Jugend in der DDR Randale, Kleingeld und die Polizei

Vor Frank alias "Krank" war nichts sicher. In den Achtzigerjahren zog der Hüne mit seinem Schulfreund Marko Schubert durch abgelegene Ost-Berliner Klubs. Als ihnen einmal das Geld ausging, riss er kurzerhand einen Fahrkartenautomaten aus der Verankerung.


Anfang des 10. Schuljahres kam Frank, von allen bald nur noch "Krank" genannt, in meine Klasse in Ost-Berlin. Der 1,90-Hüne hatte beim SC Dynamo Berlin Eishockey gespielt, bevor er aus disziplinarischen Gründen von der KJS (Kinder- und Jugendsportschule) gefeuert wurde. Mein Vater, ein Sportfunktionär, wollte nicht mit Details herausrücken. Immerhin erfuhr ich, dass "Krank" in seinem Jahrgang das größte Talent, aber auch der disziplinloseste Spieler aller Zeiten in dem Verein gewesen sein musste.

Überheblich, durch etliche kaputte Zähne grinsend, setzte er sich in meiner Klasse in die allererste Reihe. Ich hoffte sofort, dass ich sein Freund und nicht sein Feind werden würde. Frank verkörperte all das, was ich nach außen hin darzustellen versuchte - Coolness, Gefährlichkeit, Stärke und Unverletzlichkeit. Echt wirkte es jedoch nur bei ihm. Er hatte eine Art, die Dinge äußerst locker zu sehen, besonders abschätzig alles "ostig" oder "zonig" zu finden und auf die DDR-Staatsmacht komplett zu scheißen. Lange hatte ich auf jemanden wie ihn gewartet. Mit Frank könnte ich jeden Mist machen, hoffte ich, und er würde mich vor den Folgen schützen.

Im "Bullenclub" zu zweit "einen Affen machen"

Zu der Zeit fuhr ich oft in Discos im entfernten Grünau, in der Wuhlheide und in Schöneweide. Jedes Wochenende gingen wir in den "Weißkopf", ins "Pipa" und zu vorgerückter Stunde auch in den "Bullenclub". Zur Abwechslung folgte "Krank" auch einmal mir, weil ich ihm hübsche Frauen versprach. Anders als in Marzahn oder Hohenschönhausen waren in den Klubs in dieser Ecke von Ost-Berlin nicht so viele Cliquen und Glatzköpfe anzutreffen. Zu zweit und mit 16 Jahren konnten wir hier also "einen Affen machen".

In den noblen "Bullenclub" kamen eigentlich nur Leute über 18 hinein. Wir schafften es trotzdem und sammelten noch dazu die leeren Gläser von sämtlichen Tischen ein, um sie an der Bar wie selbstverständlich als unsere abzugeben. Für jedes Glas erhielten wir zwei Mark Pfand zurück. Ärger bekamen wir nie. Wenn mich doch mal ein Betrunkener ansprach, dass es sein Pfand wäre, rief ich einfach nach meiner Kampfmaschine "Krank".

Bei einer dieser Touren durch die Pampa ging uns dennoch das Geld aus. Wir hatten nicht mal die nötigen Groschen, um Claudia anzurufen. Sie war die wichtigste Frau der Gegend, denn sie stellte uns immer neue und heißere Freundinnen vor. Mit der Straßenbahn machten wir uns auf den Weg. Auch wenn die Fahrt nur 20 Pfennig kostete, bezahlten wir nie am Fahrscheinautomaten.

Fahrkarten ziehen ohne Geld

Dass dieses Ding überhaupt Automat genannt wurde, war eigentlich blanker Hohn. Das große metallene Etwas hatte oben einen Schlitz und an der vorderen Front eine Glasscheibe, durch die man beobachten konnte, wie das Kleingeld auf ein rundes Förderrad fiel. Sobald man den mechanischen Hebel an der Seite herunterdrückte, rutschte das Geld in die nächste Lade und ein Stück Papier wie von einer alten Kinokartenrolle, kam am vorderen Schlitz heraus - der Fahrschein. Wenn man nur an dem Hebel gezogen hätte, ohne Geld hineinzuwerfen, wäre dieser Schnipsel auch herausgekommen. Nur ein blitzartig herbeigeeilter Kontrolleur hätte in dem Moment festgestellt, dass in der oberen Förderbox gar kein Geld war. Dennoch gab es genug pflichtbewusste Bürger, die in dieses antiquierte Fahrscheingerät ihre Fünfziger, Zwanziger und Groschen hineinwarfen.

Als ich den unberechenbaren "Krank" an dem Gerät herumfummeln sah, dachte ich mir erst gar nichts. Doch plötzlich umfasste er das Ding mit beiden Armen und riss es einfach aus der am Boden verschweißten Verankerung. Mit einem 20 Kilo schweren, unhandlichen Fahrscheinautomaten stiegen wir in einen leeren Wagen ein und fuhren bis zur nächsten Haltestelle. Als wir merkten, dass wir direkt vor einer Armeekaserne ausgestiegen waren, lachten wir beide. Ich aus purer Angst, während er die Situation tatsächlich belustigend fand. Wir trugen das Ding durch die hier nur schwach beleuchtete Straße und beschlossen, es sicherheitshalber sofort im nächsten Gebüsch aufzubrechen. Mit einem Stein schlugen wir den Hebel-Automaten an der Frontseite auf und steckten uns das zu unserer Überraschung nicht knapp bemessene Kleingeld in die Hosentaschen.

