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Heynckes wird 70 Jupp, Jupp, hurra!

Heynckes wird 70: Jupp, Jupp, hurra! Fotos
imago/ Horstmüller

Ein halbes Jahrhundert Bundesliga, mehr als tausend Partien als Spieler und Trainer: Jupp Heynckes war immer dabei, wenn es um Titel und Rekorde ging. Heute kann er den Fußball endlich genießen. Von

Der Geburtsort klingt wie ein Freud'scher Versprecher: München-Gladbach. Da ist Josef Heynckes am 9. Mai 1945 auf die Welt gekommen. Die im niederrheinischen Tiefland gelegene Stadt hieß von 1888 an tatsächlich so. Erst 1950 wurde die Aussprache in "Mönchen-Gladbach" geändert, um Verwechslungen mit der bayerischen Landeshauptstadt zu vermeiden. 1960 passte man auch die Schreibweise an die heute noch gebräuchliche Form "Mönchengladbach" an. Gladbach und München - das waren die großen Fixpunkte in der Karriere des Josef Heynckes.

Der "Heynckes Jupp", wie ihn alle nannten, war ein stiller, freundlicher Junge und spielte in seiner Freizeit beim kleinen Stadtteilverein Grün-Weiß Holt äußerst passabel Fußball. Das Bewegungstalent war offensichtlich, die charakterlichen Eigenschaften, die er durch sein Elternhaus mit auf den Weg bekam, machten ihn zu einem perfekten Mannschaftsspieler. Vater Mathias arbeitete als Schmied, Mutter Anna betrieb einen Tante-Emma-Laden. Als neuntes von zehn Kindern hatte der kleine Josef früh gelernt, sich zu behaupten. Er beherrschte die Spielregeln von Geben und Nehmen aus dem Effeff, war fleißig und ehrgeizig, pflichtbewusst und uneigennützig.

Heynckes passte perfekt in das Raster des ambitionierten Trainers Hennes Weisweiler, der den talentierten Jungspund nach dessen Wechsel zum größten Verein der Stadt, der Borussia, förderte und zu einem Top-Stürmer ausbildete. Weisweilers legendäre "Fohlen" begeisterten mit ihrem bedingungslosen Offensivfußball. Erst die Fans in der Regionalliga West, dann die in der noch jungen Bundesliga.

Jupp immer dabei

Der Sprung der Borussia in die Bundesliga gelang 1965, im gleichen Jahr wie der des FC Bayern aus München. Fortan kreuzten sich die Wege beider Vereine mehrfach: 1969 wanderte die Salatschüssel des Deutschen Meisters an die Isar, in den beiden darauffolgenden Jahren an den Gladbacher Bökelberg, 1971 auch dank des von Hannover 96 zurückgekehrten Torjägers Heynckes. Von 1972 bis 1974 jubelten wieder die Münchner, von 1975 bis 1977 schaffte Mönchengladbach den Titel-Hattrick.

Die Epoche der Rivalität war prägend - auch für die Nationalmannschaft. Als sich die spielerisch vielleicht beste DFB-Auswahl 1972 "aus der Tiefe des Raumes" furios zum Europameistertitel kombinierte, machte erstmals der Begriff "Blockbildung" die Runde. Zum siegreichen 20er-Kader zählten jeweils sechs Gladbacher und Münchner. Zwei Jahre später, bei der erfolgreichen Heim-WM, standen fünf Borussen und sogar sieben Bayern im bundesdeutschen Aufgebot. Jupp Heynckes war stets mit dabei.

Gladbach und München hießen für Heynckes auch die Start- und Endpunkte seiner zweiten Fußballlaufbahn als Trainer, in dessen Verlauf er eine erstaunliche Metamorphose durchmachte: vom anfangs sturen und uneinsichtigen Pedanten und Kontrollfreak, dessen Gesicht sich bei Ärger knallrot einfärbte und ihm den Spitznamen "Osram" einbrachte, zu einem offenen, geselligen Typen.

