Jugendsünde Schülerband "Volles Brett, yeah!"

Falscher Text und Verstärker bis zum Anschlag: Als Mitglied einer Schülerband in den Achtzigern musste Axel Nerger nicht nur gegen die eigene Unfähigkeit kämpfen, sondern auch noch mit dem aufmüpfigen Publikum. Protokoll des ersten und einzigen Auftrittes seiner Band Lofthouse.

Axel Nerger

Eine Schülerband zu Beginn der achtziger Jahre: Alles war analog, sehr abenteuerlich und vor allem nie richtig organisiert. Ohne Youtube und Myspace fehlte außerdem der Vergleich mit anderen Bands. So wurde aus Schüchternheit schnell maßlose Selbstüberschätzung - nur weil man mit Verzerrer und drei Glas Persico intus ein Status-Quo-Riff nachspielen konnte.

Es war Frühjahr 1979, als mein Bruder Uwe, sein Freund Detlef und ich in Osnabrück die Schülerband Lofthouse gründeten. Schnell gesellten sich Drummer Stevie (niemals durfte man ihn "Schlagzeuger" nennen) und Bassist Stefan dazu. Im Herbst 1979 schrieb ich mich an der Universität Oldenburg ein, um Musik zu studieren.

Genau der richtige Anlass, um unseren ersten Auftritt zu organisieren - und eigene Stücke zu schreiben! Die anderen in der Band schwankten zwischen Begeisterung und Entsetzen. Wir probten im Winter 1979/80 so oft wir konnten, allerdings nur selten in voller Besetzung. Dann machte ich einen Auftritt klar: Am 8. Februar 1980 wollten die Musikstudenten in Oldenburg als Start in die achtziger Jahre eine Riesenfete in der Aula veranstalten. Erst nach harten Verhandlungen wurde Lofthouse zugelassen. Zum einen gab es Widerstand, weil ich der einzige Student in einer Band voller Schüler war, zum anderen kamen wir aus Osnabrück, und das ging eigentlich gar nicht. Aus kaum nachvollziehbaren Gründen waren die beiden praktisch gleich großen Städte Osnabrück und Oldenburg seit den siebziger Jahren verfeindet.

Egal. Kurz vor unserem Auftritt schafften wir es tatsächlich einmal, alle Stücke hintereinanderweg zu spielen und nicht in jedem Stück mittendrin aufzuhören. Das war Ende Januar. Dann erkrankte mein Bruder Uwe, zweiter Gitarrist, eine Woche vor dem Gig an Windpocken. Keine Chance, ihn in diesem Zustand auf die Bühne zu bringen. Einige in der Band wollten den Auftritt absagen, aber ich setzte mich durch und so schafften wir es am 8. Februar 1980 in einem schrottreifen, geliehenen Ford Transit nach Oldenburg.

Reihenweise Langhaariges in Latzhosen

Vor uns spielte an diesem Abend eine ostfriesische Band, alles Studierende, die vom Publikum dermaßen begeistert gefeiert wurden, dass das Wort "Heimspiel" es nur unzutreffend beschreiben würde. Alle wollten mehr von ihren Coverversionen hören - doch dann war diese Band aus Osnabrück dran: Lofthouse, wir.

Zuerst rannte Detlef auf die Bühne, halbnackt in einer rosa Latzhose. Seine Turnschuhe waren mit Goldbronze lackiert, weil er das auf dem Cover der ersten "Boston"-LP gesehen hatte. Drummer Stevie machte irgendwelchen Firlefanz mit seinen Sticks, wobei sie ihm beide aus der Hand fielen. Er hatte einen Kimono aus violett schimmerndem Satin an, in dem er aussah wie ein Samurai aus Kaiser Hirohitos Leibgarde, nur schlacksiger.

Vor uns: Reihenweise Langhaariges in nassen T-Shirts, Latzhosen und Strickjacken, selbstgefärbtes Lila und Rot, Bärte und Nickelbrillen, zertretene Plastikbecher unter Sandalen, fettig verschwitzte Köpfe, heiß vom Tanzen und Grölen bei der Ostfriesen-Band.

Keinen Blick für das mordlüsterne Publikum

Totenstille. Stevie zählte an. Ein guter Groove, noch hielt er das Tempo. Dann begann Detlef zu singen: Es klang zwar nach Englisch, war aber unverständliches Zeug - irgendetwas von einem Pferd bei der Marine. Das konnte unmöglich der Kram sein, den ich ihm aufgeschrieben hatte, denn darin ging es um arrogante Mädchen und amerikanische Autos. Ein kurzes Gitarrensolo, dann war Detlef mit der Ansage dran: "Wir sind die Gruppe Lofthouse. Aus Osnabrück. Wir spielen eigene Songs, volles Brett, yeah." Er wechselte das Mikro in die andere Hand, wischte sich den Schweiß an der rosa Latzhose ab. "Ihr da unten, tanzt mal. Macht mal Stimmung. Super, Lofthouse, yeah!"

