Afrikanischer Diktator Bokassa "Schlagt sie ruhig tot"

Die Präsidentschaft auf Lebenszeit reichte Jean-Bédel Bokassa nicht. 1977 ließ sich der Diktator der Zentralafrikanischen Republik zum Kaiser krönen. Und seine Gegner von Löwen zerfleischen.

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Ein Warenstrom überflutete die Zentralafrikanische Republik Ende 1977. Dutzende Luxuslimousinen ließ Jean-Bédel Bokassa in das Land transportieren, dazu Champagner, Pferde, Kutschen, Feuerwerkskörper und tonnenweise Blumen. Ohne Rücksicht auf die leeren Kassen des bitterarmen Landes kaufte der Diktator ein, um den 4. Dezember zu zelebrieren.

An diesem Tag krönte sich Bokassa selbst zum Kaiser. Genau wie sich sein großes Idol Napoleon Bonaparte knapp 173 Jahre zuvor zum Kaiser der Franzosen ausgerufen hatte.

An Geschmacklosigkeit war die Zeremonie kaum zu überbieten. Auf seinem Thron in Form eines überdimensionalen, die Schwingen spreizenden Adlers setzte sich Bokassa I. die Krone aus massivem Gold auf den Kopf - ein mit unzähligen Diamanten übersätes Stück Kitsch. Ähnlich prunkvoll gestaltet war das Zepter, mit dem Bokassa Monate zuvor den britischen Reporter Michael Goldsmith wegen angeblicher Spionage verdroschen hatte. Sein hermelinbesetzter Umhang reichte zehn Meter weit, hinterhergetragen von seinen Lakaien.

Trotz des zur Schau gestellten Prunks war der neue Monarch enttäuscht. Über 100 Staats- und Regierungschefs hatte der Despot zu den Feierlichkeiten eingeladen. Angereist war aber lediglich Seewoosagur Ramgoolam, Premierminister des kleinen Inselstaats Mauritius im Indischen Ozean. Weder der Papst noch irgendein bedeutendes Staatsoberhaupt hatten den Weg in die zentralafrikanische Hauptstadt Bangui angetreten, um der obskuren Zeremonie Glanz zu verleihen. Nicht einmal Bokassas bester Freund - Frankreichs Staatspräsident Valéry Giscard d'Estaing, dessen Nation einen großen Teil der umgerechnet 30 Millionen Euro teuren Feierlichkeiten bezahlt hatte.

"Dumm, aber tapfer"

Zur einstigen Kolonialmacht Frankreich pflegte der 1921 geborene Bokassa eine Hassliebe. Französische Beamte hatten seinen Vater, einen Häuptling, wegen vorgeblicher Aufsässigkeit hingerichtet. Bokassas Mutter beging daraufhin Selbstmord. Trotzdem trat der spätere Diktator in die französische Armee ein - und wurde Offizier. Bokassa kämpfte im Zweiten Weltkrieg mit den freifranzösischen Truppen unter Charles de Gaulle gegen die Nazis, anschließend im Indochinakrieg in Fernost gegen die Unabhängigkeitsbewegung. "Dumm, aber tapfer" lautete das Urteil seiner weißen Vorgesetzten.

Erst 1962 kehrte der Veteran in seine Heimat zurück, zwei Jahre nachdem Frankreich die Zentralafrikanische Republik in die Freiheit entlassen hatte. Präsident David Dacko, Bokassas Cousin, ernannte ihn zum Stabschef der Armee. Vier Jahre später putschte ihn Bokassa aus dem Amt. Und errichtete ein Terrorregime.

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Afrikanischer Diktator Bokassa: Prassen und Zerfleischen

Als "Nero in Afrika" titulierte ihn 1987 der SPIEGEL, weil Bokassa politische Gegner von seinen Löwen hatte zerfleischen lassen. Seine Schergen verhafteten Bettler und Krüppel von der Straße weg und warfen sie aus Flugzeugen in Flüsse. Knapp 50 vermeintliche Diebe ließ Bokassa 1972 von seinen Soldaten in aller Öffentlichkeit umbringen. "Schlagt sie ruhig tot", befahl er laut SPIEGEL. In seiner Paranoia wandte sich der Diktator auch gegen die eigenen Helfer. Dem Geheimpolizeichef Jean-Baptiste Mounoumbaye stachen Bokassas Männer die Augen aus - dessen Familie musste dabei zusehen.

Gegen vermeintliche Feinde griff der von seinen Anhängern als "Retter der Republik" oder "Mann aus Stahl" bezeichnete Tyrann auch selbst zur Waffe. Per Rasiermesser zog Bokassa dem in Ungnade gefallenen Oberst Alexandre Banza in Gegenwart der übrigen Regierungsmitglieder die Haut von der Brust.

Kritik an seiner blutigen Regierungsweise wies Bokassa zurück. Als Kurt Waldheim, Generalsekretär der Vereinten Nationen, den zentralafrikanischen Gewaltherrscher wegen der Exzesse verurteilte, giftete er: "Waldheim, dieser Zuhälter und Ausbeuter, soll besser das Maul halten." Der US-Botschafter resignierte angesichts der Zustände in dem Land. "Was hier passiert, ist einfach so irre", zitierte ihn der SPIEGEL.

