Jugend in der DDR Ausfahrt ins Feindesland

Jugend in der DDR: Ausfahrt ins Feindesland Fotos

Berliner sind die Allergrößten, Sachsen die Allerletzten. Mit der Überheblichkeit eines Hauptstädters in der DDR wuchs Marko Schubert in den achtziger Jahren in Ost-Berlin auf. Dann plante sein Vater eines Tages einen Ausflug - der einige Überraschungen mit sich brachte.

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Anfang August 1971 standen eine hübsche Frau aus Sachsen und ein junger Mann aus Sachsen-Anhalt glücklich vor der Notversorgungsanlage im Krankenhaus in Berlin-Mitte und schauten auf ein komisch gefärbtes Kind. Eine Woche musste ich dort als das "blaue Baby" im Sauerstoffzelt liegen, weil ich mir die Nabelschnur um den Hals gewickelt hatte. In meinem Ausweis steht als Geburtsort Berlin, tatsächlich aber bin ich ein sächsisch-anhaltinischer Berlin-Mischling. Pfui!

Im Kindergarten, spätestens jedoch in den ersten Schuljahren lernten wir Kinder eines: Berliner sind die Allergrößten, und besonders Sachsen sind das genaue Gegenteil. Bereits mit sieben Jahren lagen wir vor Lachen im Dreck, als wir erfuhren, dass "Nuklear" auf Sächsisch "Na klar" heißt. Die Sachsen konnte man einfach nicht ernst nehmen. Komisch sprechende Menschen aus Bayern und Schwaben waren durch den Mauerbau in Vergessenheit geraten. In der DDR war es ein ungeschriebenes Gesetz, dass Sachsen in Berlin nicht besonders willkommen waren - und umgekehrt. Punkt.

Das Hauptziel des Spottes war Dresden. Ein Berliner Spruch zeugt von der besonderen Wertschätzung der Stadt an der Elbe: "Wie kommt man am schnellsten von Berlin nach Dresden? - Da steckst du einfach den Finger in den Arsch und dresden (drehst ihn)."

Über diverse Informanten und Kanäle hatte mein Vater eines Tages erfahren, dass Dresden der einzige Ort zwischen Rügen und Fichtelgebirge war, wo es noch einen neuen RFT-Farbfernseher zu kaufen gab - wenn auch nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung. Keine Ahnung, wie er es geschafft hatte, einen Tag frei zu bekommen. Unsere Mutter wusste jedenfalls nichts von seiner geplanten Fahrt. Eine Überraschung bahnte sich an.

Welche Farbe hat Colt Seavers' Wagen?

Ich hatte natürlich gesagt, dass ich mitkomme. Mit 13 Jahren lernte ich endlich die schlechteste Autobahn der Republik kennen. Die holprige Fahrt nach Dresden war kein Zuckerschlecken. Tempo 100 war bei dem Zustand der Straße eigentlich kaum möglich, und kurz hinter Berlin versuchte ich verzweifelt, einen Westsender im kleinen Radio des Trabis hereinzubekommen. Ich drehte und drehte an dem kleinen Knopf, es gelang mir nicht.

So redeten Vater und ich den Rest der Fahrt ohne Musik über die völlig neuen Möglichkeiten, die sich uns erschließen würden, wenn wir erst mal das Farbfernsehgerät im Wohnzimmer aufgebaut hätten.

Es gäbe die "Sportschau" mit grünem Rasen, und wir könnten endlich die Mannschaften richtig unterscheiden. Blaues Wasser bei der Schwimm-WM mit Kristin Otto, kein grauer Schnee bei der Vierschanzentournee mit Weißflog, Nykänen, Züchner und Co., bunte Westprodukte in den Werbepausen und wir würden endlich die Farbe von Colt Seavers' Auto erfahren. Bei alten Schwarzweißfilmen würden wir wegschalten.

Als wir nach Dresden hineinfuhren, wunderte ich mich, wie grau und farblos die Stadt wirkte. Fast könnte man sagen: schwarzweiß. Wir kurvten kreuz und quer durch die Straßen. Natürlich hatten wir keinen Stadtplan, und so hielt Vater an jeder zweiten Kreuzung, wo ich die Einheimischen nach dem Weg fragen sollte. Leider verstand ich kein Wort in dieser komischen Sprache, und wir folgten einfach den Armbewegungen.

