Jugendhochschule Wilhelm Pieck Als West-Revolutionär in der DDR-Kaderschmiede

China war ihm nicht revolutionär genug, er war enttäuscht von Mao Zedong. Adrian Geiges, Kommunist aus dem Schwarzwald, reiste 1979 in geheimer Mission in den Osten - um sich in der DDR zum Berufsrevolutionär ausbilden zu lassen.

Holger Kühne

In einem olivgrünen Kleinbus, Zweitakter Marke Barkas B1000, verließen wir Ostberlin und knatterten Richtung Norden - mit unbekanntem Ziel. Wir waren fünf junge Linke aus dem Westen und unser DDR-Lehrer, der uns ein Jahr in marxistischer Philosophie unterrichten sollte. Wir hatten uns auf dieses Abenteuer eingelassen, obwohl wir nur wenig wussten über das, was uns bevorstand. Uns war nicht einmal bekannt, wo es genau hin ging. Lehrer Fritz sagte: "Wir fahren zu einem der geheimsten Orte der DDR" - was viel versprach, da die DDR insgesamt schon als geheimnisvolles Land galt.

Auf dem Weg erzählte Fritz über das "Objekt", in dem wir das nächste Jahr unseres Lebens verbringen sollten: "Es war einst das Liebesnest von Hitlers Propaganda-Minister Goebbels. 1945 besetzten sowjetische und polnische Soldaten das Gebäude, gegen erheblichen Widerstand von Schergen der Waffen-SS, die sich dort verschanzt hatten. In einem Lazarett pflegten die Freunde dort verwundete Soldaten." Als "Freunde" bezeichnete man in der DDR Sowjetbürger, vor allem sowjetische Soldaten. "1946 übergaben die Freunde das Objekt der Freien Deutschen Jugend, seither bilden wir dort Verbandsfunktionäre aus. 1950 verlieh Wilhelm Pieck der Schule seinen Namen. Deshalb heißt sie Jugendhochschule Wilhelm Pieck."

Das klang kultig in meinen Ohren. Wilhelm Pieck, das erste Staatsoberhaupt der DDR, starb 1960. Er hatte schon zu Lebzeiten seinen Namen an eine Schule "verliehen"? Nach einem Überholverbots-Schild überholte uns eine schwarze Tschaika-Limousine, eskortiert von einem Polizeiwagen mit Blaulicht. "Ein Mitglied des Politbüros", sagte Lehrer Fritz. Mich ärgerte dieses Privileg, zumal es auf der wenig befahrenen Straße keine Staus gab, aber ich schwieg. Bei Wandlitz passierten wir den Zufahrtsweg zu der Siedlung, in der sich Erich Honecker und die anderen Spitzenfunktionäre der DDR eingezäunt hatten.

Kurz darauf bogen wir rechts ab in einen Waldweg. Ein Schild in Deutsch, Englisch und Französisch erklärte das Gebiet zur militärischen Sperrzone, Zugang verboten für Patrouillen der alliierten Streitkräfte (die ansonsten die DDR inspizieren durften). Hinter Kiefern und Birken versteckte sich ein Wachhäuschen. Ein Volkspolizist trat heraus. Wie ein Grenzsoldat lugte er in den Kleinbus, erkannte Lehrer Fritz und winkte uns durch. Wir fuhren ein auf dem Gelände der Jugendhochschule Wilhelm Pieck, der höchsten Bildungsstätte der Freien Deutschen Jugend!

Nach einigen Metern erhob sich aus dem Wald eine Schlossanlage im Stil der Stalinzeit, in dem pompösen Barock, den ich von Bildern aus der Sowjetunion kannte. Aus dem Goebbels'schen Landhaus war die FDJ bald herausgewachsen, erfuhren wir. So entstand in den fünfziger Jahren diese Schlossanlage aus sechs gigantischen Bauten, die einen gepflegten Park von der Größe eines Fußballstadions einrahmten. Am Abend stiegen wir die Treppen, breit wie eine vierspurige Autobahn, hoch zum pompösesten Gebäude der Schlossanlage, dem Lektionsgebäude. Für diesen Tempel des Wissens war extra ein Hügel aufgeschüttet worden. Auf der Spitze des Gebäudes thronte eine übermenschengroße Helden-Statue, ein Arbeiter und eine Bäuerin schwenkten gemeinsam eine Fahne. Die Statue ließ keinen Zweifel zu: Es konnte sich nur um die rote Fahne handeln.

Im Großen Lektionssaal mit 525 Plätzen dröhnte Musik aus Lautsprechern: "Druschba - Freundschaft", das Lied der Freundschaft zwischen der DDR und der Sowjetunion. Wir schlenderten nicht zu unseren Plätzen, wir marschierten, so kam es mir vor. Natürlich nicht im Schritt der Bundeswehr oder der US-Army, sondern im Schritt revolutionärer Befreiungstruppen.

