Jugendschwarm Neil Armstrong Der Traummann im Mond

Jugendschwarm Neil Armstrong: Der Traummann im Mond Fotos
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Auf einer Zeitschrift hatte sie ihn gesehen – und sich sofort verliebt. Im Sommer 1969 schwärmte die 13jährige Silvia Friedrich hingebungsvoll für Neil Armstrong. Stundenlang starrte sie ins All und malte sich ein Leben mit ihm aus. Bis das Gebrüll ihres Neffen sie in die Realität zurückholte. Von

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Am 20. Juli 1969 landeten in der US-Landefähre "Eagle" erstmals Menschen auf dem Mond. Unser Adler hieß indes Oliver und war bereits 13 Tage zuvor gelandet - am 7. Juni 1969, irgendwann gegen Morgen und nach vielen Stunden der Quälerei. Ob meine Schwester nach der anstrengenden Geburt einen ähnlich bedeutenden Satz sagte wie Neil Armstrong, der wenige Wochen später als erster Mensch den Mond betrat, ist ungewiss. Denn sie war, abgesehen von den Hebammen und den Ärzten, allein im städtischen Kreißsaal. Armstrongs Worte jedenfalls schrieben Weltgeschichte: "Es ist ein kleiner Schritt für einen Menschen, aber ein riesiger Sprung für die Menschheit."

Oliver und Neil brachten unser Familienleben 1969 kräftig durcheinander. Ulla war nicht verheiratet und die Zeit der Schwangerschaft glich einem Spießrutenlauf. Die Parolen der 68er waren noch nicht ins niedersächsische Flachland vorgedrungen. Wer hier schwanger wurde und keinen Mann vorweisen konnte, hatte wenig zu lachen. Den Mann hatte es zwar gegeben - zwei Jahre lang glaubten beide an ein Glück, das Doris Day und Rock Hudson Konkurrenz hätte machen können. Doch als der Adler sich ankündigte, schien eine solche Planeteneroberung nicht in das Leben Rock Hudsons zu passen.

Es war schrecklich für sie und für mich, die ich 13-jährig an ihrem Schicksal nichts ändern konnte. Sicher war nur, dass mir so etwas nie passieren würde und wenn ich dazu mein ganzes Leben lang sexuell abstinent bleiben müsste. Das schwor ich mir. Rock Hudson kam dann doch ins Krankenhaus, denn er schien sich nach neun unsicheren Monaten beruhigt zu haben. Er wollte nun mit Ulla das Universum erobern. Aber sie blieb hart. Ich habe sie immer dafür bewundert. Nein hieß bei ihr nein. Ich habe es bedauert, denn ich mochte Rock Hudson sehr.

Wie er lächelte

Auch für mich lief das Jahr 1969 nicht gut. In der Schule blieb ich sitzen. Vielleicht hatten die Umstände um die Ankunft des Oliver-Adlers Schuld daran, dass ich mich auf nichts mehr konzentrieren konnte. Vielleicht war es aber auch meine erste riesengroße Verliebtheit, für die ich bereit gewesen wäre, mein sexuelles Abstinenzgelübde sofort und auf der Stelle zu brechen. Im Gegensatz zu meiner Schwester hieß bei mir nein, "vielleicht" oder "mal sehen" oder, wenn ich noch eine winzige gute Seite entdecken konnte, "eventuell".

Aber leider war das Objekt meiner Teenager-Begierde etwa 384 400 Kilometer von mir entfernt. Es war Neil Armstrong, der gerade seinen ersten Schritt in den Staub des Mondes gesetzt hatte. Auf einer Zeitschrift hatte ich sein Gesicht entdeckt. Neil im Raumanzug, zwischen Buzz Aldrin und Michael Collins. Niemals werde ich diese drei Namen vergessen und wenn man mich auf dem Totenbett nach der ersten Mondlandung fragte und den dazugehörigen Astronauten, dann bete ich diese Namen herunter und sicher spüre ich auch dann, am Ende meines Lebens, noch diesen Stich beim Aussprechen seines Namens. Neil! Neil Armstrong!

Er war der schönste Mann der Welt. Wie er lächelte! Kein Mann konnte je wieder so lächeln und in mir dabei dieses Ziehen in der Herzgegend erzeugen. Auf jeder Zeitung waren diese drei Männer zu sehen, aber ich sah nur Neil und sammelte sorgsam jeden Schnipsel. Leider war er verheiratet. Und Kinder sollte es da auch geben, hatte ich gelesen. Aber wenn man sich wirklich liebt, ist das alles kein Hindernis.

