Kalenderblatt: 9.5.1976 Selbstmord in Stammheim

Kalenderblatt: 9.5.1976: Selbstmord in Stammheim Fotos
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Von der Starjournalistin zum Staatsfeind: Es war Muttertag, als die Terroristin am Morgen des 9. Mai 1976 tot in ihrer Zelle aufgefunden wurde. Ulrike Meinhof hatte der Rote Armee Fraktion ihren Namen gegeben und die Linie der RAF festgelegt: "Natürlich kann geschossen werden."

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Hatte Ulrike Meinhof diesen Tag symbolisch für ihren Freitod gewählt, um ein letztes, eindrucksvolles Mal auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen? Den Kampf gegen Krieg und für Menschenrechte, gegen Faschismus und Alt-Nazis, gegen das System der Bundesrepublik, gegen Unterdrückung? Am 9. Mai 1976, Muttertag und Jahrestag des Kriegsendes wurde Ulrike Meinhof tot in ihrer Zelle gefunden. Mit dem Kopf zur Tür gewandt, hing die ehemalige Star-Journalistin, die zum Staatsfeind Nummer Eins erklärt worden war, an einem zerrissenen, zusammengeknoteten Anstaltshandtuch am Gitter ihres linken Zellenfensters.

Es gab keinen Abschiedsbrief, weder an ihre mitinhaftierten Genossen Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Jan-Carl Raspe und Irmgard Möller noch an ihre Kinder. Für eine Internationale Untersuchungskommission ein Indiz gegen die Selbstmordthese.

Der Verleger Klaus Wagenbach sagte bei der Beerdigung am 16. Mai 1976 im West-Berliner Stadtteil Mariendorf, der 4.000 Menschen beiwohnten, dass sie an den "deutschen Verhältnissen" zu Grunde gegangen sei. Der Autor und Journalist Willi Winkler schrieb 20 Jahre später in der Wochenzeitung "Die Zeit", Ulrike Meinhof habe über die "seltene Begabung verfügt, sich rühren zu lassen". Dies sei "ihr nicht bekommen und ihrer Umwelt erst recht nicht". Altbundespräsident Gustav Heinemann, der die Anti-Atomtod-Demonstrantin und Konkret-Kolumnistin Meinhof 1961 vor Gericht in einem Verfahren gegen den damaligen Verteidigungsminister Franz-Josef Strauß vertreten hatte, resümierte: "Mit allem, was sie getan hat, so unverständlich es war, hat sie uns gemeint."


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Tragisch gescheitert?

Mit jenem Gerichtsverfahren wurde die damals 27-jährige Ulrike Maria Meinhof - Sprecherin der Atomwaffengegner im Sozialistischen Deutschen Studentenbund, Mitglied der verbotenen KPD und Chefredakteurin der von eben dieser Partei finanzierten linken Zeitschrift "konkret" - bundesweit bekannt. In einem Leitartikel hatte sie geschrieben: "Wie wir unsere Eltern nach Hitler fragen, werden wir eines Tages nach Herrn Strauß gefragt werden."

Nationalsozialismus, Wiederbewaffnung, Atomtod, Restauration, Pazifismus - Schlüsselbegriffe im Leben und Wirken der Journalistin Ulrike Meinhof, die seit 1948 Vollwaise war und 1962 den "konkret"-Herausgeber Klaus Rainer Röhl heiratete. Beide gehörten Mitte der 1960er-Jahre zum Hamburger Establishment und lebten damit - jedenfalls, was Ulrike Meinhof betraf - in zwei Welten: Hier die Schickeria-Party-Szene zwischen Hamburg und Blankenese, dort das Engagement für soziale Randgruppen.

Der Dichter Erich Fried nannte sie einmal die "bedeutendste Frau in der deutschen Politik seit Rosa Luxemburg"; bis weit in die bürgerlichen Kreise hinein galt sie später als tragisch gescheiterte Epigonin von Jeanne d´Arc.

Von der Beobachterin zur Agitatorin und Täterin

Die Meinhof war gefragter Talkshow-Gast, Rundfunkautorin, Hochschuldozentin und schrieb Ende der 1960er-Jahre ihr einziges Fernsehspiel: "Bambule" - über das Leben von Heimkindern. Ein Auszug: "Jeanette sah aus wie ein Mann. Sie musste die gleiche Arbeit machen wie ein Mann, bekam aber den Lohn einer Frau."