Geheimverhandlungen

Nachdem wir endlich den Laden in einem schäbigen Hinterhof gefunden hatten, sollte ich im Auto warten, denn Vater wollte die Verhandlungen allein führen. Ich malte mir aus, wie er unsere Datsche, den Trabi oder sonst was verpfändete, um diesen wertvollen Farbfernsehapparat zu bekommen. Sicher war zumindest, dass er eine hohe Summe schwarz zahlen würde, da ich sonst ja hätte mitkommen dürfen. Keine Zeugen!

Nach einer halben Stunde winkte er mich aufgeregt herein. Eine riesige Kiste stand auf dem Verkaufstresen - und mein Vater lächelte mich an. Dass ich mir keinen Leistenbruch zuzog, ist ein Wunder, denn das Ding wog ungefähr eine Tonne. In der DDR war es oft so: Was viel wog, war sehr teuer, stand aber auch für Qualität. Insgeheim hoffte ich für den Familienfrieden, dass Vater wirklich nur die 4500 Mark geblecht hatte, die er nannte. Wir klatschten uns ab und fuhren los. Keine Zeit für eine Stadtbesichtigung oder sonstigen Quatsch. Ab nach Hause ins farbenfrohe Berlin!

Mein zweiter Ausflug in die Stadt des berühmten Weihnachtsstollens verlief anfangs ganz ähnlich. Mein Vater rief von der Arbeit zu Hause an: "Marko, hast du heute Lust, mit nach Dresden zu kommen? Ich hab noch eine Karte für das Spiel." - "Nuklear!", brüllte ich in den Hörer. Ja, hatte ich! Am Nachmittag saß ich mit Vater und drei seiner Kollegen in einem Wartburg; die Straßen waren unverändert schlecht, und das Radio spielte keine Westhits. Ich saß hinten in der Mitte, und der Typ neben mir stank widerlich aus dem Mund. Der andere trank ein Bier nach dem anderen, und wir mussten seinetwegen dreimal zum Pinkeln halten.

Es ging um viel

Aber immerhin: Es ging zum Halbfinale des Uefa-Cups zwischen Dynamo Dresden und dem VFB Stuttgart - das war es allemal wert! Ich war jetzt 17, und auf der Karte stand: Stehplatz Erwachsene 15,10 M.

Natürlich hatte Vater die Karten über "Vitamin B" - B wie Beziehungen - bekommen, und die echten Dresdner Fans, für die es keine mehr im Vorverkauf gab, dürften uns dafür gehasst haben. Bereits 50 Kilometer vor der Stadt leuchteten die ersten schwarz-gelben Farben. Viele Leute ließen ihre Schals aus dem Auto flattern und fieberten wie ich dem Spiel gegen Jürgen Klinsmann und Co. entgegen.

Für die Dresdner ging es dabei um viel. Sie vertraten den Osten gegen den Westen, DDR gegen Bundesrepublik und gleichzeitig inoffiziell die immerwährende Schlacht der Sachsen gegen den Stasi-Verein BFC aus der Hauptstadt. Hier wurde vor aller Augen und den ARD-Kameras ein Exempel statuiert, das zeigen sollte, dass Dynamo Dresden nicht nur die beste Mannschaft der DDR war, sondern auch das Team mit den fanatischsten Fans der ganzen Republik.

Ich konnte es nicht glauben

Als wir um 17.30 Uhr vor dem Stadion ankamen, wunderten wir uns noch, weshalb hier so wenig los war. Doch als wir die Gänge ins Innere betraten, sahen wir, dass die Ränge bereits randvoll gefüllt waren. Wie in fast allen Meisterschaftsspielen auch, waren die Dynamos bis auf den letzten Platz ausverkauft. Das heutige Spiel sollte um 20 Uhr beginnen und schon jetzt, zweieinhalb Stunden vorher, waren 36.000 heißblütige Sachsen im Stadion! Schnell kamen wir mit einigen der äußerst freundlichen Jungs ins Gespräch.

Um 19 Uhr begann ein Vorprogramm, wie ich es noch nie im DDR-Fußball erlebt hatte. Die Leute erhoben sich, als der Stadionsprecher mit dem Glücksschwein Eschi ins Stadion einfuhr. Unter Jubel wurde ein Tandemrennen ehemaliger DDR-Sportler angekündigt. Plötzlich fuhren Jens Weisflog, Olaf Ludwig und Kristin Otto an uns vorbei - natürlich in Begleitung zweier lauter Dixielandgruppen. Altbekannte Größen des DDR-Fußballs brachten große Blumensträuße für die möglichen Dresdner Torschützen und spielten danach Fußball-Tennis hinter den Toren.

