Jugend in Nazi-Deutschland Mit Fahrtenmessern gegen den "Führer"

Jugend in Nazi-Deutschland: Mit Fahrtenmessern gegen den "Führer" Fotos
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Ohne Prozess henkte die Gestapo vor 65 Jahren eine ganze Gruppe Kölner Jugendlicher - der jüngste war 16 Jahre alt. Die "Edelweißpiraten" hatten sich anfangs nur mit der HJ geprügelt, später Anti-Kriegs-Parolen gemalt - doch dann gingen einige in den Untergrund und töteten Nazi-Funktionäre. Von

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Ein eilig zusammengezimmerter Galgen hinter einem Bahndamm mitten im Bombenchaos der zerstörten Kölner Innenstadt. Gefesselt werden 13 Männer an diesem Novembernachmittag zu der improvisierten Richtstätte geführt. Sie werden auf erhöhte Holzbohlen gestellt, Schlingen aus Hanfseil um ihre Hälse gelegt. Augenbinden gibt es für die Delinquenten keine, die Männer müssen ihren Henkern direkt in die Augen sehen.

Bei nasskaltem Herbstwetter haben sich Hunderte menschen hinter dem Bahnhof im Stadtteil Ehrenfeld eingefunden. Manche der Schaulustigen feixen hämisch. Sie wohnen einer makaberen Machtdemonstration der Gestapo bei - der Abrechnung mit den Kölner "Edelweißpiraten": Sechs der Todeskandidaten gehören zu der Jugendgruppe. Alle sechs sind minderjährig; zwei von ihnen, Günter Schwarz und Bartholomäus Schink, genannt Barthel, gerade einmal 16 Jahre alt.

Angefangen hatte das Drama, das an diesem Herbsttag mit der Hinrichtung von Halbwüchsigen seinen grausamen Höhepunkt erreichte, Jahre zuvor - und auf den ersten Blick eher harmlos. Statt der braunen Kluft der Hitlerjugend hatten sich die "Edelweißpiraten", Jungen und Mädchen, im Alter von 14 bis 20 Jahren, buntkarierte Hemden oder farbige Blusen, grelle Halstücher, kurze Hosen mit weißen Kniestrümpfen und ein Tirolerhütchen mit einem angesteckten Edelweiß zum Erkennungszeichen gewählt. Sie wollten ihr Erscheinungsbild selbst bestimmen, ihre Freizeit nach eigenen Wünschen gestalten. Beim Wandern, Trampen und dem Singen eigener Lieder wollten sie ohne den Zwang zur Konformität leben, der seit 1933 bei Jungvolk und Hitlerjugend herrschte.

Wo die Hitlerjungen flitzen

Nicht, dass die aufmüpfigen Jugendlichen aus Köln von Beginn an offenen Widerstand gegen das NS-Regime leisteten, auch wenn sie - zumeist Arbeiterkinder mit Wurzeln in der Bündischen Jugend der Zwischenkriegszeit - den Nazis alles andere als wohlgesonnen waren. Jugendbanden wie die Edelweißpiraten kämpften zunächst um nicht mehr und nicht weniger als einen Raum, der frei sein sollte von der Ideologie der Nazis, deren harscher Disziplin und paramilitärischen Erziehung. Nicht nur in Köln, im ganzen "Reich" bildeten sich Gruppen von Edelweißpiraten, deren Mitgliederstärke Historiker heute anhand der Namen in Gestapo-Akten allein an Rhein und Ruhr auf mehr als 3000 Jugendliche beziffern. Auch in anderen Städten gab es Zusammenschlüsse mit ähnlichen Zielen, die "Goldene Vierzehn" in Hamburg etwa, die "Stadtbadbrühe" aus Chemnitz oder die "Leipziger Meuten".

