Kalenderblatt 3.10.1926 Anfänge der europäischen Einigung

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Anhänger des europäischen Gedankens treffen sich am 3. Oktober 1926 zum Ersten Paneuropäischen Kongress in Wien. Die Teilnehmer kommen aus 24 Staaten und versuchen die Bemühungen um eine Einigung Europas voranzutreiben - angesichts der politischen Schwierigkeiten zu jener Zeit ohne Erfolg. Von

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"Nur ein geeintes Europa kann seinen Aufgaben in der Welt gerecht werden. Nur ein geeintes Europa kann auf Dauer unsere freiheitliche demokratische Ordnung gewährleisten." Das sind Sätze aus der Regierungserklärung des Bundeskanzlers Helmut Kohl vom 4. Mai 1983. Inzwischen ist die Europäische Union Realität: mit offenen Grenzen, mit einer europäischen Währung, einem Europaparlament und einem europäischen Gerichtshof.

1926 waren allein die Gedanken an eine europäische Einigung für die einen politische Utopie, für die anderen schlichte Spinnerei. Dennoch trafen sich am 3. Oktober 1926 im Wiener Konzerthaus rund 2000 Vertreter aus 24 Nationen zum ersten "Paneuropa-Kongress" und folgten damit der Einladung eines Mannes, der heute für viele als der "Erfinder" des Europagedankens gilt: Richard Nicolas Graf Coudenhove-Kalergi.

Der Sohn des ehemaligen Botschafters Österreich-Ungarns in Tokio und einer Japanerin, hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg und unter dem Eindruck des Zusammenbruchs der österreichisch-ungarischen Donaumonarchie ein friedliches, vereintes, gleichberechtigtes Europa von "Portugal bis Polen" zur Lebensaufgabe gemacht.

Alternative zum Völkerbund

"Europa wird in einem Jahrhundert dastehen als ein freies Land von Brüdern auf einem wunderschönen, herrlichen Kontinent", so der kosmopolitische Graf, dessen nordbrabantischer Familie der Adelstitel für die Teilnahme am ersten Kreuzzug 1099 verliehen wurde. Er führte bis zu seinem Tode im Juli 1972 einen "Kreuzzug für Europa", wie auch der gleichnamige Titel eines 1943 von ihm verfassten Buches lautet.

Bereits 1919 hatte er seinen Plan zum Zusammenschluss Europas dem ersten Präsidenten der Tschechoslowakei, Tomá? Masaryk, vorgetragen. Am 15. und 17. November 1922 erschien in der "Vossischen Zeitung" in Berlin und in der "Neuen Freien Presse" in Wien ein Zeitungsartikel von ihm, der für Aufsehen und Diskussionen sorgte: Unter dem Titel "Paneuropa - ein Vorschlag" schlug Coudenhove-Kalergi eine Alternative zum Völkerbund ohne die Vereinigten Staaten von Amerika vor.

Der Grundgedanke: Ein politisches geeintes Europa auf der Grundlage einer deutsch-französischen Aussöhnung. Sollte diese nicht zustande kommen, drohe ein Zweiter Weltkrieg als "grausamer Zukunftskrieg." Im April 1924 folgte das "Paneuropäische Manifest" in der von ihm herausgegebenen Zeitschrift "Paneuropa". Der Aristokrat schrieb damals, er hätte lieber ein beschauliches Leben geführt, "aber in einer Zeit, da die Welt brennt, hat niemand, der in der Lage ist, an einer Löschaktion teilzunehmen, ein Recht auf Beschaulichkeit."

Erste europäische Einigungsbewegung

1923 gründete der europäische Vordenker die Paneuropa-Union als erste europäische Einigungsbewegung. Ihr traten führende Politiker, Wirtschaftsführer und Intellektuelle aus ganz Europa bei. Der deutsche Außenminister Gustav Stresemann unterstützte die Idee ebenso wie der französische Ministerpräsident Aristide Briand. Später stellten sich große Staatsmänner wie Winston Churchill, Robert Schumann und Konrad Adenauer in ihre Dienste.

Auf dem Paneuropa-Kongress am 3. Oktober 1926 stellte Coudenhove-Kalergi sein politisches Programm vor: Abbau der Grenzen zwischen den europäischen Staaten, Schaffung eines europäischen Staatenbundes, Gleichberechtigung und Verständigung unter den Völkern als Voraussetzung für Frieden, Freiheit und Wohlstand.

Überzeugter Demokrat war der 1894 geborene Diplomatensohn nicht. Zum Ausgleich der widerstrebenden Interessen und politischen Gegensätze in dem damals vom Faschismus und Bolschewismus bedrängten Nachkriegs-Europa, in dem sich lediglich in Frankreich die Demokratie etabliert hatte, schlug er die Quadratur des Kreises vor: "Wer den europäischen Staatenbund fordert, darf nicht erwarten, alle Bundesstaaten mit identischen Verfassungen ausgestattet zu sehen, sondern muss sich daran gewöhnen, den italienischen Faschismus als ebenbürtige Tatsache neben der französischen Demokratie anzuerkennen und versuchen, diese verschiedenartigen Staaten im kommenden europäischen Staatenbund organisch zusammenzufassen."

"Der Kampf um Europa ist ein Kampf um Gut und Böse"

Zur Realisierung kam es nicht. Adolf Hitler löste nach dem Austritt Deutschlands aus dem Völkerbund 1933 die Paneuropa-Union auf. Was danach folgen sollte, sah Coudenhove-Kalergi voraus. Bei einer Kundgebung der Paneuropa-Bewegung am 23. November 1934 in Wien zum Gedenken an den von den Nationalsozialisten ermordeten österreichischen Bundeskanzler Engelbert Dollfuss sagte er: "Es sind Tage, die entscheiden über Krieg und Frieden (...) Europa hat die Wahl zwischen Untergang und Aufstieg (...) Der Kampf um Europa ist ein Kampf um Gut und Böse, um Ordnung und Chaos."

Es kam zum Chaos. Der von vielen als Utopist und Romantiker verspottete, von anderen als Idealist geehrte Coudenhove-Kalergi hatte zu Recht vor Hitler und dem Zweiten Weltkrieg gewarnt wie unbeirrt seine Ziele verfolgt.

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