Ich konnte gar nicht glauben, was hier abging, und als der Stadionsprecher das Sachsenlied ankündigte, verstanden wir unser eigenes Wort nicht mehr. Aus fast 36.000, jetzt schon heiseren Kehlen, erklang das berühmte: "Sing, mein Sachse, sing". Die beiden Mannschaften versanken beim Einlaufen im schwarz-gelben Fahnenmeer. Ich erkannte Jürgen Klinsmann, der gerade in diesem Moment in unseren Block schaute und genau mich anlächelte. Im April 1989 jubelte ihm in Dresden noch niemand zu.

Im Hexenkessel

Neben mir brüllten die Fans aufgeregt unverständliches, sächsisches Zeug. Zum ersten Mal verstand ich, was mit einem "Hexenkessel" gemeint war. Ich stand in unserem Block D mittendrin. "Obseids!" (Abseits) verstand ich, als Guido Buchwald den Ball ins Aus schlug. Der Schiri schüttelte den Kopf, und ich brüllte zusammen mit Tausenden anderen Menschen "Nuklear, Obseids!" ins Stadionrund. Das Spiel war aufregend, es ging hin und her. Am Ende bedeutete das 1:1 jedoch, dass Dynamo Dresden ausgeschieden war.

An den Ausgängen zwängten sich die enttäuschten Massen durch ein viel zu schmales, rostiges Eisentor. Vater schob mich vor sich her, doch ich bekam immer weniger Luft. Zu groß war der Druck der Menschenmenge, so groß, dass ich immer mehr zusammengequetscht wurde. Ich dachte plötzlich an die vielen vor kurzem zu Tode gedrückten Menschen beim Fußballspiel in Sheffield. Ich hatte jetzt keine Kontrolle mehr, wohin ich trieb, die Menge schob mich hierhin und dorthin. Jeder versuchte jetzt nur noch, auf den Beinen zu bleiben.

Ich wurde irgendwann an eine hohe Mauer gedrückt und konnte mich keinen Millimeter mehr bewegen. Mit weit aufgerissenen Augen schaute ich zu meinem Vater. Später erzählte er mir, dass mein Gesicht schon blau angelaufen war. Ich weiß nicht, ob das wirklich stimmte, doch auf einmal brüllte er etwas nach oben, über mich hinweg. Ich konnte den Kopf nicht drehen und wusste nicht, was dort los war. Plötzlich packte eine Hand von oberhalb der Mauer meinen Arm und zog mich aus den immer stärker nachdrückenden Massen hinauf.

Erst vor dem Stadiontor traf ich, schockiert und noch immer schweratmend, meinen besorgten Vater wieder. Glücklich nahmen wir uns zum erstem Mal in unserem Leben in die Arme und fuhren schweigend auf der holprigen Autobahn durch die Nacht.

Das Halbfinale des Uefa-Cups war mein bestes Fußballerlebnis in der DDR gewesen - und am Ende hatte sogar noch ein Dresdner dem ehemals blauen Berliner Baby das Leben gerettet!

Zum Weiterlesen:

Mark Scheppert: "Der Mauergewinner oder ein Wessi des Ostens. 30 vergnügliche Geschichten aus dem Alltag der DDR." Books on Demand GmbH, Norderstedt 2009, 228 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