Das Erkennungszeichen der Piraten, das Edelweiß, war geschickt gewählt - Anstecker mit der "Lieblingsblume des Führers" waren im "Dritten Reich" an jedem Andenken-Kiosk zu kaufen. An versteckter Stelle getragen, wurde es zum Erkennungszeichen der Unangepassten, ohne dass es den Träger inkriminierte, wenn er von Polizisten zur Rede gestellt wurde. Aber es wurde immer schwerer, sich der Kontrolle des totalitären NS-Staates zu entziehen. Die Einführung der "Jugenddienstpflicht" und des "Fahrtenerlaubnisscheins" schränkten die Entfaltungsmöglichkeiten der "wilden" Jugendgruppen bis zum Kriegsbeginn 1939 immer mehr ein. Die Allgegenwart des HJ-"Streifendienstes", der Jugendliche auf der Straße kontrollieren durfte, führte zunehmend zu Konfrontationen - die auch mehr und mehr gewaltsam ausgetragen wurden: "Ja, wo die Fahrtenmesser blitzen und die Hitlerjungen flitzen / und die Edelweißpiraten hintendrein / was kann das Leben uns denn schon geben, wir wollen frei von Hitler sein", hieß es in einem Piratenlied.

Die Prügeleien mit der HJ wiederum führten zu verschärfter Verfolgung der Piraten durch den Staatsapparat - eine Spirale der Gewalt setzte sich in Bewegung. Frustriert, ohne Hoffnung und in dem wachsenden Gefühl, nichts mehr zu verlieren zu haben, radikalisierten sich viele Gruppen. Sie verbreiteten Protestflugblätter gegen das Regime ("So braun wie Scheiße, so braun ist Köln. Wacht endlich auf!"), malten Anti-Nazi-Parolen auf Häuserwände und Züge ("Nazi-Köpfe rollen nach dem Krieg") oder ließen die Waggons gleich entgleisen. Ab 1943 nahm der Druck der Gestapo zu; mehr und mehr Edelweißpiraten wurden verhaftet, viele landeten im Jugend-KZ Moringen bei Göttingen.

Fette Beute beim "Butterraub"

Besonders radikal agierte die sogenannte Ehrenfelder Gruppe um den 23-jährigen Hans Steinbrück. In dem im Untergrund in den Trümmern des zerbombten Köln lebenden Verbund hatten sich entflohene KZ-Häftlinge und Zwangsarbeiter, Deserteure, von Deportation bedrohte Juden und auch einige Edelweißpiraten geschlossen - nach Ermittlungen der Staatspolizei insgesamt 128 Personen. Weil sie im Untergrund lebten und keine Lebensmittelkarten hatten, mussten sie sich illegal versorgen. Durch Diebstähle und Einbrüche besorgten sie sich die nötigen Lebensmittel - allein beim legendären "Butterraub" erbeutete die Gruppe 26 Zentner des begehrten Speisefetts.

Solche Aktionen, die von den Kölnern meist pauschal den Edelweißpiraten zugeschrieben wurden, sorgten für einen Ruf wie Donnerhall in der Domstadt. Neben Lebensmitteln hatten es die Ehrenfelder nämlich zudem vorwiegend auf Waffen abgesehen. Ihr Arsenal setzten sie auch für Sabotageakte gegen HJ, Gestapo und SA ein - die Gruppe um Steinbrück, genannt "Bomben-Hans", schmiedete sogar einen Plan, die Kölner Gestapo-Zentrale in die Luft zu jagen. Daraus wurde nichts. Tote gab es am Ende dennoch. Ein Lagebericht der Kölner Staatsanwaltschaft von Anfang 1945 schrieb der Ehrenfelder Gruppe nicht weniger als 15 Tötungsdelikte zu, darunter an fünf politischen Leitern der NSDAP, zwei Gestapo-Beamten und dem Leiter der Staatspolizeistelle Köln.

Spätestens ab September 1944, als ein Mitglied der Ehrenfelder Gruppe den lokalen NSDAP-Ortsgruppenleiter erschoss, erklärte die Gestapo den Kampf gegen die jugendlichen Widerständler für "kriegswichtig". Ende Oktober 1944 erließ Ernst Kaltenbrunner, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes, "Richtlinien zur Bekämpfung jugendlicher Cliquen", die unangepasste Heranwachsende faktisch Staatsfeinden und Hochverrätern gleichstellten.

