Jugend in der DDR "Dann sind Sie im Arsch!"

Erst Wehrdienstverweigerung, dann der Ausreiseantrag: Uwe Romanski lehnte sich schon als Teenager gegen das DDR-Regime auf. Drei Monate vor Mauerfall ließ ihn der Staat ziehen.

Privat

Schon mit 15 Jahren wollte ich zum ersten Mal "raus". In der DDR hatte ich das Gefühl, meine Jugend zu verschwenden. Ich wuchs behütet und gelangweilt in Neubrandenburg auf, einer drögen Stadt inmitten einer schönen Landschaft. Mein Leben wurde vom Staat verplant.

Und sie hatten ganz konkrete Pläne mit mir. Einen ersten Stasi-Anwerbeversuch verschlief ich einfach. Statt einer Einladung zu einem "lockeren Gespräch" zu folgen, warf ich den Wecker aus dem Fenster. Und dachte, dass nur ein Lump Jugendlichen meines Alters die Bürde des Verrats auferlegen könnte.

Auszug aus der Stasi-Akte: "Aktuellen operativ-bedeutsamen Informationen zu R. zu Folge …"
BStU

Auszug aus der Stasi-Akte: "Aktuellen operativ-bedeutsamen Informationen zu R. zu Folge …"

Mit 18 hatte ich genug von den Anmaßungen einer beklemmenden Diktatur. Nach dem Abitur zogen mich die Landschaft und der oppositionelle Geist in die Oberlausitz. Dort wurde geliebt und gefeiert, diskutiert und gehandelt. Wir stritten für den Frieden, untereinander und mit Offiziersschülern der nahe gelegenen Hochschule. Ich begann, erwachsen zu werden.

Damoklesschwert NVA

Als ich ankündigte, keinen Wehrdienst leisten zu wollen, wurde mein Standpunkt unter Drohungen "zur Kenntnis genommen". Über mir schwebte nun das Damoklesschwert der NVA. Ich musste mit dem Einberufungsbefehl, einem Gerichtsverfahren und Haft rechnen. Damit hatte ich zumindest eine Perspektive, zugleich aber auch Angst vor derartigen Konsequenzen.

Ich suchte nach einem Ausweg und absolvierte eine Ausbildung als Krankenpfleger, um dann mit geistig Behinderten, psychisch Kranken und alten Menschen zu arbeiten, mit Ausgestoßenen, die oft in ärmlich ausgestatteten Heimen lebten. Diese Tätigkeit kostete mich Kraft, lehrte mich Empathie und prägte mein Menschenbild mit.

Ich stürzte ich mich auf Kunst, Film, Frauen und Bücher, erlebte Freundschaften und Abschiede, genoss Alkohol und Theater. Das Land wurde mir zur Bühne. Ich bezog Stellung gegen Militarisierung und Atomraketen. Ein von mir verfasster Aufruf stieß bei Freunden, Spitzeln und westlichen Medien auf Resonanz. "Bleib' doch wer will. Und geh', wer kann", notierte ich.

Ich machte dem Staat einen Antrag.

Im Mai 1987 übergab ich in Leipzig meinen Ausreiseantrag und erklärte, diesem Staat nicht länger zur Verfügung zu stehen. Zugleich kündigte ich meinen Job und begann mich als Pförtner, Kellner, Verkäufer gebackener Forellen und mit wenig Geld durchzuschlagen. Irgendwer hatte immer eine Couch, auf der ich schlafen konnte. Ich revanchierte mich mit Geschichten, Affären, Fürsorge. Meine biologische Uhr tickte, spätestens mit 25 Jahren wollte ich jenseits der Grenze leben.

Auszug aus der Stasi-Akte. "OV" bedeutet Operativer Vorgang, "OPK" meint Operative Personenkontrolle. Die "Kennziffer 4.1.1." steht für Festnahme im innenpolitischen Krisenfall.
BStU

Auszug aus der Stasi-Akte. "OV" bedeutet Operativer Vorgang, "OPK" meint Operative Personenkontrolle. Die "Kennziffer 4.1.1." steht für Festnahme im innenpolitischen Krisenfall.

Die DDR zeigte sich auf einmal von einer härteren Seite. Der Ton wurde rauer, der Zugriff roher. Bei "Zuführungen" reagierten die Staatsvertreter mitunter mit Verständnis, manchmal aber auch mit einem Tritt oder Stoß gegen die Wand. Einige Freunde, mit denen ich bis vor Kurzem noch diskutiert und gefeiert hatte, warfen mir Feigheit oder den Verrat an Idealen vor. Dabei hatte ich mir noch gar keine auserkoren. Andere Freunde machten sich auch auf den Weg, doch jeder ging ihn für sich allein.

"Dann sind Sie eh im Arsch!"

