Jugend in der DDR Generation Jan Ullrich

Zaungast bei den Superstars: Während Marko Schubert heimlich rauchte, betreute sein Vater die Sportelite von Ostberlin. Dabei trainierte sein alter Herr nicht nur das Supertalent Jan Ullrich, er entdeckte auch noch die berühmteste Schwimmerin Deutschlands - per Zufall.


Ich kenne ihn, doch er kennt mich nicht. Wir wuchsen in derselben Zeit auf und sind auch fast im gleichen Alter. Er ist ein Star, und ich bin ein Nichts. Das kommt öfter vor - nicht nur bei mir. In diesem speziellen Fall aber ist die Sache noch etwas anders - komplexer, tragischer, vielleicht rührend. In unserer frühen Jugend sind wir uns das erste Mal begegnet.

Meine Mutter ist eine sehr ängstliche Frau. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir an der Ostsee im knietiefen Wasser zurückgebrüllt wurden, wie viele Male sie uns belehrte, nur bei Grün über die Straße zu gehen, und wie glücklich sie war, wenn wir ohne "Loch im Kopf" in unserem Roll-Bettchen lagen und schliefen. Radfahren gehörte somit ihrer Meinung nach zu den Extremsportarten.

Es ist eine meiner unangenehmsten Kindheitserinnerungen, dass ich erst mit 13 Jahren heimlich übte, mit so einem Drahtesel nicht auf die Schnauze zu fallen. An den Schmerz und die zwei Wochen lang blau gefärbten Hoden, die ich mir beim Absteigen von der Fahrradstange meines neuen Herrenrennrades zugezogen habe, kann ich mich noch heute erinnern.

Etwa zu dieser Zeit zog ein junges Kerlchen in meinem Alter von Rostock nach Berlin. Er hatte sich in meinem neuen Lieblingssport schon in jungen Jahren mit besonderen Leistungen hervorgetan. Bereits mit neun Jahren gewann er sein erstes Schulrennen und ein Jahr darauf - mit geliehenem Rad und in normalen Turnschuhen - einen offiziellen Wettkampf. Er galt schnell als das ganz große Radsporttalent und fuhr allen seinen Altersgenossen davon. Der Kleine hieß Jan Ullrich.

Mein Vater, das Sport-Ass

Es mag bei meiner Vorgeschichte überraschen, aber mein Papi, wie wir damals noch sagten, hatte an der DHfK, der Deutschen Hochschule für Körperkultur in Leipzig Sport studiert. Dass er selbst eigentlich einmal aktiver Speerwerfer war, würde hier zu weit führen. Jedenfalls bekam er - anscheinend durch die solide, alle Sportarten umfassende Ausbildung - bald nach dem Studium eine Arbeitsstelle beim SC Dynamo in Berlin - Sektion Radsport. Schnell stieg er dort zum Sektionsleiter auf. Mein Vater war beliebt, die älteren Fahrer durften ihn duzen und einige nannten ihn " Schubi" oder einfach nur "Trainer".

Dynamo Berlin hatte Klassefahrer, die mein Bruder Benny und ich wegen des Papas natürlich bereits als Kleinkinder persönlich gut kannten. Das einzige Problem: Die besten Fahrer in der Talentschmiede unseres Vaters waren Bahnradfahrer, die bis auf wenige Fachleute und echte Fans kein Schwein kannte. Die eigentlichen Helden dieser Zeit waren die Friedensfahrer, das Gegenstück zu den Gladiatoren der Tour de France des Westens.

Diese Spitzensportler waren - sehr zum Ärger des obersten Dynamo-Chefs Erich Mielke - allesamt Fahrer von Vereinen aus Leipzig, Erfurt und Gera. In Rostock aber hatte man nun einen Jungen entdeckt, den der Cheftrainer meines Vaters nach Berlin "delegieren" konnte. Jetzt hatte der SC Dynamo wenigstens ein Supertalent für die Zukunft in der Hauptstadt der DDR - richtig: Jan Ullrich.

