Kaiserreich Wie die Weltpolitik nach Ostholstein kam

Kaiserreich: Wie die Weltpolitik nach Ostholstein kam Fotos
Uwe Stock/Archiv Gemeinde Lensahn

Die mächtigste Lobbyorganisation im wilhelminischen Deutschland war der Deutsche Flottenverein: Im ganzen Land trommelte der halboffizielle Verein um die Jahrhundertwende für die Aufrüstung zur See um Deutschland zur Weltmacht zu machen - auch in der Provinz. Uwe Stock hat die Spuren des Flottenvereins im ostholsteinischen Lensahn verfolgt

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    2.9 (592 Bewertungen)

Nach 1880 kam es zu einem Wettlauf um die Aufteilung der Erde unter den Großmächten, und nach einem großen wirtschaftlichen Aufschwung wollte auch Deutschland seinen "Platz an der Sonne" und sich als "Weltmacht" etablieren. Mit Kaiser Wilhelm II., der 1896 eine deutsche "Weltpolitik" verkündet hatte ("Von heute an ist das Deutsche Reich eine Weltmacht!"), waren viele Politiker, Publizisten und Wirtschaftsführer der Überzeugung, dass Deutschland seine Rolle als ausgleichender Faktor in der europäischen Politik aufgeben und statt dessen eben Weltpolitik betreiben müsse, wenn das Land nicht auf lange Sicht seinen Großmachtstatus in Europa gefährden wolle.

Ohne eine mächtige Flotte war aber Weltpolitik nicht zu betreiben und somit spielte der Schlachtflottenbau eine entscheidende Rolle auf dem Weg des Deutschen Reiches in die Weltpolitik. Das Propagandainstrument für diese Politik war der Deutsche Flottenverein. Er wurde im April 1898 von Repräsentanten wirtschaftlicher Interessen, von Politikern und von Fachleuten für Öffentlichkeitsarbeit gegründet. Ziel des Vereins war, den Bau einer deutschen Schlachtflotte zu einer populären Aufgabe der gesamten Nation zu machen.

Innerhalb kürzester Zeit gelang dem Verein die Mobilisierung einer breiten Öffentlichkeit für seine Ziele durch eine endlose Flut geschickt aufgemachten Propagandamaterials. Hilfreich dabei war die Unterstützung durch die Reichsbehörden - aber auch der untergeordneten Verwaltung bis hinunter auf die Dorfebene, was dem Verein gleichsam halbstaatlichen Charakter verlieh. 1913 war der Flottenverein der mitgliederstärkste aller nationalistischen Verbände im Kaiserreich und betrieb eine äußerst effektive Form des militärischen Lobbyismus, der zu einer rasanten deutschen Seerüstung im Wettlauf mit dem britischen Schlachtflottenbau beitrug. Die Kosten dieses Wettrüstens waren gigantisch; in den letzten Friedensjahren wurden 25 Prozent des gesamten deutschen Rüstungshaushalts auf den Bau der Flotte verwendet.

Organist und Ortsvorsteher machen Weltpolitik

Im Amtsbezirk Lensahn in Ostholstein erfolgte die Gründung des Flottenvereins sozusagen als Verwaltungsakt: Im Januar 1899 forderte der Landrat des Kreises Oldenburg den Amtmann Johannsen in Lensahn auf, in seinem Bezirk einen Flottenverein zu gründen, als Vertrauensmann zu fungieren und die Beiträge einzusammeln. Bereits wenige Wochen später, im Februar 1899, überwies Johannsen Beiträge für 91 Mitglieder. Vier Ortsvorsteher, neun Lehrer, ein Organist, ein Amtsdiener und ein Schmiedemeister übernahmen die Verteilung des Propagandamaterials in den Dörfern. Die Lehrer ließen die Zeitschriften durch ihre Schüler verteilen.

Zur Intensivierung der Mitgliederwerbung stellte Amtmann Johannsen 1910 eine Liste potentieller Mitglieder (Hufenpächter, Handwerker, Arzt, Apotheker, Revierjäger, Pastoren) zusammen und schickte den Amtsdiener zur Mitgliederwerbung über die Dörfer. Bis auf ganz wenige Ausnahmen war die dörfliche Ober- und Mittelschicht in den Verein eingetreten. Die dörfliche Unterschicht, zumeist Landarbeiter und Handwerksgesellen, blieb dem Flottenverein dagegen fern. Die überwiegend sozialdemokratisch eingestellten Landarbeiter lehnten wie die SPD auf Reichsebene die deutsche Weltmachtpolitik und damit auch die Flottenpolitik ab.

Die Aktivitäten des Lensahner Flottenvereins beschränkten sich auf die Verteilung von Propagandamaterial und die Gewinnung neuer Mitglieder. Jahreshauptversammlungen, Vorstandswahlen, Kassenberichte und Vereinsfeste gab es nicht. Im März eines jeden Jahres wurden die Beiträge eingesammelt und nach Abzug der Kosten an den Landrat überwiesen.

"Panthersprung nach Agadir"

In der Zweiten Marokko-Krise von 1911 trat der Flottenverein in Lensahn dann zum ersten Mal mit einer Versammlung an die Öffentlichkeit. Das Deutsche Reich hatte im Juli 1911 demonstrativ das Kanonenboot "Panther" in den südmarokkanischen Hafen Agadir geschickt - der sogenannte "Panthersprung nach Agadir" -, um gegen Frankreichs Bestrebungen, Marokko zum französischen Protektorat zu machen, zu protestieren. Als Folge dieser Drohgebärde rückten Großbritannien und Frankreich enger zusammen, da sie lebenswichtige Interessen bedroht sahen. Die Krise drohte zu eskalieren, Europa war am Rande einer großen militärischen Konfrontation. Erst nach langen Verhandlungen kam es Anfang November zu einem Kompromiss: Gegen eine geringfügige koloniale Entschädigung erkannte das Deutsche Reich das französische Protektorat über Marokko an.

