Kalenderblatt: 10.10.1986 Gerold von Braunmühl erschossen

Am 10. Oktober 1986 wird Gerold von Braunmühl, Leiter der politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes, vor seinem Wohnhaus in Bonn erschossen. Zu dem Terroranschlag bekennt sich das "Kommando Ingrid Schubert" der RAF.

Der Direktor der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes wurde 1985 von Terroristen der "Rote Armee Fraktion" ermordet.
DPA

Der Direktor der Politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes wurde 1985 von Terroristen der "Rote Armee Fraktion" ermordet.


Die Straße im Bonner Villenviertel war grell erleuchtet. Überall blockierende Einsatzwagen. Mittendrin ein Mann, erschüttert, den Tränen nahe: der damalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher. Vor ihm auf dem Boden liegend, in ein weißes Leichentuch gehüllt, einer seiner engsten Mitarbeiter: Gerold von Braunmühl, Leiter der politischen Abteilung des Auswärtigen Amtes. Kaltblütig erschossen von Terroristen, direkt vor seinem Haus.

Gegen 21 Uhr an diesem Freitag hatte Braunmühl sich in einem Taxi vom Büro nach Hause fahren lassen. Der Staatssekretär bezahlte, stieg aus. Plötzlich vor ihm dieser Maskierte, der schoss. Braunmühl, von vier Schüssen in Bauch, Herz und Kopf getroffen, schleppte sich noch 20 Meter bis zum Bordstein, dann brach er tot zusammen. Der Attentäter und ein Komplize, ebenfalls aus dem Nichts aufgetaucht, liefen zu einem Auto, flüchteten.

In dem siebenseitigen Schreiben, das am Tatort gefunden wurde, bekannte sich die Revolutionäre Front West-Europa, Kommando Ingrid Schubert, zu dem Terroranschlag. Dahinter steckte die Rote Armee Fraktion. Schubert zählte zur ersten Generation der RAF.

Neue Dimension des Terrors

Die Ringfahndung, die eingeleitet wurde, blieb zunächst erfolglos. Politiker aller Parteien äußerten sich bestürzt über die neue Dimension des Terrors. Der Mord an dem 51 Jahre alten Diplomaten und engem Vertrauten des Bundesaußenministers war ein Indiz dafür, dass es die RAF-Terrororganisation vor allem auf die gemäßigten Kräfte der Bundesrepublik abgesehen hatte, weil deren Politik der internationalen Verständigung den eigenen revolutionären Angriff ins Leere laufen ließen.

Obwohl für die Ergreifung der Täter eine Belohnung von mehr als umgerechnet zwei Millionen Euro ausgesetzt wurden, blieb die Suche nach den Terroristen erfolglos. Politiker aus allen Staaten der Welt drückten gegenüber der Bundesrepublik und der Familie von Braunmühl ihre Anteilnahme aus. Der damalige Bundesaußenminister Genscher sagte in seiner Trauerrede, der Anschlag habe dem Auswärtigen Amt und all seinen Angehörigen gegolten.

Und einer von Braunmühls engsten Freunden, der Diplomat Michael Engelhardt, sprach aus, was die meisten Gäste beim Abschied des dreifachen Familienvaters empfanden: "Aus der Ohnmacht wuchs langsam und dunkel der Zorn, die Wut und ich bekenne, es ist Hass und man sich nahezu dem eigenen Hass hilflos ausgeliefert sieht."

Dialogversuch mit den Tätern

Auf den Tag genau vier Wochen nach der Tat schrieben die fünf jüngeren Brüder des Ermordeten einen offenen Brief an die Terroristen, veröffentlicht auf der Titelseite der in Berlin erscheinenden Tageszeitung "taz": "An die Mörder unseres Bruders: Warum habt Ihr das gemacht? Wer gibt Euch das Recht zu morden? Wer macht Euch zu Auserwählten elitärer Wahrheit?"

Carl Christian von Braunmühl sprach im Namen aller seiner Brüder: "Ich will eine Antwort darauf haben. Ich will sie zur Verantwortung ziehen, warum sie ganz konkret meinen Bruder ermordet haben." Der Brief mit all seinen Fragen ist ein ganz ungewöhnlicher Appell, das Unfassbare fassbar zu machen. Doch er war auch deutlich der Versuch, die Täter mit der Sinnlosigkeit ihres Tuns zu konfrontieren, sie bloßzustellen, sie zu isolieren.

Für den Dialog mit Worten erhalten die Geschwister von Braunmühl den Gustav-Heinemann-Bürgerpreis der SPD zugesprochen. Die Tageszeitung "Frankfurter Allgemeine Zeitung" war entsetzt und fragte: Kann man mit Terroristen und ihrem Sympathisanten-Umfeld diskutieren? Und forderte: "Der stellvertretende SPD-Vorsitzende Rau soll ihn überreichen. Hoffentlich lehnt er es ab."

Bis heute keine Antwort

Auch der damalige Generalbundesanwalt Kurt Rebmann kritisierte die Aktion, denn ein Dialog mit RAF-Terroristen, wie von Carl Christian Braunmühl postuliert, sei nicht möglich. Dieser fragte: "Ich möchte weitersagen, wie wichtig es ist, sich über die großen Probleme, die uns bedrohen, zu reden und es besser zu machen - zwar nicht nur als die Terroristen, sondern auch als wir selbst."

Immer wieder brachte sich die Familie des Opfers ein: Ende 1996 besuchte Patrick von Braunmühl, der Sohn und die Brüder des Ermordeten, das ehemalige RAF-Mitglied Birgit Hogefeld im Gefängnis. Eine Antwort auf die Frage, warum die Tat geschehen musste, haben sie dort nicht erhalten.

Im April 1998 gab die RAF in einer Erklärung die Selbstauflösung bekannt. Die Mörder des Gerold von Braunmühl aber sind immer noch nicht ermittelt - die Mordakte ist noch nicht geschlossen.

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