Immer die gleiche Tour

Viele unserer Wochenendausflüge endeten für Benny und mich in dieser Zeit in irgendwelchen Kaffs von Brandenburg, wo verschwitzte, ungeduschte Jungs mit ihren blöden Rennrädern um die Wette fuhren.

Mein Vater dachte wahrscheinlich, dass wir das ganz unterhaltsam finden würden - fanden wir aber nicht! Ich war mittlerweile 14 Jahre alt und belächelte diese kleinen hechelnden Idioten, die meinen Vater mit großen Augen fragten: "Herr Schubert, wann fahren wir zurück?" Ich ging in die kalten, feuchten Wälder, rauchte heimlich ein paar Cabinet-Zigaretten und fragte mich das auch.

Auch im Winter war der Spuk nicht vorbei, denn an den Wochenenden fanden die Jugendrennen in der Werner-Seelenbinder-Halle statt. Auf dem halsbrecherischen Rund der sogenannten Winterbahn mit ihrem extremen Neigungswinkel gab es oft brutale Stürze und schwere Verletzungen des ehrgeizigen Nachwuchses - auf der Straße übrigens sogar manchmal Tote. Ich dankte innerlich meiner Mutter, deren Genen ich meine Unsportlichkeit verdanke, und grinste die Jungs verächtlich an. In der Kantine konnte ich heimlich eine paffen.

Noch eine Entdeckung

Meinem Vater fehlten die Erfolge. Die Sektion konnte den sogenannten Olympiaauftrag wiederholt nicht erfüllen; außerdem wurde ihm ein zu freundschaftliches Verhältnis zum Kollektiv der Sportler vorgeworfen. Es mussten Köpfe rollen. Die ersten Erfolge Jan Ullrichs und seines Trainers Peter Becker erlebte mein Vater daher nicht mehr in leitender Funktion.

Becker galt als der härteste Hund unter den Trainerkollegen. Er war es auch, über den ich mein erstes Rennrad bekommen hatte. Wenn er geahnt hätte, dass ich, der Sohn des Sektionsleiters, also seines Chefs, mit 13 Jahren gerade erst begann, Radfahren zu lernen, wäre mein Vater sicherlich ganz bei Dynamo rausgeflogen. So wurde er wegen anhaltender Erfolglosigkeit nur in die Sektion Schwimmen delegiert.

Bei den Schwimmern war eine Planstelle frei. Es mag unglaublich klingen - aber es war tatsächlich so: Als Sichtungstrainer in den Trainingszentren empfahl mein Vater unter anderem, eine gewisse Franziska van Almsick auf die Kinder- und Jugendsportschule zu schicken. Ich bin mir sicher, mein Vater hatte kein gutes Händchen - er hatte einfach nur Glück.

Die Blase platzt

Kurz nach dem Mauerfall 1989 war die ganze Blase "sozialistischer Leistungssport" endgültig geplatzt. Mein von mir - trotz meiner Abneigung gegen den Radsport - immer bewunderter Vater musste sich nach etwas Neuem umsehen.

Jan Ullrich blieb auch nach der Wende bei seinem Trainer Peter Becker, wurde 1993 Amateurweltmeister auf der Straße und bekam einen gut dotierten Vertrag beim Team Telekom. Ulle wurde nach der Schwimmerin Franzi der zweite gesamtdeutsche Superstar im vereinten Land und am Ende seiner Karriere leider der bislang tollpatschigste, tragischste gefallene Held - natürlich aus dem Osten.

Mein Vater bekam nach längerem Suchen einen wenig lukrativen Job als Hausmeister einer Immobilienfirma, trennte sich wegen einer Jüngeren von meiner Mutter und stolperte danach von einer persönlichen Katastrophe in die nächste, um am Ende - und hier war nicht der Westen, sondern der Alkohol schuld - alles zu verlieren, sogar seine Würde.

Als er ungepflegt und vor allem besoffen zur Hochzeit meines Bruders erschien, beobachtete ich ihn mit einer Mischung aus Scham und Bestürzung. Genervt rauchte ich - jetzt nicht mehr heimlich - meine Cabinet-Zigaretten, das letzte Relikt aus alten Tagen.

