Juden in der DDR Flucht aus dem besseren Deutschland

Juden in der DDR: Flucht aus dem besseren Deutschland Fotos
AP

Erst wurde er verhört, dann organisierte er den Exodus: Vor 60 Jahren verhalf der SED-Volkskammerabgeordnete Julius Meyer Hunderten Juden zur Flucht nach West-Berlin. Er hatte sich in der DDR vor Verfolgung sicher gefühlt - ein Trugschluss. Von

  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 19 Kommentare
  • Zur Startseite
    3.9 (20 Bewertungen)

Viele von denen, die Nationalsozialismus und Krieg überlebt hatten, hielten die DDR für das bessere Deutschland. Ein antifaschistischer Staat, gegründet unter anderem von Menschen, die unter Hitler im KZ gesessen hatten. Ein solcher Staat musste ein guter Ort sein. Erst recht für Juden.

So ähnlich wohl dachte der Jude Julius Meyer. Die Nazis hatten ihn 1943 verhaftet, sie hatten ihn erst nach Auschwitz und dann nach Ravensbrück geschickt. Dem Holocaust entronnen, glaubte er an einen Neuanfang auf deutschem Boden. In Ost-Berlin übernahm er den Vorsitz der sich langsam wieder formierenden jüdischen Gemeinde, nach der Gründung der DDR wurde er dort Präsident des Verbandes der Jüdischen Gemeinden und saß für die SED in der Volkskammer.

Dass es nach dem Tod von Millionen Juden je wieder antisemitische Kampagnen in einem deutschen Staat geben könnte, konnte sich Julius Meyer nicht vorstellen. Erst recht nicht auf dem Territorium der DDR. Ein fataler Trugschluss.

Es sollte nicht lange dauern, da wusste Julius Meyer, dass er in Ostdeutschland nicht mehr sicher war. Er nicht, und auch nicht die wenigen hundert Glaubensbrüder und -schwestern, die dort noch lebten.

Verhör durch die eigene Partei

Anfang 1953 wurde der Volkskammerabgeordnete Meyer von der SED vor die Zentrale Parteikontrollkommission bestellt. Wirklich überraschen konnte ihn das nicht. In der Partei hatte er sich über die Jahre Feinde gemacht, weil er mit Nachdruck für ein Gesetz eingetreten war, das den Opfern des Faschismus eine Wiedergutmachung sichern sollte.

Ein Anliegen, das er etwa mit dem SED-Funktionär Paul Merker teilte, das die Parteiführung um Walter Ulbricht aber ablehnte, weil sie auf der Position beharrte, dass die Kommunisten nicht schuld am Nationalsozialismus gewesen seien und deshalb auch nicht dessen Erbe zu tragen hätten. Dafür, dass sich die Genossen eigentlich dem Antifaschismus verschrieben hatten, gebrauchten sie in ihrer diesbezüglichen Stellungnahme 1952 allerdings eine bemerkenswerte Formulierung: "Von jüdischen Kapitalisten zusammengeraubte Kapitalien" seien kein Gegenstand der Wiedergutmachung.

Meyers Befragung dauerte mehrere Stunden. Was ihn dabei am meisten verunsicherte, waren die bohrenden Fragen nach seinen Verbindungen zu einer amerikanischen Hilfsorganisation, dem American Jewish Joint Distribution Comittee, kurz: Joint. Gegründet 1914, um im Krieg bedrohte Glaubensbrüder in Europa zu unterstützen, hatte sich Joint während der Nazi-Zeit um verfolgte Juden gekümmert, Ausreisemöglichkeiten sondiert und sogar Pakete nach Theresienstadt geschickt. Nach dem Krieg war sie die wichtigste Hilfsorganisation für die Überlebenden des Holocaust in Europa und schickte Care-Pakete in die DDR.

Als Meyer nach der Befragung endlich gehen durfte, wartete ein sowjetischer Offizier auf ihn. Auch er wollte von Meyer mehr über dessen Verbindungen zu Joint erfahren. Der Offizier ging dabei offenbar einem konkreten Verdacht nach: Er mutmaßte, dass die jüdischen Gemeinden im Ostblock über die Hilfsorganisation politische Anweisungen aus den USA bekämen.

Ärzteverschwörung in Moskau

Ernsthaft besorgt war Meyer schließlich, als er am 13. Januar 1953 von einer ungewöhnlichen Meldung erfuhr, die die sowjetische Nachrichtenagentur TASS verbreitete: Sowjetische Behörden hatten eine Verschwörung einflussreicher Ärzte des Kreml-Krankenhauses aufgedeckt und die Rädelsführer verhaftet. Diese Mediziner hätten ihre exponierte Position dazu genutzt, kommunistische Funktionäre durch falsche Behandlungsmethoden zu ermorden. TASS veröffentlichte sogar die Namen zweier prominenter Opfer der angeblichen Ärztebande: der bei sowjetischen Künstlern gefürchtete Stalin-Vertraute Andrej Schdanow und Politbüromitglied Alexander Schtscherbakow. Beide waren schon seit einigen Jahren tot.

Von den sieben inhaftierten Ärzten waren vier Juden, die drei anderen wurden als "verkappte Juden" bezeichnet. Angeblich hatten sie Verbindungen zu Joint. Deren Unterorganisation in der Sowjetunion hatte Stalin schon 1938 verboten, die Helfer aus dem Land geworfen, nachdem sich diese enteigneten jüdischen Händlern angenommen hatten. Nun, 1953, beschuldigte Stalin die Hilfsorganisation offen der Spionage.

Die verhafteten Professoren, so verlautete alsbald, hätten zugegeben, die Ermordung Stalins und seiner Helfer geplant zu haben. Eine landesweite Kampagne machte Stimmung gegen Juden. In der gesamten Sowjetunion weigerten sich die Menschen, sich von jüdischen Ärzten behandeln zu lassen. Vereinzelt kam es zu Übergriffen. Der Prozess wegen der sogenannten Ärzteverschwörung war für März anberaumt.

"Großmutter im Sterben"

So lange wollte Julius Meyer nicht warten. Er fürchtete, dass er bald nicht mehr auf freiem Fuß sein würde. Um Zeit zu gewinnen, ging er zum Schein auf die Forderungen der Staatssicherheit ein. Er fertigte Spitzelberichte an, hütete sich aber davor, Namen von Juden zu nennen, die Care-Pakete empfangen hatten.

Parallel traf er Verabredungen mit dem Vorsitzenden der jüdischen Gemeinde in West-Berlin, Heinz Galinski. Sie entwarfen einen Evakuierungsplan für die Juden in der DDR und vereinbarten eine Parole: "Großmutter im Sterben" lautete das Signal. Sobald sie diese Nachricht erreichte, sollten sich alle ausreisewilligen Juden mit ihren Angehörigen auf den Weg nach Berlin machen. Einige holte Meyer persönlich mit dem Auto in die Hauptstadt. Erstaunlicherweise ging nichts schief. Über Ost-Berlin erreichten alle Beteiligten im Februar 1953 den Westen.

Dass eine solche landesweite Aktion über die Bühne gehen konnte, ohne dass die Staatssicherheit Wind davon bekam, ist schwer vorstellbar. Zu vermuten ist eher, dass es die Politführung angesichts der historischen Belastung Deutschlands als klüger ansah, die jüdischen Mitbürger auf diese Art entkommen zu lassen, als ihnen auf Druck aus Moskau hin einen peinlichen Schauprozess machen zu müssen.

Exodus endgültig

Dazu allerdings wäre es schon aus einem anderen Grund nicht gekommen: Stalins Tod am 5. März 1953 änderte die Dinge grundsätzlich. Die Ärzte wurden rehabilitiert und konnten dem verstörten Sowjetvolk mitteilen, dass ihre Aussagen durch Folter erzwungen worden waren.

Die Flucht der Juden aus der DDR indes war endgültig. Mehr als 500 von ihnen waren Julius Meyer 1953 in den Westen gefolgt. Unter ihnen Vorsitzende und Beisitzer der jüdischen Gemeinden von Leipzig, Dresden, Halle und Erfurt. Aus Berlin-Niederschönhausen floh das gesamte jüdische Kinderheim gemeinsam mit seinen Betreuern. Auch den Ost-Berliner Kammergerichtspräsidenten Heinz Freund und Heinz Fried, den Direktor der Wasserbetriebe, zog es nach West-Berlin.

Was diese Abwanderungsbewegung für die jüdischen Gemeinden bedeutete, zeigt eine Statistik des Zentralrats der Juden in Deutschland: 1989, im Jahr der Wende, lebten in der DDR nur noch 400 Mitglieder der jüdischen Gemeinden, allein 250 davon in Ost-Berlin.

Julius Meyer hatte sich nach seiner Flucht in den Westen noch bis Mitte der siebziger Jahre einen Kampf mit bundesdeutschen Gerichten geliefert, die seinen Anspruch auf Entschädigung nicht anerkennen wollten. Als der westdeutsche Staat ihm auch noch den Status eines politischen Flüchtlings verweigerte, wanderte er mit seiner Familie nach Brasilien aus. Dort starb er 1979.

