Jugendsünden der Stars Sie waren jung und brauchten das Geld

Jugendsünden der Stars: Sie waren jung und brauchten das Geld Fotos
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Anfang der Siebzigerjahre überrollte eine Sexfilmwelle die Bundesrepublik. Halbseidene Erotikklamotten wie "Schulmädchen-Report", "Liebesgrüße aus der Lederhose" und "Lass jucken, Kumpel" zogen ein Millionenpublikum in die Kinos - und wurden zum Karrieresprungbrett für viele deutsche TV-Promis. Von

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Die Mädchen aus der zwölften Klasse besichtigen ein Kraftwerk. Schülerinnen in kurzen Röcken bewundern quiekend vor Freude die kräftigen Kolben der Maschinen. Aber wo ist nur "Renate, 18 Jahre"? Hoffentlich ist ihr nichts zugestoßen. Ihre Lehrerin ist ganz aufgeregt. Renate auch. Denn sie lässt sich gerade von dem grobschlächtigen Busfahrer zu einem Sexabenteuer auf der Rückbank verführen.

Ja, so sind sie, die Mädels von heute. Oder zumindest wollte das der "Schulmädchen-Report: Was Eltern nicht für möglich halten" 1970 den Kinozuschauern so verkaufen. In den acht lose zusammengeschusterten Episoden des im Dokustil gedrehten Sexstreifens treten erzkonservative Lehrer, gewitzte Jungpriester oder verständnisvolle Jugendpsychologen auf. Und Eltern, die gar nichts mehr kapieren. Kein Wunder. Denn ihre Schützlinge benutzen neuerdings ihre Stoffelefanten zum Masturbieren, versuchen es lesbisch mit der Freundin aus dem Ballettunterricht oder stiften den Bademeister zu einem flotten Dreier an.

Begleitet wird der "Report" von (zur Hälfte echten, zur Hälfte gestellten) Straßeninterviews, in denen junge Passantinnen gefragt werden, wie sie es mit der Selbstbefriedigung halten oder ob's auch "ein Neger sein kann" - "Ein Neger? Ja, warum nicht?" Ein Off-Kommentar deutet mit pseudoaufklärerischem Gestus das veränderte Sexualverhalten junger Mädchen - und gibt so Anlass dazu, reihenweise schlüpfrige Altherrenphantasien zu bedienen. Die Gleichberechtigung der Geschlechter, warnt der Sprecher an einer Stelle, könne aber eben auch Auswüchse annehmen, die zu direkter sexueller Aggressivität der Frau führen. Und - schwups - schon wird der Turnlehrer in der Umkleide flachgelegt.

An Schamgefühlen entlanggetastet

Die Bundesrepublik ließ sich offenbar gern so aufklären. Allein der erste Teil der "Schulmädchen-Report"-Reihe zog mehr als sieben Millionen Deutsche in die Kinos. Auch international wurde die Serie ein irrsinniger Erfolg. Die insgesamt 13 Teile wurden in 38 Länder verkauft und weltweit von mehr als hundert Millionen Menschen gesehen. Das sind Zahlen, von denen heutige deutsche Produktionen nur träumen können.

Zwar hatte das Rezept Aufklärungsfilm mit dem umstrittenen "Helga - Vom Werden des menschlichen Lebens" von 1967 und den Oswalt-Kolle-Dokus ab 1968 schon einige Erfolge gefeiert und erste Nachahmer gefunden. Doch erst mit den "Schulmädchen-Report"-Filmen brach der Damm. 1971 wird das erfolgreichste Jahr für den deutschen Sexfilm. Von 90 Kinoproduktionen dreht es sich in 38 vorwiegend um Sex. Allein 16 der Filme dieses Jahres kopieren das erfolgreiche Report-Konzept. So entstehen unter anderem der "Hausfrauen-Report", der "Schüler-Report" oder der "Seitensprung-Report". Aber es gab auch "Die goldene Banane von Bad Porno" oder "Mädchen beim Frauenarzt", ein absurdes Machwerk, bei dem die Kamera die ganze Zeit die Ego-Perspektive des Doktors zeigt.