Diamanten im Gepäck

Während sein Volk von rund zwei Millionen Menschen in Armut lebte, plünderte Bokassa das Land aus. Mit den Gewinnen aus dem Verkauf von Diamanten und Elfenbein finanzierte der Despot seine Luxusimmobilien in Frankreich. Und seinen aufwendigen Lebensstil daheim.

Bokassa lebte in Palästen, hielt sich als Katholik bis zu 18 Ehefrauen und Dutzende Geliebte, mit denen er über 50 Kinder zeugte. Für ausgedehnte Einkaufstouren in Europa standen ihm und seiner Familie auf dem Privatflughafen seines Landsitzes zwei Flugzeuge zur Verfügung. Per Flieger ließ er auch allerlei Köstlichkeiten für seine Gelage einfliegen. Zum Beispiel im März 1975, als Valéry Giscard d'Estaing das Land besuchte. Zwölf Gänge umfasste das Mahl für gut 3000 Gäste.

Allen Menschenrechtsverletzungen zum Trotz half Frankreich seiner ehemaligen Kolonie immer wieder mit immensen Geldzahlungen aus. Was nicht zuletzt an der persönlichen Freundschaft von Giscard und Bokassa lag. Immer wieder ging der französische Politiker mit dem Sadisten auf die Jagd. Nach der Rückkehr nach Paris fand Giscard anschließend das eine oder andere Beutelchen mit Diamanten im Gepäck. "Frankreichs bester Freund in Afrika", lobte Giscard. "Alles hier wird von den Franzosen finanziert", beschrieb Bokassa laut "Süddeutscher Zeitung" das Ausmaß der französischen Großzügigkeit. "Wir fragen sie nach Geld, kriegen es und verschwenden es." Militärbasen und Uranvorkommen waren für die ehemalige Kolonialmacht entscheidende Gründe, das Regime zu stützen.

Gemeinsam in den Untergang

1979 endete die Freundschaft allerdings abrupt. Weil der Diktator den Schülern des Landes das Tragen teurer Schuluniformen - die in der Firma einer seiner Frauen gefertigt wurden - befohlen hatte, erschütterten Demonstrationen Land. Kurzerhand ließ Bokassa rund hundert Schüler und Jugendliche ermorden. Bald darauf landeten französische Fallschirmjäger in Bangui und brachten den einst von Bokassa gestürzten David Dacko zurück ins Land.

Bokassa flüchtete. Asyl erhielt er später ausgerechnet in Frankreich - sowie eine Offiziersrente. Im Exil auf seinem Schloss Hardricourt in der Nähe von Paris trauerte der gestürzte Despot zusammen mit einigen seiner Frauen und Kinder dem verlorenen Kaiserreich nach. Und übte Rache: Als Bokassa enthüllte, dass der französische Präsident von ihm Edelsteine angenommen habe, verlor Giscard d'Estaing die Wahl von 1981.

Fünf Jahre später ging der Ex-Monarch zurück in seine Heimat, wo er inzwischen wegen Mordes, Korruption und Kannibalismus zum Tode verurteilt worden war. Nach einem neuen Prozess sollte Bokassa lebenslang hinter Gittern bleiben, wurde jedoch schon nach wenigen Jahren begnadigt. Vom Vorwurf, Menschenfleisch gegessen zu haben, wurde er freigesprochen. Dennoch kursierten weiterhin hartnäckige Gerüchte, es habe auf Bokassas Anwesen Menschenschlachtungen gegeben.

Mit 75 Jahren starb Bokassa 1996 an den Folgen eines Herzinfarkts. Bis zum Schluss wandelte er an der Grenze zum Irrsinn. Der Despot hielt sich für den 13. Apostel, vom Papst persönlich ernannt.

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Klausi Fuchs, 08.08.2016
1. Wahnsinn Mensch
Auf jedem Kontinent wütet der Mensch gegen sich selbst - damals, heute und morgen.
Armi Nator, 08.08.2016
2. Ganz normal
...in der Tradition von weltlichen und geistlichen HERRschern aller Zeiten. Man lese Gerhard Bott, dann braucht man sich wenigstens nicht mehr fragen, wie "Gott", der seinen Schäfchen mit ewigem Höllenfeuer drohende "Liebende Vater" so etwas zulassen kann.
Thomas Berger, 08.08.2016
3. Frankreichs Schande
Es wird immer Wahnsinnige geben. Aber dass ein westlicher Staat wie Frankreich, der sich gerne selbst als Wiege der Menschenrechte, der Demokratie und Rechtstaatlichkeit feiert, diesen Wahnsinnigen unterstützt hat, gereicht Frankreich zur ewigen Schande. Man hätte Giscard d'Estaing für die Massenmorde und Folterungen mit verantwortlich machen und lebenslang hinter Gitter bringen müssen.
Nik Lok, 08.08.2016
4. Eine Schande
wie die damalige französische Regierung diesen irren Verbrecher unterstützt hat. Leider kein Einzelfall, man braucht sich ja nur mal umzusehen und entdeckt einen Erdogan, Duterte, Trump, Kim... Und fast alle dieser Verbrecher wurden von einer Mehrheit der Bevölkerung gewählt/könnten gewählt werden, das wirft mal wieder ein ganz schlechtes Licht auf unsere Art.
Andreas Neubert, 08.08.2016
5. Wenn man so was liest ...
... haben wir mit unserer Regierung ja noch großes Glück gehabt! ;-)
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