Jugoslawienkrieg Antworten auf die zehn wichtigsten Fragen

Wie kam es zu den Kriegen im ehemaligen Jugoslawien? Welche Rolle spielten Konflikte zwischen den Volksgruppen? Und wurden die Kriegsverbrecher bestraft? Die wichtigsten Fragen im Überblick.

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1. Zu welchen Konflikten kam es in den Neunzigerjahren auf dem Balkan?

Mit dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawien ging eine Serie von Kriegen einher. Dabei handelt es sich vor allem um den Kroatienkrieg zwischen 1991 und 1995 und den Bosnienkrieg zwischen 1992 und 1995. Vorangegangen waren Gefechte in Slowenien, die nach zehn Tagen mit einer friedlichen Lösung des Konflikts endeten. Der Kosovokrieg in den Jahren 1998 und 1999 war der letzte bewaffnete Konflikt auf dem Balkan.

2. Was machte das damalige Jugoslawien zu einem Vielvölkerstaat?

Im sozialistischen Jugoslawien lebte eine ganze Reihe ethnischer und religiöser Gruppen in einem Staat zusammen: orthodoxe Serben, katholische Kroaten, muslimische Bosniaken und andere. Jugoslawien setzte sich aus sechs Teilrepubliken zusammen - Serbien, Kroatien, Bosnien-Herzegowina, Mazedonien, Slowenien und Montenegro. Innerhalb Serbiens gab es zwei autonome Provinzen, das Kosovo und die Vojvodina. Serbien war die größte Teilrepublik. Außerdem lebten in anderen Teilrepubliken, vor allem in Bosnien und Kroatien, große serbische Minderheiten.

3. Warum zerfiel der Vielvölkerstaat?

Die Gründe für den Zerfall Jugoslawiens sind komplex und in einander verwoben. Ab Anfang der Achtzigerjahre steckte Jugoslawien in einer Wirtschaftskrise. Dabei kam es zu Streit über die Verteilung der Mittel - auf der einen Seite die wohlhabenderen Teilrepubliken Kroatien und Slowenien, auf der anderen die ärmeren restlichen Landesteile.

Im Zuge der Wirtschaftskrise kamen nationalistische Tendenzen wieder auf, die unter dem 1980 gestorbenen Staatsgründer Josip Broz Tito unterdrückt worden waren. Spannungen zwischen den Teilrepubliken führten schließlich dazu, dass sich zunächst Slowenien und Kroatien, dann auch Mazedonien und Bosnien-Herzegowina von Jugoslawien lossagten.

4. Welche Rolle spielten Konflikte zwischen den Volksgruppen?

Im Laufe der Geschichte hatte es immer wieder Spannungen und zum Teil sehr blutige Auseinandersetzungen zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen auf dem Balkan gegeben. Daraus resultierten unterschwellige nationalistische Strömungen auch schon in Titos sozialistischem Jugoslawien.

Dennoch sah die Mehrheit der Bürger sich einer Umfrage zufolge noch im Jahr 1990 an erster Stelle als Jugoslawen, an zweiter Stelle als Europäer. Erst an dritter Stelle folgte die Zugehörigkeit zur Teilrepublik oder Region. Ferner gab es im ehemaligen Jugoslawien etwa 800.000 Mischehen; in Sarajevo war sogar fast jede dritte Ehe eine Mischehe. Religion spielte im Vielvölkerstaat keine große Rolle.

Viel spricht für die These, dass die ethnischen Spannungen nicht die Ursache, sondern die Folge des Zerfalls Jugoslawiens waren. Es war keineswegs eine natürliche und unvermeidliche Entwicklung, die dazu führte, dass sich diese Spannungen im Krieg entluden. Vielmehr waren es führende Politiker, die bewusst gewaltbereite Nationalisten Angst und Hass schüren ließen und so einen Krieg in Kauf nahmen.

5. Welche Rolle spielte Slobodan Milosevic?

Wenn man eine Person als den Urheber der Jugoslawienkriege bezeichnen könnte, dann wäre es der damalige Präsident Serbiens. Slobodan Milosevic sah im Wiedererstarken des serbischen Nationalismus eine Gelegenheit für sein eigenes politisches Fortkommen. Gestützt auf eine Gruppe serbischer Nationalisten aus dem Kosovo und mit Hilfe Verbündeter im serbischen Staatsfernsehen wurden die serbischen Minderheiten in Kroatien und Bosnien in Angst versetzt.

So berichtete das serbische Fernsehen ausführlich über Massaker, die kroatische Faschisten im Zweiten Weltkrieg an Serben verübt hatten. Unter den serbischen Minderheiten verbreitete sich die Furcht, dass ihnen in einem unabhängigen Kroatien oder in einem unabhängigen Bosnien ein ähnliches Schicksal drohen würde.

