Kalenderblatt: 8.4.2002 Medienmogul vor dem Aus

Kalenderblatt: 8.4.2002: Medienmogul vor dem Aus Fotos
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Selten wurde ein Insolvenzantrag in der Öffentlichkeit so heftig diskutiert wie der des Kirch-Konzerns am 8. April 2002. Die Existenz eines Teils der deutschen Fernsehlandschaft stand auf dem Spiel. Denn zur Insolvenzmasse der Kirch-Gruppe gehörten einige "Filetstücke" der Branche. Von

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Rund 6,5 Milliarden Euro Schulden: Das war selbst für den ehemaligen "Medienzar" Leo Kirch zu hoch. Am Montag, den 8. April 2002, beantragte mit der KirchMedia das Kerngeschäft seines Unternehmens Insolvenz. Einer der größten Medienkonzerne Europas war damit endgültig gescheitert.

Doch wofür genau stand Kirch eigentlich? Die dann insolvente KirchMedia umfasste den TV-Konzern ProSiebenSat.1, einen Filmrechte-Handel mit 11.000 Spielfilmtiteln und 40.000 Stunden Fernsehserien sowie Sportübertragungsrechte.

Die zwei weiteren Säulen des Konzerns bildeten der verlustreiche KirchPayTV-Bereich mit dem Bezahlsender Premiere sowie die KirchBeteiligungs GmbH. Ebenso wie die Dachgesellschaft TaurusHolding gingen sie im Frühsommer 2002 in die Insolvenz.

Wie alles begann

Am Zusammenbruch seines Unternehmens trug Leo Kirch selbst den größten Teil der Schuld. Klein und übersichtlich hatte er Mitte der 1950er-Jahre begonnen, als er die Rechte am Filmklassiker "La Strada" erwarb. Doch in der Folgezeit baute er ein unentwirrbares Geflecht an Übertragungsrechten auf: Zu den anfänglichen Filmlieferungen an ARD und ZDF kamen eigene Fernsehsender und Sportrechte.

Das notwendige Geld wurde von Banken oft bereitwillig zur Verfügung gestellt - oder es floss mit Hilfe der obersten politischen Kreise in Bayern. Kirchs Kontaktnetz ermöglichte Projekte, die nur mit Ausstrahlungsrechten und prognostizierten Werbeeinnahmen abgesichert waren.

Doch gerade sein Lieblingskind, das Pay-TV, sollte ihn im Stich lassen. Allen Investitionen von Seiten Kirchs zum Trotz, schienen die Deutschen zufrieden mit dem frei zu empfangenen Fernsehangebot. Nun drängten Kirch die Gläubiger, neben den Banken auch Medienkonzerne wie Springer und das "News Corporation"-Imperium des Australiers Rupert Murdoch. Kirchs Kreditwürdigkeit geriet ins Wanken, als sich die Banken nicht über eine weitere Finanzspritze einigen konnten.

Programmänderungen?

Rund sechs Monate vor der Bundestagswahl 2002 war damit die Zukunft eines Unternehmens ungewiss, das neben den öffentlich-rechtlichen Sendern und der RTL-Gruppe die Fernsehlandschaft in Deutschland geprägt hatte.

Zum Politikum wurde die Insolvenz zwischen dem damaligen Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) und seinem Herausforderer Edmund Stoiber (CSU): Das Unternehmen mit Sitz in München hatte Kredite von der halbstaatlichen Bayerischen Landesbank erhalten. Auch andere Fragen beschäftigten die Deutschen: War die Bundesligaberichterstattung ohne das Geld von Kirch gesichert? Wer kaufte die insolventen Konzernteile auf?

Da zeigte sich neben anderen der damalige italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi mit seinem Medienunternehmen interessiert. Auch hier fühlte sich die Politik angesprochen. Heide Simonis, damalige Ministerpräsidentin von Schleswig-Holstein sagte damals: "Es gibt da zwar eine rechtliche Lücke bei uns, aber für mich bedeutet das abgeleitet genau das Gleiche: Was ein deutsches Regierungsmitglied nicht darf, das darf natürlich auch ein ausländisches nicht."

"Gottes Segen"

Die Insolvenz des Leo Kirch wurde zu einem Ringen um Macht, Meinung und Politik. Vorläufig erlebte die deutsche Fernsehlandschaft dabei keine großen Umgestaltungen, auch der Fußball rollte weiter über den Bildschirm. Verabschiedet hat sich Leo Kirch von seinen Mitarbeitern mit einem Brief. Darin nahm er alle Schuld auf sich und wünschte "Gottes Segen".

Ein Jahr nach dem Insolvenzantrag dauerte der Verkauf der Fernsehsender, diverser Technik- und Marketingfirmen sowie Beteiligungen noch an. Der Kampf um die "Filetstücke" war noch nicht ausgefochten. Im August 2003 übernahm dann Saban den TV-Konzern ProSiebenSat.1.

Zur gleichen Zeit begannen Ermittlungen wegen diverser Beraterverträge sowie des Verdachts der Veruntreuung. Neben den Konkurrenten Springer, WAZ und Bertelsmann hatte vor allem einer profitiert: Leo Kirch selbst. Denn haften musste nicht die Person Kirch, sondern die überschuldete TaurusHolding GmbH. Deshalb mussten Kirchs Gläubigerbanken ihre Forderungen in Milliardenhöhe vorläufig abschreiben.

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