Kalter Krieg Eine Lücke in der Berliner Mauer!

Deutsch-deutsche Kuriositäten: Rolf Augustin war dabei, als Soldaten das Berliner Lenné-Dreieck für die Übergabe an den Westen vorbereiteten. Bevor es jedoch soweit war, wurde die DDR-Exklave zum Ausgangspunkt einer spektakulären Massenflucht - von West nach Ost.

Rolf Augustin

Wo im geteilten Berlin keine Mauer stand, verlief nicht notwendigerweise keine Grenze. Der Grund dafür waren insgesamt zehn Westberliner Exklaven außerhalb der Mauer, auf dem Gebiet der DDR. Aber es gab auch DDR-Exklaven auf dem Gebiet Westberlins. Eine innenstädtische Exklave der DDR befand sich auf dem Potsdamer Platz und wurde als Lenné-Dreieck bezeichnet, weil sie sich zwischen der Bellevue-, der Ebert- und der Lennéstraße befand. Das vier Hektar große Gelände wurde lediglich durch einen Sicherungszaun begrenzt.

Nachdem Berlin in Folge des Zweiten Weltkrieges in vier Sektoren eingeteilt worden war, gehörte das Lenné-Dreieck zur sowjetischen Besatzungszone. Als 1961 die Mauer errichtet wurde, lag es jedoch auf der Westberliner Seite. Einerseits konnte man so Baumaterial sparen, weil man die Mauer an dieser Stelle geradlinig statt spitzwinkelig errichten konnte, andererseits ließ sich dieser Teil des Grenzstreifens zwischen Brandenburger Tor und Potsdamer Platz von der Ostseite aus auf diese Art besser überwachen. Trotzdem sollen hin und wieder Löcher in den Zaun gerissen worden sein. Von wagemutige Westberlinern, sie sich zu Wegabkürzungszwecken auf das Hoheitsgebiet der DDR trauten.

Als ich im April 1988 auf Studienreise in Westberlin war, besichtigten wir den Potsdamer Platz, jene von der Mauer durchschnittene Brache, die vor dem Zweiten Weltkrieg einer der belebtesten Plätze Europas war. Als wir uns dem Lenné-Dreieck näherten, das sich vom Bau der Mauer bis dato weitestgehend unberührt zu einem beachtlichen innerstädtischen Öko-Biotop mit einer Vielzahl verschiedenster Pflanzen entwickelt hatte, wurden wir Zeugen eines historischen Augenblicks.

Unfassbar!

Grenzsoldaten der DDR hatten gerade begonnen, mit einem Kran die Betonpfeiler des Zauns, der das Lenné-Dreieck umgab, aus dem Boden zu ziehen. In der Mauer klaffte eine Lücke, durch die Militärlaster und Baufahrzeuge zwischen dem DDR-Gebiet jenseits der Mauer und des Lenné-Dreiecks hin und her pendelten. Nicht nur ich und meine Mitreisenden beobachteten, wie ein Pfahl nach dem anderen aus dem Boden gezogen und auf den Laster verladen wurde. Auch zahlreiche Westberliner Polizisten und andere Touristen verfolgten das Geschehen. Unfassbar mutete die Lücke in der Mauer an. Eine Lücke in der Berliner Mauer! Ich fragte einen der Grenzsoldaten, ob ich das Geschehen fotografieren dürfe und machte mit seiner Zustimmung ein Bild.

Grund für das Vorgehen waren die Pläne Westberlins zum Bau einer Stadtautobahn, die teilweise über das Lenné-Dreieck in Richtung Wedding führen sollte. Westberlin hatte sich länger um den Kauf des Areals bemüht, bis im März 1988 ein umfassender Gebietstausch zwischen Westberlin und der DDR vereinbart werden konnte, in dessen Folge insgesamt 16 Enklaven beziehungsweise Exklaven ausgetauscht werden sollten. Stichtag hierfür war der 01. Juli 1988.

Wenige Wochen später, kurz bevor der endgültige Gebietsaustausch stattfinden sollte, geriet das Lenné-Dreieck noch einmal in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit: Umweltschützer und Autonome besetzten das noch immer formal zur DDR gehörenden Stück Land und proklamierten das sogenannte "Kubat-Dreieck", einen rechtsfreien Raum, benannt nach einem jungen Mann, der kurz nach seiner Ausbürgerung aus der DDR in Berlin während der Krawalle am ersten Mai des Vorjahres unschuldig in Untersuchungshaft geriet, wo er sich das Leben nahm.

Delikat war die Situation deshalb, weil das Lenné-Dreieck nach wie vor zur DDR gehörte und somit nicht von der Westberliner Polizei betreten werden durfte. Stattdessen wurde erneut ein Zaun gezogen, um die Protestierenden zu kontrollieren und zu isolieren. Nach nicht enden wollenden Auseinandersetzungen, Tränengas-, Molotowcocktail- und Wasserwerferkriegen und dem Beschluss der Westberliner Polizei, das Lenné-Dreieck doch noch zu stürmen, entschieden sich 180 Personen für die Flucht gen Osten, wo sie schon erwartet wurden.



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