Das bereitete den Boden für die Ausbreitung einer Ideologie der Errichtung eines "Großserbiens". Dazu sollte nicht nur Serbien gehören; einverleibt werden sollten auch die Teile Bosniens und Kroatiens, in denen viele Serben lebten.

6. Gab es Nationalismus nur unter der serbischen Bevölkerung?

Nein. Auch unter Kroaten und Bosniaken gab es nationalistische Strömungen. So wollte etwa die neugewählte kroatische Regierung unter Franjo Tudjman die Serben in Kroatien von einem staatstragenden Volk zu einer Minderheit mit Minderheitenrechten degradieren.

7. Was waren die berüchtigten "ethnischen Säuberungen"?

Der Begriff "ethnische Säuberung", in Deutschland 1992 das "Unwort des Jahres", wird heute wie kein anderer mit den Gräueltaten und Verbrechen der Jugoslawienkriege assoziiert. Um einen "großserbischen" Staat errichten zu können, sollten die Bosniaken und Kroaten aus jenen Teilen Bosniens und Kroatiens verschwinden, in denen viele Serben lebten. So planten es etwa Milosevic und Radovan Karadzic, der Führer der bosnischen Serben. Das Mittel dazu waren oft Massenvertreibungen und Massaker, denen zumeist bosnische Muslime zum Opfer fielen.

Das schlimmste darunter war das Massaker in der ostbosnischen Stadt Srebrenica. Dort töteten im Juli 1995 bosnisch-serbische Truppen und Paramilitärs mehr als 8000 muslimische Männer und Jungen im wehrfähigen Alter. Auch serbische Zivilisten wurden Opfer von Massakern, die bosniakische und kroatische Kämpfer bei Vergeltungsaktionen verübten.

8. Wo wurde gekämpft?

Stark vereinfacht, lässt sich das militärische Geschehen in den Kriegen in Bosnien und Kroatien in zwei Phasen unterteilen: In der ersten Phase, vor allem in den Jahren 1991 und 1992, eroberten die Serben große Gebiete in Kroatien (etwa ein Drittel des Territoriums) und in Bosnien (etwa 70 Prozent der Fläche des Landes). Dabei gingen sie meist nach der gleichen Methode vor: Örtliche Soldaten wurden unterstützt von Freischärlern aus Serbien und von der jugoslawischen Armee (in Bosnien: jugoslawischen Soldaten bosnisch-serbischer Herkunft). Die bosnische Hauptstadt Sarajevo belagerten die Serben fast vier Jahre lang. Auch Kroaten und Bosniaken kämpften in dieser Zeit gegeneinander, etwa in der herzegowinischen Stadt Mostar.

Die zweite Phase war durch bedeutende Rückeroberungen der kroatischen und bosnischen Armeen geprägt. Vor allem im Jahr 1995 kam die militärische Wende. Die Internationale Gemeinschaft reagierte auf das Massaker von Srebrenica und die anhaltende Belagerung Sarajevos. Ab August 1995 flogen Kampfjets der Nato Luftangriffe gegen die Stellungen der bosnisch-serbischen Armee.

Auf Initiative des US-amerikanischen Unterhändlers Richard Holbrooke unterzeichneten im Dezember 1995 die Staatsoberhäupter Alija Izetbegovic (Bosnien-Herzegowina), Slobodan Milosevic (Serbien-Montenegro) und Franjo Tudjman (Kroatien) das Dayton-Abkommen. Es beendete den Bosnienkrieg.

9. Wurden die Kriegsverbrechen bestraft?

Durch einen Beschluss des Uno-Sicherheitsrats wurde 1993 der Internationale Strafgerichtshof für das ehemalige Jugoslawien geschaffen. Das Tribunal ist für Kriegsverbrechen zuständig, die dort nach dem 1. Januar 1991 verübt wurden.

Das vielleicht wichtigste Verfahren vor dem Gerichtshof wurde nie zu Ende geführt: Der frühere serbische Präsident Slobodan Milosevic starb am 11. März 2006 in seiner Zelle. Die Anklage warf ihm vor, während der Kriege in Kroatien, Bosnien und im Kosovo Kriegsverbrechen, Völkermord und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen zu haben.

Radovan Karadzic, politisches Oberhaupt der bosnischen Serben, wurde im März 2016 in erster Instanz zu 40 Jahren Haft verurteilt. Das Tribunal befand ihn unter anderem des Völkermords im Zusammenhang mit dem Massaker von Srebrenica für schuldig; Karadzic ist in Berufung gegangen.

Ratko Mladic, der frühere Militärchef der bosnischen Serben, ist wegen Völkermords, Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt - unter anderem im Zusammenhang mit dem Massaker von Srebrenica und der Belagerung von Sarajevo. Der Prozess läuft bereits seit Juni 2011.

