Weshalb ich mich so gut an das Konzert im Juli 1991 in Sarajevo erinnere: Die Energie war abnormal. Ich will keine abgedroschenen Worte wie Brüderlichkeit und Einheit in den Mund nehmen, aber dieses zwischenmenschliche Verständnis, das war einfach da. Es war etwas ganz Besonderes.
ZETRA - Days of Hope
Davon Ebner 1991
Und dann, nur kurz danach, war es weg. Da war auf einmal diese riesige Distanz zwischen den Völkern, zwischen den Menschen. Inzwischen wächst das Verständnis füreinander wieder, ganz langsam; vielleicht kommen wir am Ende wieder dahin, dass wir uns verstehen.
An diesem Abend drängten sich mehr als 20.000 Leute in den unteren Teil der Halle. Das war in diesem Moment eine riesige Hippie-Kommune, alle sagten: "Wir wollen kein Blut, wir wollen Liebe." Die Lichter in der ganzen Halle waren an. Normalerweise ist es bei Konzerten dunkel, wir aber konnten die Zuschauer sehen.
So war das beim letzten großen Rockkonzert im ehemaligen Jugoslawien.
Wir waren so naiv. Wir waren nicht dumm, wir waren naiv. Rockmusiker wollen Frieden, Liebe, sie wollen positive Energie verbreiten. So sehr ich das an uns mag, heute frage ich mich: Wie konnten wir nur so sein? Andererseits: Was hätten wir anders machen können? Wir hätten viel mehr Verständnis gebraucht, viel mehr Kommunikation zwischen den Völkern, zwischen den Menschen.
Krieg auf dem Balkan (Truppen in Brezice 1991, nahe Zagreb): 1991 war Jugoslawien kein stabiler Staat mehr, aber multireligiös, multikulturell und multiethnisch, mit hohem Bildungsstandard. Dann stürzte die ganze Balkanregion ins Chaos des Krieges und erlebte unfassbare Massaker.
Serbiens Präsident Slobodan Milosevic bei einer Rede 1989 in Belgrad: Wenn man nur einen Urheber der Jugoslawienkriege in den Neunzigerjahren benennen müsste, dann wäre er es. Milosevic wurde vom Internationalen Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag angeklagt. Die Anklage: Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit während der Kriege in Kroatien, Bosnien und im Kosovo. Er starb 2006, bevor das Verfahren vor dem Tribunal abgeschlossen werden konnte.
Das ehemalige Jugoslawien setzte sich aus sechs Teilrepubliken zusammen: Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Slowenien und Montenegro. Innerhalb Serbiens gab es zwei autonome Provinzen, das Kosovo und die Vojvodina. Serbien war die größte Teilrepublik; außerdem lebten in anderen Teilrepubliken, vor allem in Bosnien und Kroatien, große serbische Minderheiten.
Panzer der jugoslawischen Volksarmee in den Straßen der slowenischen Stadt Maribor (Juni 1991): Slowenien war die erste Teilrepublik, die sich von Jugoslawien lossagte. Die Kämpfe in Slowenien waren der Beginn des Balkankriegs. Sie dauerten aber nur zehn Tage und endeten dann mit einem Waffenstillstand.
Auf dem Rückweg: Die jugoslawische Armee zog sich zurück. Slowenien blieb danach vom Krieg unberührt, die Teilrepublik ging ungehindert ihren Weg in die Selbstständigkeit. Die Kämpfe verlagerten sich nach Kroatien und vor allem nach Bosnien.
Ein Panzer bei der Belagerung von Vukovar. Im November 1991 nahm die jugoslawische Armee gemeinsam mit serbischen Freischärlern die kroatische Stadt ein, die nach monatelanger Belagerung fast völlig zerstört war. Nach der Eroberung massakrierten die Armee und serbische Paramilitärs mindestens 200 größtenteils kroatische Kriegsgefangene und Zivilisten.
Seite an Seite: Das gemeinsame Vorgehen von Armee, Milizen und Paramilitärs war charakteristisch für die Kriegsstrategie. Hier kämpfen serbische Milizen in Kroatien gemeinsam mit der jugoslawischen Armee. Die serbische Minderheit in Kroatien weigerte sich, Teil eines unabhängigen Kroatiens zu werden. Sie rief ihren eigenen Staat in Kroatien aus, die "Republik Serbische Krajina", die nie international anerkannt wurde.
Kroatiens Präsident Franjo Tudjman war einer der Gründe für den Separatismus der serbischen Minderheit. Tudjman schlug bewusst nationalistische und antiserbische Töne an. So wollte seine Regierung die Serben in Kroatien von einem staatstragenden Volk zu einer Minderheit mit Minderheitenrechten degradieren. Tudjman starb 1999, während das Haager Tribunal gegen ihn ermittelte.
