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Kampf für die Homo-Ehe "Das wollen wir auch"

Ehe von Homosexuellen: Na also, geht doch Fotos
Getty Images

Der Jurist Manfred Bruns, 81, hat seine Frau verlassen, wohnt mit seinem Freund zusammen und kämpft für die Homo-Ehe - seit Jahrzehnten. Er sagt: "Lebensläufe wie meiner sollten sich nicht wiederholen." Von Frank Hornig, aus der SPIEGEL-Chronik 2015

Sein Rücken schmerzt, das Gehen fällt ihm zunehmend schwer, Manfred Bruns bewegt sich nur noch mit vorsichtigen Schritten durch seine Wohnung. Vor dem Fenster liegt ein Buch über die richtige Art zu trauern, auf der Kommode stehen auf einer Häkeldecke Fotos seiner Enkelkinder. Rentneralltag in Karlsruhe.

Aber der frühere Bundesanwalt will sich nicht beschweren. "Ich habe ja das Glück gehabt, dass mein Leben auf das Ende hin immer besser geworden ist", sagt Bruns. Er wohnt jetzt seit 23 Jahren mit seinem Partner zusammen. "Es waren die glücklichsten Jahre meines Lebens." Und er hält gute Kontakte zu seiner Frau, die er vor mehr als 50 Jahren geheiratet hat - Anfang der Achtzigerjahre hat er ihr von seiner Homosexualität erzählt. "Ich habe ja auch noch das Glück, dass ich mit meiner Familie im besten Einvernehmen lebe."

Wer wen heiraten darf - oder eben nicht, diese Frage ist für Bruns zum Lebensthema geworden. Seit bald 30 Jahren kämpft er für die Rechte homosexueller Paare, damit sich Schicksale wie seines nicht in jeder Generation wiederholen: die Unsicherheit und die Ängste, die Verletzungen und Brüche, die er als Heranwachsender erlebte, als Familienvater und in seinem Job als Bundesanwalt.

Fast hätte er in diesem Sommer die Krönung seines Lebenswerks erlebt. Ganz Deutschland diskutiert im Juni darüber, warum Schwule und Lesben immer noch nicht heiraten und die exakt gleichen Rechte wie heterosexuelle Eheleute genießen dürfen. #Ehefueralle lautet ein Hashtag-Slogan, der sich in Windeseile über Twitter und Facebook verbreitet, nachdem selbst die katholischen Iren in einem Volksentscheid für die gleichgeschlechtliche Ehe stimmen und am 26. Juni der amerikanische Supreme Court die Diskriminierung homosexueller Paare beendet.

Die verpasste Chance

Eine Zeit lang sieht es so aus, als könnten auch die Deutschen dem Beispiel folgen. Im Bundesrat findet sich eine Mehrheit für eine Reform des Ehebegriffs, und auch im Bundestag gibt es Bewegung: In der Koalition macht sich die SPD dafür stark. Selbst in der Union verbessert sich ganz vorsichtig die bis vor Kurzem überwiegend ablehnende Stimmung.

Bruns hatte schon 1989 zum ersten Mal die Einführung einer Lebenspartnerschaft vorgeschlagen. Wie sonst kaum jemand hat er das Projekt seither vorangetrieben. Dann allerdings beginnt die Flüchtlingskrise, kaum jemand redet jetzt noch über die Rechte von Schwulen und Lesben, eine verpasste Chance. "Das Thema ist bis zum Ende der Legislaturperiode tot", sagt Bruns.

Aus SPIEGEL Chronik 1/2015
Es ist eine merkwürdig verklemmte, illiberale Haltung, die Deutschland - genauer gesagt: die deutsche Politik - seit Jahren und Jahrzehnten gegenüber Homosexuellen einnimmt. 14 Staaten in Europa haben die Ehe inzwischen für Lesben und Schwule geöffnet, weltweit sind es 21; darunter viele Länder, die christlicher, konservativer geprägt sind als Deutschland - Brasilien, Südafrika oder Spanien zum Beispiel.

