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Erinnerungen eines Box-Veteranen Meine sieben Runden gegen Muhammad Ali

Box-Veteran Jürgen Blin: Sieben Runden gegen Muhammad Ali Fotos
Eric Bachmann/ Edition Patrick Frey

Es war der Kampf seines Lebens: 1971 stand Jürgen Blin im Ring mit Muhammad Ali. Inzwischen lebt er als Rentner in der Nähe von Hamburg. Doch seine Begegnung mit dem berühmtesten Boxer der Geschichte verfolgt ihn bis heute. Von Barbara Hardinghaus

Jürgen Blin steht an der Straße und wartet, in einer Wohnsiedlung hinter der Autobahn in Hamburg-Boberg. Die Verabredung war um 15 Uhr, nun ist es zwei Minuten nach. Blin gibt die Hand, kräftig; der Knochen seines Daumens steht schief, er war dreimal gebrochen, was er aber nicht bemerkte, weil es in seinem Leben eine Zeit gab, in der er einfach immer weitermachte.

Er dreht sich um, geht durch die Pforte am Haus entlang. Seit sein Becken schief steht, bekommt er das eine Bein nicht mehr richtig hoch, also lässt er auch das andere flach über dem Boden. Es sieht so aus, als bewege er sich auf Schienen.

Blin ist 71 Jahre alt, er geht zweimal in der Woche Laufen, zehn Kilometer, rennt in Intervallen, zehnmal 1000 Meter.

Er erzählt von den Rehen, die ihm die Rosen zerfressen. Blin sitzt erst zwei Minuten, als er aufsteht und zwei Alben aus dem Keller holt mit Artikeln über sich. Er zeigt Fotos und spricht die Sätze, die er immer spricht, wenn Leute von ihm wissen wollen, wer Jürgen Blin ist.

Geboren 1943 auf Fehmarn, Sohn eines Melkers, 1962 Hamburger Meister, 1964 Deutscher Amateurmeister im Schwergewicht, 1968 Deutscher Profi-Meister. Er blättert zügig, bis er im Jahr 71 ankommt. 26. Dezember 1971, Hallenstadion Zürich, 20.000 Zuschauer, Kampf gegen Muhammad Ali, K.o. in der siebten Runde. "Sieben Runden steht nicht jeder gegen Ali", sagt er.

Ein boxender Fleischer

Ende des Monats wird er nach Zürich reisen, als Ehrengast auf einer Boxgala. Er wird seine Frau Brigitte mitnehmen und Autogrammkarten verteilen, mit einem Schwarz-Weiß-Bild, Ali und er.

Als Frank Elstner ihn im Fernsehen fragte, ob er es geschafft habe, Ali kurz auch mal anzugreifen, sagte Blin: "Nein, in keinem Moment." Er sah zufrieden aus. Er ist der kleine Held, der über den großen erzählen soll.

Einige Menschen macht Erfolg berühmt. Anderen schenkt er die Möglichkeit zu einem normalen Leben. Jürgen Blins Leben hat schwer angefangen: Sein Vater trank. Blin war schwach, scheu, einer, den die anderen schlugen. Er fürchtete sich vor Menschen, die ihm wehtaten und auch vor Menschen, die ihm nicht wehtaten. Zum Weinen lief er in den Wald.

Mit 14 wurde er Schiffsjunge, reiste von Hamburg über Rotterdam nach Kanada, sah mit seinen Kinderaugen in die Wellen und spürte, dass er mutiger war, als er gedacht hatte. Nach einem Jahr kehrte er zurück, begann eine Lehre als Fleischer und das Boxen. Es war Zufall. Der Boxsaal lag gegenüber der Metzgerei. Es war der Moment, in dem die Maschine Blin zu laufen begann.

Mit 16 wurde er Hamburger Juniorenmeister. Er hatte keine Angst mehr. Er stand im Licht. Er konnte das erste Mal in seinem Leben die Menschen ansehen. Er wog 83 Kilo bei einer Größe von 1,85 Meter. Zu schwer für das Halbschwergewicht, zu leicht für das Schwergewicht. Er kämpfte gegen Männer wie Gerd Zech, 1,96 Meter, 110 Kilo. Die konnte er nicht ausknocken. Meist ging er über alle Runden, in 39 seiner 48 Siege, und am Montag stand er wieder in der Schlachterei und zerlegte Schweine.

