Kalenderblatt: 17.6.1901 Korrektes Deutsch für alle

Am 17. Juni 1901 erklärte die in Berlin tagende "Konferenz zur Vereinheitlichung der deutschen Rechtschreibung" Konrad Dudens Orthografieregeln für allerorten verbindlich.

DPA

In J.-H. Zedler, Großes Universallexikon von 1741 ist zu lesen: "Rechtschreibung ist in der Sprachlehre das erste Stücke derselben, welches lehret die Buchstaben, Worte und ganze Reden recht und gehörig zu schreiben. Darum viel geschickte Männer einen Versuch getan, zu einer beständigen Rechtschreibung zu gelangen, haben aber einen durchgehenden Beifall noch nicht erlangen können."

Streit herrschte in den Klosterschreibstuben und Kanzleien des Mittelalters. Die deutsche Sprache begann das Lateinische aus dem amtlichen Sprachgebrauch zu verdrängen. Zu sprechen und zu verstehen wusste man es recht leidlich, aber zu schreiben hatten sie ihre liebe Not, die Menschen deutscher Zunge.

Die einen schrieben zum Beispiel einen langen Vokal wie das "o" im Wort "Rohr", indem sie ihm ein "i" nachstellten: R-o-i-r, gesprochen "Rohr". Die anderen nahmen ein "e": R-o-e-r, gesprochen "Rohr". Die dritten nahmen ein "h": Ro-h-r, gesprochen "Rohr". Drei Schreibweisen für ein und dasselbe Wort - und das quer durch die ganze Sprache. Ordnung musste her.

"Schreibe, wie Du sprichst!"

"Schreibe, wie Du sprichst!" Diese fundamentale Regel formulierte der Philosoph und Sprachforscher Johann-Christoph Adelung in einem Regelwerk. Aber leichter gesagt, als getan, denn auch um Deutsch zu schreiben, hatte man nur lateinische Buchstaben, und für einige Laute der deutschen Sprache gab es keine Zeichen. Zum Beispiel, für das "ch" wie in "Becher" oder für das "sch" wie in "Schwer". Zeichenkombinationen mussten helfen. Auf der anderen Seite konnte ein und derselbe Laut durch mehrere Zeichen dargestellt werden. Ein "f" konnte ein "F" sein, wie in "Fisch" oder ein "V", wie in "Verrat" oder ein "PH", wie in "Philosoph".

In seinen "Grundsätzen der deutschen Orthographie" von 1782 legte Adelung für jedes Wort der deutschen Sprache eine Schreibweise fest. Das Werk wurde zur Grundlage der deutschen Einheitsrechtschreibung. Vieles davon gilt bis heute. Waren die Rechtschreibregeln zunächst nur allgemeiner Gebrauch - im preußischen Kaiserreich wurden sie zum Gesetz.


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Verbindliche Regeln

Als erstes Land stellte Hannover im Jahr 1855 verbindliche Regeln für die Schulorthografie auf. Württemberg zog nach. Daraufhin nahm der preußische Kultusminister die reichsweit einheitliche, verbindliche Regelung der Rechtschreibung in die Hand. Er berief eine Konferenz zur Herstellung endgültiger Einigung in der deutschen Rechtschreibung ein.

Die beschlossenen Regelungen waren sehr weitreichend und selbst nach heutigen Maßstäben modern. Zum Beispiel der Vorstoß in Richtung konsequenter Kleinschreibung: "Ihr Lehrer der Jugend - gesteht es euch nur ehrlich, vom 6. bis zum 12. und 14. Jahre elendet ihr die Kinder mit den großen Buchstaben! Wie viele Zeit ging damit verloren, mit roter Tinte die kleinen Buchstaben in große zu verwandeln!"

Einige Länder zogen dabei nicht mit, die Konferenz vertagte sich. Ein Teilnehmer, der Sprachforscher Konrad Duden, suchte nach einer Kompromisslösung und machte sich ans Werk. Er verfasste ein "Vollständiges Orthographisches Wörterbuch der Deutschen Sprache". Aber er bekam Konkurrenz. Der Germanist Wilhelm Wilmanns verfasste gleichzeitig sein Buch "Regeln und Wörterverzeichnis für die deutsche Rechtschreibung zum Gebrauch in den preußischen Schulen."


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Allerorten verbindlich

Kanzler Bismarck sprach ein Machtwort. Konrad Duden mit seinem "Orthographischen Wörterbuch", heute bekannt als "Der Duden", hatte gewonnen. Auch die Schweiz und Österreich übernahmen Ende des 19. Jahrhunderts die preußischen Rechtschreibregeln.

Ihren Abschluss fand die Kaiserlich-Preußische Rechtschreibvereinheitlichung in der Staatlichen Rechtschreibkonferenz von 1901. Sie erklärte Konrad Dudens Orthografieregeln für allerorten verbindlich. Lediglich ein kleines Zugeständnis wurde noch an die Modernisten unter den Reformern gemacht: Auf "T" anlautende Worte wie "That" oder "Thür" verloren das "H", das bis dahin immer hinter ein "T" am Wortanfang geschrieben worden war.

Nur ein Wort durfte nicht verändert werden. Der "Thron" behielt sein "H", darauf bestand der Kaiser. Und bis heute konnte er seinen Thron erfolgreich zumindest gegen die Rechtschreibreformen verteidigen.

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