Die Bundesregierungen unter Angela Merkel und Gerhard Schröder jedoch haben sich vor dem letzten Schritt immer gescheut und rechtliche Verbesserungen nur nach und nach zugelassen. Wesentliche Fortschritte mussten vor Gericht erstritten werden.

Die Geschichte der Bundesrepublik spiegelt sich, wenn es um dieses Thema geht, in der Geschichte von Manfred Bruns. Sein Lebensweg steht stellvertretend für den langen Weg zu mehr Gleichberechtigung in der Gesellschaft.

Bis heute bekommt er immer wieder Post von Menschen, denen er mit seinem juristischen Rat geholfen hat. Sie schicken ihm Fotos von ihrer Hochzeitsfeier, die eigentlich Lebenspartnerschaftsfeier heißen müsste. Oder von Babys, die sie nie hätten adoptieren dürfen, hätte Bruns nicht vor Gericht für sie gekämpft. "Das finde ich sehr schön", sagt er, "dann denke ich mir, das wäre ohne dich nicht möglich gewesen."

Aber es erinnert ihn auch daran, was ihm selbst widerfahren ist. "Ich habe 20 Jahre lang eisern an der Ehe festgehalten", sagt Bruns, "weil ich Angst um meine bürgerliche Existenz hatte." Und weil er seine Frau und die drei Kinder nicht verlieren wollte.

"Wir waren eine Vorzeigefamilie"

Bruns ist leistungsbewusst erzogen worden, man hat sich im Griff, man gibt niemals auf, so hat er es als Kind gelernt. Mit seiner Sexualität erlebte er zum ersten Mal, dass es Dinge gibt, die er nicht in den Griff bekam. "Da konnte ich machen, was ich wollte, die war halt stärker." Irgendwann merkte er, dass er diesen wesentlichen Teil seiner Persönlichkeit nicht mehr unterdrücken konnte. Lange hat er sich mit seiner Frau unterhalten, später zog er aus der gemeinsamen Familienwohnung aus.

"Bundesanwalt bekennt: Ich bin schwul", lautete eine Schlagzeile der "Bild"-Zeitung am 14. August 1985, sie löste einen Skandal aus, wie er heute kaum noch vorstellbar wäre.

Bruns' Schwiegermutter erlitt einen Herzanfall, als sie die Nachricht aus der Zeitung erfuhr. "Wir waren für sie eine Vorzeigefamilie, bei der alles geklappt hatte", sagt er, "das war schlimm für sie."

Als Nächstes meldete sich sein Schwager und forderte seine Schwester, Bruns' Frau, auf, sich sofort scheiden zu lassen. "Sie hat ihm gesagt, dass er sich raushalten solle", erinnert sich Bruns.

Auch sein eigener Bruder wandte sich ab. Der Mann war Vorstand in einer Augsburger Textilfabrik, hatte immer gern mit seinem Bruder, dem Bundesanwalt, angegeben. Nun rief er an und beklagte sich. Er fürchtete, er könnte seinen Posten in der Textilfabrik verlieren. Bruns verstand die Welt nicht mehr.


Manfred Bruns: "Ich hatte Angst, dass ich meine Frau und die Kinder verliere"

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Zu jener Zeit wurde viel über einen Abgeordneten geschrieben, der einen Juwelierladen überfallen hatte. Er fragte seinen Bruder: "Was würdest du denn machen, wenn ich so etwas verbrochen hätte?" "Das wäre nicht so schlimm!" Im Büro lief es nicht besser. Mitarbeiter grüßten ihn nicht mehr. Zum Mittagessen war er am Tisch seiner Kollegen nicht erwünscht, Bruns hielt sich fortan von der Kantine fern.

Generalbundesanwalt war damals Kurt Rebmann, ein konservativer Hardliner, der einen Schwulen in seiner Behörde nur schwer ertragen konnte. "Er hat jahrelang nicht mehr mit mir gesprochen", erinnert sich Bruns. Er war der einzige Bundesanwalt, der nicht zum jährlichen Fest ins Haus des Chefs eingeladen wurde. Und er musste sein Fachgebiet - Verfahren in Sachen Landesverrat und Geheimdienstfragen - abgeben und künftig weniger brisante Fragen des Strafrechts behandeln. "Nach 20 Jahren, in denen es nie Grund gab, an meiner Loyalität zu zweifeln", sagt Bruns.

