Ich erinnere mich noch sehr genau an das Konzert in der Zetra-Halle. Es war einer dieser Momente, die man nie vergisst. Dazu zähle ich viele Erlebnisse im Krieg und während der Belagerung Sarajevos, ebenso den 11. September 2001, aber auch die Geburt meines Sohnes und das Konzert am 28. Juli 1991.
Ich weiß noch genau, wie sich die Euphorie damals anfühlte. Damals ahnte ich nichts vom Krieg. Und selbst wenn ich den Krieg vorausgesehen hätte, nie und nimmer hätte ich gedacht, dass er so blutig und brutal sein würde. Wenn ich heute an das Konzert denke, wenn ich sehe, wie viele Menschen damals ihren Wunsch nach Frieden bekundet haben - dann frage ich mich, warum man ihnen diesen nicht erfüllen konnte.
Ich erinnere mich genau, was ich damals anhatte: Ich war Punkerin. Wir waren in dieser Zeit völlig verrückt, haben das Leben in vollen Zügen aufgesogen. Wir waren so viel feiern, so viel tanzen, haben kaum geschlafen - es war, als wüssten wir, dass der Krieg bald ausbrechen würde.
Krieg auf dem Balkan (Truppen in Brezice 1991, nahe Zagreb): 1991 war Jugoslawien kein stabiler Staat mehr, aber multireligiös, multikulturell und multiethnisch, mit hohem Bildungsstandard. Dann stürzte die ganze Balkanregion ins Chaos des Krieges und erlebte unfassbare Massaker.
Serbiens Präsident Slobodan Milosevic bei einer Rede 1989 in Belgrad: Wenn man nur einen Urheber der Jugoslawienkriege in den Neunzigerjahren benennen müsste, dann wäre er es. Milosevic wurde vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag angeklagt. Die Anklage: Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der Kriege in Kroatien, Bosnien und im Kosovo. Er starb 2006, bevor das Verfahren vor dem Tribunal abgeschlossen werden konnte.
Das ehemalige Jugoslawien setzte sich aus sechs Teilrepubliken zusammen: Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Slowenien und Montenegro. Innerhalb Serbiens gab es zwei autonome Provinzen, das Kosovo und die Vojvodina. Serbien war die größte Teilrepublik; außerdem lebten in anderen Teilrepubliken, vor allem in Bosnien und Kroatien, große serbische Minderheiten.
Panzer der jugoslawischen Volksarmee in den Straßen der slowenischen Stadt Maribor (Juni 1991): Slowenien war die erste Teilrepublik, die sich von Jugoslawien lossagte. Die Kämpfe in Slowenien waren der Beginn des Balkankriegs. Sie dauerten aber nur zehn Tage und endeten dann mit einem Waffenstillstand.
Auf dem Rückweg: Die jugoslawische Armee zog sich zurück. Slowenien blieb danach vom Krieg unberührt, die Teilrepublik ging ungehindert ihren Weg in die Selbstständigkeit. Die Kämpfe verlagerten sich nach Kroatien und vor allem nach Bosnien.
Ein Panzer bei der Belagerung von Vukovar. Im November 1991 nahm die jugoslawische Armee gemeinsam mit serbischen Freischärlern die kroatische Stadt ein, die nach monatelanger Belagerung fast völlig zerstört war. Nach der Eroberung massakrierten die Armee und serbische Paramilitärs mindestens 200 größtenteils kroatische Kriegsgefangene und Zivilisten.
Seite an Seite: Das gemeinsame Vorgehen von Armee, Milizen und Paramilitärs war charakteristisch für die Kriegsstrategie. Hier kämpfen serbische Milizen in Kroatien gemeinsam mit der jugoslawischen Armee. Die serbische Minderheit in Kroatien weigerte sich, Teil eines unabhängigen Kroatiens zu werden. Sie rief ihren eigenen Staat in Kroatien aus, die "Republik Serbische Krajina", die nie international anerkannt wurde.
Kroatiens Präsident Franjo Tudjman war einer der Gründe für den Separatismus der serbischen Minderheit. Tudjman schlug bewusst nationalistische und antiserbische Töne an. So wollte seine Regierung die Serben in Kroatien von einem staatstragenden Volk zu einer Minderheit mit Minderheitenrechten degradieren. Tudjman starb 1999, während das Haager Tribunal gegen ihn ermittelte.
Rauch über Zagreb: die kroatische Hauptstadt bei Luftangriffen durch die jugoslawische Armee im Oktober 1991. Franjo Tudjmans Präsidentenpalast wurde beim Angriff beschädigt.
Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, und seine Kämpfer im kroatischen Ort Erdut im Jahr 1991 - sie waren eine der berüchtigtsten Freischärler-Banden des Jugoslawienkriegs. Die Paramilitärs waren für zahlreiche Gräuel in Bosnien und Kroatien verantwortlich. Arkan wurde 2000 in der Lobby eines Belgrader Hotels erschossen. Das Haager Kriegsverbrechertribunal warf ihm Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor.