Rauch über Zagreb: die kroatische Hauptstadt bei Luftangriffen durch die jugoslawische Armee im Oktober 1991. Franjo Tudjmans Präsidentenpalast wurde beim Angriff beschädigt.
Zeljko Raznatovic, genannt Arkan, und seine Kämpfer im kroatischen Ort Erdut im Jahr 1991 - sie waren eine der berüchtigtsten Freischärler-Banden des Jugoslawienkriegs. Die Paramilitärs waren für zahlreiche Gräuel in Bosnien und Kroatien verantwortlich. Arkan wurde 2000 in der Lobby eines Belgrader Hotels erschossen. Das Haager Kriegsverbrechertribunal warf ihm Verbrechen gegen die Menschlichkeit vor.
Das Konzert in der Zetra-Halle war der Höhepunkt der Friedensbewegung im ehemaligen Jugoslawien. In den Jahren 1991 und 1992 gab es in Jugoslawien zahlreiche Friedenskundgebungen mit zum Teil mehr als 100.000 Teilnehmern. Es fanden mindestens 18 Friedenskonzerte mit mehr als 10.000 Teilnehmern statt.
Unter Feuer: Ein bosnischer Regierungssoldat erwidert das Feuer auf serbische Heckenschützen (6. April 1992 in Sarajevo), die zuvor von einem Hotel aus auf eine Friedensdemonstration mit etwa 30.000 Menschen geschossen hatten.
Belagerte Stadt: Die Friedensdemos konnten den Krieg nicht verhindern. Nur Monate später wurde Sarajevo belagert. Bosnisch-serbische Truppen beschossen die Stadt mit schwerer Artillerie, Heckenschützen schossen auf die Einwohner. Hier liegt ein toter Zivilist auf dem Gehweg (Juni 1992). Mehr als 11.000 Bewohner wurden während der Belagerung getötet.
Muslimische Verteidiger der Stadt trinken Ende April 1992 türkischen Kaffee in der Altstadt von Sarajevo. Die Belagerung Sarajevos war die längste der modernen Geschichte. Sie dauerte fast vier Jahre lang.
Rückfall in die Barbarei: Der Jugoslawienkrieg verursachte unvorstellbares Leid - ein muslimischer Gefangener 1992 in einem serbischen Lager in der Nähe von Banja Luka, der heutigen Hauptstadt des serbischen Teils Bosniens.
Auch Massenvertreibungen waren ein Kennzeichen des Jugoslawienkriegs. Hier führt eine muslimische Frau ihr Enkelkind durch ein Flüchtlingslager in Kroatien. Zuvor waren sie aus Sarajevo geflohen.
Schier endloser Zug: Serbische Flüchtlinge auf dem Weg heraus aus Kroatien. Die Offensive der kroatischen Armee im Jahr 1995 zwang etwa 150.000 Serben in die Flucht.
Flüchtlinge aus Srebrenica: Im Juli 1995 verübten bosnisch-serbische Soldaten und Paramilitärs unter dem Befehl von General Ratko Mladic das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Nachdem sie die ostbosnische Stadt Srebrenica eingenommen hatten, töteten sie mehr als 8000 muslimische Jungen und Männer. Zuvor trennten sie Frauen, Kinder und Alte von Männern und Jungen im wehrfähigen Alter.
Ratko Mladic (l.) und Tom Karremans (2. v.r.), der Kommandant niederländischer Uno-Friedenstruppen in Srebrenica. Im April 1993 erklärten die Vereinten Nationen Srebrenica und fünf weitere belagerte Städte zu sogenannten Schutzzonen. In den Städten wurden Uno-Friedenstruppen stationiert. Die waren allerdings schlecht ausgerüstet und durften ihre Waffen nur zur Selbstverteidigung einsetzen, nicht aber zum Schutz der Menschen in Srebrenica. Die in der Schutzzone stationierten niederländischen Uno-Soldaten leisteten keinen Widerstand, nachdem die Serben die Stadt eingenommen hatten. Vor ihren Augen wurden muslimische Familien getrennt, Frauen und Kinder in Busse gesetzt und in das von Bosniaken kontrollierte Gebiet gebracht. Männer und Jungen wurden in den kommenden Tagen getötet.
Die Verantwortlichen für das Massaker: General Ratko Mladic und Radovan Karadzic (r.), der politische Führer der bosnischen Serben. Karadzic wurde im März 2016 in erster Instanz zu 40 Jahren Haft verurteilt. Das Tribunal befand ihn des Völkermords im Zusammenhang mit dem Massaker von Srebrenica für schuldig. Auch in neun weiteren von insgesamt elf Anklagepunkten sprachen ihn die UN-Richter schuldig, unter anderem wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Karadzic ist in Berufung gegangen. Mladic ist wegen Völkermordes, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt - unter anderem im Zusammenhang mit dem Massaker von Srebrenica und der Belagerung von Sarajevo.
