Gefährliche Afrika-Reise Endstation Kairo

Gefährliche Afrika-Reise: Endstation Kairo Fotos
Corbis

Als Björn Pätzold in den sechziger Jahren durch Afrika reiste, lernte er in Kairo vier Ägypter kennen. Sie zeigten ihm ihre Stadt und freundeten sich mit dem Deutschen an. Zum Glück - denn am Ende sollten ihm seine neuen Gefährten das Leben retten. Von

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Am Bahnhof von Luxor bestieg ich 1965 den Zug nach "Al Qahera" - so wird Kairo seit mehr als tausend Jahren genannt. Von dort wollte ich zurück nach Europa fliegen. Anderthalb Jahre war ich durch Afrika getrampt. Kairo sollte der Abschluss meiner abenteuerlichen Tour sein. In mein Abteil war unter den Fahrgästen auch eine Gruppe junger Menschen eingestiegen. Nur flüchtig hatte ich sie wahrgenommen. Sie hatten außer ihren Koffern auch Instrumente im Gepäck.

Kaum war der Zug abgefahren, begannen sie zu musizieren. Der eine schlug rhythmisch auf eine kelchförmige Trommel, ein anderer zupfte an einer Knickhalslaute. Eine junge Frau wedelte eine Zimbel, eine blies auf einer Flöte. Sie sangen wohllautende Lieder. Nach wechselseitigem Blickkontakt wagte ich mich an die Musen heran und fragte sie nach ihren Musikinstrumenten. Bereitwillig gaben sie mir Auskunft. So kamen wir ins Gespräch. Woher ich denn komme und wohin es mich führe? Ich erzählte von meinen Reisen in Afrika, von meinen Abenteuern - aber nicht von Deutschland.

Sie lauschten meinen Berichten und gestanden verschämt ein, Afrika, so wie ich es sah, nie kennen gelernt zu haben. Nun war ich an der Reihe zu fragen, was sie täten? Studenten seien sie und würden nebenbei mit ihrer Musik ein wenig Geld verdienen. Einer von den Vieren erzählte, er sei aus Palästina geflohen und habe hier Fuß gefasst. Aber davon und von der Politik könnten sie mir später erzählen, wenn ich noch ein paar Tage in Kairo bleiben wolle. Wir versprachen einander, uns wieder zu sehen. Ich ahnte nicht, wie sehr ich meine neuen Freunde noch brauchen würde.

"Ich zeige Dir Qahera"

Schließlich waren wir nach langem Geplauder am dörflich anmutenden Bahnhof in Kairo angelangt. Die Musikanten nannten mir eine günstige Bleibe und morgen würden sie mir zeigen, was sehenswert in der Stadt ist. Einer schrieb seine Telefonnummer auf einen Zettel und überreichte mir das Papier mit den einladenden Worten: "Ruf mich morgen früh an, dann können wir eine Verabredung treffen, und ich zeige dir Qahera"...

Spät abends suchte ich die mir genannte Herberge auf und ließ mich wohlig ermattet in dem mir zugewiesenen Bett nieder. Der Ruf des Mu'azzen weckte mich aus tiefstem Schlaf. Die Sonne war noch nicht aufgegangen. Über Lautsprecher hörte ich ein missklingendes Gewirr von lauten blechernen Rufen. Die Ohrenzerreissenden Stimmen waren aus allen Minaretten der Stadt zu mir herüber geschallt. Missmutig räkelte ich mich aus dem Schlaflager, wusch mich flüchtig, zog mich an und trat alsbald aus dem Haus hinaus auf den belebten Bürgersteig.

Ich schlenderte durch schattige Gassen und durch das hupende Automeer auf den breiteren Straßen. In meinen Gedanken verloren, fiel mir plötzlich der Zettel ein, den ich in der Hosentasche fand, auf dem eine Telefonnummer stand. Vom nächstgelegenen Postamt aus rief ich den neugewonnenen ägyptischen Freund an. Wir verabredeten uns in einem Straßencafe.

"Du bist unser Sadigh"

"Woher kommst Du?", wollten sie nun wissen. "Germany", antwortete ich. "Aus welchem Teil?" "West", gab ich zur Antwort. "Oh, das ist nicht gut!" Und dann berichteten sie mir, dass Ägypten die diplomatischen Beziehungen zur Bundesrepublik Deutschland abgebrochen hatte. Auf meiner Tour durch Kenia, Somalia, Äthiopien und Sudan hatte ich keine Nachrichten gehört und wusste nicht, was in der Welt geschehen war. "Wir haben die diplomatischen Beziehungen zur Bundesrepublik abgebrochen, nachdem deine Regierung Israel anerkannte und Waffen gegen uns dorthin geliefert hat."

