Kalenderblatt 1.10.1945 Fraternisierungsverbot aufgehoben

Höchstens Gespräche in der Öffentlichkeit sind erlaubt - Beziehungen zu deutschen Frauen aufzunehmen ist US-Soldaten aber völlig untersagt. Am 1. Oktober 1945 jedoch hebt die Militärverwaltung der amerikanischen Besatzungstruppen in Deutschland das so genannte Fraternisierungsverbot für ihre Soldaten auf.

Getty Images

Als im Herbst 1944 die ersten US-amerikanischen Truppenverbände deutschen Boden betraten, veröffentlichte die alliierte Heeresleitung einen Erlass, der für alle Soldaten der westlichen Armeen galt, das so genannte Fraternisierungsverbot: "Nichtverbrüderung ist die Vermeidung des Zusammentreffens mit Deutschen auf der Grundlage von Freundlichkeit, Vertrautheit oder Intimität - ob individuell oder in Gruppen, im offiziellen oder inoffiziellen Umgang."

Bis ins Detail legte die alliierte Militärführung fest, welche Handlungen unter das Fraternisierungsverbot fielen: "Dazu gehörte Händeschütteln, dazu gehörte natürlich die Heirat, als die schwerste Form der Fraternisierung, dazu gehörten alle Formen der persönlichen Beziehung. Etwa durften die Soldaten keinen Sport mit Deutschen treiben, nicht mit ihnen tanzen, keine deutschen Gaststätten besuchen, nicht in Hotels oder Häusern von Deutschen übernachten, keine Geschenke erhalten oder geben usw. Es war also wirklich ein umfassendes Verbot aller freundlichen oder freundschaftlichen Kontakte".

Angst vor einer Untergrundbewegung

Der Historiker Johannes Kleinschmidt hat sich in seiner Doktorarbeit mit dem Fraternisierungsverbot befasst: "Das eine Motiv waren militärische Sicherheitsgründe, d. h. man befürchtete deutsche Sabotageakte oder gar das Entstehen einer deutschen Untergrundbewegung, analog zu eventuell der französischen Untergrundbewegung. Das zweite Motiv war eher politisch-psychologisch: durch diese Art der sozialen Ächtung, durch die Ablehnung der Hand, die man nicht schütteln durfte, sollte den Deutschen klar gemacht werden, dass man sie mitverantwortlich hielt an Krieg und Kriegsverbrechen."

Und noch ein drittes Motiv spielte eine Rolle: die öffentlichen Meinung in den Heimatländern der Soldaten: "Es gab durchaus auch in den amerikanischen Medien einige Empörung, als schon in den ersten Tagen der Besetzung, schon im Herbst 1944, Bilder von GIs im freundschaftlichen Umgang mit Deutschen zu sehen waren," so Kleinschmidt.

Um allzu freundschaftlichen Umgang zu verhindern drohte die Armeeführung ihren Soldaten mit Sanktionen: "Ein Soldat, der mit Deutschen fraternisierte, konnte dafür bestraft werden nach den Regeln der jeweiligen Militärgerichtsbarkeit, d. h. oft wurde dann der Sold für eine Weile einbehalten, es konnten aber auch Arreststrafen verhängt werden."

Keine Kontrolle möglich

Trotzdem funktionierte das Fraternisierungsverbot nie vollständig: "Viele Soldaten sahen das Verbot als Einschränkung ihrer persönlichen Freiheit durch die Armeeführung und nach dem Ende der Kampfhandlungen, und als sich herausgestellt hatte, dass es kaum deutsche Sabotageakte gab, hielten sie es für kaum begründet."

Da die Verstöße gegen das Fraternisierungsverbot schließlich so zahlreich wurden, dass sie weder kontrolliert noch sanktioniert werden konnten, zog sich die Militärführung Schritt für Schritt zurück: "Es gab verschiedene Etappen der Aufhebung: Zuerst kleine Kinder, später Unterhaltung mit Erwachsenen. Ab da (war es) nicht mehr einzuhalten, denn wo eine Unterhaltung aufhört, kann niemand mehr bestimmen."



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.