Zum Weiterlesen:

Annette Leo: Die 'Verschwörung der Weißen Kittel'. Antisemitismus in der Sowjetunion, in: Jan Foitzik (Hrsg.): Das Jahr 1953. Ereignisse und Auswirkungen, Potsdam 2004

Artikel bewerten
3.9 (20 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 19 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
Josef Kotzenmacher 18.02.2013
Es war und ist wie immer. Die Beamten sind die Täter und ein Gutteil der Öffentlichkeit spendet Beifall. Und die Politiker sind und waren wie immer für nichts verantwortlich.
2.
Peter Weisner 18.02.2013
Die Darstellung "Dass es nach dem Tod von Millionen Juden je wieder antisemitische Kampagnen in einem deutschen Staat geben könnte, konnte sich Julius Meyer nicht vorstellen. ? Ein fataler Trugschluss." ist im zweiten Satz verlogen oder wahrheitswidrig aus unentschuldbarer Ahnungslosigkeit. Es gab in der DDR definitiv keine antisemitischen Kampagnen. Es gab ausschließlich Kritik/Maßnahmen an Juden aus politischen Gründen - so auch an Personen, die mehr oder weniger zufällig Katholiken, Moslems, Atheisten, Hindus oder anderer Richtung waren. Nochmal: Es waren ausschließlich politische Gründe, die zu Verfolgung führten! - Es wird heute schon wieder entsetzliche Schwarz-Weiß-Malerei und Geschichtsklitterung betrieben - nicht nur ich bin (fast) schon wieder da gelandet, wo ich 1989 gestartet bin. Vergleichbar: Wenn ich an Israels Palästinenser-Politik Kritik üben würde, würde ich zu 99 % als "Antisemit" verschrien werden. - Damit die Wölfe nicht zu laut heulen: Ich versuchte umsonst (offensichtlich im doppelten Sinn!) per Fluchtversuch 1965 als 18-Jähriger der ideologischen Enge, dem Dogmatismus, der geistigen Erstarrung zu entkommen. Da hat ein Großteil der heutigen Chefideologen noch nicht einmal in den Windeln gelegen.
3.
Uwe Schwarz 18.02.2013
?"Von jüdischen Kapitalisten zusammengeraubte Kapitalien" seien kein Gegenstand der Wiedergutmachung.? ? diese Kürzung hat ja schon etwas Böswilliges. Im Textzusammenhang wird deutlich, worum es ging: Wiedergutmachung für Juden Ja, aber Rückerstattung von ?Kapital?, also Großgrundbesitz, Geldvermögen und Produktionsanlagen Nein. Und zwar nicht, weil man Juden nichts gönnte, sondern weil man ?Kapitalisten? nichts gönnte ? das ?neue Deutschland der Arbeiter und Bauern? sollte ein sozialistisches sein, indem es kein Privateigentum an Produktionsmitteln mehr gab. Das kann man falsch finden, und zumindest in dieser Schlichtheit war es auch falsch, aber es war kein Antisemitismus. Der fand sich freilich an anderer Stelle, in den fiesen Kleinigkeiten des Alltags, wenn mal ein SED-Sekretär Lokalfürst spielte oder ein Zeitungsredakteur die alte Schule nicht verleugnen konnte (das trieb während der Nahostkriege manch giftige Blüte). Und der Kadavergehorsam der SED-Führung gegenüber der Sowjetunion hat eben auch zur Übernahme der Kampagnen gegen ?wurzellose Kosmopoliten?, ?Formalisten? und ?zionistische Agenten? geführt. Nur Stalins Tod hat verhindert, daß es auch in der DDR zu einem Schandprozeß wie in der Tschechoslowakei (gegen Slánsky et al.) und Ungarn (gegen Rajk et al.) kam. Für die hier erwähnten sowjetischen Ärzte kam dieser Tod jedoch nicht mehr rechtzeitig, jedenfalls nicht für alle ? zwei waren schon zu Tode gefoltert worden.
4.
Rolf Radicke 18.02.2013
DDR war konsequent, nicht nur, weil man sich nicht als Nachfolgestaat des Dritten Reiches sah, sondern weil es , als Enteigner von Kapitalisten, keinen Grund (nach eigenem Rechtsverstaendnis) gab, die Enteigneten zu entschaedigen. Was haetten die auch im Arbeiter-und Bauernstaat mit dem Kapital anfangen sollen? Dass aber die BRD, die ja die rechtlichen Verpflichtungen aus der Vergangenehit anerkannt hatte, sich weigerte, eine entschaedigung zu leisten, ist auch kein Einzelfall, ueberrascht auch nicht, denn oft wurden die Faelle ja auch noch von Beamten bearbeitet, die schon vor 1945 Beamte waren. Dass dem Mann aber nicht einmal der Status des politischen Fluechtling zuerkannt wurde, das ist auch kein Ruhmesblatt. Er haette zuerst nach Israel auswandern sollen und von dort einen Antrag auf Entschaedigung stellen sollen. Dies haette seine Erfolgschancen erhoeht.
5.
Siegfried Wittenburg 18.02.2013
"Nochmal: Es waren ausschließlich politische Gründe, die zu Verfolgung führten!" Das entschuldigt aber nicht staatlich gewollte Menschenverachtung.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH