Kaiserreich-Posse Eklat im Kursaal

Ein Teenager aus New York tanzt in einem bayerischen Kurort - und löst damit eine Staatsaffäre aus: Die Geschichte des Melville Stern klingt wie eine Farce. Seinen Vater aber kostete der Zwischenfall ein Vermögen. Und Deutschland riskierte seine diplomatischen Beziehungen zu den USA.


Es sollte ein fröhlicher Tanzabend werden in dem Ort, den die Reichen und Schönen liebten. Alles, was Rang und Namen hatte, traf sich im Sommer in dem kleinen bayerischen Kurort. Reichskanzler Fürst Otto von Bismarck pflegte hier seinen Urlaub zu verbringen, genauso wie der Schriftsteller Theodor Fontane oder der Komponist Richard Strauss. Die wöchentlichen Tanzabende - im Kurjargon Réunion genannt - waren jedes Mal ein gesellschaftliches Ereignis, das sich niemand entgehen lassen wollte. Und so zog es an diesem 11. Juli 1895 auch die Familie Stern aus New York, die den Sommer wie so viele reiche Amerikaner in Kissingen verbrachte, in den prall gefüllten Kursaal.

Während Louis Stern dem Treiben vom Rand der Tanzfläche zuschaute, tanzte sein Sohn Melville ausgelassen - bis der Saaldiener den Jungen aufforderte, den Raum sofort zu verlassen. Er sei noch nicht 15 Jahre alt und dürfe deshalb an dem Abend nicht teilnehmen. Empört wandte sich Louis Stern direkt an Friedrich Freiherr von Thüngen, der als stellvertretender Badekommissar den Rauswurf angeordnet hatte. Doch obwohl er beteuerte, Melville sei längst 15 Jahre alt, beharrte von Thüngen auf seiner Entscheidung. Stern tobte, weil der Baron seine Glaubwürdigkeit öffentlich in Frage stellte, und polterte: "Wenn wir draußen wären, würde ich Ihnen ein paar herunterwischen." Dabei hob er drohend die Hand.

Melvilles Mutter bot dem sturen Badekommissar auf ihre Art Paroli. Sie begann ostentativ mit ihrem Sohn zu tanzen. Der Badekommissar brach daraufhin brüskiert die Veranstaltung ab. Der peinliche Zwischenfall wäre sicherlich schnell in Vergessenheit geraten, wenn es bei diesem einen Schlagabtausch geblieben wäre. Weil aber die beiden Streithähne noch Tage danach auf ihr Recht pochten, weitete sich das kleine Kur-Intermezzo zu einer Affäre aus, die nicht nur die deutsch-amerikanischen Beziehungen in Mitleidenschaft zog, sondern gleichzeitig deutlich machte, wie tief antisemitisches Gedankengut bereits im ausgehenden 19. Jahrhundert in Deutschland verankert war. Denn Stern war Jude.

Anzeige wegen Beamtenbeleidigung

Am Tag nach der Réunion ging Louis Stern ins Badekommissariat, um sich dort über von Thüngen und sein Verhalten zu beschweren. Was er nicht wusste: Das Hotel, in dem er mit seiner Familie abgestiegen war, hatte fälschlicherweise auf Melvilles Anmeldung notiert, dass der Junge unter 15 Jahre alt sei. Darauf berief sich nun von Thüngen, verwies auf seinen Status als "königlicher Beamter" und zeigte Stern noch am selben Tag an - wegen Beamtenbeleidigung und Widerstand gegen die Staatsgewalt. Der Baron, der aus einem alten deutschen Adelsgeschlecht stammte, fühlte sich offensichtlich von dem in seinen Augen neureichen Amerikaner in die Ecke gedrängt.

Stern wurde die Sache dann doch zu heiß und ruderte zurück. Er schrieb von Thüngen einen demutsvollen Entschuldigungsbrief: "Ich nehme diese Äußerungen mit tiefstem Bedauern zurück und bitte Sie, mir zu verzeihen. Ich selbst werde mir niemals vergeben, einen Ehrenmann […] in dieser Weise verletzt zu haben." Von Thüngen aber weigerte sich, die Anzeige zurückzunehmen, und so begannen die Mühlen des bayerischen Staatsapparates zu mahlen.

Stern wurde angeklagt. Der Untersuchungshaft entging er nur, weil er eine Kaution in Höhe von 80.000 Mark zahlte - heute wären das rund 500.000 Euro. Natürlich verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer. Etliche amerikanische Freunde setzten sich nun für Stern ein. Unter anderem William Waldorf Astor - einer der reichsten Männer Amerikas -, der zu der Zeit ebenfalls in Bad Kissingen kurte. Er schrieb ans bayerische Staatsministerium und konnte immerhin bewirken, dass der bayerische Regierungspräsident Friedrich von Luxburg einen Vermittlungsversuch startete. Am 2. August rief er die beiden Kontrahenten zu sich, um eine gütliche Einigung zu erreichen. Doch von Thüngen weigerte sich, an dem Gespräch teilzunehmen - und so landete der Fall doch vor Gericht.

Das US-Außenministerium schaltet sich ein

Am 5. August 1895 fand schließlich in Bad Kissingen die Gerichtsverhandlung statt. Hunderte Schaulustige wollten die Auseinandersetzung zwischen dem königlichen Beamten aus altem Adelsgeschlecht und dem neureichen New Yorker Kaufhausbesitzer vor Ort verfolgen. So verlegte das Gericht den Prozess kurzerhand ins Rathaus von Bad Kissingen, wo es deutlich mehr Sitzplätze gab. Obwohl Stern sich mit dem Münchner Rechtsanwalt Max Bernstein einen erstklassigen Verteidiger eingekauft hatte, strafte das Gericht seinen Wutausbruch bitter ab. Er wurde zu einem Bußgeld von 600 Mark und zwei Wochen Haft verurteilt.

Das harte Urteil rief nun auch das amerikanische Außenministerium auf den Plan. Dass ein angesehenes Mitglied der New Yorker Gesellschaft wegen einer solchen Lappalie ins Zuchthaus musste, empfand man in Washington als groben Affront. Außenminister Richard Olney kontaktierte daher den deutschen Botschafter in Washington und bat ihn, im Fall Stern zu vermitteln. Vor allem ging es ihm darum, dass Stern die "erniedrigende Gefängnisstrafe" erlassen wird. Ein Engagement von Thielmanns sei, so betonte Olney, "in dem höheren und größeren Interesse der freundschaftlichen Beziehungen" zwischen Deutschland und Amerika.

Von Thielmann suchte Rat in Berlin, wie er auf die Nachricht des Außenministers reagieren sollte und bekam die klare Anweisung: Abblitzen lassen und auf den amerikanischen Botschafter in Berlin verweisen. Olney startete noch einen zweiten Versuch - abermals ohne Erfolg. Auch der amerikanische Botschafter in Berlin Theodore Runyon erreichte nichts. Der Leiter des Auswärtigen Amtes Adolf Freiherr von Bieberstein erwiderte auf Runyons Einwände mit der für das wilhelminische Deutschland so typischen Großspurigkeit, in Deutschland würde nach deutschen Gesetzen gerichtet. Und setzte hinzu: "In Amerika gibt es wohl mildere Ansichten bezüglich des Schutzes, den Beamte im Dienst gegenüber Drohungen und Beleidigungen zu beanspruchen haben".

Antisemitische Ausfälle

Washington beließ es dabei, weil sich abzeichnete, dass sich der Fall von selbst erledigen würde. Stern war inzwischen nach Paris weitergereist und kehrte von dort direkt in die USA zurück. So entzog er sich geschickt der Gefängnisstrafe. Doch die Freiheit war teuer erkauft. Die 80.000 Reichsmark Kaution, die er im Juli hinterlegt hatte, sah er nie wieder.

Die "New York Times" verfolgte die Affäre akribisch. Sie widmete dem Vorfall insgesamt 16 Artikel, an denen deutlich abzulesen ist, wie sehr das Ansehen der Deutschen in den USA unter der Affäre gelitten hatte. Das Blatt schimpfte über den "anmaßenden, unbedeutenden Beamten" von Thüngen, der so "übereifrig" reagiert habe. Letztlich habe von Thüngen Stern so behandelt, wie es brutale Aufseher von städtischen Hundezwingern tun, wenn ihnen hilflose Tiere in ihre Hände fallen. Der Badekommissar vereine zwei Charaktereigenschaften: Dummheit und Unverschämtheit. Letztlich sei sein stures Verhalten aber "typisch für deutsche Beamte" und das "barbarische Deutschland".

Kritisch bemerkte die "New York Times" darüber hinaus, dass die "Juden-Hetzer den Fall in der antisemitischen Presse ausschlachteten". Tatsächlich war das deutsche Medienecho geteilt. Auf der einen Seite standen die liberalen und linken Blätter, die unverhohlen kritisierten, dass von Thüngen wohl etwas zu schroff vorgegangen sei. Auf der anderen Seite stießen die rechten Zeitungen sofort ins antisemitische Horn. Das "Fränkische Volksblatt" wetterte: eine "exemplarische Strafe" solle Stern zeigen, "dass den Juden, auch wenn sie noch so reiche seien, in Bad Kissingen noch lange nicht alles erlaubt sei". Die "Neue freie Volkszeitung" schimpfte, dass es eine "blamable Schwäche" der bayerischen Regierung gewesen sei, überhaupt mit einem "untergeordneten Juden" über einen Vergleich zu verhandeln. Das "Bayrische Vaterland" befand sogar, dass das Urteil viel zu "zartfühlend" sei und bezeichnete Stern als "amerikanischen Viehjudensohn".

Peinliches Schmähgedicht

Die "Neue Bayrische Landeszeitung" schlug in dieselbe Kerbe und veröffentlichte sogar ein Schmähgedicht auf Stern: "Also Herr Stern / Hab uns gern / Reiß nur aus / Und bleib draus / Und a die andern / Mögen wandern / Mit nach Amerika / Halleluja." Wenig später behauptete das Blatt bezüglich der Berichterstattung über die Affäre: "Die ganze ekelhafte Treiberei in der Presse ist eine erbärmliche Judenmache." Kurz darauf wurde die "Neue Bayrische Landeszeitung" in Bad Kissingen verboten. Zu Recht befürchtete die Kurverwaltung, dass die antisemitischen Hetztiraden dem Ruf des Kurorts schaden und zahlungskräftige Kurgäste aus dem Ausland abschrecken könnten.

Nachdem Stern in die USA zurückgekehrt war, flaute das Interesse an der Affäre allmählich ab. Was blieb, war ein übler Nachgeschmack von Antisemitismus und die Erkenntnis, dass judenfeindliches Gedankengut in Deutschland offensichtlich tief verankert war.

Sterns persönlichem Werdegang schadete der Vorfall in Bad Kissingen und die antisemitischen Hetztiraden aber nicht. Er machte weiter Karriere. 1897 stieg er in die New Yorker Politik ein, im selben Jahr ernannte ihn US-Präsident William McKinley zum Kommissar für die Weltausstellung in Paris. Von Thüngen hingegen fasste nach dem Sommer 1895 nie wieder richtig Fuß. Er erkrankte an einem nervösen Magenleiden, das ihn die folgenden Jahre stark beeinträchtigte. Bereits mit 42 Jahren wurde er in den Ruhestand versetzt und zog sich auf seinen Familienbesitz in Burgsinn zurück.

Zehn Jahre nach dem Vorfall im Kursaal von Bad Kissingen muss die Akte Louis Stern auf Umwegen doch wieder auf dem Schreibtisch von Prinzregent Luitpold von Bayern gelandet sein. Am 4. Oktober 1905 begnadigte er den New Yorker Geschäftsmann vollkommen unerwartet. Die Gründe für diese Entscheidung aus heiterem Himmel konnten bis heute nicht geklärt werden.