Der größte Triumph

Er hat dafür eine Erklärung: Die ersten Jahre in München, vor allem aber die Auslandsengagements bei Athletic Bilbao und auf Teneriffa, später auch bei Benfica Lissabon, hätten ihm, so Heynckes rückblickend, "die Augen für andere Dinge als den Fußball" geöffnet. Der Trainer Heynckes entwickelte sich. Der begeisterte Lehrer und Vermittler war stets auch ein begierig Lernender. In einem Alter, in dem die meisten anderen längst die Rente herbeisehnen, erfand er sich noch einmal neu.

"Im Kopf bin ich immer jung geblieben", sagt Heynckes, der beispielsweise "aktuelle Musik von Lady Gaga und Rihanna hörte", um den Kontakt zu den Spielern nicht zu verlieren". Langjährige Erfahrung und Fachkompetenz gepaart mit Empathie - sie führte zu seinem größten Triumph: Mit 68 Jahren gelang Heynckes 2013 beim FC Bayern das, was in Deutschland noch kein Trainer vor ihm schaffte, das Titel-Triple aus Deutscher Meisterschaft, Europapokal- und DFB-Pokal-Sieg.

Heynckes hat Gespür fürs Timing. Seine Spielerkarriere beendete er, nachdem er 1978 fünf Treffer zum 12:0-Rekordsieg über Borussia Dortmund beigesteuert hatte, die als Trainer auf dem Zenit seines Erfolgs. 2013 erklärte er voller Stolz: "Ich übergebe meinem Nachfolger eine perfekt funktionierende Mannschaft." Heynckes' Erkenntnis: "Es gibt auch ein Leben nach dem Berufsleben. Ich möchte mein Leben genießen. Wenn Sie einen Job bei einem Top-Klub haben, können Sie nicht genießen."

Von München kehrte er wieder nach Hause zurück, nach Gladbach. In Schwalmtal-Fischeln, am Rande seiner Geburtsstadt, besitzt er ein im Stil einer spanischen Finca umgebautes rheinisches Bauernhaus mit großem Außengelände. Viel Arbeit für den praktisch veranlagten Zupacker. Fußball verfolgt Heynckes inzwischen "wie ein Fan", meist via Fernsehen.

Sein 70. Ehrentag ist passenderweise zugleich ein Bundesliga-Spieltag. Auf dem Programm stehen unter anderem zwei hochinteressante Derbys - in München und in Gladbach: Seine Bayern empfangen den FC Augsburg, seine Borussia kämpft gegen seinen anderen Ex-Klub Bayer Leverkusen um den lukrativen Champions-League-Platz drei. Jupp Heynckes wird wie immer genau hinschauen. Ganz gelassen. Und mit Genuss.

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insgesamt 23 Beiträge
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1.
Frank Widi, 09.05.2015
Glückwunsch Jupp! Früher war er mir sehr unsympathisch ( hat ja auch Frankfurt mit seinem Autoritätsgehabe in den Abgrund geführt ), aber mittlerweile, vielleicht auch bedingt durch eine gewisse Altersmilde seinerseits finde ich ihn richtig sympathisch! Und ein Abschied mit einem Triple ist einfach grandios! Also Jupp, geniess deinen wohlverdienten Ruhestand! Warst einer der letzten, der sich nicht nur selbst vermarktet hat!!
2.
T. K., 09.05.2015
1000mal sympathischer als guardiola
3. Der Trainer ...
Jan Vondran, 09.05.2015
... der einst den Niedergang der Eintracht aus Frankfurt massiv vorantrieb. Wenn er damals damit beauftragt worden wäre hätte er es nicht besser machen können.
4. Hach...
Andreas Borchert, 09.05.2015
...ja, wäre schön gewesen, er wäre noch ein bisschen beim FC Bayern geblieben!
5.
Rofl Dub, 09.05.2015
Alles Gute zum Geburtstag Herr Heynckes. Danke für die tolle Zeit und noch einmal Respekt für ihre Leistungen als Trainer.
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