1989 wurde es noch kälter im Land. "Erst drei Jahre Knast wegen Verweigerung. Dann sind Sie eh im Arsch, da will Se 'uch im Westen keener!", wurde mir gesagt. Als sich in Ost-Berlin der Frühling verabschiedete, wurde mein Ausreiseantrag abgelehnt. Im Juni starben in Peking Studenten, in mir paradoxerweise jedoch ein Stück Angst. Jetzt konnten sie mich mal, und zwar so richtig.

Ich zitierte Marx: "Ein Ziel, das ungerechte Mittel braucht, ist kein gerechtes Ziel." Man hielt mir entgegen, dies sei "West-Propaganda". Der Belegschaft eines nahe gelegenen Betriebs schrieb ich eine Botschaft auf eine Filmleinwand und hängte sie an meinem Balkon auf: "ULBRICHT LEBT! CHINA!". Anschließend nahm ich um 10 Uhr morgens einen letzten Drink. Als ich heimkehrte, erwartete mich ihr Empfangskomitee: drei Einsatzwagen der Stasi. Ich wurde "zugeführt". Allen Gin Tonics zum Trotz kehrte meine Angst zurück. Dennoch blieb ich stur. Manchmal war es eben von Vorteil, in Mecklenburg geboren zu sein.

Knapp 40 Stunden später war ich schon fast frei. Zusage gegen Aussage. Ich nahm mir vor, zunächst stillzuhalten. Sie versprachen mir, dass ich "auf die Liste" kommen würde. Anfang August erreichte mich in der Einöde Vorpommerns ein Telegramm vom Amt. Ich gehörte gerade einer prähistorischen Brigade an, die in der Heimaterde nach Spuren menschlicher Entwicklung suchte. Wir fanden nicht viel.

Hund und Telefon abmelden

Ich packte meine sieben Sachen und bekam am Tag darauf von Amtswegen meinen "Laufzettel". Ich musste mich ziemlich sputen, um unter anderem Hund und Telefon abzumelden. Dabei hatte ich nie einen Hund oder ein Telefon gehabt. Am 10. August 1989 tat ich den bisher gewaltigsten Schritt in meiner Biografie.

Im Aufnahmelager Marienfelde wurde ich auf Verfassungstauglichkeit, geheimdienstlichen Wert und Sonstiges getestet. Doch die hartnäckigste Prüfung stand noch bevor, seitens der AOK und der Deutschen Rentenversicherung. Begriffe wie Rentenpunkte und Erwerbsbiografie schwirrten mir noch tagelang im Kopf herum.

Wenigstens in puncto Verfassung stand mir das Grundgesetz bei. Ich las verblüfft Artikel 1: "Die Würde des Menschen ist unantastbar." Das gefiel mir, obgleich ich ahnte, dass dieser Anspruch häufiger an Grenzen stoßen könnte. Dennoch dachte ich, dass ich nicht ganz fehl am Platze sei in einem Staat, der eine derartige Maxime ganz oben auf seine Agenda setzte.

Verrückte gibt es überall

Da ich meine fernen Träume bereits in naher Zukunft finanzieren musste, suchte ich mir einen Job. Ich half zuerst in einer Kantine aus, allerdings schwarz und mit einem klitzekleinen Hauch an schlechtem Gewissen. Noch im gleichen Jahr begann ich regulär in einem psychiatrischen Krankenhaus zu arbeiten. Verrückte gibt es schließlich überall.

Fortan arbeitete und reiste ich. Und je mehr ich von der Welt sah, umso intensiver machte ich mir Gedanken darüber, wie sie beschaffen sei. Doch erst als ich das Land meiner Träume besuchte, wähnte ich mich endgültig angekommen. Im Atlantik vor der Küste Irlands, auf den Aran-Inseln, blickte ich westwärts über den Ozean auf einen grenzenlosen Horizont. Jetzt gehörte er mir.

Aufgeschrieben im November 2014 in Lissabon, Portugal. Der Autor arbeitet als freier Werbetexter und hat gerade ein Buchmanuskript über seine Jugend in der DDR fertiggestellt. Arbeitstitel: "Immer der Sonne nach: aber erst gegen Abend".



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Manuel Lisa, 21.12.2014
1. ich habe es gelesen...
und bin erst mal still...ich bin übrigens auch aus Neubrandenburg, der Autor hat recht, es war zu DDR Zeiten wirklich ein hoffnungsloses Kaff...
Karsten Hussack, 23.12.2014
2. Naja...
war es in Delmenhorst besser oder in der Grünen Hölle Odenwald? Laut Element of Crime und der FAZ nicht.
Guenter Buhle, 09.01.2015
3. Na ja, Karsten
Mußt der Westpresse ja nicht alles glauben. Odenwald muss im Vergleich zu anderen Heimen im Altbundesgebiet, noch ein Erholungsort gewesen sein. Da gab es es noch ein paar mehr.
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