Jugend im Internat Bis der Wille brüchig wurde

Jugend im Internat: Bis der Wille brüchig wurde Fotos
Sacré C¿ur

Sprechverbot und Peitschenhiebe: Als Brigitte Königsberg 1946 von ihren Eltern in ein Jesuiten-Internat geschickt wurde, begannen für sie zwei düstere Jahre. Die Nonnen waren kaltherzig, der liebe Gott unfassbar fern - und nicht einmal Freundschaften waren erlaubt. Von Josef Königsberg

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Nachdem der Zweite Weltkrieg überstanden war, verschlug es meinen Vater als Legationssekretär an die österreichische Botschaft in Belgrad. Ich besuchte zu diesem Zeitpunkt den Kindergarten einer amerikanischen Schule, die ihren Betrieb einstellen musste und wurde, weil meine Eltern mich nicht in das politisch äußerst instabile Jugoslawien mitnehmen wollten, im Internat Sacré C?ur in Preßbaum bei Wien untergebracht.

Das Sacré C?ur war meinen Eltern empfohlen worden. Viele Kollegen, die das Land aus beruflichen Gründen verlassen mussten, hatten ihre Kinder dort in Obhut gegeben. Die Einrichtung wurde von der Erzdiözese Wien verwaltet und war dem Jesuitenorden unterstellt. Meine Eltern konnten nicht ahnen, dass ab dem Sommer des Jahres 1946 zwei der unglücklichsten Jahre meines Lebens beginnen würden.

Das Sacré Coeur, ein riesiges Gebäude umgeben von Wäldern und Gärten, machte schon einen düsteren Eindruck auf mich, als ich durch dessen Pforte ging. Nach einer Stunde des Wartens wurden meine Mutter und ich von der Mutter Oberin begrüßt. Mir wurde erklärt, dass die Anredeform im Sacré Coeur "Mutter" und nicht "Schwester" sei. Man nahm mir sofort meine Lieblingsspielzeuge weg, eine entzückende amerikanische Puppe und meinen Fußball. Erst später erfuhr ich, warum: Jeglicher persönliche Besitz im Internat war verboten. Von meiner Mutter durfte ich mich nur in aller Kürze verabschieden. Dann schloss sich hinter mir die schwere Tür zur Freiheit.

"Wie es in deinem Inneren aussieht, geht niemand etwas an!"

Mir wurde ein mit Gardinen abgegrenzter Schlafplatz in einem großen gemeinschaftlichen Schlafsaal zugewiesen. Darin befanden sich ein Bett und ein Nachtkästchen. Sprechen war im Schlafsaal strikt untersagt. Nachts wurde kontrolliert, ob man las. Dabei gab es nicht einmal eine eigene Nachttischlampe.

Im Internat bestand Uniformpflicht. Im Winter trugen wir hochgeschlossene, blaue Kleider mit langen Ärmeln und einem weißen Kragen zum Wechseln. Dieses Winterkleid, dessen rauen Stoff ich noch heute auf meiner Haut kratzen spüre, glich einer Art Panzer, ganz im Gegensatz zu den leichten blauen Röcken und blau-weiß gestreifte Blusen, die wir im Sommer anhatten. Wenn wir in die Kirche gingen, trugen wir Schleier, weiße oder schwarze, kurze oder lange, je nach Feiertag. Der tägliche Kirchgang war Pflicht, an Feiertagen auch mehr als einmal.

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Das Baderitual nach Nonnenart in den großen Badesälen mutete mittelalterlich an. Jede einzelne Badewanne war mit Vorhängen abgetrennt. Wir mussten mit einem langen Hemd bekleidet ins Wasser steigen. Die Mütter kamen und schrubbten uns umständlich die Rücken ab, während wir das Badehemd vor der Brust züchtig zuhielten. Auch sonst war das Regime der Mütter strikt autoritär. Sogar das Laufen in den Fluren war uns untersagt. Wir gingen ständig in Kolonnen. Der Klang von Kastagnetten galt uns als Zeichen, was wir tun durften und was nicht. Klackten sie einmal, mussten wir stillstehen, klackten sie zweimal, durften wir weitergehen. Sprechen durften wir nur, wenn die Kastagnetten den Ton dazu angaben. Für das Einnehmen der Mahlzeiten im Speisesaal galt dasselbe. Auch hier durfte nur gesprochen werden, wenn die Kastagnetten es erlaubten. Wer sich nicht an die Regeln hielt, wurde bestraft.

Körperliche Züchtigungen galten als Schule der Selbstdisziplinierung. Das Gebot lautete, wie mir eines Tages eine der Mütter sagte: "Haltung bewahren und Beherrschung! Merke dir fürs Leben: Wie es bei dir im Inneren aussieht, geht niemand etwas an und zeige es auch nicht. Lächele!" Dies war das einzig persönlich an mich gerichtete Wort in den zwei Jahren, die ich im Sacré C?ur verbrachte.

Der Satz hat mich mein Leben lang bis zum heutigen Tage verfolgt. Es ist seltsam, aber in bestimmten Stunden vermag er mir Halt zu geben.