Träume von Neil

Ich saß vor meinen Zeitungsausschnitten und klebte sie mit Uhu auf kariertes Rechenpapier. Oliver, der Adler, lag in seinem Stubenwagen und schrie. Vielleicht konnte er den Klebstoffgestank nicht vertragen und so ging ich damit nach draußen. Ich sah zum Himmel, versuchte den Mond auch tagsüber zu entdecken und träumte, was ich als Frau Armstrong in seinem Leben ändern würde. Also zunächst einmal dürfte er solche riskanten Flüge nicht mehr länger ausführen. Da sollte sich die NASA mal schnellstens jemand anderes suchen. Schließlich wollten Neil und ich ja noch mindestens unsere Silberhochzeit erleben.

Vielleicht könnte er sich mit dem vielen Geld, das er in der Raumfahrt verdient hatte, hier bei uns im Dorf einen Bauernhof kaufen und den würden wir dann beide bewirtschaften. Ich verpflege die Tiere und er, ja er müsste hin und wieder Interviews geben. Und ab und zu würden wir dann mit unseren Pferden ausreiten. Ob ich mich dann auch noch zu Kindern durchringen könnte, wusste ich noch nicht genau. Außerdem hatte Neil ja schon Kinder und das sollte ihm eigentlich genug sein. Ich würde ihm auch gestatten, diese hin und wieder zu besuchen oder besser, sie zu uns einladen, damit sie mich dann viel toller finden als seine Ex-Frau.

Gerd, ein Junge aus der Nachbarschaft, besaß ein Fernrohr. Nachts beobachteten wir zusammen den Himmel und ich träumte dabei von Neil. Gerd ahnte nicht, dass ich ihn nur ausnutzte, weil er ein so schönes Teleskop hatte und ich damit meinem Astronauten ein wenig näher sein konnte. Wir starrten an den Himmel, betrachteten die Sterne, die Diamanten auf Samt glichen und uns wie ein Sog emporhoben. Und dann bekam ich dieses Unendlich-Gefühl. Eine Mischung aus Verlorensein und Faszination, aus Hingabe und Fluchtgedanken, aus Verzauberung und Unverständnis. Und obwohl Peter Schillings Lied "Major Tom", der im All verlorengeht, erst viele Jahre später geschrieben wurde, ahnte ich schon jetzt, wie sich Major Tom gefühlt haben musste.

Ich begann zu schweben

Oliver, der Adler, holte einen durch sein Geschrei meistens schnell wieder auf die Erde zurück. Ihn interessierte nicht, ob ich in Neil verliebt war, die achte Klasse wiederholen musste, die Frage nach dem Sinn des Universums, oder dass zum ersten Mal ein Mensch einen anderen Planeten betrat. Er wollte Nahrung oder die nassen Windeln gewechselt bekommen. Und das brachte auch mich als Tante hin und wieder in die Realität zurück.

Aber dann, allein in meinem Bett, den Blick durch das geöffnete Fenster in den Sternenhimmel gerichtet, begann ich zu schweben. Hinauf zu meinem Astronauten, der da irgendwo im All herum schwebte und nichts ahnte von all den unwichtigen Dingen hier unten. Der ferne Welten eroberte und kolumbusgleich den Horizont hinter sich ließ. Ich sandte meine Gedanken hinauf zu ihm und vielleicht, ja vielleicht trafen sich dann seine und meine Ideen irgendwo in der Unendlichkeit, ohne dass wir uns je gesehen hatten, ohne dass er je von mir erfuhr.

In meiner Fantasie umschwirrten ihn meine verliebten Sätze, die er nicht verstand. Schließlich waren sie auf Deutsch. Und dann fragte er Buzz Aldrin, ob er verstünde, aber der war zu beschäftigt, um darauf zu antworten. "Lass uns fliegen, Neil", sagte er dann und Neil, der das eigentlich hätte sagen müssen, gehorchte ihm. Er sah sich nochmal um, ob auf der Mondoberfläche bereits die Deutschen ihre Spuren hinterlassen hatten, denn vor 30 Jahren, war ihnen ja alles zuzutrauen. Aber, er konnte nichts entdecken. Und dann bestieg er mit Buzz die Mondfähre wieder und beendete seine Mission. Bye, Neil! Bis irgendwann, hinterm Horizont.

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