Kalter Krieg Wie ich 1982 in Sibirien Wiedervereinigung feierte

Kalter Krieg: Wie ich 1982 in Sibirien Wiedervereinigung feierte Fotos
Norbert Wein

Wenn Deutsche (Ost) und Deutsche (West) im Ausland aufeinander trafen, war die Stimmung meist gespannt. Ausgerechnet in der Transsibirischen Eisenbahn begegnete Reiseleiter Norbert Wein mit seinen Wessis einer ostdeutschen Touri-Gruppe - und hatte eine Idee.

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Die Wirklichkeit der DDR konnte man nicht nur im Land des real existierenden Sozialismus bestaunen, sondern auch jenseits seiner Grenzen. Ich bin als wissenschaftlicher Exkursionsleiter in den achtziger Jahren häufig mit bundesdeutschen Gruppen in der Sowjetunion, vor allem in Sibirien, unterwegs gewesen, wo wir immer wieder auf DDR-Reisegruppen trafen. Diese unterstanden stets einem strengen Reiseleiter, dessen Hauptaufgabe darin zu bestehen schien, jeglichen Kontakt seiner Leute mit Westdeutschen zu verhindern.

Welche skurrilen Ausmaße diese Kontaktsperre annahm, möchte ich kurz an zwei Beispielen erzählen. Im September 1979 flog ich mit einer Gruppe von Moskau nach Sibirien. Nach einem langen Nachtflug sollten wir in Irkutsk landen. Da aber dort starker Nebel herrschte, ging die Maschine 600 Kilometer weiter nördlich in Bratsk nieder.

Frühstücksverbot für Ostdeutsche

Nach der Landung wurden wir, zusammen mit einer DDR-Reisegruppe, in den üblichen ungemütlichen Wartesaal geleitet. Nach kurzer Zeit lud uns eine uniformierte Bedienstete des Flughafens zum Frühstück in das Flughafenrestaurant ein. Wir Westdeutschen stürmten hocherfreut drauf los - aber als die DDR-Reisegruppe hinterher traben wollte, wurde sie von ihrer gestrengen Reiseleiterin zurückgehalten.

Das Restaurant war durch einen Gang zweigeteilt. Meine Gruppe nahm geschlossen in der linken Hälfte Platz, wo uns vor allem der Kaffee nach dem langen Nachtflug gut tat. In der rechten Hälfte war das Frühstück für die Reisegruppe aus der DDR gedeckt. Die tauchte jedoch nicht auf, sondern ab - musste abtauchen. Sonst hätten ja einzelne Reisende über den Gang hinweg Gespräche mit uns Westdeutschen führen können! Die DDR-Reiseleiterin steckte ab und zu ihren Kopf durch die Eingangstür, vermutlich um zu schauen, ob der "Klassenfeind" das Schlachtfeld schon verlassen hatte.

Wir aber machten es uns erst einmal richtig bequem und kehrten nicht, wie es sich die Reiseleiterin vermutlich erhofft hatte, in den Flughafen-Warteraum zurück. Volle vier Stunden - bis zum Weiterflug - blieben wir satt im Restaurant sitzen, wo uns auch immer wieder Kaffee oder Tee nachgereicht wurde.

Die Ostdeutschen legten sich so gewissermaßen selber ein Frühstücksverbot auf - Antifaschismus der anderen Art. Ihnen entging nicht nur erfrischender Morgenkaffee. Irgendwann deckte das russische Personal sogar das für die DDR-Gruppe vorgesehene Frühstück wieder ab. Mit welchen Worten mag die Reiseleiterin wohl ihren Leuten diese Maßnahme erklärt haben?

Kindlicher Ehrgeiz gegen den Ost-Block

Ein ähnliches Erlebnis hatte ich drei Jahre später. Diesmal leistete ich jedoch aktiv Widerstand und mir gelang es, die rigiden Regeln zu durchbrechen. Im September 1982 war ich mit einer Gruppe in der Transsibirischen Eisenbahn auf der Fahrt von Chabarowsk nach Moskau unterwegs. Mit uns im Zug - zwei oder drei Waggons weiter vorne - fuhr eine DDR-Gruppe mit; aus Zwickau, wie wir später erfuhren. Jegliche Kontaktaufnahme während dieser mehrtägigen gemeinsamen Fahrt wurde abermals von deren Reiseleiter streng unterbunden.

Doch die Mahlzeiten nahmen beide Gruppen zur gleichen Zeit im Restaurantwagen ein. Der DDR-Reiseleiter marschierte mit seiner Gruppe jedes Mal in geschlossener Formation in den Speisewagen ein. In der hinteren Hälfte des durch eine halbe Glaswand zweigeteilten Waggons nahm sie Platz. Wenn wir Wessis - einzeln oder in kleinen Grüppchen - gemächlich eintrudelten, saß dort schon geschlossen der Ostblock. Und während die russischen Mitreisenden uns freundlich zunickten oder uns kameradschaftlich ansprachen, kam von dort keine Reaktion. So ging es tagelang: beim Frühstück, beim Mittagessen und abends.

Uns alle wurmte das, mich besonders. Mit fast schon kindlichem Ehrgeiz gelang es mir, einen Plan auszuhecken, der das harte Regiment durcheinander wirbeln sollte: Eine Stunde vor der angesetzten Essenszeit, als die Speisewagentür noch geschlossen war, stieg ich - der Zug hielt gerade an einem Bahnhof - von außen in diesen Waggon ein und bat den Kellner, doch die Tür schon einmal für meine Gruppe zu öffnen.

Wie ich 1982 Wiedervereinigung feierte

Schaffner Igor kam meinem Wunsch sofort nach, und entsprechend einer vorherigen Verabredung betraten diesmal meine Leute als erste den Speisewagen. Nun besetzten wir paarweise den ganzen Wagen. Unter Einbeziehung der immer von der DDR-Gruppe eingenommenen Hälfte saßen an jedem Tisch mindestens ein oder zwei Westdeutsche mit erwartungsfrohen Gesichtern.

Nach einiger Zeit erschienen die Ostdeutschen - wie immer in geschlossener Formation - an der Tür. Allein voran der Reiseleiter. Dieser durchschaute sofort die Situation - und erstarrte. Einige Ehepaare meiner Reisegruppe traten nun an die Tür und luden die Mitreisenden freundlich ein, doch an ihrem Tisch Platz zu nehmen. Der Reiseleiter wurde von dieser Charmeoffensive überrollt. Spontan und erfreut setzten sich alle Mitglieder seiner Gruppe zu uns. Da saßen nun - endlich einmal! - wir West- und Ostdeutschen bunt gemischt im Speisewagen zusammen. Bis auf den Reiseleiter, der sich wütend und alleine an einen Katzentisch gesetzt hatte.

Wir Westdeutschen bestellten beim Kellner Sekt und Wein und luden unsere ostdeutschen Tischnachbarn dazu ein. Ich hielt eine kleine Rede, in der ich unsere Freude über die neue Gemeinsamkeit zum Ausdruck brachte. Und dann gab es einen Abend, wie ihn die Transsibirische Eisenbahn in ihrer langen Geschichte wohl noch nie erlebt hat. Es wurde geplaudert, gelacht, gesungen und geschunkelt (wozu ich auf meiner Mundharmonika spielte). Alle waren glücklich über das endlich gelungene Miteinander. Die Begegnungsfreude, die sich sieben Jahre später beim Fall der Mauer abspielen sollte, wurde hier in kleinem Rahmen vorweggenommen.

Das Imperium schlug zurück

Wir feierten unsere persönliche kleine Wiedervereinigung in Sibirien. Und auch die Sowjets feierten mit. Unsere russische Dolmetscherin Ludmilla bekam strahlende Augen. Sie durchschaute sofort, dass sich hier gerade etwas Besonderes abspielte. Schließlich konnten die Russen nie verstehen, warum die Ostdeutschen sich selber immer so rigoros von den Westdeutschen separierten.

Wie überall im Sozialismus war um 23 Uhr Feierabend. Wir Westdeutschen verabschiedeten uns von unseren Zwickauer Freunden und saßen danach noch lange in unseren Schlafwaggons zusammen. Wir alle waren glücklich. Ein Sieg der Menschlichkeit gegen das Urlaubssystem der DDR.

Aber es war nur ein kleiner Erfolg. Als wir am nächsten Morgen zum Frühstück im Speisewagen erschienen - da saß dort wieder der geschlossene Block der DDR-Reisenden. Unter den Argusaugen des Reiseleiters traute sich kaum einer unserer gestrigen Freunde uns auch nur einen Blick zuzuwerfen. Man kann sich vorstellen, wie sie alle von ihm zusammengestaucht worden sein mussten. Das System hatte zurückgeschlagen. Das war die Wirklichkeit der DDR - auch außerhalb deren eigener Grenzen.

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max muetze, 07.04.2008
da machten sie es sich also 4 stunden im flughafenrestaurant bequem und ließen die leute aus dem osten frieren und hungern, nur um der reiseleiterin eins auszuwischen. und dabei fühlten sie sich noch so richtig gut. genau wegen solchem verhalten waren bürger aus der brd nach der wende so "beliebt" in der ehemaligen ddr. seltsamerweise waren individualreisen ins bruderland für ddr-bürger nicht möglich. aber es gab einige, denen dieses trotzdem gelang. sie waren mitglieder der bewegung udf (unerkannt durch freundesland). leider gibt das internet nicht so viel an informationen her. drei links habe ich gefunden. http://www.uni-protokolle.de/nachrichten/id/111138/ http://www.hikr.org/tour/post1424.html http://www.mein-verlag.de/verlag110.htm wenn sie wirklich interesse an kontakt zu ddr-bürgern gehabt hätten, wäre ihnen dieses problemlos hunderttausendfach in ungarn, der tschechoslovakei, rumänien oder bulgarien möglich gewesen, wohin die menschen ohne reiseleiter fahren konnten. dort freute man sich über die niedrigen preise und empfand die brüder aus der zone eher als lästig, wenn man nicht übersehen konnte, dass diese nicht in die restaurants eingelassen oder nicht bedient wurden, nachdem sich der kellner überzeugt hatte, dass sie nicht über d-mark verfügten.
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