Das Telefonhäuschen schwankte

Gut gelaunt liefen wir in Richtung S-Bahnhof und fanden auch endlich eine Telefonzelle, um bei Claudia anzurufen. Als wir sie nicht zu Hause erreichten, wurde "Krank" ziemlich sauer. Für mich völlig unvorhersehbar riss er mit urwüchsiger Kraft den volkseigenen Telefonhörer inklusive Kabel einfach aus dem dann schwankenden Telefonhäuschen.

Ich wusste, dass auf Vandalismus an Volkseigentum besonders hohe Strafen standen. Und das nicht nur, weil das Telefon an dieser Stelle offenbar die einzige Möglichkeit bot, Kontakt zur Außenwelt aufzunehmen. In dem Moment machte ich mir aber noch keinen größeren Schädel. Frustriert gingen wir in Richtung S-Bahnhof. Als wir die Treppen hinaufkamen, sahen wir auf dem Bahnsteig, keine 200 Meter von uns entfernt, zwei Polizisten, die in ein intensives Gespräch mit einem älteren Mann verwickelt waren. Als dieser in unsere Richtung zeigte und rief: "Da sind die Typen!", brüllte "Krank" mich einfach nur an: "Komm!"

Wir rannten sofort über die Gleise, sprangen über zwei hohe Zäune und liefen die Straße hinunter. Zum ersten Mal in meinem Leben lief ich die 100 Meter unter 13 Sekunden. Wir schauten uns nicht um, rannten immer weiter und bogen in eine Seitenstraße mit Kopfsteinpflaster ein. In meinem gesamten DDR-Leben schwebte anscheinend ein Glücksengel über meinem Haupt, denn plötzlich stieß ich fast mit einem Taxi mit "Frei"-Zeichen zusammen. In unserem autoarmen Land, in dem man sogar auf ein vorbestelltes Taxi gut und gerne zwei Stunden warten musste, flog ich in diesem Augenblick fast über die Kühlerhaube eines Wartburgs. Ich riss die Tür auf - "Krank" hätte sie bestimmt abgerissen - und fragte ungläubig: "Frei?"

Markstücke, Rubel und Knöpfe

Wir fuhren in den "Alfclub" in die Mollstraße und bezahlten den Taxifahrer großzügig mit Groschen und Zwanzigern. Das Restgeld unserer Tour teilten wir brüderlich, es waren tatsächlich auch ein paar Fünfziger, mehrere Markstücke, ein Rubel und zwei Knöpfe dabei. Wir stießen darauf an, dass wir nicht in einem "Bullentaxi" gelandet waren. Und wir feierten unseren technischen Informationsvorsprung gegenüber unseren Mitschülern. Die würden doch nie erfahren, wie ein Fahrscheinautomat von innen aussah!

Frank alias "Krank" verschwand 1989 über Ungarn in die BRD. Kurz nach dem Mauerfall lud er mich als erster Mensch in West-Berlin ein. Freudestrahlend grinste er mich an, als wir unser Wiedersehen in einer urigen Berliner Kneipe in Tempelhof begossen. Nach mehreren Schultheiß-Pils und drei Schnäpsen schwankte ich mit ihm zum Musikautomaten. Für einen Moment beschlich mich ein ungutes Gefühl. Aber nein, er riss das Ding nicht aus der Wand, sondern wollte lediglich nochmals den neuesten Hit "Bakerman" von Laid Back hören.



Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 37 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
René Brandenburg, 01.02.2015
1. An den Verfasser
Vielleicht sollten sie die Überschrift ihres Beitrages in der Hinsicht abändern, dass niemand auf die Idee kommt, dass sich der große Teil der Jugendlichen in der DDR damit beschäftigt hätte ,auf kriminelle Art an Geld zu kommen. Was ich ihren Zeilen entnehmen konnte ist der Umstand,dass sie in ihrer Jugendzeit ein kaputtes Elternhaus und die falschen Freunde hatten, sowie vermutlich zu wenig Grips im Schädel um da selbst drauf zu kommen.
Micha Rabe, 01.02.2015
2. Schade, dass es für diese geschichte kein Happy End gibt...
Ein Happy End für diese "Geschichte" stelle ich mir in etwa so vor: Krank und sein "Freund" swären von einer Streif der Polizei erwischt worden und mit denen aufs Polizeirevier verbracht. Von dort, da ja Ostberlin in die Keibelstraße, dem Untersuchungsgefängnis der Volkspolizei. Im anschließend stattfindeneden Gerichtsverfahren, hätten die Richter im "Namen des Volkes" mit mind. 8 Monaten Haftstrafe zu rechnen gehabt. ....und das aus meiner Sicht zu recht! Diese Geschichte gehört nicht in das Buch, welches den Untertitel "30 vergnügliche Geschichten aus dem Alltag der DDR." trägt. ...sondern in das Buch der ungeklärten Kriminalfälle.
Andreas Gerth, 01.02.2015
3. ?...
Was für tolle Gangstergeschichten. Spon was soll so ein Müll hier?
karl krohm, 01.02.2015
4. Toll!
... und auf diese Geschichten ist der Verfasser stolz?
T. Binder, 01.02.2015
5.
Zitat zu Foto 1: "Zerstörungswütig: Mit bloßen Armen riss Marko Schuberts Kumpel Frank [...] einen Fahrkartenautomaten .... Dieser Fahrkartenentwerter steht im DDR-Musum [sic!] Berlin." Weder Automat noch Entwerter, sondern: http://de.wikipedia.org/wiki/Zahlbox Ich bin immer enttäuscht, wenn bei solchen Artikeln die Details nicht "sitzen".
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.