Das Konzert in der Zetra-Halle war der Höhepunkt der Friedensbewegung im ehemaligen Jugoslawien. In den Jahren 1991 und 1992 gab es in Jugoslawien zahlreiche Friedenskundgebungen mit zum Teil mehr als 100.000 Teilnehmern. Es fanden mindestens 18 Friedenskonzerte mit mehr als 10.000 Teilnehmern statt.
Unter Feuer: Ein bosnischer Regierungssoldat erwidert das Feuer auf serbische Heckenschützen (6. April 1992 in Sarajevo), die zuvor von einem Hotel aus auf eine Friedensdemonstration mit etwa 30.000 Menschen geschossen hatten.
Belagerte Stadt: Die Friedensdemos konnten den Krieg nicht verhindern. Nur Monate später wurde Sarajevo belagert. Bosnisch-serbische Truppen beschossen die Stadt mit schwerer Artillerie, Heckenschützen schossen auf die Einwohner. Hier liegt ein toter Zivilist auf dem Gehweg (Juni 1992). Mehr als 11.000 Bewohner wurden während der Belagerung getötet.
Muslimische Verteidiger der Stadt trinken Ende April 1992 türkischen Kaffee in der Altstadt von Sarajevo. Die Belagerung Sarajevos war die längste der modernen Geschichte. Sie dauerte fast vier Jahre lang.
Rückfall in die Barbarei: Der Jugoslawienkrieg verursachte unvorstellbares Leid - ein muslimischer Gefangener 1992 in einem serbischen Lager in der Nähe von Banja Luka, der heutigen Hauptstadt des serbischen Teils Bosniens.
Auch Massenvertreibungen waren ein Kennzeichen des Jugoslawienkriegs. Hier führt eine muslimische Frau ihr Enkelkind durch ein Flüchtlingslager in Kroatien. Zuvor waren sie aus Sarajevo geflohen.
Schier endloser Zug: Serbische Flüchtlinge auf dem Weg heraus aus Kroatien. Die Offensive der kroatischen Armee im Jahr 1995 zwang etwa 150.000 Serben in die Flucht.
Flüchtlinge aus Srebrenica: Im Juli 1995 verübten bosnisch-serbische Soldaten und Paramilitärs unter dem Befehl von General Ratko Mladic das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nachdem sie die ostbosnische Stadt Srebrenica eingenommen hatten, töteten sie mehr als 8000 muslimische Jungen und Männer. Zuvor trennten sie Frauen, Kinder und Alte von Männern und Jungen im wehrfähigen Alter.
Ratko Mladic (l.) und Tom Karremans (2. v.r.), der Kommandant niederländischer Uno-Friedenstruppen in Srebrenica. Im April 1993 erklärten die Vereinten Nationen Srebrenica und fünf weitere belagerte Städte zu sogenannten Schutzzonen. In den Städten wurden Uno-Friedenstruppen stationiert. Die waren allerdings schlecht ausgerüstet und durften ihre Waffen nur zur Selbstverteidigung einsetzen, nicht aber zum Schutz der Menschen in Srebrenica. Die in der Schutzzone stationierten niederländischen Uno-Soldaten leisteten keinen Widerstand, nachdem die Serben die Stadt eingenommen hatten. Vor ihren Augen wurden muslimische Familien getrennt, Frauen und Kinder in Busse gesetzt und in das von Bosniaken kontrollierte Gebiet gebracht. Männer und Jungen wurden in den kommenden Tagen getötet.
Die Verantwortlichen für das Massaker: General Ratko Mladic und Radovan Karadzic (r.), der politische Führer der bosnischen Serben. Karadzic wurde im März 2016 in erster Instanz zu 40 Jahren Haft verurteilt. Das Tribunal befand ihn des Völkermords im Zusammenhang mit dem Massaker von Srebrenica für schuldig. Auch in neun weiteren von insgesamt elf Anklagepunkten sprachen ihn die UN-Richter schuldig, unter anderem wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Karadzic ist in Berufung gegangen. Mladic ist wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt - unter anderem im Zusammenhang mit dem Massaker von Srebrenica und der Belagerung von Sarajevo.
Endlich Kriegsende: Slobodan Milosevic, Bosniens Präsident Alija Izetbegovic und Kroatiens Präsident Franjo Tudjman (v.l.) im Dezember 1995 in Paris vor der Unterzeichnung des Dayton-Abkommens, das den Bosnienkrieg beendete. Seitdem existiert Bosnien-Herzegowina als unabhängiger Staat, zusammengesetzt aus zwei "Entitäten": der bosniakisch-kroatischen Föderation mit 51 Prozent des staatlichen Territoriums und der Serbischen Republik mit 49 Prozent.