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1.
Siegfried Wittenburg 28.07.2010
An der Ostsee lebend und jeden Sommer von Berlinern und Sachsen massenweise ?heimgesucht?, konnte ich am Ende jeder Saison perfekt berlinern und sächseln. Umgekehrt verstand niemand von den Berlinern und Sachsen unsere ?Weltsprache? Niederdeutsch.  Das zum Thema ?Fremdsprachen?. Dass Dresden farbloser als Berlin gewesen sein sollte, ist sicher von individuellen Wahrnehmungen beeinflusst. Politisch bedingt waren die Gebäude in Berlin Mitte nicht so von der Umweltverschmutzung in Mitleidenschaft gezogen wie in Dresden, Leipzig und anderen Industriestädten, aber die ?Farbenfreude? scheint nur dem Buntfernseher zu entstammen. Außerdem wurden damit überwiegend Westprogramme empfangen, außer vielleicht ?Ein Kessel Buntes? oder ?Klock Acht achtern Strom?, womit wir wieder bei unserer ?Weltsprache? sind. Dort ging es recht farbenfroh zu, existierte in Wirklichkeit aber gar nicht. Es waren Kulissen. Potemkinsche Dörfer. In Dresden konnte kein Westfernsehen empfangen werden und man nannte diese Stadt das ?Tal der Ahnungslosen?. Doch das ist ein Vorurteil, der von einigen arroganten Berlinern in die Welt gesetzt sein könnte, denn diese brauchten nur einen nassen Schnürsenkel aus dem Fenster hängen und hatten alle westlichen Werbespots und Sportprogramme zur Verfügung. Wir an der Küste mussten schon meterlange Antennen auf den Dächern montieren und technischen Aufwand betreiben, um die ?Tagesschau? und den ?Rockpalast? zu sehen. Es gab auch Radioprogramme, die generell ohne Farbe die Menschen sehr gut informierten. Diese Radioprogramme wurden im gesamten Ostblock gehört und erzielten mehr Wirkung als der Buntfernsehempfang in Ostberlin. Das war auch in Dresden der Fall. Ich erlebte dort eine Kultur, die ich anderswo im Osten nicht fand. Außerdem sprechen die Dresdner für mein Empfinden einen sehr kultivierten Dialekt, aber wer ist befugt, darüber zu urteilen?
2.
Siegfried Wittenburg 28.07.2010
An der Ostsee lebend und jeden Sommer von Berlinern und Sachsen massenweise ?heimgesucht?, konnte ich am Ende jeder Saison perfekt berlinern und sächseln. Umgekehrt verstand niemand von den Berlinern und Sachsen unsere ?Weltsprache? Niederdeutsch. Das zum Thema ?Fremdsprachen?. Dass Dresden farbloser als Berlin gewesen sein sollte, ist sicher von individuellen Wahrnehmungen beeinflusst. Politisch bedingt waren die Gebäude in Berlin Mitte nicht so von der Umweltverschmutzung in Mitleidenschaft gezogen wie in Dresden, Leipzig und anderen Industriestädten, aber die ?Farbenfreude? scheint nur dem Buntfernseher zu entstammen. Außerdem wurden damit überwiegend Westprogramme empfangen, außer vielleicht ?Ein Kessel Buntes? oder ?Klock Acht achtern Strom?, womit wir wieder bei unserer ?Weltsprache? sind. Dort ging es recht farbenfroh zu, existierte in Wirklichkeit aber gar nicht. Es waren Kulissen. Potemkinsche Dörfer. In Dresden konnte kein Westfernsehen empfangen werden und man nannte diese Stadt das ?Tal der Ahnungslosen?. Doch das ist ein Vorurteil, der von einigen arroganten Berlinern in die Welt gesetzt sein könnte, denn diese brauchten nur einen nassen Schnürsenkel aus dem Fenster hängen und hatten alle westlichen Werbespots und Sportprogramme zur Verfügung. Wir an der Küste mussten schon meterlange Antennen auf den Dächern montieren und technischen Aufwand betreiben, um die ?Tagesschau? und den ?Rockpalast? zu sehen. Es gab auch Radioprogramme, die generell ohne Farbe die Menschen sehr gut informierten. Diese Radioprogramme wurden im gesamten Ostblock gehört und erzielten mehr Wirkung als der Buntfernsehempfang in Ostberlin. Das war auch in Dresden der Fall. Ich erlebte dort eine Kultur, die ich anderswo im Osten nicht fand. Außerdem sprechen die Dresdner für mein Empfinden einen sehr kultivierten Dialekt, aber wer ist befugt, darüber zu urteilen?
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Siegfried Wittenburg 28.07.2010