1970 kämpfte er seinen ersten Europameisterschaftskampf gegen den Spanier José Manuel Ibar, genannt "Der baskische Holzfäller". Blin verlor nach Punkten. Ein Jahr später versuchte er es gegen den Ungar Bugner, wieder ohne Erfolg. Er trainierte weiter. Europameister zu werden war sein Ziel.

Aber vorher, im Dezember desselben Jahres, kämpfte er erst noch gegen Ali - eine Show, für die er 180.000 Mark bekam. Blin wohnte in einem Hotel am See. Er ging auf Geburtstage im weißen Sakko.

Das Boxen hatte den Jungen von früher aus dem Wald in die Mitte der Gesellschaft geholt. Nun boxte er weiter, um dort zu bleiben. 1972 wurde Jürgen Blin Europameister. Am Abend stand er noch im Ring und ließ sich feiern, fühlte sich stark und frei.

Die Angst kehrt zurück

Am Morgen nach dem Kampf, der ihn zum Europameister machte, stand er auf und spürte, dass die Angst zurück war. Die Menschen waren plötzlich wieder Feinde. Er hatte Angst davor, was sie zu ihm sagen könnten, davor, dass sie ihn verletzen würden. Er fühlte sich wie ein einziger großer Muskel, der plötzlich erschlafft war. Eine Zeit lang nahm er Tabletten. Seinen letzten Kampf bestritt er gegen den Amerikaner Ron Lily, der gerade aus dem Gefängnis entlassen worden war, in dem er wegen Totschlags an seiner Frau eine Haftstrafe verbüßt hatte. Blin ließ sich in der zweiten Runde auszählen.

Er arbeitete wieder als Metzger, verkaufte gutgelaunt Erbsensuppe. Bald darauf eröffnete er eine Kneipe im Hamburger Hauptbahnhof. Er klebte Fotos von sich und Ali an den Tresen. Die Leute kamen und fragten ihn, und wenn sie ein Foto wollten, dann ballte Blin für sie die Faust in die Kamera.

Heute sitzt er am liebsten mit Brigitte auf der Terrasse. Er geht durch den Garten und beobachtet, wie sich die Maulwürfe durch den Boden arbeiten.

Am Nachmittag vor der Boxgala, mit ihm als Ehrengast, sitzt Jürgen Blin in einem Taxi und fährt noch einmal an das Hallenstadion, in dem er vor 43 Jahren den Kampf seines Lebens boxte.

Vor der Halle steigt er aus, er steht unter dem blauen Himmel vor dem weißen Klotz, die Parkplätze sind leer. "Durch diese Tür bin ich gelaufen", sagt er, "Wahnsinn."

Er war damals zu Fuß gekommen, Ali mit einem 500er Mercedes, es war kalt, der erste Weihnachtsfeiertag. Blin war noch nicht oft K.o. gegangen, er wusste, es würde jetzt kommen.

Als er in die Halle einzog, trug er einen blauen Mantel mit goldenem Kragen, als er die Hymne hörte, blickte er auf den Boden. Ali sah ihn an, im roten Mantel, er hatte schon auf der Pressekonferenz Sprüche rausgehauen, er sagte, am Tag des Kampfes werde für einen Tag Krieg herrschen. Blin hoffte auf den Lucky-Punch, aber wusste, der war nicht seine Stärke.

Bis Runde drei schaffte er einen Schlagabtausch, das Publikum klatschte, seit Runde fünf hatte er ein dickes Auge, er wollte Tempo machen, aber das Tempo war schon zu hoch, er war in Runde sieben außer Atem, und dann kam das Ding, er spürte es, es haute ihm ins Kinn, zog durch das Bein und ging unten wieder raus, er fiel auf die Knie, der Ringrichter zählte.

"Offiziell bin ich K.o. gegangen, aber ich war nicht K.o. Ich war bis drei unten, aber ich hätte weiterboxen können, nur wäre ich dann wahrscheinlich K.o. gegangen, also wirklich", sagt Blin.

Raum ohne Schatten

Als 43 Jahre später am Abend die Gala beginnt, trägt Jürgen Blin ein weißes Oberhemd, eine schwarze Hose. Brigitte hat sich ein Kleid angezogen, in ihrer Handtasche hat sie die Autogrammkarten. Die ersten, die ein Foto wollen, sind alte Stammgäste aus der Kneipe. Dann schenkt ihm jemand ein großes, schweres Buch, einen Bildband mit Fotos von früher.

