Kalenderblatt: 6.10.1948 Die "Ente" wird vorgestellt

Bei der Eröffnung des Pariser Autosalons wird am 6. Oktober 1948 ein ebenso sparsames wie spartanisches Auto vorgestellt: der Citroën 2CV. In Deutschland wird die "Ente" in den sechziger und siebziger Jahren zum Kultauto.

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Die Voraussetzungen für die Entwicklung eines neuen Autos waren alles andere als günstig: 1936 gaben die neuen Besitzer des französischen Automobilherstellers Citroën den Auftrag, ein kleines, billiges und volkstümliches Fahrzeug zu entwerfen. Ein Auto, mit dem man querfeldein und dennoch bequem fahren könnte, in dem der Bauer Eier unversehrt über Feldwege zum Markt bringen und der Städter sich kostengünstig fortbewegen könnte.

Die Studie unter dem Code-Namen TPV ("toute petite voiture") war 1939 fertig. Rechtzeitig für den Pariser Autosalon, in jenem Jahr wurde die Ausstellung aber abgesagt: In Europa war Krieg - niemand dachte an neue Auto-Modelle.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nahmen die Konstrukteure von Citroën ihre Arbeit an dem Projekt wieder auf, das sie während des Krieges nur gelegentlich nebenher weiterverfolgt hatten. Und am Vorabend der Eröffnung des 35. Pariser Autosalons von 1948 war es soweit: Der "2CV" war fertig - oder "die Ente", wie der Wagen bis heute in Deutschland genannt wird.

Wagensitze wie Gartenstühle

Ein merkwürdiges graues Blech-Gefährt, entfernt verwandt mit einem Osterei. Ein Zweizylinder-Motor mit nur 375 Kubikzentimeter Hubraum und einer Höchstgeschwindigkeit von 65 Stundenkilometern. Die Seitenfenster werden hochgeklappt und die Sitze sind urbequeme Hängesessel.

"Die ersten Prototypen sahen noch so aus, dass man Baumwollsitzbezüge hatte, die mit Stahlseilen zum Dach abgespannt waren, damit man eine Rückenlehne hatte. Die Enten, die auf dem Pariser Salon vorgestellt wurden, waren dann schon mit etwas normaleren Stühlen versehen, die aber immer noch sehr stark an Gartenstühle erinnerten," wusste Sven Hanck-Müller zu berichten, der frühere Vorsitzende des Kölner "Enten" oder "Deux Cheveaux-Clubs".

Statt der drei Gänge des Prototyps von 1939 hat der "2CV, Modell A", wie das lustige Gefährt heißt, vier Gänge. Statt eines Scheinwerfers hat es zwei und statt des wassergekühlten Motors ist dieser luftgekühlt. Ein Anlasser ersetzt erst im letzten Moment die Kurbel, und Scheibenwischer wie Winker müssen mit der Hand betätigt werden:

"Der Scheibenwischer-Motor wiederum war etwas gewöhnungsbedürftig, da er über die Tachowelle angetrieben wurde. Und wenn man etwas zu langsam fuhr, was am Berg ohne Probleme mit der damaligen Motorleistung von neun PS vorkommen konnte, musste man den Scheibenwischer mit der Hand betreiben", erinnerte sich Sven Hanck-Müller.

Fünf Jahre Wartezeit für einen "Döhschewoh"

Sofort schlug der "2CV" ein und wurde ein Riesenerfolg. Obwohl es noch fast ein Jahr dauerte, bis man ihn kaufen konnte. Dann aber war er mit damals 185.000 Francs der billigste Wagen auf dem Markt und für die Franzosen der erste kleine Luxus, den sie sich nach den Jahren den Entbehrungen während des Zweiten Weltkriegs gönnten.

Die "Ente" ist bald weit über die Grenzen Frankreichs populär. Bis 1966 wurde die Rekordzahl von 168.357 Exemplaren produziert, und Interessenten für einen Neuwagen mussten sich streckenweise bis zu fünf Jahre gedulden. Eine Folge: gebrauchte 2CVs waren zeitweilig teurer als neue.

Der 2CV wurde zum nationalen Symbol für Frankreich - in einer Reihe mit dem Eiffelturm, dem Baguette oder Brigitte Bardot. Er steht für französische Lebensart und wurde aus weit mehr als nur ökonomischen Gründen zum Lieblingsgefährt von Studenten und Weltenbummlern. Ohne Ende ist die Liste der internationalen Touren, auf denen der Wagen sich bewährt hat. Speziell für Wüstenfahrten wurde ein "2CV" mit zwei Motoren entwickelt, ein Kombi-Lieferwagen ist der Vorläufer moderner Campingbusse.

"Der Weg ist das Ziel"

Nur wenige, die dem Charme der "Ente" erliegen, werden ihr untreu. Selbst nachdem der Bau des Wagens im Jahr 1990 eingestellt wurde, bleibt er Sammler-Objekt und bildeten sich Deux Cheveaux-Clubs in aller Welt.

In der Diskussion um Benzin sparende Personenwagen wäre die Ur-Ente vielleicht die passende Antwort. Aber, so Sven Hanck-Müller, mit Einschränkungen natürlich: "Es gibt immer noch Leute in der Enten-Szene, die mit ihren alten Enten fahren. Die brauchen dann aber auch mal eben einen Tag, um von der einen Ecke Deutschlands zur anderen zu kommen. Aber die nehmen sich dann auch die Zeit und sagen: ,der Weg ist das Ziel' - und sehen viele sehr schöne Sachen neben der Straße."



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Matthias Müller, 06.10.2017
1.
Ein Freund hatte mal so eine Ente. Mit großem Abstand das besch... eidenste Auto, in dem ich je fahren musste. Gut, dass diese Karren fast alle in der Presse sind.
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