Nach dem zweiten Song klatschten etwa fünf Leute. Stevie zählte hektisch die dritte Nummer an, denn nun wussten wir, dass die Sache aus dem Ruder lief. Wir starrten uns gegenseitig an, drehten dem Publikum die Seite oder den Rücken zu und vermieden es, von der Bühne hinunterzusehen - wir trauten uns einfach nicht in den Hades hinabzublicken. Denn dort wartete die Menge nur darauf, dass einer von uns ausrutschte und hinabfiel, um ihn dann mit den Saiten seiner Gitarre zu erdrosseln.

Ich ging zum Mikro, wartete einen Schlussakkord ab und brüllte: "Let it rock, yeah!" "Du mich auch", schrie jemand direkt vor der Bühne zurück, dann landete ein halbes, belegtes Brötchen vor Stevies Schlagzeug. Wie die Berserker droschen wir auf unsere Instrumente ein. Stundenlange Soli von mir, wahrhaft dilettantisch zelebriert, mindestens vier, fünf verschiedene Breaks und Stopps in jedem Stück und unter all dem das ungemein holprige Getrommel von Kaiser Hirohitos Leibgardisten.

Blaue Maiskolben bei der Marine

Weil ich mein eigenes Geschrammel auf der Bühne nicht mehr hörte, ging ich zu meinem Marshall-Verstärker, drehte ihn von zwölf auf drei Uhr und versuchte der sofort einsetzenden Rückkopplung zu entkommen. Detlef presste, keuchte und schrie, als ob er seine heiße Milch nicht bekommen hätte. Er sang von Pferden bei der Marine und von blauen Maiskolben, die Frauenkleider trugen. Zwei Frauen deuteten mit hochrotem Kopf immer wieder auf Stevie und schrien: "Chauvi-Schwein!"

Ich drehte mich zu ihm um, aber er grinste nur hämisch und zuckte mit den Achseln. Wir spielten weiter, auch wenn keiner klatschte, sondern die "Aufhören, aufhören"-Sprechchöre immer lauter und wütender wurden. Bierbecher flogen auf die Bühne, es bildeten sich erste Pfützen. Mit eiserner Ruhe bedankte sich Stefan nach jedem Stück bei der Meute. Leider tat er das im Stil des routinierten Tanzmusikers: "Dankeschön, das war Lofthouse mit dem Titel 'Headwind'. Wir hoffen, es hat euch gefallen. Das nächste Stück heißt 'Nobody knows'. Klingt ein bisschen nach Peter Frampton, vielleicht mögt ihr das. Viel Spaß dabei", fügte er hinzu.

"Verpisst euch", schrie jemand als Antwort. Offenbar wollte sich nach der Party mit den Ostfriesen und ihren Coverhits keiner im Publikum vier Schnösel mit zu großen Verstärkern und eigenen Stücken anhören. Nach vierzig Minuten war alles vorbei. Mit einem ungeheuren Getöse verabschiedeten wir uns, wichen weiteren, nach uns geworfenen Bierbechern aus und machten, dass wir hinter die Bühne kamen. Dort saßen die Musiker der anderen Bands und rauchten seltsam große Zigaretten, deren Rauch nach verbranntem Kuhdung roch, und starrten uns an.

"War ziemlich laut", meinte einer, "was für ein Glück, dass der andere Gitarrist nicht dabei war. Zu viert habt ihr schon fast die Decke weggeblasen." Ich taumelte an ihnen vorbei und packte meine Kabel zusammen. "Hey, Alter", tönte es hinter mir und der Sänger der Ostfriesen grinste mich an, "du bist total durchgeknallt. Gut so, denn das flacht mich ab, wenn auf der Uni nur Eierköppe rumlaufen. Macker wie du, die oben ein bisschen schief aufgehängt sind, die sind wichtig!"

Er wandte sich wieder seinen Mitmusikern zu und wir schleppten unsere Verstärker von der Bühne. Eine Woche später ließ ich mir von einem der Ostfriesen erklären, dass gute Stücke etwa dreieinhalb Minuten lang seien und auf "drei, vielleicht mal vier Akkorden" basierten. Aber mit Lofthouse sind wir nie wieder aufgetreten.



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Melanie Brandenburg, 15.07.2008
1.
Hallo Herr Nerger, meine Güte, hab ich gelacht bei diesem Beitrag! Und die Fotos sind Gold wert!!!! Erinnert an die eigenen "Jugendsünden", auch wenn 1980 nicht ganz meine Zeit war...:-)) Gruss M.B.
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