"Das ist nicht meine Regierung!", erwiderte ich entrüstet: "Ich komme aus Berlin". "Oh, das ist gut! Du bist vom Osten." Ich nickte. Das war zwar gelogen. Aber ich wollte die aufkeimende Zuneigung meiner neuen Freunde keiner Zerreißprobe aussetzen. Die ägyptischen Studenten nahmen die Flunkerei billigend auf und taten, als glaubten sie mir. Bewegt berichteten sie mir von den Protestveranstaltungen vor der westdeutschen Botschaft und davon, dass ihr Präsident die Bundesrepublik "verräterisch" nannte und "die schlimmste der imperialistischen Mächte". Viele Bundesbürger hätten aus Angst Ägypten verlassen.

"Gibt es die westdeutsche Botschaft hier noch?", wollte ich wissen. "Nein! Die meisten von deren Personal sind ausgewiesen worden, ein paar Konsularbeamte sind wohl noch hier. Italien ist Schutzmachtvertretung der Deutschen Bundesrepublik." "Bekomme ich Probleme in eurem Land?" "Nein! Du bist unser Sadigh". "Euer was bin ich?" Das letzte Wort hatte ich nicht verstanden. "Sadigh, wiederholten sie und übersetzten: Freund."

Hingebungsvolle Patrioten

Gemeinsam ritten wir auf Kamelen zu den Pyramiden von Gizeh und betrachteten die seit mehr als vier Jahrtausenden aus dem Wüstensand ragende Sphinx. Währenddessen erzählten mir meine neuen Freunde die Geschichte Ägyptens. Sie führten mich in das Koptenviertel und durch den Stadtteil auf den Gräbern der Ahnen. Wir sprachen auch viel über politische Themen. Sie berichteten mir von der PLO, der Palästinensischen Befreiungsbewegung, die im letzten Jahr in Kairo gegründet wurde. Und sie sprachen von Jassir Arafat, dessen Al-Fatah in Israel Guerillakämpfe zur Befreiung Palästinas führe.

Sie waren hingebungsvolle Patrioten und hingen der arabischen Einheitsidee an. "Panarabisten" nannten sie sich. Sie wollten alle Araber vom Atlantik bis zum Persischen Golf in einem Nationalstaat vereinen: "Al-Watan al-Arabi, das ist unser Arabisches Vaterland." Sie setzten dabei all ihre Hoffnungen auf den ägyptischen Präsidenten Gamal Abdul Nasser, der – wie meine Freunde betonten - dieselben Ziele verfolge.

Als die Zeit gekommen war, Kairo zu verlassen, begleiteten sie mich zum Flughafen. Sie würden alles regeln, wenn ich bei der Passkontrolle Probleme bekäme. Als ich an der Reihe war, meinen Reisepass vorzuzeigen, warf der Schalterbeamte tatsächlich einen kritischen Blick auf den grünen Einband der Ausweispapiere und auf die erste Seite. Dort standen über einem Adler mit gespreizten Flügeln in großen Lettern die Worte Bundesrepublik Deutschland.

Sie kämpften um mein Leben

Der Kontrolleur schüttelte missbilligend seinen uniformierten Kopf. Dann schälte er sich aus seinem Abfertigungsschalter und ging mit finsterer Miene auf mich zu. Zu viert redeten die Freunde auf den Grenzbeamten ein und umkreisten ihn mit beschwörenden Gesten. Ich verstand zwar nicht, wusste aber: sie kämpften wortreich um mein Leben. Der Uniformierte ließ sich nicht erweichen. Einer der Freunde nahm dem bockbeinigen Grenzwächter schließlich den Reisepass aus der Hand und schlug die zweite Seite auf und zeigte auf den Geburtsort: "Liegnitz/ Schlesien. Das liegt in Polen, Volksrepublik!"