Ich kann mich an diesen Moment während des Konzerts erinnern, da wurde mir bewusst, wie tief die Gräben schon waren. Als die beiden Musiker Goran Bregovic und Haris Dzinovic auf die Bühne traten und das Lied sangen: "Der Stern vertreibt den Mond". Eigentlich ein harmloses Volkslied, aber der Stern galt damals als Sinnbild für die Partisanen und die Kommunisten, die Jugoslawen. Der Mond stand für die Muslime und die Bosniaken, die einen eigenen Staat haben wollten.
Wenn man also wollte, konnte man in dieses Lied eine Menge hineininterpretieren. Und als das Publikum zu jubeln begann, habe ich mir zum ersten Mal echte Sorgen gemacht. Ich hatte Angst um die Sicherheit der Menschen in der Halle. Davor, dass sie gerade etwas bejubeln, das anderen vielleicht nicht passen könnte. Ich fürchtete Gewalt.
Im Krieg kommt alles an die Oberfläche
Ich erinnere mich auch ganz genau, wo ich während des Konzerts stand: unten, relativ nah an der Bühne, mit meiner Clique. Wir waren etwa 15 oder 16 Leute. Heut bin ich die Einzige von uns allen, die noch immer in Bosnien, in Sarajevo lebt. Zwei sind gestorben, die anderen sind fortgezogen, nach Australien, Belgien, Amerika, Schweden, Deutschland, in die Schweiz.
Mit fast allen meinen Freunden von damals habe ich noch Kontakt. Aber ganz ehrlich: Von ungefähr fünf Prozent will ich nicht wissen, wie es ihnen geht und was sie getan haben. Vielleicht waren sie in den Bergen über der Stadt, von wo aus Sarajevo beschossen und belagert wurde. Ich möchte gar nicht daran denken, ob sie vielleicht auch selbst geschossen haben.
-
Wie kam es zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien? Welche Rolle spielte die politische Führung, welche die Friedensbewegung? Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Jugoslawien-Krieg finden Sie hier.
Ich rede über den Krieg. Als Mensch mit einer posttraumatischen Belastungsstörung tut es mir gut, darüber zu sprechen. Es war eine starke, eine intensive und auch eine gute Zeit - so grausam das klingen mag. Es gibt so viele Opfer, so viel Leid und Tod. Der Krieg ist aber auch eine Zeit, in der alles an die Oberfläche kommt, in der du genau erkennst, wie ein Mensch ist: ob er gut ist oder schlecht, ob er in der Not sein Brot mit dir teilt oder nicht.
Ich war vier Jahre lang im Krieg und kann heute von mir behaupten, dass ich ein guter Mensch bin. Das weiß ich jetzt, nachdem ich all das durchgemacht habe. Als Journalistin war ich oft an der Front, ich habe da sehr viel mitbekommen. Ich habe 1995 das Massaker an der Markthalle Markale in Sarajevo erlebt, die Explosion gehört, die vielen Leichen gesehen.
Liebt euch, küsst euch, streitet miteinander - redet
Heute habe ich einen Sohn, sieben Jahre alt. Ich habe ihn Sin genannt, was "Sohn" bedeutet. An diesem Namen kann man nicht sofort erkennen, ob er muslimisch, katholisch oder serbisch-orthodox ist. Ich wünsche mir, dass mein Kind ein Kind der Welt wird, dass es weltoffen ist.
Es ist so wichtig, dass Menschen durch die Welt reisen, andere Menschen kennenlernen. Liebt euch, küsst euch, streitet euch - aber kommuniziert miteinander. Wir dürfen nie aufhören, zu reden. Denn wenn das ausbleibt, entstehen Missverständnisse. So war es zwischen Slowenen, Kroaten, Bosniern und Serben.
Bis heute kann ich nicht verstehen, warum Europa diesen Krieg zugelassen hat. Warum hat Europa Vukovar zugelassen? Srebrenica? Sarajevo? Prijedor? Kosovo? Die Massaker? Konzentrationslager? Srebrenica ist nur eine Flugstunde von Wien entfernt. Ich kriege diese Fragen nicht aus meinem Kopf. Warum haben sie bis 1995 gewartet, bis sie endlich etwas gegen die Belagerung Sarajevos unternommen haben?
Wir haben heute alle vergessen, welche Bedeutung das Konzert in der Zetra-Halle damals für uns hatte. Es hat den Krieg nicht aufgehalten. Das heißt aber nicht, dass es nichts gebracht hätte. Es hat viel gebracht: Wir haben gezeigt, dass Abertausende gegen den Krieg waren und an den Frieden glaubten.
Machen Sie mit!
-
Waren Sie am 28. Juli 1991 auf dem "Yutel za mir"-Konzert in Sarajevo? Dann melden Sie sich bitte auf der Webseite www.zetraproject.com und erzählen uns Ihre Geschichte. Sie finden uns auch auf Facebook: die deutsche Version hier, die serbokroatische hier.
Video: Warum Senka Kurt beim Zetra-Project mitmacht