Kalenderblatt: 21.8.1911 Spektakulärer Kunstraub

Kalenderblatt: 21.8.1911: Spektakulärer Kunstraub Fotos
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Durch ein Verbrechen zur Ikone: Leonardo da Vincis "Mona Lisa" wurde aus dem Louvre geraubt. Erst durch diese Entführung, die fast eine europäische Kulturkrise ausgelöst hatte, wurde das Gemälde weltberühmt. Von

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Der 21. August 1911 war ein Montag, und da fast alle Museen der Welt montags geschlossen sind, so war auch der Louvre in Paris an diesem Tag nicht geöffnet. Nur einige Angestellte führten in den Sälen dieser bedeutenden Kunstsammlung Renovierungsarbeiten durch. Daran war auch der Dekorationsmaler Vincenzo Perugia beteiligt. In einem unbeobachteten Moment ging er zu Leonardo da Vincis Meisterwerk "Mona Lisa".

Das um 1503 entstandene Bild war zu diesem Zeitpunkt nur einigen Kunstkennern bekannt und fristete in einem versteckten Winkel sein Dasein. Perugia löste die Leinwand aus dem Rahmen und verließ unbemerkt den Louvre. Der Diebstahl wurde erst am nächsten Tag publik.

Akt des Patriotismus

Es vergingen über zwei Jahre. Dann führte der Hinweis eines Antiquitätenhändlers die Polizei von Florenz in die norditalienische Provinz Como. Dort bot der Dekorateur Perugia das Gemälde zum Kauf an. Bei seiner Festnahme zeigte er sich geständig und gab ein ungewöhnliches Tatmotiv an: Patriotismus.

Er wollte einen der größten italienischen Kunstschätze wieder zurück in die Heimat bringen und damit einen Kunstraub rächen, den Kaiser Napoleon im voran gegangenen Jahrhundert begangen habe. Hier irrte sich der Dekorationsmaler, denn Leonardo selbst hatte das Porträt der Mona Lisa bereits 1516 für 4000 Goldtaler, schon damals ein Spitzenpreis, an den französischen König Franz I. verkauft.


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Wer war die Dame?

Nachdem das geraubte Bild 1913 wieder aufgetaucht war, reisten Experten aus dem Louvre in die Uffizien von Florenz, um die Echtheit des Gemäldes zu prüfen. Sie identifizierten das Porträt als Original. Fortan wurde das Meisterwerk gut bewacht, und inzwischen lächelt die Dame durch kugelsicheres Glas aufs Publikum.

Durch ihre "Entführung", die fast eine europäische Kulturkrise ausgelöst hatte, wurde die Mona Lisa weltberühmt. Nun stritten sich unzählige Experten um jegliches Detail auf dem Bild: Sie ermittelten den Ort, an dem Leonardo die Frau gemalt haben könnte, sie fahndeten nach der Identität der Porträtierten. Ist sie vielleicht Isabella Gualanda, eine Kurtisane im Vatikan oder tatsächlich die Ehefrau des florentinischen Kaufmanns Francesco del Giocondo?

Andere behaupteten, es handle sich in Wirklichkeit um ein Selbstporträt da Vincis, während 1914 ein französischer Gelehrter die Ansicht äußerte, Mona Lisa sei nicht als historische Florentinerin anzusehen, sondern als eine künstlerische Idealdarstellung der damaligen Zeit, die keiner persönlichen Identifizierung bedürfte. Bei diesem Identitätsverlust ist es bis heute geblieben.

Und: Das Lächeln

Am erbittersten stritten die Fachleute um das Lächeln der Mona Lisa. Zwei französische Ärzte sahen darin etwas Krankhaftes, denn sie habe an Muskelschwund gelitten. Andere interpretierten das Lächeln als Gesichtslähmung, wieder andere legten Schizophrenie zugrunde. Die kanadische Künstlerin Suzanne Giroux sah in dem geschwungenen Mund der Mona Lisa den nackten Rücken eines schönen Jünglings, sofern man das Bild um 90 Grad drehe und belegte ihre Theorie mit der homosexuellen Neigung Leonardos. Sogar Sigmund Freud mischte sich ein und interpretierte darin Leonardos Triebleben, denn in Wirklichkeit komme in dem Porträt das Lächeln von Leonardos früh verstorbener Mutter zum Vorschein.

Aber dass Leonardo vielleicht einfach nur eine freundlich lächelnde Dame gemalt haben könnte, erscheint den offiziellen und selbsternannten Experten dann doch zu profan.

Das Kunstwerk der Kunstwerke

Interpretationen hin oder her, die Dame musste sich noch mehr gefallen lassen: Marcel Duchamps und Salvadore Dalí verzierten die Mona Lisa - der eine wählte einen Stalin-Schnurrbart, der andere eine preußische Pickelhaube. Natürlich malten sie auf Duplikate. Andy Warhol schwärmte davon, dass 30 Mona Lisen eben mehr seien als nur eine einzige.

Und Bezeichnungen erhielt die Porträtierte sicherlich weitaus mehr als 30: Angefangen von la Gioconda und säkularisierter Madonna über schöne Leiche, femme fatale oder "Grinsrübe" warb und wirbt das sogenannte "Kunstwerk der Kunstwerke" für Wäsche, Käse oder Zigarren.

Die Zeiten, in denen die Mona Lisa das napoleonische Schlafzimmer zierte, sind endgültig vorbei. Mittlerweile ist sie zum allgemeinen Kulturgut geworden. Degradiert zu einer Ikone der Kitschkultur ist sie sogar schon gesehen worden, wie sie als stille Beobachterin in der Ecke einer Kneipentoilette hängt.

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