Jugend in den Achtzigern Drückerkolonnen für die Weltrevolution

Petting statt Pershing, Pop statt Politik: Anfang der Achtziger protestierten Hunderttausende gegen Atomraketen. Jungkommunisten nutzten die Gunst der Stunde, um die eigenen Reihen zu füllen. Adrian Geiges diente damals im Stoßtrupp der linken Aktivisten - und bediente sich ungewöhnlicher Methoden.

Hans Michael Kloth

Für uns Jungkommunisten drehte sich Anfang der achtziger Jahre alles um Pershing 2 und Cruise Missiles, Raketen, die die Nato stationieren wollte. Gegen diese Raketen schmiedeten wir ein breites Bündnis, das Sozialdemokraten ebenso einschloss wie Christen, Grüne und sogar ehemalige Bundeswehrgeneräle. Das Symbol der Friedenstaube, auf Plakaten, Aufklebern und sogar an Halsketten, nutzten wir westdeutschen Kommunisten damals mehr als Hammer und Sichel, mit denen wir uns aus taktischen Gründen zurückhielten.

Wir begeisterten uns für die Sowjetunion und die DDR, damit bewegten wir uns am Rand des Lebens in der Bundesrepublik. Es gab zwei Wege, aus der Isolation auszubrechen: diesen Ideen abzuschwören, oder sie in Pop zu verpacken. Wir entschieden uns für den zweiten Weg. Auf Spruchbänder mit abschreckenden Losungen wie "Vorwärts zum Sozialismus" verzichteten wir. Stattdessen trugen wir Anstecker, auf denen stand: "Petting statt Pershing".

Außerdem organisierte die Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend (SDAJ), die Jugendorganisation der Deutschen Kommunistischen Partei, in der ich Mitglied war, in den Dortmunder Westfalenhallen "Festivals der Jugend", bei denen Stars aus Musik und Sport auftraten. Manche kamen aus dem Osten, etwa die Puhdys, andere wurden mit Geld aus dem Osten eingekauft, zum Beispiel Alphaville. "Helden des antiimperialistischen Befreiungskampfes" aus Nicaragua und Palästina hielten flammende Reden. Vor und auf den Festivals warben wir neue Mitglieder und neue Leser für unser kommunistisches Jugendmagazin "Elan". Kritiker nannten Elan eine "linke Bravo", wir selbst bezeichneten sie als "stalinistische Mickymaus".

Um uns Werber, genannt "Agitatoren", anzuspornen, rief der SDAJ-Bundesvorstand zum Wettbewerb und nannte ihn "Festivalstafette": Für jede verkaufte "Elan" gab es einen Punkt, für jedes Abo 12 Punkte und für jedes neue SDAJ-Mitglied 20 Punkte. Die SDAJ-Führung veröffentlichte monatlich die Namen der besten Gruppen und Einzelkämpfer und versprach ihnen Preise wie Reisen in den Sozialismus oder Ghettoblaster, so nannten wir die Stereo-Kassettenrecorder mit Handgriff.

Beim Ostermarsch der Friedensbewegung durch das Ruhrgebiet versuchten wir, uns gegenseitig zu übertreffen. Zehntausende latschten drei Tage von Duisburg nach Dortmund. Wir Agitatoren von der SDAJ fragten jeden von ihnen mindestens zehnmal: "Hast du schon die neue 'Elan'?" Doch die größte "Ernte", wie wir das nannten, sollte auf dem Festival selbst eingefahren werden. Knackpunkt, um den Wettbewerb zu gewinnen, war: neue Mitglieder werben. Das brachte die meisten Punkte. Aber wie bewegte man Jugendliche im Westen Deutschlands dazu, in eine kommunistische Jugendorganisation einzutreten? Täglich hörten sie von Eltern, Lehrern und im Fernsehen nur Schlechtes über die Kommunisten.

Unser Werbespruch lautete: "Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt." Wer das unterschreiben könne, könne auch den Aufnahmeschein für die SDAJ unterschreiben - sagten wir. Alle anderen Fragen wie Mauer und Menschenrechte ließen sich später klären. "Wer sich gegen seine Eltern wehren möchte, ist bei uns richtig aufgehoben", erklärte ein Funktionär die Methode auf einer "Agitatorenberatung". "Wer sich gegen hohe Bierpreise wehren möchte, ebenso." Insbesondere Letzteres zog. Mein schärfster sozialistischer Mitbewerber hängte mich in den nächsten Wochen ab - mit Kneipenagitation. Nach dem zehnten Bier öffneten sich Gelegenheitstrinker für neue Gedanken und füllten gern einen Aufnahmeschein für die SDAJ aus, wenn dafür eine Runde Freibier floss.