Im Mai 1970 sollte es ausgestrahlt werden. Als Ulrike Meinhof am 14. Mai 1970 den Kaufhausbrandstifter Andreas Baader befreite und in den Untergrund ging, wurde es abgesetzt. Sie selbst, inzwischen geschieden und in Berlin lebend, hatte sich schon wenige Monate zuvor von dem Stück distanziert: "Da es die Absicht des Drehbuchschreibers war, mit diesem Film Veränderungen zu bewirken, kann man sagen: der Film ist ein ungeeignetes Mittel. Ändern wird sich nur etwas, wenn die Unterdrückten selbst handeln. Wer sie dabei unterstützen will, muss es praktisch tun, muss den Unterdrückten selbst helfen, sich zu organisieren, zu handeln, ihre Forderungen durchzusetzen. Ich finde den Film Scheiße."

Der Weg von der bürgerlich-linken Journalistin zur Mitgründerin und radikalen Programmatikerin der Roten Armee Fraktion, von der Beobachterin zur Agitatorin und Täterin, begann mit dem Tod des 26-jährigen Studenten Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967, der bei der Schah-Demonstration von einem Polizisten erschossen wurde. Er setzte sich fort mit dem Attentat auf Rudi Dutschke am 11. April 1968.

Der entscheidende Gesetzesbruch

Die APO, aber auch linke bürgerliche Kreise, sahen die Bundesrepublik auf dem Weg zum "Polizeistaat". Sie machten die Kiesinger-Regierung und die Springer-Presse für die Toten verantwortlich. Ihr Sprachrohr: die Zeitschrift "konkret". Dreh- und Angelpunkt der Meinhof-Kolumnen war fortan das Thema Gewalt, zu dem die Christin ihre Einstellung radikal verändern sollte.

Über den Prozess gegen die Kaufhausbrandstifter Andreas Baader, Gudrun Ensslin, Thorwald Proll und Horst Söhnlein schrieb sie unter anderem: "Das progressive Moment einer Warenhausbrandstiftung liegt nicht in der Vernichtung der Waren, es liegt in der Kriminalität der Tat, im Gesetzesbruch."

Ihren entscheidenden Gesetzesbruch beging die Journalistin Ulrike Meinhof am 14. Mai 1970: Unter dem Vorwand, gemeinsam mit dem zu drei Jahren Haft verurteilten Kaufhausbrandstifter Andreas Baader ein Buch über Randgruppen-Jugendliche schreiben zu wollen, traf sie sich am 14. Mai 1970 mit dem Inhaftierten im Berliner Institut für Soziale Fragen. Gudrun Ensslin und andere sollten das Institut überfallen und Baader befreien.

"Mordversuch: 10.000 D-Mark Belohnung"

Meinhof, die sich den Weg in den Untergrund vor allem wegen ihrer Kinder offen halten wollte, sollte überrascht zurückbleiben. Der Plan ging schief, ein Institutsangestellter wurde lebensgefährlich verletzt. Meinhof sprang mit Baader aus dem Fenster in den Untergrund. Am nächsten Tag hing ihr Fahndungsplakat an den Litfasssäulen: "Mordversuch: 10.000 D-Mark Belohnung".

Ulrike Meinhof, eher "aus Versehen" in die Illegalität gerutscht, gab der Gruppe den Namen Rote Armee Fraktion und legte die Position fest: "Die Bullen sind Schweine. Wir sagen, der Typ in Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinander zu setzen. Das heißt, wir haben nicht mit ihm zu reden, und es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden. Und natürlich kann geschossen werden."

Der Gewaltbegriff war geklärt, der kraftmeierische Jargon und die Kompromisslosigkeit wurden zum Markenzeichen. Die RAF mit den Führungskadern Ulrike Meinhof, Andreas Baader und Gudrun Ensslin erschütterten mit Bombenattentaten und Banküberfallen die Republik, die für sie ein faschistischer Staat war und der sie deswegen den Krieg erklärten. Ulrike Meinhof sagte Anfang der 1970er-Jahre: "Wir sind engagiert für diejenigen, die sich versuchen zu befreien von Terror und Gewalt, und wenn ein anderes Mittel als das des Krieges ihnen nicht übrig bleibt, dann sind wir für ihren Krieg."

Morde und Selbstmorde

Den Erkenntnisstand der Bewegung von 1967/1968 zu retten, den Kampf nicht mehr abreißen zu lassen, darum sei es der RAF gegangen, sagte Meinhof in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin ?Der Spiegel? während ihrer Untersuchungshaft in Stammheim 1975. Dem Kampf fielen nicht nur Repräsentanten des Staates wie Arbeitgeberpräsident Hans-Martin Schleyer oder Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sondern auch in Deutschland stationierte US-amerikanische Soldaten, Polizisten, Leibwächter sowie Angehörige der deutschen Botschaft in Stockholm zum Opfer.

Meinhofs Kampf war nach dreijähriger Haft, nach Isolation und Hungerstreik, am 9. Mai zu Ende; der ihrer engsten Genossen Baader, Ensslin, Raspe endete nach der gescheiterten Entführung der Lufthansa-Maschine Landshut am 19. Oktober 1977 mit Selbstmord.


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