Endlich Kriegsende: Slobodan Milosevic, Bosniens Präsident Alija Izetbegovic und Kroatiens Präsident Franjo Tudjman (v.l.) im Dezember 1995 in Paris vor der Unterzeichnung des Dayton-Abkommens, das den Bosnienkrieg beendete. Seitdem existiert Bosnien-Herzegowina als unabhängiger Staat, zusammengesetzt aus zwei "Entitäten": der bosniakisch-kroatischen Föderation mit 51 Prozent des staatlichen Territoriums und der Serbischen Republik mit 49 Prozent.
Wie hätte das gehen sollen? Wir hatten damals eigentlich keine Chance mehr, wir konnten nichts mehr tun. Es konnte nicht mehr aufgehalten werden. Und wir waren so naiv, wir dachten, das passiert irgendwo da drüben. Aber das Rad hatte sich schon zu drehen begonnen, eine große Maschinerie war gestartet. Wir konnten einfach nichts machen.
Mit dem letzten Zug raus aus Sarajevo
Wir lebten damals in Sarajevo noch im Frieden, als der Krieg in Kroatien schon begonnen hatte. Eine Kolonne von Hunderten von Autos, vor allem Taxifahrer, machte sich auf den Weg, um den Krieg aufzuhalten. Sie dachten, sie können sich ihm einfach in den Weg stellen.
Sie sind die vier Stunden nach Vukovar gefahren und wurden dort von Soldaten angehalten. Sie kamen zurück und erzählten uns: "Das ist eine Hölle da, ein Horror. Das könnt ihr euch nicht vorstellen."
Im April 1992, als die Kämpfe in Sarajevo begannen, stieg ich in den letzten Zug, der nach Banja Luka fuhr. Gleich am nächsten Tag ging es weiter nach Belgrad, mit viel Mühe, vorbei an vielen Barrikaden. Von Belgrad aus machte ich mich auf den Weg nach Deutschland und kam zunächst bei einem Onkel in Bochum unter. Dort lebte ich drei Monate und zog dann nach Frankfurt um - trotz vieler bürokratischer Hürden.
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Wie kam es zum Krieg im ehemaligen Jugoslawien? Welche Rolle spielte die politische Führung, welche die Friedensbewegung? Antworten auf die wichtigsten Fragen zum Jugoslawien-Krieg finden Sie hier.
Ich wollte kein Sozialfall sein und suchte Arbeit. Ich hatte alle möglichen Jobs: Autowäscher, Fensterputzer, Sicherheitsmann in einem Kleidungsgeschäft. Zuletzt arbeitete ich als Altenpfleger. Zu Beginn lebte ich in einer Hippie-Kommune zusammen mit zehn anderen Personen aus Sarajevo, die es nach Frankfurt verschlagen hatte. Später hatte ich dann eine Wohnung.
Ich war vollkommen in die deutsche Gesellschaft integriert. Nach sieben Jahren begriff ich aber, dass es unmöglich sein würde, in Deutschland zu bleiben. Denn in der Politik herrschte zu der Zeit die Meinung vor, dass alle Flüchtlinge zurückkehren sollten. Um nicht abgeschoben zu werden, verließ ich Deutschland Richtung Kroatien. Schließlich kehrte ich nach Sarajevo zurück. 2005 kam unsere Band wieder zusammen. Wir spielen noch heute.
So viel Zeit ist vergangen, an vieles kann ich mich gar nicht mehr erinnern, die Zeit vergeht wie im Flug. Wir werden älter, die Prioritäten ändern sich. Bei uns gibt es viele Leute, die gut und normal leben, aber jammern. Jammern hilft nicht, man muss die Dinge angehen.
Wenn es um Politik geht, wird man nie zwei Menschen finden, die gleicher Meinung sind. Aber das macht nichts. Lasst uns die Ärmel hochkrempeln, zusammen arbeiten, zusammen trinken, einander heiraten und Kinder kriegen. Das ist die einzige Lösung, wenn sich unsere Region irgendwie erholen will.
Video: Warum Davor Ebner beim Zetra-Project mitmacht
Machen Sie mit!
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Waren Sie am 28. Juli 1991 auf dem "Yutel za mir"-Konzert in Sarajevo? Dann melden Sie sich bitte auf der Webseite www.zetraproject.com und erzählen uns Ihre Geschichte. Sie finden uns auch auf Facebook: die deutsche Version hier, die serbokroatische hier.