Während dieser Krise kam es in Deutschland zu einer Welle nationaler Erregung, deren Ausläufer auch in Ostholsteinischen zu spüren waren. In der Öffentlichkeit wurden Zweifel an der Fähigkeit der konstitutionellen Monarchie im Kampf ums Dasein geäußert. Dem Kaiser wurde Schlappheit vorgeworfen und die Tatsache, dass die Regierung sich auf Verhandlungen eingelassen hatte, erfüllte für viele Nationalisten geradezu den Tatbestand des Landesverrats. Die nationalen Verbände wollten die Gunst der Stunde zu einer Erhöhung der Militärausgaben nutzen.

Ende September 1911 erhielt Amtmann Johannsen ein Schreiben und ein Paket mit Plakaten. " ... und mit Rücksicht auf die Vorkommnisse bei den Marokkoverhandlungen und der dabei zutage getretenen Gegnerschaft Englands zum Beitritt in den Deutschen Flottenverein aufzufordern. ... den patriotischen Geist zu nutzen, der gegenwärtig herrscht." Am 3. Oktober forderte der Reichsvorstand alle Ortsgruppen auf, in der Zeit vom 8. bis 16. Oktober Mitgliederversammlungen abzuhalten, in denen Redner "in klarer Weise auf die gegenwärtige Lage und die Notwendigkeit eines beschleunigten Ausbaus unserer Wehrmacht zur See hinweisen" sowie "mit zündender Rede ein Bild der gegenwärtigen Lage geben, die Notwendigkeit der Flotte zur Aufrechterhaltung unserer Selbständigkeit ... hervorzuheben." Weiter hieß es in der Anweisung: "Die der Flotte so notwendigen Panzerkreuzer, die gerade in einem Krieg mit der englisch-französischen Koalition doppelt entbehrt werden, müssen so schnell wie möglich gebaut werden." Eine vorformulierte Rede und Material für Flugblätter wurden mitgeliefert.

Am 6. Oktober 1911 folgte aus Berlin eine vorgefertigte Resolution, die per Telegramm an den Reichskanzler gehen und dem Reichstag vorgelegt werden sollte. Amtmann Johannsen berief deshalb für den 14. eine Versammlung aller Mitglieder im "Hotel Lensahn" ein, auf der er die vorgeschlagene Rede verlas. Wie erwartet, nahm die Versammlung die vorformulierte Resolution an, und einen Tag später wurde das Telegramm nach Berlin wie gewünscht geschickt - ein weiterer Mosaikstein in der regierungsoffiziellen deutschen "Flottenpolitik".

Begleitschutz statt Beherrscher der Weltmeere

Während des Ersten Weltkriegs erwies sich die Schlachtflotte Tirpitzscher Prägung allerdings als Fehlkonzeption und grandioser Fehlschlag. "Sie konnte den Kriegsverlauf seit dem Sommer 1914 zu keiner Zeit maßgeblich beeinflussen.", urteilt etwa der Historiker Hans-Ulrich Wehler. Weder gelang es den deutschen Seestreitkräften, die britische Fernblockade verhindern, noch eine Entscheidungsschlacht in der Nordsee zu erzwingen - das Risiko eines Totalverlustes der Flotte erschien der Marineführung angesichts der fortdauernden Überlegenheit der britischen "Grand Fleet" zu groß. So wurde die deutsche Schlachtflotte im Verlauf des Krieges zur Hilfswaffe im U-Boot-Krieg und fuhr Geleitschutz für die ein- und auslaufenden Unterseeboote.

Als die Seekriegsleitung dann im Oktober 1918 doch den Angriff auf die britische Übermacht befahl, um nicht kampflos und damit ehrlos kapitulieren zu müssen, verweigerten die Matrosen diesen sinnlosen Befehl, löschten die Feuer unter den Dampfkesseln der Schlachtschiffe und lösten damit die Novemberrevolution und das Ende des Kaiserreichs aus. Das letzte Schreiben des Lensahner Landrats und Flottenvereins-Vorsitzenden vom 29. Dezember 1918 geht auf diese Ereignisse ein: "Wie erwartet haben die Ereignisse des letzten Monats manchen unserer Mitglieder den Gedanken des Austritts nahegelegt", heißt es da: "Einige begründen ihre Absicht mit dem Verhalten der Marinemannschaften bei und nach der Umwälzung, ohne zu bedenken, dass die zwanzigjährige Arbeit des Vereins nicht dem Marinepersonal, sondern dem Vaterlande galt, das ohne eigene Seefahrt ganz in Abhängigkeit von anderen seefahrenden Staaten geraten müsste."

"Das gilt auch für die Zukunft, ... um zur Besserung des uns von rachgierigen Feinden zugedachten Schicksals ... beizutragen", fuhr Landrat Johannsen fort "Aber das ist gewiss, dass die Zeit wiederkommen muss und wird, in der unsere Arbeit dem Vaterlande bitter not tun wird. Einen einmal zerfallenden Verein wieder aufzubauen ist aber schwer."

Noch einmal wurde der Mitgliedsbeitrag eingesammelt, für 1919. Danach hörte der Flottenverein in Lensahn auf zu existieren.

Lesen Sie auch:

Kriegsbriefe von der "Tirpitz": "Wir kommen uns vor wie Prometheus"

Kapp-Putsch auf dem Dorf: Haltlose Verdächtigungen?

Artikel bewerten
2.9 (592 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen