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Jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg "Große deutsche Patrioten"

Jüdische Soldaten im Ersten Weltkrieg: "Große deutsche Patrioten" Fotos

Als die Deutschen 1914 in den Ersten Weltkrieg zogen, waren Zehntausende begeisterte jüdische Soldaten dabei. Viele, die überlebten, wurden später im Holocaust ermordet. Israels Ex-Botschafter Avi Primor über die Spuren ihrer Geschichte. Ein Interview von Annette Großbongardt

einestages: Etwa hunderttausend jüdische Soldaten kämpften in der deutschen Armee im Ersten Weltkrieg, Zehntausende sind gefallen oder wurden schwer verwundet - hat sich daran denn keiner erinnert, als die Juden später zu Volksfeinden erklärt wurden?

Primor: Im Gegenteil, die Nationalsozialisten haben alles getan, um die Erinnerung an sie auszulöschen. Man hat die getöteten Juden systematisch aus den Listen der Gefallenen getilgt. Der jüdische Jagdflieger Wilhelm Frankl war ein Kriegsheld, ausgezeichnet mit dem höchsten preußischen Orden Pour le Mérite; die Nazis ließen sogar die Inschrift aus seinem Gedenkstein herauskratzen. Der Verein der jüdischen Frontsoldaten des Ersten Weltkrieges, große deutsche Patrioten, hat sich vergeblich bemüht, irgendeine Verständigung mit Nazi-Deutschland zu finden - viele derjenigen, die nicht geflohen sind, wurden im KZ umgebracht.

einestages: Die jüdischen Soldaten hofften, durch den Kriegseinsatz endlich Anerkennung zu finden.

Primor: Der Erste Weltkrieg war für die Juden eine historische Chance. Im Laufe des 19. Jahrhunderts hatten sie in Mittel- und Westeuropa die juristische Gleichstellung erzielt. Doch als Gegenströmung dazu bildete sich ab den Siebzigerjahren des 19. Jahrhunderts der rassistische Antisemitismus in Deutschland. Die Juden glaubten, das ließe sich überwinden. Wenn sie ihr Leben dem Vaterland im Krieg opfern, so dachten sie, dann werden sie anerkannt als Teil des Volkes, als echte Bürger, und nicht mehr als Fremdkörper.

einestages: In der preußischen Armee im Kaiserreich konnten jüdische Soldaten keine Offiziere werden.

Primor: Im Ersten Weltkrieg schon, da brauchte man sie, weil so viele Offiziere gefallen waren. Aber man hat sie bloß zu Reserveoffizieren gemacht, so war ihnen eine Karriere nach dem Krieg versperrt.

einestages: Als der Kaiser 1914 sagte, er kenne keine Parteien mehr, nur Deutsche, haben sich nicht nur die Sozialdemokraten gefreut, sondern auch die jüdischen Bürger.

Primor: Sie glaubten sogar, der Kaiser habe sie damit gemeint! Sie sahen sich am Ziel: Jetzt sind wir alle Deutsche!

einestages: Rief deshalb sogar der "Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" auf, sich freiwillig zu melden?

Primor: Ja, unter den Juden war die Kriegsbegeisterung ausnahmslos und total.

einestages: In Ihrem Roman "Süß und ehrenvoll" erzählen Sie den Krieg aus der Perspektive zweier jüdischer Frontsoldaten, eines Deutschen und eines Franzosen. Haben Sie diese Schicksale beschrieben, weil Sie fanden, da wird nicht hingeschaut?

Primor: Ich selbst hatte nicht genug hingeschaut. In Israel sind die jüdischen Soldaten des Ersten Weltkriegs kein Thema. Wenn mein Buch demnächst auf Hebräisch herauskommt, dürfte es so ziemlich das erste dazu sein.

einestages: Warum, weil der Zweite Weltkrieg und der Holocaust alles überschatten?

Primor: Ja, natürlich. Dass habe ich auch bei meinen Recherchen gemerkt. Als ich im Jerusalemer Leo-Baeck-Institut, das sich der Geschichte der deutschsprachigen Juden in Europa widmet, nach historischen Dokumenten fragte, hieß es, da müsse man erst mal nachschauen.

einestages: Auch Baeck war Kriegsteilnehmer...

Primor: Ja, er war ein sehr einflussreicher Rabbiner in Berlin, er war Pazifist und Antimilitarist, aber auch er wurde zum Kriegsanhänger. 1943 wurde er nach Theresienstadt verschleppt, er hat überlebt und in London sein Institut gegründet. Eine Versöhnung zwischen Juden und Deutschen hielt er für ausgeschlossen.

einestages: Was haben Sie an Material gefunden?

Primor: Die meisten Juden, die am Anfang der Nazi-Zeit flohen, konnten ihre Habe mitnehmen. So kamen sie nach Jerusalem, Tel Aviv und Haifa mit ihren Möbeln und Familienakten, die haben sie in den Keller gepackt. Die nächste Generation hat dann die Keller geräumt, und weil sie meist gar kein Deutsch konnten, die Dokumente dem Leo-Baeck-Institut vermacht. Die haben sie dann auch wieder in den Keller gepackt. Auf einem langen Tisch erwarteten mich dort Berge von Papieren, viele bewegende Geschichten, vor allem viele Soldatenbriefe - die zentrale Quelle für mein Buch.

einestages: Welche Reaktionen erleben Sie aus dem Publikum, wenn Sie auf Lesereise sind?