Der Finger rutschte zwei Zeilen tiefer hinunter, dorthin wo der Wohnort angeführt ist: "Berlin, das ist die Hauptstadt der Deutschen Demokratischen Republik! Das sind unsere Freunde!" Der Staatsdiener schien irritiert zu sein. Er erhob seinen Blick und betrachtete mich. Ich guckte ihm treuherzig in das unerbittliche Gesicht. Und dann hellten sich die Gesichtszüge der personifizierten Staatsmacht allmählich auf. Der Grenzpolizist schien geneigt, Gnade über Recht ergehen zu lassen. Und tatsächlich drückte er mit kreisrundem Stempel den Sichtvermerk in den Pass.

Eine herablassende Handbewegung noch, und er überreichte mir die Ausreisegenehmigung und wies mit unwirschem Wink die Entlassung aus Ägypten an. Die Freunde bejubelten ihren Sieg im Wortkrieg mit der Obrigkeit und hüpften freudestrahlend um mich herum. Letzte Umarmungen und Bruderküsse und winkende Hände zum Abschied, dann trugen mich meine schweren Füße aus der Flughafenhalle dem Rollfeld entgegen.

Zum Lebewohl winkten sie mir ein letztes Mal zu und wünschten mir Glück. Der Wind wehte mir beim Verlassen Afrikas eine Melodie aus Worten zu: "Akh, Allah yisallimak! Ma'as salama! - Bruder, Gott beschütze dich! Auf Wiedersehen!"

"En sha'llah! - So Gott will!"

Leicht geänderter Textauszug aus:

Björn Pätzoldt: Nandinda, "Draußen ist Freiheit... Eine deutsche Nachkriegsbiographie", Deutsche Literaturgesellschaft, Berlin 2009

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1.
Christian Seybt, 03.12.2012
wieso "kämpften um mein Leben" ? wurden damals westdeutsche Touristen öffentlich hingerichtet ?
2.
Bjoern Paetzoldt, 04.12.2012
@Christian Seybt: selbstverständlich wurden damals in Ägypten westdeutsche Touristen weder öffentlich noch geheim "hingerichtet". Das "kämpften um*mein Leben" ist metaphorisch gemeint - im Sinne von: "Sie opferten sich für mich bis zum letzten Blutstropfen auf" (ohne dass dabei auch nur ein Tropfen des edlen Lebenssafts vergossen worden ist!). Wer hat nicht schon einmal auf einen geliebten Menschen bezogen gesagt oder gedacht: "Ich habe dich zum Fressen gern"? Auch hier wäre der Verdacht kannibalistischer Gelüste abwegig. Der Kairo-Artikel ist mit einem gewissen Augenzwinkern verfasst und nicht als Tatsachenbericht vor dem Internationalen Gerichtshof verwertbar.
3.
Volker Altmann, 04.12.2012
Herr Pätzoldt, als launige Bemerkung im Verlauf des Berichts geht das ja noch. Wenn man aber im Vorwort schon liest: "Zum Glück - denn am Ende sollten ihm seine neuen Gefährten das Leben retten" hat das mit einem Augenzwinkern nicht mehr viel zu tun. Reißerisch in der Überschrift, unspektakulär in dem was folgt - das ist man normal nur von der Bild-Zeitung gewohnt.
4.
Bjoern Paetzoldt, 04.12.2012
@Volker Altmann: Das Vorwort hat - ohne Rückkoppelung mit mir - die einestages-Redaktion verfasst. Hier ist vom Autor in dritter Person die Rede, während der Artikel in Ich-Form verfasst ist. Ich hätte von der Formulierung "...sollten ihm seine neue Gefährten das Leben retten" dringend abgeraten. Auch der Titel "Gefährliche Afrika-Reise" stammt nicht von mir - und er passt tatsächlich nicht zum Inhalt dieses Artikel. "Gefährlich" war die Reise vor fast einem halben Jahrhundert an anderen Orten in Afrika. Sorry, aber ich bin nur für den Inhalt des Artikels verantwortlich - sofern nicht auch dort redaktionelle Eingriffe ohne Rücksprache mit dem Autor vorgenommen worden sind.
5.
Volker Altmann, 04.12.2012
Herr Pätzoldt, wie mir erst jetzt aufgefallen ist, habe ich bereits Ihren Bericht "Stasi-Anwerbung im Taxi" mit dem Bild-Vergleich bedacht. Das war keine Absicht - es ist offenbar Ihr Schreibstil, etwas sensationsheischend zu formulieren. Keine schöne Sache, ausgerechnet als früherer APO-Aktiver, mit der Springer-Presse verglichen zu werden. Aber wenn dem nun mal so ist...
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