Lesben verdammten die Ehe als "Mottenkiste"

"Es war so sinnlos für alle Betroffenen, meine Frau, meine Kinder, alle haben darunter gelitten", sagt er. Bruns fing an, sich politisch zu engagieren. Er wollte, dass sich die Dinge endlich ändern.

Und sie änderten sich, schon am 1. Oktober 1989. Aber nicht in Deutschland, sondern in Dänemark. Als erstes Land weltweit verabschiedeten die Dänen ein Lebenspartnerschaftsgesetz. Bruns traf sich mit dem Grünen-Politiker Volker Beck und dem Grünen-Mitarbeiter Günter Dworek. "Das wollen wir auch", sagten sie sich und schrieben Positionspapiere.

Damit begann in Deutschland eine Debatte über mehr Rechte für Schwule. Die Lesben machten vorerst nicht mit - "weil sie die Ehe als vermeintliches Herrschaftsinstrument des Patriarchats damals generell ablehnten und am liebsten komplett abgeschafft hätten", so erinnert sich Bruns.

"Macht die Mottenkiste zu", lautete zu jener Zeit das Thesenpapier einer Vorstandsfrau des Lesbenrings.

Fast zehn Jahre verstrichen, bis Bruns und seine Mitstreiter mit ihrem Anliegen die Bundesregierung erreichten. Ab 1998 nahm sich Gerhard Schröder zwar mit seiner rot-grünen Koalition ein Lebenspartnerschaftsgesetz vor. Die Widerstände waren aber immer noch groß, Homophobie gehörte weiter zum guten Ton. Justizministerin Herta Däubler-Gmelin, eine prominente Protestantin, argumentierte hartnäckig gegen eine weitreichende Reform.

"Sie hat sich sogar geweigert, mir die Hand zu geben, wenn wir uns begegnet sind", so erinnert sich Bruns. Dann meldete Innenminister Otto Schily beim Gesetzentwurf verfassungsrechtliche Bedenken an. Der Bundesrat, wo die Union die Mehrheit hatte, war ohnehin dagegen. Am Ende kam ein Gesetz dabei heraus, das viele Pflichten und wenige Rechte enthielt.

Verfassungsrichtern erzählte Bruns von seinem Coming-out

Homosexuelle sollten zum Beispiel gegenseitig unterhaltspflichtig sein. Vorteile im Renten- oder Steuerrecht dagegen blieben ihnen verwehrt. Und selbst das war den Ländern Bayern, Sachsen und Thüringen zu viel. Sie klagten vor dem Bundesverfassungsgericht.

Bruns trat damals vor den Richtern auf. Er erzählte ihnen in der Verhandlung von seinem Coming-out vor beinahe 20 Jahren und von seiner Überzeugung, "dass sich scheußliche Lebensläufe wie meiner" nicht wiederholen sollten. Bruns weiß nicht, ob das die Verfassungsrichter beeindruckt hat. Jedenfalls wiesen sie die Klage der konservativen Länder ab.

Ein europäisches Land nach dem nächsten öffnete seither die Ehe für alle Bürger. Den Anfang machten die Niederländer 2001, ihnen folgten die Belgier, Spanier, Norweger, Schweden, Isländer, Portugiesen, Dänen, Franzosen, Luxemburger, Engländer, Waliser, Schotten, Slowenen, Iren und die Finnen.

In Deutschland dagegen wurden unterdessen zahllose Gesetze, in denen Ehegatten eine Rolle spielten, mühselig um den Zusatz "und Lebenspartner" ergänzt. Manches regelte die jeweilige Regierung freiwillig, vieles wurde vor dem Europäischen Gerichtshof und dem Bundesverfassungsgericht gegen den Willen der Exekutive erstritten. Faktisch gibt es heute nur noch wenige Unterschiede zwischen der Ehe und einer Lebenspartnerschaft.

Vermeintlich minderwertige Paare

Ein riesiger gesetzgeberischer und administrativer Aufwand ist so entstanden - all dies, um den Begriff Ehe im christlichen Sinne zu schützen. Bruns findet das herabwürdigend. "Damit wird signalisiert, dass lesbische und schwule Paare gegenüber der Ehe als minderwertig angesehen werden." Ende September sitzt Bruns als Sachverständiger im Bundestag, in einer Anhörung geht es mal wieder um die Ehefrage.

Für den erfahrenen Juristen ist das Routine, aber inzwischen beschleicht ihn dabei ein komisches Gefühl. Bruns weiß die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich, Umfragen haben ihm das gezeigt. Er weiß auch die Mehrheit des Bundestags hinter sich. Würde wie in anderen großen gesellschaftlichen Debatten, etwa jener zur Sterbehilfe, ohne Koalitionszwang diskutiert und abgestimmt - die Ehe für alle wäre längst beschlossen.

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Ehe von Homosexuellen: Na also, geht doch
Trotzdem blockiert die Union den letzten Schritt zur Gleichberechtigung. Warum? "Es wird immer das Bauchgefühl von Frau Merkel zitiert", sagt Bruns und erinnert daran, wie der Kanzlerin im letzten Wahlkampf stammelnd die Argumente ausgingen, als sie im Fernsehen nach einem Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare gefragt wurde.

Und nun? Bruns hat überlegt, ob eine Musterklage bis hinauf zum Bundesverfassungsgericht helfen könnte. Aber er fürchtet, dass dies im Moment nichts bringt. "Die Richter würden zurzeit wohl abwarten, was der Gesetzgeber macht", sagt er. Das Gericht könne eine solche Klage einfach jahrelang liegen lassen. Umgekehrt könnte die Union argumentieren, nun müsse abgewartet werden, was das Bundesverfassungsgericht sage.

Bruns und seine Mitstreiter wollen deshalb vorläufig stillhalten und den nächsten Regierungswechsel abwarten. "Wenn dann wieder nichts passiert, bleibt nichts anderes übrig, als zu klagen", sagt er. Auf eine Reform wird er wohl noch lange warten müssen.

Der 81-Jährige hält sich, so gut es eben geht, mit Fahrradfahren fit - und setzt auf die nächste Generation. "Es wäre schön gewesen", sagt Manfred Bruns, "wenn ich jetzt, bevor ich das Zeitliche segne, noch die Öffnung der Ehe erlebt hätte."

Dieser Beitrag ist aus der neuen SPIEGEL-Chronik 2015: Ein Überblick über die großen Ereignisse des Jahres - in Porträts und Analysen, Rekonstruktionen und Reportagen. Das Sonderheft ist jetzt überall erhältlich, wo es gute Zeitschriften gibt, oder Sie bestellen es hier .

Die Zahl der Verurteilungen von 1871 bis 1881 und 1944 bis 1959 ist vollständig geschätzt,
die Zahlen von 1882 bis 1901, 1937 bis 1943 und 1958 bis 1960 sind (teil-)geschätzt.