Nein! So traurig durfte und sollte diese Geschichte nicht enden!

Wiedersehen mit Ulle

Im Juli 1997 überraschte mich meine damalige Freundin Danny mit einem Besuch in meiner Studentenbude. Eigentlich waren wir noch gar nicht richtig zusammen - wie auch immer. Sie erklärte mir umständlich, dass ich am nächsten Morgen sehr früh aufstehen und ein paar Sachen für das Wochenende packen müsste. Zu früher Stunde saß ich tags darauf in einem Zug in Richtung Frankreich. Sie hatte ein Wochenende Paris für uns gebucht! Wir kannten uns noch kaum, doch in diesen Tagen sollte Danny mich - und meine Vergangenheit - kennenlernen.

Die Stadt war geschmückt, als ob sie gerade eine Jubiläums-Feier ausrichtete. Überall hingen Fahnen, Wimpel und riesige Plakate, die auf ein großes Ereignis am Sonntag hinwiesen. Ich war aufgeregt wie ein kleines Kind - jedoch nicht wegen des hübschen Mädchens an meiner Seite, die nicht einmal wusste, dass gerade an diesem Wochenende und genau hier die 84. Tour de France enden würde!

Mein Jan Ullrich würde als erster Deutscher das Gelbe Trikot nach Paris radeln! Ich konnte über nichts anderes mehr sprechen als über Forst, das kleine Kaff in Brandenburg mit seinen Jugendrennen, über meinen tollen Papi, der den neuen Radsportkönig irgendwie mit entdeckt hatte, sogar über meine blauen, geschwollenen Eier.

Der bewegendste Moment

Ich war so stolz, so gerührt, als am Sonntag dann endlich die Jungs in der Pariser Innenstadt an uns vorbeirollten. Tränen standen mir in den Augen. Ich jubelte ihm zu, dem verschwitzten Jungen aus meiner Kindheit. Wie hatte er sich gequält durch eine Jugend ohne Biersaufen und Cabinet-Zigaretten - jetzt fuhr er an mir vorbei, mit einem strahlenden Lächeln im leuchtend gelben Trikot des Siegers.

Es war einer der bewegendsten Momente meines Lebens - es war, als führe Geschichte an mir vorbei. Nicht nur die der beiden Deutschlands, nicht nur die des Radsports, sondern auch meine ureigene.

Nach dem Etappensprint standen wir aufgeregt in der Nähe des Teams Telekom. Ich traute mich nicht, hinüberzugehen, und zündete mir stattdessen hektisch eine französische Zigarette an. Ich kannte ihn - doch er kannte mich nicht.

"Ey Coach, alles klar?"

Mit Hilfe der Familie, eiserner Disziplin und vor allem ohne jeglichen Alkohol bekam mein alter Herr sein Leben nach und nach wieder geregelt. Er ist gesund, fit und als Rentner sogar wieder ehrenamtlich im Sport engagiert. Ich bin heute wieder richtig stolz auf ihn, wenn er beim jährlichen Berliner Sechs-Tage-Rennen immer noch jeden kennt und viele ehemalige Radrennfahrer ihm noch heute hinterher rufen: "Ey Coach, alles klar?" In diesen Momenten fühle ich, dass er glücklich ist.

Und ich? Durch die beiden bin ich zur Generation Jan Ullrich geworden. Weder Fisch noch Fleisch, weder Ost noch West. Wir haben eine geteilte Vergangenheit: Eltern, die sich über ihre DDR definieren und Kindern, die diese nicht mehr kennen.

Oft werden wir danach gefragt, wie es in diesem verschwundenen Land war, und wenn wir zu erzählen beginnen, hört man uns nicht mehr richtig zu. Wir versuchen zu sein wie Vorzeige-Wessis und drücken doch noch immer erfolgreichen Ossis die Daumen. Wir sagen nie, dass früher alles besser war, aber auch nicht, dass es heute so ist. Es wird Zeit, dass wir ernst genommen werden.

Zum Weiterlesen:

Scheppert, Mark: Mauergewinner. 30 DDR-Sättigungsbeilagen, BoD, Norderstedt 2009.

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