Jüdische Kindheit in Polen Anschlag mit Teetasse

Jüdische Kindheit in Polen: Anschlag mit Teetasse Fotos

Starr vor Schreck: Polnische Juden fürchteten in den zwanziger und dreißiger Jahren ständig Schikanen der Polizei und mieden sie, wo sie nur konnten. Als Josef Königsberg als Vierjähriger versehentlich heißen Tee aus dem Fenster auf einen Gendarmen goss, folgte eine Begegnung besonders unangenehmer Art. Von Josef Königsberg

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"Wenn du einen Polizisten siehst, mache besser einen großen Bogen um ihn!" Das bläute mir meine Mutter schon früh ein. Ich verbrachte meine Kindheit Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre im polnischen Oberschlesien, wo ich mit meinen Eltern in Kattowitz wohnte. Meine Familie war jüdisch und lebte wie die Angehörigen anderer Minderheiten - Weißrussen, Ukrainer, Russen, Deutsche, Tschechen und Slowaken - in ständiger Furcht vor den Schikanen der polnischen Gendarmen, die Vollstrecker der totalitären Regierung waren. Ich hatte Angst vor ihnen, da bekannt war, dass auf den Polizeirevieren Prügel und Folter an der Tagesordnung waren. Ein Ereignis aus dieser Zeit habe ich nie vergessen.

Ich war etwa vier Jahre alt und allein mit meiner Mutter zuhause. Ich spielte in unserem kleinen Wohnraum, und meine Mutter kümmerte sich um ihre Hausarbeit. Vom Spielen erhitzt, überkam mich ein unbändiger Durst und ich bat meine Mutter um ein Getränk. "Sofort, mein Kleiner, ich gebe dir eine Tasse Tee, den ich gerade gekocht habe." Der Tee war aber noch viel zu heiß, um ihn zu trinken. Am Fenster sollte er abkühlen und mir gefiel die Idee, ihn dort auch zu trinken. In der Zeit, in der es weder Fernsehen noch Internet gab, war das Fenster ein idealer Zeitvertreib.

Versehentlicher Anschlag auf die Polizei

Ich beobachtete gern das Treiben der Menschen auf der Straße. Besonders interessant fand ich mit Kohle beladene Pferdefuhrwerke, von denen sogar manchmal eins unter seiner Last zusammenbrach. War das ein Aufruhr! Die Kohlen kullerten die Straße entlang, die Pferde wieherten laut vor Schreck, der Kutscher fluchte, was das Zeug hielt! Was für die Erwachsenen eine mittlere Katastrophe bedeutete, war für uns Kinder eine willkommene und mit großem Interesse verfolgte Abwechslung. Von Zeit zu Zeit erregte auch ein kleiner Fiat, ?koda oder Tatra meine Aufmerksamkeit.

Ich nahm also meine Teetasse und ging mit ihr an das weit geöffnete Fenster - und hier passierte es: Mit meinen vier Jahren war ich noch etwas unbeholfen, und so schwappte ein Schluck des Tees über den Tassenrand auf meine Hände, vor Schmerz ließ ich die Tasse fallen, die unglücklicherweise auf dem Kopf eines uniformierten Polizisten landete. Dieser brüllte vor Schreck und Schmerz auf und richtete seinen Blick suchend die Hausfassade hinauf, um den Übeltäter auszumachen. Ich blieb starr vor Entsetzen wie angewurzelt am Fenster stehen. Als er mich entdeckte, reckte er drohend seine Faust und lief wild schimpfend zur Haustür, polterte durch den Hausflur, um nur Sekunden später wütend an unsere Wohnungstür zu pochen.

Meine Mutter öffnete eilig die Tür. Vor ihr stand eine aufgeregte bullige, fast zwei Meter große uniformierte Gestalt. "Das war ein Anschlag auf einen Vertreter des Gesetzes!", brüllte er. "So etwas wird mit ein paar Jahren Gefängnis bestraft." Ich weinte, meine Mutter war sprachlos, sie wurde blass und zitterte. Meine Mutter wusste, dass dies eine sehr gefährliche Situation war. Sie hat von Menschen gehört, die bereits für kleinere politische Vergehen verurteilt und in ein Lager verbracht wurden, in dem Verhältnisse herrschten, die denen der später errichteten deutschen Konzentrationslager ähnelten. "Ich bitte Sie um Verständnis, mein Herr", murmelte meine Mutter, nachdem sie ihre Fassung einigermaßen wieder gefunden hatte. "Der Kleine ist doch erst vier Jahre alt. Es war ein Missgeschick. Ich bitte vielmals um Entschuldigung und hoffe, dass Sie nicht arg verletzt wurden." Der Polizist funkelte meine Mutter ärgerlich an. "Passen Sie demnächst besser auf Ihr Kind auf!", fauchte er sie noch einmal unfreundlich an und verließ die Wohnung.

Erwischt beim Schwarzangeln

Eine weitere unerfreuliche Begegnung mit der Polizei hatte ich in meinen Sommerferien im Jahre 1935. Meine Familie und ich reisten in die damals sehr beliebte Urlaubsregion der Beskiden. Besonderen Spaß machte mir das Planschen in der Weichsel, deren Wasser damals noch kristallklar war. Ich bastelte eine Angel, suchte mir einen Platz auf einer Brücke und verbrachte dort Stunden in der Hoffnung, mit einem großen Fisch nach Hause gehen zu können. Eines Tages spürte ich plötzlich eine Hand an meinem Arm. Ich drehte mich um, und vor Schreck und Angst wurde es mir schwarz vor den Augen. Es war ein Polizist. "Ich gehe davon aus, dass du eine Angelgenehmigung hast, oder?", fragte er mit einer Stimme, die nichts Gutes verhieß. "Ich bin erst elf Jahre alt, ich kann ja als Kind keine Genehmigung bekommen. Ich hätte dafür auch kein Geld", erwiderte ich.

Der Uniformierte sah mich nur kalt an: "Gesetz ist Gesetz, mein Kleiner, ob Du nun elf Jahre alt bist oder hundertelf. Das ist für mich völlig uninteressant. Ich nehme an, dass du auch kein Geld dabei hast, um die Verwarnungsstrafe, die ich verhängen muss, zu bezahlen. Deshalb kommst du jetzt mit zur Wache. Von dort aus werden wir deine Mutter holen, damit sie dich freikaufen kann." Auf der Wache nahm ich Platz in einem kleinen Wartezimmer. Es wurde dunkel, und ich wartete und wartete. Ich wurde hungrig und durstig, hatte aber nicht den Mut, das Polizeirevier zu verlassen.

Stunden später erschien meine verweinte Mutter auf der Wache. Sie hatte nach mir gesucht und wollte nun die Polizei um Hilfe bitten. Sie war zwar erleichtert, aber auch in höchstem Maße erstaunt, mich da auf der Wache sitzen zu sehen. Als sie den Grund dafür erfuhr, war ihr die Empörung geradezu ins Gesicht geschrieben. Aus Angst vor Repressalien machte sie ihrer Wut allerdings keine Luft, sondern zahlte mit verbissener Miene die Strafe, und so konnte ich als freier Mensch die Wache wieder verlassen.

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