Ein Fotograf hatte Muhammad Ali damals, 1971, in Zürich begleitet, beim Waldlauf, beim Schuhkauf im Arbeiterviertel, zum Training und zuletzt zum Kampf gegen Jürgen Blin.

Blin schlägt das Buch behutsam auf, er blättert jede Seite einzeln um, er betrachtet sie wie ein Forscher einen seltenen Käfer. Ab und zu hebt er den Kopf, nimmt mal einen Schluck Wasser, kommentiert kurz, was er im Boxring sieht. Dann taucht er wieder ab. Blättert. Es ist, als ziehe er sich innerlich beim Anblick der Bilder in einen Bunker zurück, in dem er sicher ist vor der Welt.

Als Jürgen Blin ein junger Mann war, hat er sich durch das Boxen diesen inneren Rückzugsort geschaffen, einen Raum ohne Schatten. Er konnte sich im Ring ein blaues Auge holen, aber im Inneren treffen konnten ihn die Menschen nicht. Er fühlte sich nicht groß damals, nicht wie ein Held, aber er fühlte sich nicht mehr so klein.

Um ihn herum sind die ersten Stühle schon wieder leer. Der neue Weltmeister im Mittelgewicht lässt sich im Ring feiern. Es rieseln goldene Lamettafetzen.

Die Gäste gehen, die Gala ist vorbei. Jürgen Blin, den Ehrengast, haben sie vergessen. Blin nimmt das Buch und Brigitte, sie fahren ins Hotel, und am nächsten Morgen sagt Blin: "Es war ein schöner Abend."

Der Artikel ist eine gekürzte Fassung des Textes ""Raum ohne Schatten" aus dem Buch "Kockout: Das Leben ist ein Kampf", das gerade erschienen ist.

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insgesamt 5 Beiträge
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1. Hamburg Hauptbahnhof
Kai Schwarz, 22.03.2015
Als ich als junger Bursche in Hamburg lebte und nahe des Hauptbahnhofs arbeitete, habe ich ab und zu in Blins Kneipe zwischen den Eingaengen zu U1 und U3 ein Feierabend-Bier getrunken. Blin war damals regelmaessig anwesend, zapfte Bier, sprach mit seinen Gaesten, zeigte Fotos. Blin hat die Bodenhaftung nicht verloren, weil er Meisterschaften errang und gegen Ali kaempfen durfte. Alles Gute, Juergen! Bist ein super Typ!
2. Toller Artikel
redwedge, 22.03.2015
Ich war damals britischer Soldat in Westfalen - eine wunderbare Zeit in meinem Leben. Ich lese sehr gerne solche Artikeln ueber deutschen Sport aus den damaligen Jahren. Wie hiess der deutsche Amateur Schwergewichtsmeister aus der Zeit? Peter ? Hat siebenmal oder so aehnliches den Titel gewonnen. Hat er je gegen Blin geboxt? Ich moechte nur ein bisschen korrigieren: Joe Bugner, heute Australier, war in der Tat gebuertiger Ungar aber zur Zeit des Kampfes gegen Blin, war er britischer Staatsbuerger.
3. Interessant,
Alexander Lieven, 23.03.2015
nur leider gab es 1971 keinen aktuellen "500er Mercedes". Da es bestimmt kein Vorkriegsmodell war, tippe ich auf einen "600er".
4. Der Peter
Hans Lübben, 24.03.2015
Hieß mit Nachnamen vermutlich Hussing . Großartiger Amateur der zu seiner Zeit meist an einem überragenden Kubaner scheiterte
5. Faustkämpfer
ewald schuermann, 26.03.2015
Stimmt, Peter Hussing war der überragende Schwergewichtler in Deutschland. Er wurde sechzehn mal Deutscher Schwergewichtsmeisterder Amateure. Er war ein guter Techniker und boxte in Rechtsauslage. Bei der Olympiade in München traf er auf den Kubaner Stevenson, der eine unheimliche Schlafkraft besaß und ihn ko schlug. Stevenson wurde mehrfach Olympiasieger und Weltmeister. Er war der überragende Schwergewichtler seiner Zeit. Beide, Stevenson und Hussing, blieben Amateure.
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