Für die anspruchsvollen Regisseure der Zeit waren die frivolen Schulmädchen und ihre Nachahmer ein Alptraum. "Fest stand", erinnert sich Volker Schlöndorff ("Die Blechtrommel"), "wenn wir 500.000 Zuschauer hatten, und das war enorm, hatten die drei Millionen." Edgar Reitz ("Heimat") diagnostiziert bitter: "In abgedunkelten Räumen konnten die kleinbürgerlichen Komplexe wunderbar gedeihen." Dass der deutsche Sexfilm so gut gelaufen sei "lag an seiner Mittelmäßigkeit und seiner Angepasstheit. Man tastete sich an den Schamgefühlen auf eklige Weise entlang".

500 Mark fürs Ausziehen

Ein Meister dieses Balanceaktes war der Regisseur Franz Marischka. Der Sohn des Operettenstars Hubert Marischka und Neffe des "Sissi"-Regisseurs Ernst Marischka kurbelte mehr 20 Sex-Klamotten mit Titeln wie "Abarten der körperlichen Liebe" oder "Die Stoßburg - Wenn nachts die Keuschheitsgürtel klappern" herunter. Seine größten Erfolge feierte er allerdings mit "Lass jucken, Kumpel", "Liebesgrüße aus der Lederhose" und den etlichen Fortsetzungen, in denen Bergarbeiter aus dem Ruhrpott beziehungsweise Bauern auf der Alm keine Möglichkeit zum Kopulieren auslassen.

Mit seinen Werken gewann er gleich mehrere Goldene Leinwände, eine Auszeichnung vom Hauptverband deutscher Filmtheater für Produktionen, die in den ersten 18 Monaten über drei Millionen Besucher verzeichnen können. "Die wurden mir unter dem Tisch zugeschoben", erinnert er sich später in seinen Memoiren, weil es den Verantwortlichen so peinlich war.

Insgesamt wurden in den siebziger Jahren fast 300 Sexfilme in Deutschland gedreht. Eine Menge nackte Haut. Doch wer war eigentlich bereit, sich für die frivolen Klamotten zu entblättern? In dem Buch "Schulmädchen-Report - Der deutsche Sexfilm der 70er Jahre" der Medienwissenschaftlerin Annette Miersch erklärt Wolf C. Hartwig, der Produzent der Report-Reihe, seine Masche. Für die 13 Filme, erinnert er sich, haben sie insgesamt rund 800 Mädchen gebraucht, "die aussehen mussten wie 16-Jährige oder jünger möglichst". So castete er persönlich viele weibliche Teenies, die in den Kaufhäusern Berlins arbeiteten. "800, 600 Mark hat eine Verkäuferin im Monat verdient", rechnet er vor, "die Tagesgage bei mir war für die damals 500 Mark."

Allerdings wussten die Mädchen nicht immer, was auf sie zukommen würde. Sie unterschrieben eine Einverständniserklärung, sich nackt vor der Kamera zu zeigen. Mehr Informationen bekamen sie nicht. Dennoch versichert "Schulmädchen"-Produzent Hartwig: "Auf den Sets ist es so harmlos zugegangen, da hätten sie ihre Großmutter daneben setzen können."

Inzest mit dem Stiefvater, Bruder oder Großvater

Dabei waren die Drehbücher der "Schulmädchen-Report"-Reihe manchmal alles andere als harmlos. Nicht nur, dass viele der Teenager in den Filmen sich offensichtlich nichts Schöneres vorstellen konnten, als mit weit älteren Männern zu schlafen. Manche Episoden handelten vom Inzest mit dem Stiefvater, Bruder oder Großvater. Im zweiten Teil der Serie wird minutenlang ein Missbrauch gezeigt. Von Annette Miersch auf die Unerträglichkeit dieser Szene angesprochen, antwortete Hartwig nur: Der größte Teil des Publikums, "der Geld ausgegeben hat, möchte eine Vergewaltigung sehen". Und so war es wohl auch.

Laut der Arte-Dokumentation "Von Sex bis Simmel" ist die "Schulmädchen-Report"-Reihe "das finanziell erfolgreichste Produkt, das das deutsche Kino je hervorgebracht hat" - ein deutsches Kinomärchen, wenn man es denn so will.

Angelockt vom schnellen Geld, spielten auch einige spätere TV-Stars in ihrer Jugend bei so mancher Bumskomödie mit. Für sie wurden die Streifen zum Karrieresprungbrett. "Schwarzwald Klink"-Sunnyboy Sascha Hehn, Heiner Lauterbach und Katja Bienert aus der "Praxis Bülowbogen" starteten mit den versauten Filmen. Ingrid Steeger wurde gar zum Sexfilmstar der Siebziger. Und sogar Annemarie Wendl - in der "Lindenstraße" die burschikose Hausmeisterin Else Kling - spielte in einem halben Dutzend Sexklamotten mit.

Dennoch sind die frivolen Filme der siebziger Jahre bis heute ein Tabu-Thema über das nur weniger Darsteller von einst sprechen wollen. Nur Konstantin Wecker bekennt sich offen zu seinen Rollen in Filmen wie "Geilermanns Töchter" oder "Beim Jodeln juckt die Lederhose" und schreibt in seiner Biografie sogar: "Mir persönlich hätte es nicht das Geringste ausgemacht, richtig zur Sache zu gehen vor der Kamera."

Die Schauspielerin Jutta Speidel dagegen war schockiert, als sie am Set des ersten "Schulmädchen Reports" ihren Text las: "Ich habe Unzucht getrieben. Geküsst habe ich ihn. Auf den Bauch. Zuerst auf den Bauch, dann wurde sein Ding ganz groß. Dann habe ich das auch geküsst." Später dachte Speidel nur: "Hoffentlich kriegt meine Mutter nicht heraus, in was für einem Episodenfilm ich da mitgespielt habe." Ihrer Karriere hat es trotzdem nicht geschadet. Heute ist sie vor allem bekannt für ihre Rolle in Fernsehserien wie "Rivalen der Rennbahn", "Der Bergdoktor" und "Um Himmels Willen". Darin spielt sie eine Nonne.

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1.
Michael Schnickers 07.06.2010
Wenn der Zensor mit der Schere... Während die Filme zunächst nur im Kino ab 18 liefen, wurden die meisten der Sex-Klamotten später im Fernsehn gezeigt (z.B. auf SAT1). Irgendwann wurden dann erste Schnitte angesetzt (z.B. die erwähnte Vergewaltigungsszene in SM 2), dann wurden die Gesetze verschärft und mehr und mehr minderjährige Darstellerinnen entfernt (Katja Bienert hat die ersten Oben-Ohne-Szenen glaub ich schon mit Zwölf gemacht) und schließlich wurden ganze Filme indiziert, denn 16jährige, die ihren Busen zeigen (da fällt ja dann auch der Auftritt von Jutta Speidel drunter) gelten heute als Jugendpornographie (was für viele dasselbe bedeutet wie Kinderpornographie), für die andere Maßstäbe gilt als für Erwachsenen-Pornographie, da reicht schon Nacktheit, wenn sie zum Aufreizen gedacht ist. Unsereiner war damals noch zu jung und mir gefallen die "Eis am Stiel"- Filme besser, schon wegen der Musik...
2.
Roland Grosser 07.06.2010
Unter den Schauspielern habe ich Michael Schreiner vermisst - der musste immer den Deppen mit dem komischen Tic spielen. Tatsächlich ist das das einzigeste, an das ich mich noch von den Filmen erinnern an. Zum Vorredner .. ab 18 waren die ? Ich bin da mit 15, 16 rein ..
3.
Michael Schnickers 07.06.2010
Der Film mit den nackten Superhexen da oben ist von 1980, Katja Bienert ist von 1966... Sie sieht zwar älter aus (ich war übrigens mal etwas verschossen in sie), aber ob das heute keinen Ärger gibt? Nicht wegen mir, aber wenn das "Jugendschutz.net" sieht...
4.
Renate Franz 07.06.2010
Ich war 16, als ich damals (unerlaubterweise) mit meinem gleichaltrigen Freund im "Schulmädchen-Report" war. Wir haben Tränen gelacht, und das Resultat war, dass wir vom Kinobesitzer vor die Tür gesetzt wurden, weil wir die anderen Besucher stören würden....
5.
Herbert Brahms 22.03.2011
Nun ja es ist verständlich,dass Schauspieler sich nicht gerne an diese Filme erinnern,diese Sexfilme von damals wirkten wirklich dümmlich und peinlich.Aber was solls,von Kunst alleine kann ein Schauspieler auch nicht leben,und die Filmbranche steckte ja damals auch in der Krise,denn die Kinos waren leer,das einzige was noch zog waren diese lächerlichen Sexfilme.
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