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Aus SPIEGEL Chronik 1/2015
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1.
Julian Richter, 15.12.2015
Ich muss gestehen, mir ist eigentlich egal wer wen heiratet. Von mir aus kann auch jemand seinen Hund heiraten, wenn es denn beide glücklich macht. Was mir aber nicht egal ist, ist etwas, was meiner Meinung nach weiterhin geschützt werden sollte. Und zwar die Verbindung zwischen Eltern und Ihren Kindern. Der durch die Ehe bedingte Steuervorteil gehört meiner auffassung abgeschafft. Viel besser wäre, wenn es Steuervergünstigungen für Kinder geben würde. Daher jede Familie mit X Kindern bekommt y * X % Steuererleichterungen. Um den kontra direkt etwas vorztubeugen... Man kann ja auch Pflegekinder aufnehmen bzw. Adoptieren... Das Vererben hingegen gehört meiner auffassung nach schon noch zu der Ehe. So das also der Ehepartner erben kann. Zu meiner Schande, kann ich mir aber tatsächlich nicht angucken, wie sich zwei Männer küssen... komischerweise ist dies aber bei zwei küssenden Frauen nicht so... Vermutlich muss dies wohl normaler/häufiger in der Öffentlichkeit werden.
2. Ehe für alle
Marius Herrmann, 15.12.2015
Das ganze Gedöns mit Ehe und eingetragener Lebenspartnerschaft ist auch wieder so ein überkomplexes Monster, geschaffen um es ja allen Recht zu machen und ein Problem nicht klar zu benennen und zu lösen, sondern lieber drumherum zu eiern. Man könnte fast behaupten das stehe stellvertretend für vieles in Merkels Politik. In einer säkularen Gesellschaft samt standesamtlicher Ehe haben irgendwelche kirchlichen/religiösen Argumente schlicht nichts zu suchen. Die Kirche kann ja weiterhin ihre Ehe für die zugänglich machen, die ihnen passen. Aber der Staat hat gefälligst solche Einschränkungen aus dem Rechtskonstrukt der Ehe herauszuhalten. Nebenbei fragt man sich ob die Kirchenvertreter jemals das neue Testament gelesen haben. Dort wird Jesus oft genug als ein Tabu-Brecher beschrieben, der für Toleranz von Diskriminierten geradesteht und Ungerechtigkeiten bekämpft.
3. Vielen Dank!
Sascha Michaels, 15.12.2015
Menschen wie Herrn Bruns verdanken viel andere, verdanken wir den gesellschaftlichen Fortschritt. Denn von allein kommt dieser kaum.
4. ...
Oxana Meinekerowska, 15.12.2015
Ich kann Herrn Bruns gut verstehen i seinem Streben nach der Ehe - nur ist die Unterscheidung zwischen Ehe und Lebenspartnerschaft eben keineswegs eine Ausdruck von Missachtung Homosexuellen gegenüber, wie Herr Bruns unterstellt. Die (Ein-)Ehe ist die wichtigste Institution jeder Hochkultur, denn sie prägt als gelebte Praxis der Eltern die kindliche Vorstellung vom eigenen Leben, erleichtert als gesellschaftliche Zielvorstellung jungen Männern und Frauen die Paarbildung und befähigt durch die Dauerhaftigkeit der heterosexuellen Bindung und die damit verbundene Verminderung der Konkurrenz um Frauen unter Männern letztere dazu, arbeitsteilige Gesellschaften aufzubauen und zu erhalten. Den Begriff Ehe durch Aufgabe des Strukturelements der verpflichtenden Verschiedengeschlechtlichkeit umzudeuten schwächt dieses kulturelle Verständnis und die zivilisierende Wirkung der Ehe. Die Stärkung der Legitimation gleichgeschlechtlicher Bindungen verschärft die von Männern wahrgenommene Konkurrenz um Frauen als Partner, schwächt bei den Generationen, die unter der neuen Vorstellung von Ehe aufwachsen die Legitimität des Verlangens, eine Partnerin an sich zu binden und führt in der konkreten Paarbildungssituation durch die vielfältigen konkurrierenden legitimen Bindungsmoglichkeiten zu einer Zunahme der subjektiv empfundenen Informationsunsicherheit und damit Komplexität in der heterosexuellen Paarbildung. Die absehbare langfritige Schwächung der zivilisierenden Wirkung der Institution Ehe, die mit ihrer Umdeutung einhergehen wird, spricht gegen ein Eheöffnung für gleichgeschlechtliche Paare. Die weniger präsente Lebenspartnerschaft greift in geringerem Maße in den Sozialisierungsprozess der heterosexuellen Mehrheit ein und ist als separates Institut für gleichgeschlechtliche Paare sinnvoll und vorzuziehen.
5. Ehe für alle, statt Ehe für ausgewählte Personenkreise
Martin Müller, 15.12.2015
Liebe Spiegel-Online-Redaktion, könnte ihr bitte dazu beitragen, das eine Segregation durch Begrifflichkeiten beiseite gelegt werden kann. Funktioniert ganz einfach, indem man den Begriff verwendet der es einmal werden soll. Eine "Ehe für alle" statt "Ehe für ausgewählte Gruppen". Es wird allgemein ja auch nicht "Hetero-Ehe" genannt. Allgemein versteht man den Sinn der Ehe, auch ohne die sexuelle Orientierung hinzu zu fügen...
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