Jüdische Gemeinde Berlin "Symbol des Wunders"

Jüdische Gemeinde Berlin: "Symbol des Wunders" Fotos
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Von den Nazis beinahe verbrannt, als Pferdestall und Lagerhalle missbraucht - die Synagoge in der Berliner Rykestraße steht für das Leid der jüdischen Bevölkerung und hat eine bewegende Geschichte hinter sich.

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Nur drei alte Schwarzweiß-Fotos hatten die Architekten Ruth Golan und Kay Zareh vom ursprünglichen Zustand der Synagoge in der Berliner Rykestraße. Damit machten sie sich vor drei Jahren ans Werk, um den historischen Backsteinbau so originalgetreu wie möglich zu sanieren.

In einer feierlichen Zeremonie wurde Deutschlands größte Synagoge am 31. August 2007 wiedereröffnet. Botschaftern und anderen Holocaust-Überlebenden aus der ganzen Welt nahmen teil. Das Gebetshaus im Herzen des Ostberliner Szeneviertels Prenzlauer Berg symbolisiert eine wachsende jüdische Gemeinde und den gescheiterten Versuch der Nazis, das Judentum und seine Kultur vollständig zu vernichten.

Nur weil die umliegenden "arischen Gebäude" nicht beschädigt werden sollten, blieb die Synagoge in der Reichspogromnacht am 9. November 1938 weitgehend unversehrt.

"Es ist ein Wunder, dass es in Deutschland wieder Juden gibt. Und die Synagoge in der Rykestraße, die zwei verschiedene Regime überlebt hat, ist das Symbol dieses Wunders", sagt der 94 Jahre alte Rabbiner Leo Trepp. Er absolvierte Mitte der dreißiger Jahre das Rabbinerseminar in Berlin und war anschließend Landesrabbiner von Oldenburg. Kurz nach der Pogromnacht wurde er ins KZ Sachsenhausen verschleppt, konnte jedoch mit der Hilfe befreundeter britischer Rabbiner aus Nazi-Deutschland fliehen.

Als Pferdestall missbraucht

Durch die Nazi-Herrschaft kam das jüdische Leben im Prenzlauer Berg praktisch zum Erliegen. In der Reichspogromnacht blieb der Bau zwar unversehrt, das Innere der Synagoge wurde jedoch geschändet, die Thora-Rollen wurden beschädigt, Rabbiner und Gemeindemitglieder in das KZ Sachsenhausen deportiert. Der letzte Gottesdienst fand 1940 statt.

Während des Zweiten Weltkriegs wurde das Gebetshaus als Lagerhalle oder als Pferdestall missbraucht. 1953 wurde die Synagoge wiedereröffnet und diente nach dem Bau der Berliner Mauer der Ostberliner Gemeinde als Gebetsstätte. Seit der Wiedervereinigung wuchs die Gemeinde rasch an und zählt heute mehr als 12.000 Mitglieder.

Rund 4,5 Millionen Euro kostete die Sanierung der mit 1200 Plätzen größten deutschen Synagoge. Die beiden Architekten legten viel Wert darauf, das Gebäude originalgetreu wieder zu errichten. "Sie ist nun die schönste Synagoge Deutschlands", findet Peter Sauerbaum, Vorstandsmitglied der jüdischen Gemeinde Berlins.

Mit der Einbringung der Thora-Rollen wurde die Synagoge feierlich wiedereröffnet. Der erste Gottesdienst in dem restaurierten Haus fand noch am gleichen Abend statt. Die Eröffnung bildete den Auftakt der zehntägigen jüdischen Kulturtage in Berlin, in deren Rahmen auch das erste privat finanzierte jüdische Kulturzentrum eingeweiht wurde. Zahlreiche Konzerte und Ausstellungen rundeten die Kulturtage ab.

Trepp erhofft sich von der Neueröffnung der Gebetsstätte einen zusätzlichen Schub für die rasch gewachsene jüdische Gemeinde in Deutschland. "Das alte deutsche Judentum gehörte einer bedeutenden gesellschaftlichen Schicht an, die Mitglieder waren integriert, gebildet und profiliert", sagt der Rabbiner. "Wir müssen abwarten, wie sich das Judentum hier entwickelt, aber wir sollten behutsam vorgehen und versuchen, einige Elemente dieser alten Tradition wiederzubeleben." Er ist sich jedoch sicher: "Da muss noch eine Menge Arbeit geleistet werden."

Deborah Cole, Claudia Horn, AFP

Erschienen auf SPIEGEL ONLINE am 29.08.2007

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