Hinrichtung ohne Urteil

Damit war das Schicksal der sechs jungen Piraten, die Anfang Oktober zusammen mit sieben älteren Ehrenfeldern, darunter Hans Steinbrück, bei einer Razzia gefasst wurden, besiegelt. Nach schweren Misshandlungen in Gestapo-Haft wurden die 13 Männer und Jungen am 10. November 1944 zur öffentlichen Hinrichtung gekarrt. Ein Prozess hatte nicht stattgefunden. Der provisorische Galgen war in drei Segmente unterteilt, auf denen jeweils vier oder fünf der Männer auf einer Bohle standen. Auf Kommando zogen mehrere Gestapo-Helfer mit Hilfe von Seilen den Angeklagten die Bohle unter den Füßen weg. Nur einen knappen Meter fielen die Delinquenten. Nicht immer trat der Tod durch Genickbruch sofort ein, bei mehreren Gehenkten mussten die Gestapo-Leute kräftig an den Beinen ziehen. Die Leichen wurden anschließend zum Kölner Westfriedhof gebracht, wo sie auf dem sogenannten "Gestapo-Feld" im hintersten Winkel des Friedhofes ohne Kreuz oder Grabstein verscharrt wurden. Vier Monate später, am 6. März 1945, befreiten Truppen der Amerikaner Köln von den Nationalsozialisten.

Historiker streiten bis heute darüber, inwieweit die Edelweißpiraten Widerstandskämpfer oder doch nur aufmüpfige Halbstarke, gar Kriminelle waren. Die heute noch lebenden Mitglieder wurden lange Zeit nicht als Teil einer Gegenbewegung anerkannt. Noch in den achtziger Jahren stufte die Bezirksregierung Köln sie lediglich als "Opfer eines Unrechtregimes" ein. Dennoch wurde die Straße am Ehrenfelder Bahndamm in Gedenken an die Gehenkten Mitte der achtziger Jahre in "Bartholomäus-Schink-Straße", nach dem jüngsten Opfer, umbenannt. Und erst im Juni 2005 wurden die letzten noch lebenden wie auch die toten Edelweißpiraten in einer Feierstunde im Kölner Regierungspräsidium offiziell als Widerständler gegen Hitler gewürdigt.

Mitarbeit: hmk

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1.
Karsten Steinsohn 11.11.2009
Hallo , warum wird hier in dem Zusammenhang denn nicht auf das Buch: "Er was sechszehn als man ihn hängte " hingewiesen ? Wir haben das vor fats 30 Jahrenin der Schule gelesen , un es ist mir immer noch in Erinerrung. Ein Graffitti hies damals " Räder rollen für den Krieg , Naziköpfe rollen nach dem Krieg"
2.
Anton Simons 11.11.2009
Ferdinand Steingass, ein ehemaliger Edelweißpirat, ist am 31. Oktober in Altenahr verstorben. In den vergangenen 30 Jahren lebte er auf dem Altenahrer Campingplatz, von wo aus er Jahr- und Second-Hand-Märkte bereiste, um seine Waren anzubieten. Unter diesem Link hier gibt's ein paar Infos zu Steingass: http://www.aw-wiki.de/index.php/Ferdinand_Steingass
3.
Juergen Frey 22.02.2013
Fahrtenmesser hatte wir als Schuljungen auch, erst Ende der 50Jahre verschwanden diese. Ende April musste ich, bzw meine Mutter mich zur HJ anmelden. Ein paar Tage spaeter war der Krieg vorbei.
4.
Ronald Plate 05.04.2013
Dieses Thema wurde in der ZEIT bereits wesentlich differenzierter und kompetenter aufgearbeitet: http://www.zeit.de/1994/46/edelweisspiraten-u-a/seite-1
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