt der St. Louis - Erinnerungen an ein Drama auf See" läuft am 24. Januar 2018, um 21 Uhr im NDR.
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Seite 1
Heinrich Detjen, 23.01.2018
1. Kommt uns das nicht bekannt vor?
"Die Welt aber tat es dem menschlichen Kapitän nicht gleich. Niemand wollte die Juden aufnehmen: Kuba trotz gültiger Einreisepapiere nicht; die Dominikanische Republik, die USA und Kanada lehnten aus innenpolitischen Gründen ab." Man ersetze einfach Juden durch Kriegsflüchtlinge oder Asylsuchende und dann schämen wir uns leise...
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