Dieser Artikel basiert auf dem preisgekrönten Beitrag "Die Louis-Stern-Affäre" für den Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten "Aufsehen, Empörung, Ärgernis: Skandale" 2010/2011 von Schülern der Staatlichen Realschule Bad Kissingen. Mehr Informationen gibt es auf der Website des Geschichtswettbewerbs des Bundespräsidenten.



insgesamt 23 Beiträge
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Seite 1
Hans Joachim Dudeck, 14.01.2012
1.
Dieser Artikel zeigt mehere Dinge: 1. Americaner (besonders reiche) konnten und wollen/ten sich noch nie an die Gewohnheiten anderer Laender/Sitten/Gesetze anpassen. 2.Sobald dann noch Juden ins Spiel kommen, haben wir Deutschen angeblich immer schon die Schuld auf unserer Seite und sind ant-semitisch), auch wenn es vielleicht gar nicht der fall ist.Aber man kann es ja mal unterstellen, passt ja so gut. 3.Wenn Americaner im Ausland angeklagt werden, wird sofort das dortige Rechtssystem verunglimpft. 4.Wenn Europaer allerdings andersherum angeblich das Gesetz in den USA brechen, werden sie mit aeusserster Haerte verfolgt und behandelt (siehe Dominique Strauss-Kahn). Ich vermisse zudem in Artikel die genaue Altersangabe des Jungen, waere noetig um sich ein besseres Bild von der Sache zu machen.
Reiner Arlt, 14.01.2012
2.
In Deutschland dürfte so etwas aber auch damals eine Ausnahme gewesen sein. In Amerika dagegen ist ähnliches noch heute ganz normal: Der Sohn von Freunden - damals noch keine 18 und als Austauschschüler in den USA - wurde des Landes verwiesen, weil er in der öffentlichkeit EIN Bier getrunken hatte.
Christian Netzel, 14.01.2012
3.
Was haben die bayerischen Behörden eigentlich falsch gemacht? Jemand hat Gewalt angedroht, was auch heute noch keine Kleinigkeit ist, und wurde im Rahmen der damaligen Gesetzen ohne Ansehen der Person bestraft. Das passte der amerikanischen Regierung und Presse nicht, worauf versucht wurde, Druck auf die deutsche Justiz auszuüben, was nach hiesiger Ansicht ungesetzlich ist. Es folgte der Hinweis, daß in diesem Fall deutsche Gesetze angewendet werden, was in diesem wohl sehr angebracht und keineswegs "großkotzig" war. Wenn Mr. Stern im Hotel für seinen Sohnemann ein zu niedriges Alter angegeben hat, ist dies möglicherweise als Versuch anzusehen, einen niedrigeren Übernachtungspreis zu erschleichen.
Ernst-Wilh. Möbius, 14.01.2012
4.
Die Bemerkung im Artikel "...bezüglich des Schutzes, den Beamte im Dienst..." genießen, lenkt den Blick auf die Gegenwart. Ein Angestellter, der dienstlich mit den Fragen von Fundamentalismus, Rassismus und rechter Gewalt befaßt war, fand eines Tages sein Konterfei in Verbindung mit Verleumdungen auf rechten Internetseiten. Sein Ersuchen um Schutzmaßnahmen wurde von seinen Vorgesetzten abschlägig beschieden und mit dem Verweis auf den Privatklageweg beantwortet. Auch ein Anwalt konnte nur feststellen, daß es den betreffenden Paragraphen nicht mehr gab. Eine schöne Haltung des Staates, vielleicht sogar eine Überzeugungs-Nichttäterschaft, die bereits in Zwickau, um Zwickau und um Zwickau herum so schöne Früchte getragen hat.
Max Muller, 15.01.2012
5.
Bayrische Staatshoelenkricher sind immer noch am Werk, trust me!
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