Primor: Meist sind die Leute sehr zurückhaltend; wenn es um Juden geht, sind die Deutschen noch immer befangen. Vor einem jüdischen Redner sagen sie ja nicht, was sie am Stammtisch rauslassen. Ich hatte vor allem den Eindruck, dass die Leute nicht viel wissen.

einestages: Ihre Mutter Selma Goldstein stammt aus Frankfurt, sie verließ Deutschland rechtzeitig. War Ihr Großvater auch als Soldat im Ersten Weltkrieg?

Primor: Ich glaube ja, einmal habe ich den verbitterten Satz meiner Mutter über meinen Opa gehört: "Und das, nachdem er für Deutschland gekämpft hat!" Aber eigentlich weiß ich nichts, noch nicht einmal, wie meine Großeltern aussahen. Meine Mutter kam 1932 als 18-Jährige nach Palästina, sie wollte nicht emigrieren, sie war auf einer Mittelmeerfahrt mit einer Jugendorganisation. Als sie Jaffa besichtigte, lernte sie meinen Vater kennen und blieb einfach da. Deshalb überwarf sie sich mit ihren Eltern. Sie hat sie nie mehr wiedergesehen, denn ihre gesamte Familie wurde im Holocaust ermordet. Das hat sie ihr Leben lang belastet, weil sie den Kontakt abgebrochen hatte. Als ich Botschafter in Deutschland war, habe ich versucht, die Wurzeln meiner Familie zu finden; aber es war alles vernichtet.

einestages: Ihr Romanheld Ludwig will nichts sein als ein guter Deutscher, die zionistischen Ideen teilt er nicht. Er wäre nie nach Palästina gegangen, er ist auch nicht besonders religiös. Galt das für die Mehrzahl der Juden damals?

Primor: Ja, fast alle deutschen Juden dachten so. Im Feldlazarett trifft Ludwig ja einen Arzt, der nur im Zionismus Hoffnung sieht. Ludwig hält ihn für einen Verrückten, das war ganz typisch. Nur in der Ukraine hatte der Zionismus schon ein bisschen Erfolg, und in Russland natürlich, damals der Bannerträger des Antisemitismus weltweit.

einestages: Das preußische Kriegsministerium ordnete 1916 die sogenannte Judenzählung unter Frontsoldaten an. Zu welchem Zweck?

Primor: Die Regierung hatte interne Konflikte vermeiden wollen, um alle Kraft auf den Krieg richten zu können. So versuchte die offizielle Politik, den Antisemitismus zu unterdrücken: Es konnten kaum noch antisemitische Artikel erscheinen, die antisemitischen Organisationen wurden mundtot gemacht. Es schien, als hätten die Juden ihr Ziel erreicht.

einestages: Ein großer Irrtum...

Primor: Ja, als der Krieg immer grausamer wurde und immer länger dauerte, begann sich die allgemeine Stimmung zu verschlechtern. Da suchte man nach Schuldigen, und die Antisemiten bekamen wieder Auftrieb. Sie beschuldigten die Juden als Drückeberger und verlangten von der Regierung, nachzuprüfen, wie viele Juden wirklich an der Front seien. Für die Juden war das ein Schock und eine Demütigung. Die Zählung wurde immerhin von der SPD und den Liberalen im Reichstag heftig kritisiert.

einestages: Wurden Ergebnisse veröffentlicht?

Primor: Nein. Hitler hat das später für seine Propaganda benutzt und behauptet, die Juden hätten eine Veröffentlichung verhindert.

einestages: Wie kam es, dass ausgerechnet der jüdische Leutnant Hugo Gutmann mit dafür sorgte, dass Adolf Hitler das Eiserne Kreuz erhielt?

Primor: Der Historiker Thomas Weber hat das erforscht. Gutmann empfahl Hitler sogar zweimal für die Ehrung. Der Meldegänger war zweimal verwundet worden, allerdings beim ersten Mal nicht an vorderster Front. Nachdem die Nazis die Macht ergriffen hatten, wurde Gutmann von der Gestapo verhaftet; Hitler sollte ein Kriegsheld sein, und man wollte verhindern, dass der Jude Gutmann die Propagandaversion infrage stellt. Seine Kriegskameraden setzten sich für ihn ein, er musste aber später mit seiner Familie das Land verlassen und untertauchen.

einestages: Am Ende Ihres Buches macht die Geschichte einen bitter-ironischen Schlenker: Die Witwe des gefallenen Juden Ludwig wird ausgerechnet von Hindenburg, dem Steigbügelhalter Hitlers, geehrt, und der französische Jude Louis von Marschall Pétain, der als Staatschef des Vichy-Regimes später Judendeportationen organisierte.

Primor: Die Auszeichnungen haben ja tatsächlich stattgefunden, das ist die Ironie der Geschichte, und die jüdischen Geehrten waren stolz, auch in meinem Buch: Sie haben furchtbar gelitten, einen hohen Preis bezahlt, aber es geschafft, endlich anerkannt zu sein. Wir wissen heute, wie die Geschichte weitergegangen ist, aber die Juden damals wussten es nicht.

einestages: Wie wird dieser Teil der Geschichte heute in Israel gesehen?

Primor: Für uns, die wir im zionistischen Glauben aufgewachsen sind, ist es die Geschichte einer bitteren Niederlage. Für uns haben sich diese Soldaten lächerlich gemacht: Wofür haben sie sich geopfert? Wofür sind sie gefallen? Sie hätten lieber nach Palästina kommen sollen.

einestages: Was haben Sie über die jüdischen Soldaten auf deutscher Seite gefunden?

Primor: Besonders beeindruckt hat mich ein Band mit Briefen gefallener jüdischer Soldaten, der 1961 neu aufgelegt und in der Bundeswehr verteilt wurde. Wenn man diese Briefe liest, so heißt es im Vorwort, entdeckt man eine beispielhafte Vaterlandsliebe und Treue, einen Patriotismus, den man heute so gar nicht mehr versteht. Der Autor des Vorworts hieß Franz Josef Strauß.

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1. Mein Urgroßvater...
Stephan Happ, 29.06.2014
....hat als deutscher Jude auch im ersten Weltkrieg gedient. Erst vor zwei Jahren hat mein Vater bei der Auflösung des Hauses meiner verstorbenen Großmutter die Feldpost meines Urgroßvaters entdeckt. Auch er wurde noch 1934, da waren die Nazis schon an der Macht, für seinen Einsatz als Frontsoldat geehrt. 10 Jahre später war er endgültig "nur noch Jude" und wurde nach Theresienstadt deportiert. Er hat überlebt. Seine sieben Geschwister kamen in KZs u.a. Dachau und in der Hölle von Auschwitz ums Leben. Diese Familiengschichte ähnelt sehr der von Leo Baeck. Letztes Jahr wurde meinem Urgroßvater zum Gedenken an seinen 140. Geburtstag ein Stoplerstein an seiner Wohnung in Berlin gelegt. Shalom
2. Die Behandlung der jüdischen Frontkämpfer des ersten Weltkriegs....
Christopher Büchser, 29.06.2014
durch die Nazis stellt einen besonderen Schandfleck auf der an Schandflecken nicht eben armen jüngeren deutschen Geschichte dar. Als Kind habe ich mal eine Karikatur von Kurt Halbritter gesehen: Ein Mann in mittleren Jahren betrachtet verzweifelt sein EK I und II, das er aus einer Schatulle mit der Beschriftung 1914-1918 genommen hat. "Begreif doch, wir sind für diese Leute keine Menschen", sagt seine Frau. Das trifft es ins Mark.
3. Sehr geehrter Herr Primor
Donald Hrrrgspfrrgs, 29.06.2014
Herzlichen dank Ihnen dass Sie die Kraft fanden dem Jüdischen Staate als Botschafter ausgerechnet in Deutschland zu dienen und dass Sie die kraft finden uns jüngeren Nachgeborenen solche interviewa zu geben. Ich werde mir Ihr Buch schnellstens besorgen und mit Großem Interesse lesen! (P.S. als ganz kleine Anmerkung: nicht "nur" in Deutschland kochte ab den 70er Jahren des Neunzehnten Jahrhunderts der oft Nationalistisch befeuerte Antisemitismus hoch- man denke an die Affaire Dreyfuß in Frankreich!- nur dass dieses Erzübel "bei uns" leider kulminierte- es gibt eben nichts was Deutsche nicht noch Gründlicher machen könnten als andere...)
4. Danke, Herr Primor
Dieter Vieler, 29.06.2014
ich danke Ihnen für dieses Interview. Ich selbst kann mich daran erinnern, als ich in den sechziger Jahren im Lesesaal der UNI Freiburg das von Ihnen zitierte Buch mit den Soldatenbriefen jüdischer Soldaten in die Hände bekam. Ich blätterte darin und fand diese erstaunlichen Briefe. Als ich dann das bewegende Vorwort von Franz-Josef Strauß las, da hat dies meine Meinung über diesen Menschen verändert. Ich habe begriffen, dass der pol. Kampf um die Meinung der Wähler gnadenlos ist und vor infamen Beleidigungen nicht zurückschreckt. Diese Erkenntnis hat mich bis heute geprägt. Ich vorsichtig geworden in Bezug auf die Publikationen der Medien, Personen betreffend, die im pol. Wettstreit stehen.
5. Niemand steht so sehr für die Verständigung zwischen Deutschland und Israel
Peter Diacont, 29.06.2014
Avi Primor ist DAS Vorzeige-Beispiel für einen Mittler zwischen zwei Welten, die über ihr Schicksal immer miteinander verbunden sein werden. Ihm gebührt höchster Respekt für seine Art einem Freund gegenüber kritische Themen anzusprechen, wie es nur unter Freunden möglich ist, sensibel, mit Augenmaß aber auch mit Bestimmtheit und im Hinblick auf die Fakten schonungslos.
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