"Der 31. DDR-Lehrgang und der 22. Internationale Lehrgang der Jugendhochschule Wilhelm Pieck sind eröffnet", deklamierte ein Redner. Alle erhoben sich und klatschten ohne Ende. Jetzt verstand ich, was in Redebänden von Lenin und Stalin gemeint war, wenn von "nicht enden wollendem Beifall" geschrieben wurde. Im Großen Lektionssaal folgte ein Redner dem nächsten, und der Applaus, dargebracht in Standing Ovations, wollte nicht enden. Das Klatschen lockerte Hirn, Arm- und Beinmuskulatur, denn die Reden selbst langweilten mich. Sie folgten alle dem gleichen Schema: Internationale Lage, der Frieden ist bedroht, Sowjetunion und DDR trotzen den Kriegstreibern. DDR, Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik, bis zum Jahr 1990 wird die Wohnungsfrage als soziales Problem gelöst. SED und FDJ, gestählt vom Banner des Marxismus-Leninismus, meistern die neuen Aufgaben.

Die 150 internationalen Studenten hörten mit per Kopfhörer, eingesteckt in Buchsen an den Stühlen. Die Jugendhochschule Wilhelm Pieck besaß die modernste Simultan-Dolmetsch-Anlage der DDR, weshalb sie in ihrer Geschichte ein einziges Mal für die Außenwelt geöffnet wurde. Als Bundeskanzler Helmut Schmidt 1981 die DDR besuchte, hielt er hier seine Pressekonferenz ab.

Nach einigen Stunden Reden tanzten unsere Mitstudenten aus Äthiopien auf der Bühne ein kriegerisches Gleichnis über den revolutionären Befreiungskampf in Afrika. Studentinnen aus Vietnam bewegten sich graziös zu einem Lied über Ho Chi Minh. Im Saal saßen auch Mitstudenten von der PLO aus Palästina und vom ANC aus Südafrika, Verfolgte des Militärregimes aus Chile und bärtige Männer aus Afghanistan, Genossen aus anderen kapitalistischen Ländern wie Norwegen und sogar Japan. Ich war stolz dazuzugehören. Das Bild im Saal prägten die 300 Studenten aus der DDR selbst, in blauen FDJ-Hemden. Die älteren Lehrer trugen auch FDJ-Hemden, darüber oft einen hellen Anzug mit SED-Parteiabzeichen am Revers.

Es folgte die erste Stunde im Fach "Wissenschaftlicher Kommunismus". Bürgerlich und vereinfacht ausgedrückt war dies die Politik-Lehre des Marxismus-Leninismus, im Unterschied zur Philosophie (dialektischer und historischer Materialismus) und zur Wirtschaftslehre (politische Ökonomie des Kapitalismus und des Sozialismus). An der Jugendhochschule Wilhelm Pieck war es aber nicht angesagt, die Dinge bürgerlich oder gar vereinfacht auszudrücken. Es wurde großen Wert darauf gelegt: Der Marxismus ist nicht einfach eine Idee, wie man die Welt sehen kann; er ist eine Wissenschaft, die die Gesellschaft erklärt; und er ist die einzige wissenschaftliche Erklärung der Gesellschaft.

Zur Ausbildung an der Jugendhochschule gehörten auch Ausflüge, sogenannte "Exkursionen" in die DDR, um "den realen Sozialismus kennenzulernen". Real wie in Bernburg an der Saale. Wir kämpften gegen die Umweltzerstörung in der Bundesrepublik, deren Ursache für uns auf der Hand lag: Die Gier der Konzerne, die sich nicht um Mensch und Natur scherten. Sie klärten Abwässer nicht und filterten auch nicht die Abgase, weil sie sparten, um ihren Profit zu steigern. Aber so etwas wie die Saale in der DDR hatte ich noch nicht gesehen: Es floss kein Fluss - es schäumte eine Seifenlauge. Nur am Rand der weißen Brühe rann ein Streifen Wasser, so schmal wie das "Stadtbächle" in unserem Freiburg im Breisgau.

"Des hängt vielleicht mit de' wirtschaftliche' Schwierigkeite zusamme', die die DDR hat", sagte jemand. "Bestimmt habe' die Genosse' des Problem erkannt und arbeite' an 'ner Lösung." Das wollte auch ich gern glauben. Nach einem Treffen mit der FDJ-Kreisleitung am Abend glaubte es keiner mehr. Die Sekretäre der FDJ-Kreisleitung taten so, als wüssten sie nicht, von welchem Problem die Rede sei. Gleichzeitig bekundeten sie "ihr volles Vertrauen in die Partei, alles zu tun für das Wohl des Volkes, auch in Fragen der Umwelt". Ein FDJ-Funktionär, der in Berlin studiert hatte, meinte: "Wir haben uns daran gewöhnt, für uns gehört es zu unserer Heimat. Immer wenn ich nach Bernburg zurückkomme und die Saale rieche, fühle ich: Ich bin wieder zu Hause."

Der Text ist ein Auszug aus Adrian Geiges Buch "Wie die Weltrevolution einmal aus Versehen im Schwarzwald begann".

Teil 1: Weltrevolution im Schwarzwald Teil 2: Auf geheimen Kanälen in die DDR



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