Noch etwas fiel mir auf, was aber dem DDR-Museum in Berlin anzulasten ist: Es wird auf den Fotos vermittelt, dass es in der DDR vorrangig standardisierte Schrankwände gab, die ein Fach für den Fernseher hatten, womit man Erich Honecker, die Staatsmacht und das Volk unablässig jubeln sehen konnte. Davon abgesehen, dass die Mehrheit der Menschen in der DDR trotz äußerlichen Jubels Westfernsehen guckte, also eher Helmut Kohl vom Bildschirm winken müsste, kenne ich nur sehr wenige Leute, die einen dieser Schrankwände mit Fernsehfach besaßen. Meistens waren es Leute, die in Staatsnähe arbeiteten. Viele andere Menschen haben sich, so gut es ging, individuell eingerichtet. Da wurden der Schrank und die Kommode von der Oma aufgemöbelt, die Petroleumlampe und die antike Standuhr gepflegt, nur um eine persönliche Note in den Einheitsstil zu bekommen. Die Schrankwände standen zwar massenhaft in den Möbelhäusern herum, aber allein das ist schon ein sicheres Zeichen, dass sie kaum jemand gekauft hat. Hatte man die Gelegenheit, aus irgendwelchen Gründen bei diesen staatsnahen Bürgern im standardisierten Wohnzimmer auf der Couch zu sitzen, machte sich ein beklemmendes Gefühl breit. Nein, so wollte man ganz gewiss nicht leben.
4.
Peter Degenkolb 29.07.2010
Ich war und bin selbst Anhänger von Dynamo Dresden und habe in Dresden zu DDR Zeiten studiert. Der Autor hat alles vorzüglich beobachtet. Selbst die Stimmung, die zum damals legendären Spiel herrschte, ist vortrefflich wiedergegeben. Bereits zum Kartenvorverkauf an der Alten Reitbahn herrscht Voksfeststimmung. Drei Tage vor dem Beginn des Vorverkaufs lagerten dort die Menschen. Wir hatten vor Ort als Studenten in Schichten angestanden und so noch einen halbwegs ordentlichen Platz ergattert udn behauptet. Allerdings lief den Vorverkäufern alles außer Kontrolle, als am Tag vor Beginn des Verkaufs die Massen in das Gelände der Kassen hereingelassen wurden. Es wurden dann ein Areal abgesperrt und wir versuchten selbts zu verhindern, dass immer mehr Menschen vor die Kassen strömmten. Die Polizei stellte notdürftig ein paar Scheinwerfer auf. Und entschied, damit nicht alles außer Kontrolle geriet, schnellst möglich noch in der Nacht die Kassen zu öffnen. Dieser Entschluss war natürlich falsch. Und so kam, was kommen musste, als gegen Morgen die Kassen öffnen sollten, kam es zu unkontrollierten Bewegungen. Eine ungeheuere Welle von Menschen rollte über uns hinweg. Menschen wurden gegen Drahtzäune gedrückt, verloren den Boden unter den Füßen, wurden im Schlaf niedergewalzt. Die Polizei war machtlos. Wir verleißen überstürzt das Gelände und kauften aus Protest keine Karten. Die musset ich mir dann auf dem Schwarzmarkt für 60 OStmark besorgen. Inoffiziell wurde von Toten und Verletzten gesprochen, was ich mir gut vorstellen kann. Die Junge Welt schrieb in ihrem Artikel, dass es zu Auseinadersetzungen mit den "Ordnungsorganen" kam und das so glaube ich, die Menge alkoholisiert war. Das stimmte und stimmte auch wieder nicht. Irgendwie hatte dann das berühmte Spiel gegen Stuttgart eine faden Beigeschmack. Obwohl 36.000 im Stadion für die berühmte Stimmung sorgten.
5.
Ralf Hübner 29.07.2010
Sehr gut und witzig geschrieben! Zu einer kollektiven Freundschaft zwischen Berlinern/Preußen und Dresdnern/Sachsen wird es wohl niemals kommen, egal welche Staatsformen gerade vorherrschen. Was mich aber bei dem Thema DDR - Dresden/Sachsen immer am meisten ärgert, ist, dass heutzutage furchtbar extrem sächsisch sprechende Leute als Synonym für die DDR herhalten müssen. Erstens ist diese extreme Form des "sächsischen" Dialektes fast nur im Raum Leipzig anzutreffen, in den anderen Teilen ist das wesentlich entschärfter bzw. gibt es da die wesentlich verbreitetere erzgebirgische und oberlausitz/niederschlesische Mundart. Zweitens war die zentralistische DDR in fast allem auf Berlin geeicht. Wenn es überhaupt etwas Luxus und Komfort in der DDR gab, dann in und um Berlin. Der Rest der Republik war vereinfacht gesagt dazu da, dass zu erwirtschaften, was in Berlin konsumiert und dargestellt wurde. Gerade dazu passt die hier geschilderte Geschichte mit dem Farbfernseherkauf eigentlich überhaupt nicht. In 99% der Fälle fuhr der gemeine nicht Berliner-DDR-Bürger gen Berlin, um außer Brot und Selters etwas zum erwerben! So haben also ein paar Berliner auch noch neben "heiligen" Dynamokarten einen von wohl 50 für den Bezirk Dresden vorgesehenen Farbfernseher "geraubt". Wobei die Dynamokarten wesentlich schlimmer sind, denn wie geschrieben konnte man im Tal der Ahnungslosen (=oberes Elbtal) auch mit einer 50 m Hilfs-Antenne kein Westfernsehen empfangen. Zuletzt..., die chaotischen Zustände beim Einlass von Dynamo Dresden gibt es auch 20 Jahre nach der Wende noch... Ralf Hübner
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