Fünfzehn Peitschenhiebe auf den Po

Enge Bindungen an andere Menschen wurden im Sacré C?ur nicht gerne gesehen. Ich hatte Freundschaft mit der temperamentvollen Tochter eines Kollegen meines Vaters geschlossen. So wie ich war sie an Freiheit gewöhnt. Unsere Freundschaft musste den Müttern jedoch ein Dorn im Auge gewesen sein. Wir wurden, getrennt voneinander, im Keller des Internats mit fünfzehn Peitschenhieben auf den Po bestraft. Anschließend mussten wir ein Gelübde ablegen, niemandem, auch nicht unseren Eltern, von der Züchtigung zu erzählen. Den anderen Schülerinnen des Internats wurde verboten, mit uns zu sprechen. Hinzu kam absolutes Ausgehverbot. Selbst als meine Mutter aus Belgrad nach Wien kam und mit mir ausgehen wollte, ließen die Nonnen dies nicht zu.

Jegliche Korrespondenz, die die Klostermauern verließ, wurde strengstens zensiert. Sämtliche Briefe, die wir erhielten, wurden uns vorgelesen. Persönlich ausgehändigt wurden sie nie. Als im Sommer 1947 meine Eltern zu Besuch kamen und mein Vater mir drei Tafeln Schokolade schenkte, versteckte ich sie bei Übergabe sofort unter meiner Bluse. Mein Vater wollte wissen, warum ich dies tat. "Weil ich sie sonst wieder hergeben muss", sagte ich.

Wöchentlich wurden Auszeichnungsbänder verliehen, je nach Altersstufe in verschiedenen Farben, dünne oder breite. Es waren sehr schöne Bänder aus Moiré mit Fransen in dunkelgrün und hellblau, die man quer über die Schulter trug. Hatte man sich gut benommen, bekam man zur Ehrung so ein Band, je nach Verhalten ein schmales oder ein breites. Es waren immer feierliche Stunden. Die Übergabe fand "coram publico", wie es hieß, vor dem ganzen Internat statt. Man nahm das Band mit einem angelernten Hofknicks entgegen. Jeder war bestrebt, solch eine Schärpe zu bekommen. Es war die einzige Art positiver Anerkennung, die es gab. Wir Kinder passten uns immer mehr den Leitprinzipien der Nonnen an, unser Wille war an der ein oder anderen Stelle bereits brüchig.

Das Ende des Alptraums

Nach zwei Jahren in Sacré C?ur war ich schließlich abgestumpft. Ich fühlte nichts mehr außer dem Kratzen des rauen Winterstoffes auf meiner Haut und dachte an meine Freundin zurück, die Glück gehabt und von ihrem Vater, nachdem sie wie ich gezüchtigt und per Sprechverbot von den anderen Kindern isoliert worden war, vom Internat genommen wurde. Als mein Vater nach Belgien versetzt wurde, hatte auch für mich der Alptraum endgültig ein Ende. Auf einer französischen Schule in meiner neuen Heimat war es mir endlich wieder erlaubt, frei zu atmen.

Ich denke oft an die Zeit in Sacré C?ur zurück. Trotz der verabscheuungswürdigen Erziehungsmaßnahmen hat mich das Internat zäh und widerstandsfähig gemacht. Viele Jahre später erst habe ich mit meiner Mutter eingehender darüber gesprochen, was damals geschah. Sie bedauerte zutiefst, dass sie und mein Vater mich im Sacré C?ur untergebracht hatten. Von den Peitschenhieben habe ich meinen Eltern jedoch nie erzählt.

Aufgezeichnet von Josef Königsberg

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1.
morgaine bower 08.03.2009
auch ich bin ein heimkind 1960. das sind sehr guterhaltene bilder, schön aber auch beängstigend. ich habe keinerlei bilder von mir. mir erging es ähnlich aber viel länger, es war die reinste hölle. es war die absolute zwangsmissonierung. der bericht ist sehr gut geschrieben. danke
2.
Christopher Schriner 08.03.2009
Auch wenn die "Gesellschaft vom Heiligsten Herzen Jesu" die das Gymnasium leitet zumindest im englischen Wikipedia als "weibliches Pendant" zu -durchweg männlichen. Jesuitenorden bezeichnet wird ist es doch etwas ungenau von einem "Jesuiten-Internat" zu sprechen. Keineswegs soll der Zeitzeugenbereicht abgewertet werden, es erscheint mir nur -wie gesagt- als etwas ungenau.
3.
Angelika Dworzak 10.03.2009
Ich war im Sacre Coeur in Graz 1967/68 und kann diesen Bericht nur bestätigen. Das Internat wurde ca. 1970 geschlossen (wohl nicht ganz freiwillig, wie ich mich erinnere). In lebhafter Erinnerung habe ich den sogenannten "Don Bosco"Speicher......ein riesengrosser unheimlicher Dachboden, in den ich eingeschlossen wurde bei Bedarf...............Die Bänder gabs auch, hab aber nie eins gekriegt (grins). Im Schlafsaal schlief auch eine Nonne, die aber auch wirklich alles gehört hat. Bei der Anzahl von "Müttern" - regelrechte Mütterinflation -hab ich meine Mutter nie mehr umarmen können - bis heute!!!!! Ich bin heute nicht mehr katholisch!!!!!!
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