Antikommunistisch eingestellte Gymnasiasten zickten, wenn ich sie auf die SDAJ ansprach. Offener erwiesen sich entwurzelte Jugendliche in Trabantenstädten, die noch nie etwas vom Kommunismus gehört hatten. In Dortmund-Scharnhorst sprach ich Jungen und Mädchen an, die auf ihren Mofas saßen und rauchten.

"Kennt ihr die SDAJ schon?"

"Ne, Alter. Ist das 'ne Rockband?"

"SDAJ heißt Sozialistische Deutsche Arbeiterjugend. Wir wehren uns gegen Arbeitslosigkeit und Atomraketen."

"Die beiden hier sind arbeitslos."

"Na dann müsst ihr bei uns eintreten, wir machen was dagegen."

"Was willste dagegen machen? Ist doch sowieso alles Scheiße!"

"Bei Krupp in Essen haben SDAJler gerade 100 Lehrstellen erkämpft, gemeinsam mit der Gewerkschaftsjugend" (Solche Beispiele hatten wir Agitatoren immer parat).

"Was Krupp in Essen ist, sind wir im Saufen."

Alle lachten, auch ich. Ich ließ mich aber nicht beirren: "So etwas könnt ihr auch hier erreichen. Ihr müsst nur bei uns eintreten."

"Nicht hier in Scharnhorst, das bringt nichts."

"Ihr müsst´s probieren. Füllt einfach den Aufnahmeschein aus und schaut mal bei uns rein."

Irgendwann sagte dann einer: "Okay, lass rüberwachsen. Ich unterschreibe, ich bin gegen Atomraketen."

Dem Gruppengeist folgend, unterschrieben die anderen auch. Die SDAJ hatte fünf neue Mitglieder, ich hatte 100 Punkte.

"Alle fiebern dem Festival der Jugend entgegen", warben die Plakate der SDAJ für das Großereignis in den Dortmunder Westfalenhallen. Wir Aktivisten fieberten dem Endspurt des Wettbewerbs entgegen. Wie alle Agitatoren trug ich ein weißes T-Shirt, auf das ein Porträt von Karl Marx gedruckt war, Marx fetzte jugendgemäß mit Motorradbrille, "Call me Charly", blubberte in einer Comic-Blase, "Komm in Schwung, lies Elan." Wir riefen: "Elan mit dem Festivalprogramm!" - "Hast du schon abonniert?" - "Bist du schon Mitglied der SDAJ?" - "Wer sich nicht wehrt, lebt verkehrt!" Ich kämpfte zwei Tage und zwei Nächte. Ich aß nichts, schrie mich heiser gegen Lautsprecher, aus denen Musik und Reden dröhnten. Mich schreckten weder Gedränge ab noch genervte Blicke.

Sollte ich zur "Roten Runde" gehen und mit einem Physiker aus der DDR über Atomkraftwerke im Sozialismus diskutieren? Das Thema wühlte mich auf. Doch ich entschied mich dagegen. Ich rannte im Wettbewerb, musste Punkte machen, Scheine, Scheine. Konnte ich mithören beim Solidaritätsmeeting, wo der Ehrengast des Festivals sprach, der Bruder von Jassir Arafat? Nein, ich rang mit den anderen Werbern, musste Punkte machen, Scheine, Scheine. Konnte ich wenigstens mit den Puhdys rocken, mitsingen bei meinen Lieblings-Songs "Alt wie ein Baum" und "Gitter schweigen"? Nein, ich musste Punkte machen, Scheine, Scheine. Ich trank auch nicht im Flöz Sonnenschein, dem großen Bierzelt auf dem Festival. Wir hatten nur eines im Kopf: Punkte machen, Scheine, Scheine. Wie Drückerkolonnen, aber im Dienst der Revolution und des Weltfriedens, wie wir glaubten.

Dieser Text ist ein Auszug aus Adrian Geiges Buch: "Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann".

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    Mein Leben zwischen Mao, Che und anderen Models.

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Volker Burmester, 16.03.2009
1.
Ohne den Wahrheitsgehalt der Aussage anzuzweifeln - wie könnte ich, ich kenne beide Genannte nicht - aber die Genossin Hannover, die ja lt. Bildtext Mitglied des SSBs (der Schülerorganisation der Jusos/SPD!!) gewesen sein soll, soll Mitglieder für die SDAJ angeworben haben? Bei aller Liebe und Glaube an den Einheitsfrontgedanken, aber zu meiner Zeit im SSB war die SDAJ eher Konkurrent denn "in Liebe verbunden" :) Andererseits kannte ich selber auch genügend Jusos, die ebenfalls Mitglied in DKP(nahen)-Organisationen waren. Aber dennoch, die Zweifel überwiegen.
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