Der kroatische General Ante Gotovina wurde 2012 im Berufungsverfahren freigesprochen. Damit wurde das Urteil aus der Vorinstanz aufgehoben, in dem Gotovina wegen Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit beim Vorgehen gegen die serbische Bevölkerung in Kroatien zu 24 Jahren Haft verurteilt worden war. Der Internationale Strafgerichtshof hatte es 2011 als erwiesen angesehen, dass er maßgeblich für ungesetzliche Angriffe sowie Morde, Vertreibungen und Plünderungen in seinerzeit von Serben bewohnten Teilen Kroatiens verantwortlich war. Die Anklageschrift in dem Prozess galt Beobachtern auch als juristische Abrechnung mit dem damaligen kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman. Zusammen mit ihm und anderen, argumentierte die Anklage, habe Gotovina eine "gemeinsame verbrecherische Vereinigung" gebildet. Tudjman starb 1999, während Ermittlungen gegen ihn im Gange waren.

Naser Oric, der ehemalige Kommandeur muslimischer Polizeitruppen in Srebrenica, wurde in einem Berufungsprozess freigesprochen. In erster Instanz war Oric für die Ermordung und Misshandlung von Serben in muslimischen Gefängnissen durch ihm unterstellte Einheiten in den Jahren 1992 und 1993 verurteilt worden.

10. Gab es eine Friedensbewegung?

Ja. In den Jahren 1991 und 1992 gab es in Jugoslawien zahlreiche Friedenskundgebungen mit zum Teil mehr als 100.000 Teilnehmern. Es fanden mindestens 18 Friedenskonzerte mit mehr als 10.000 Teilnehmern statt. Daneben gab es weitere vereinzelte Antikriegsaktionen. Aber gegen die Ausbreitung der Konflikte und dann den offenen Krieg konnten sie am Ende nichts ausrichten.

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Milovan Rafailovic, 28.06.2016
1.
Ich habe es beobachtet, wie aktiv der Zerfall Jugoslawiens vom Westen gefördert und unterstüzt war. Im Gange war die Schaffung einer neuen Weltordnung.
Jack Checker, 28.06.2016
2.
Haha @Milovan Rafailovic, diese serbisch-nationalistische Behauptung war nie war und wird es nie werden, bloss weil die Serben es sich selber nie eingestehen werden, dass sie diese ganze massgeblich begonnen haben. Mögen Milosevic und seine Schergen fürimmer in der Hölle schmoren, mit ihnen ihre Anhänger und Unterstützer
Luka Bilac, 28.06.2016
3. Das mit dem Westen stimmt auch.
Der Westen meinte das unbewaffnete Kroatien würde in ein paar Tagen fallen.... War leider nicht so ✌? Doch als die Kroaten den Terroristenstaat Krajina auslöschten und nach Bosnien einmarschierte sagte die NATO vor Banja Luka stop! Das hätte ja zuviele Flüchtlinge gegeben! Die hätten Kroatien verrecken lassen. Deswegen würde ich nie für die NATO , die EU oder Irgendeinen anderen meinen Allerwärtesten hinhalten. Den Terror haben die selbst verschuldet , die ihn zulassen und fördern!
Raimondo Civetta, 05.07.2016
4. Der unangenehme Klartext:
Jenes, damals in Jugoslawien praktizierte, realsozialistische Wirtschaftssystem war noch weniger nachhaltig als das bis heute angewandte, westliche Pendant. Spürbar war das am seit Ende der 70er Jahre beschleunigten Bröckeln der YU-Lebensqualität. Aus latenter Unzufriedenheit wurde in wenigen Jahren ein hochbrisantes Wut-Angst Gemisch, dass nur noch mit Vorwänden zu versehen war um sich selbst zu entfachen. Mit offenen Augen war somit jener Jugoslawienkrieg bereits 1984 als unausweichlich vorhersehbar. Frieden hängt überall und immer von der Wirtschaft ab. Die "westliche" Wirtschaft hinkt heute ebenfalls zunehmend und nahezu weltweit, wollen wir aber mit einem netten Kartenhaus als Fassade und ohne tatsächliche Änderungen durchaus weiterführen. Ganz gleich ob nach chinesischer, südamerikanischer, europäischer, russischer oder US-Rezeptur: Staaten, Unternehmen und Personen leben seit Jahrzehnten auf Pump! Mal ganz ehrlich: soll das gut gehen?
David Crnjac, 09.07.2016
5. Ergänzungen/Anmerkungen
Zu 3.: müsste man ergänzen: wegen den unter 5. beschrieben Aktivitäten von Milosević kam es zum Verfassungsbruch durch Serbien. Der Austrittswunsch/Unabhängigkeits-Wunsch von Kroatien und Slovenien war rechtlich einwandfrei. Zu 9.: interessant und völlig daneben finde ich, dass sich der Freispruch vom kroatischen General Ante Gotovina ließt wie eine einzige Anklageschrift. Als ob Hr. Sarović der Freispruch nicht in den Kram passt und die vollständige Anklage runtergelesen werden muss um wenigstens den verruchten Anschein aufrecht zu erhalten, Kroatien hätte 'richtig Dreck am Stecken'.
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