Unbekannte Kalter-Krieg-Episode Als die US-Armee gegen Strauß mobilmachte

Unbekannte Kalter-Krieg-Episode: Als die US-Armee gegen Strauß mobilmachte Fotos
Marco Evers/Der Spiegel

Die USA witterten eine "ernstzunehmende Bedrohungslage": Mit Straßensperren, schweren Maschinengewehren und hunderten Militärpolizisten sicherte das US-Militär 1962 ein Atomwaffendepot bei Frankfurt am Main gegen eine feindliche Übernahme - durch den deutschen Verteidigungsminister. Von

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Ein Nachmittag Ende November, tief in den Hügeln nordwestlich von London. Hier gibt es nicht viel, Pferde vor allem und ein paar einfache Häuschen zwischen den Wiesen. In einem davon, im Apple Blossom Cottage, wohnt ein Greis, schwer zu Fuß, kurz bei Atem, doch offenbar klar bei Verstand. Hugo Charles Sanford, 86, will eine Geschichte zu Protokoll geben, weil er findet, dass die Deutschen sie erfahren sollten.

Was er zu berichten hat, ist ein bisher unbekanntes Drama aus dem Jahr 1962. Franz Josef Strauß war Bundesverteidigungsminister, der zweite der noch jungen Republik. Strauß träumte damals laut von eigenen deutschen Atombomben und forderte eine Teilhabe der Bundeswehr am US-Nukleararsenal. Sanford war US-Offizier, stellvertretender Kommandeur eines Bataillons. In einem Wald bei Frankfurt hütete er damals einen Geheimbunker voller taktischer US-Atomwaffen.

Sanfords Geschichte handelt von der Angst der Amerikaner vor einem Überfall der Bundeswehr. Von der Furcht, dass Strauß Sanfords Waffen mit Gewalt hätte an sich bringen können. Von nichts Geringerem also, als dass sich die USA auf deutschem Boden vorbereiteten auf einen Angriff ihres Nato-Verbündeten. "Verrückt, nicht?", sagt Sanford.

Eine tödliche Barriere aus radioaktiver Strahlung

Das Militärische hat sich nicht herausgewachsen aus dem alten Soldaten. Orden und Auszeichnungen zieren seine Wände. Eine US-Flagge ruht an ihrem Mast in einer Zimmerecke. Ob er einen Kaffee wolle, fragt Andree, seine Frau seit fast 30 Jahren. "Negative", sagt er.

Andree nennt ihn "Sandy". Für die meisten anderen, Besucher, Handwerker oder Nachbarn, ist er der "Colonel". Weil er als Kind amerikanischer Eltern in Berlin geboren und in der Schweiz aufgewachsen ist, spricht Sanford perfekt Englisch und Deutsch, dazu Französisch und Italienisch.

1962 hatte die U.S. Army Westdeutschland längst mit eigenen Munitionsdepots überzogen. In den meisten lagerten konventionelle Waffen, die zum Einsatz kommen sollten, falls die Sowjets angriffen. Doch die Sowjets waren zahlenmäßig weit überlegen. Deswegen hielten die USA in einigen Bunkern Schlimmeres parat.

In dem Depot, für das Sanford als Major verantwortlich war, lagerte eine Fülle taktischer Atomwaffen - Granaten, Minen, Kurzstreckenraketen und andere Sprengkörper. Im Ernstfall sollten diese Waffen in der "Fulda-Lücke" gezündet werden, der erwarteten Invasionsroute der Sowjets, weil das Gelände dort einen massiven Panzerangriff zuließ. "Wir sollten eine tödliche Barriere aus radioaktiver Strahlung errichten", sagt er.

Ein einziger Atomsprengkopf ersetzt eine ganze Brigade

Der Bunkerkomplex im Wald war "ein paar Hektar groß" und nur mäßig gesichert. Zwei Zäune, etwa 20 Militärpolizisten ("MP"), regelmäßige Patrouillen. Das Lager sollte nicht zu viel Aufmerksamkeit erregen und sah aus wie jedes andere Munitionsdepot.

Doch das änderte sich bald.

Ende Oktober 1962 war Rudolf Augstein verhaftet worden, der Gründer und Chefredakteur des SPIEGEL. Strauß hatte ihm Landesverrat vorgeworfen wegen eines SPIEGEL-Titels ("Bedingt abwehrbereit"), in dem es auch um die nuklearen Ambitionen von Strauß und Kanzler Konrad Adenauer ging.

Ein einziger Atomsprengkopf, so argumentierte der frühere Atomminister Strauß, ersetze eine ganze Brigade Soldaten. Und weil die Bundeswehr nicht genug Geld hatte, ihre Sollstärke von 500.000 Mann zu erreichen, erschienen ihm Atomwaffen als billigere Abkürzung zum Ziel. Strauß grämte, dass er bei den Amerikanern in dieser Frage stets auf taube Ohren stieß.

Zur gleichen Zeit erreichten die Ost-West-Spannungen mit der Kuba-Krise einen Höhepunkt. US-Präsident John F. Kennedy und der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow standen knapp vor einem Atomkrieg, so nah wie nie zuvor und nie danach. Die Nerven lagen blank.

Sechs schwere Lkw mit Atomwaffen

An einem jener Tage - an welchem, das weiß er nicht mehr - klingelte in Frankfurt am frühen Morgen das Telefon. "Ich lag noch im Bett", sagt Sanford. Er stand sofort auf, denn er bekam aus dem Hauptquartier Befehl, sich bereit zu machen. Er sollte seine Männer in "OR" versetzen – in "operational readiness".

Das war ungewöhnlich. Die letzte Übung lag gerade erst ein paar Tage zurück. "Normalerweise", sagt Sanford, "gab es dann eine Pause."

Eine Stunde später war Sanford mit seinen Leuten am Nuklearwaffendepot. Im Eiltempo, wie trainiert, packten sie alle Atomwaffen auf sechs schwere Lkw. Sechs weitere Lkw gleicher Bauart wurden zur Verschleierung in die Kolonne eingegliedert. Weitere Fahrzeuge nahmen Soldaten und Ausrüstung auf. So fuhren sie an ihren geheimen Mobilmachungsort Richtung Fulda, von wo aus sie nötigenfalls in den Einsatz ziehen würden.

Doch hier war nichts so wie sonst. "Plötzlich waren uns 200 MP zugeteilt", sagt er. Rund um das Lager im Wald wurden schwere Maschinengewehre aufgestellt. "Das hatten wir noch nie erlebt", erzählt Sanford. Als er die MP fragte, was da los sei, habe er die Antwort bekommen: "Es gibt eine ernstzunehmende Bedrohungslage."

"Die Deutschen könnten versuchen, unsere Waffen zu stehlen"

Sanford erkundigte sich später über andere Kanäle. "Uns wurde gesagt, die Deutschen könnten versuchen, unsere Waffen zu stehlen", sagt er. Wirklich die Deutschen? Nicht geheime Sowjet-Kommandos? Nicht Terroristen? "Nein", sagt Sanford, "es ging ausdrücklich um deutsche Elemente, die im Auftrag des Verteidigungsministers handeln würden."

Etwa zwei Wochen verharrten die Amerikaner auf dieser Position. Nichts geschah. Die Offiziere schliefen viel und spielten vor allem Bridge. "Ich war ein vorzüglicher Bridge-Spieler", sagt Sanford. Keinerlei Feindberührung mit den Truppen des Franz Josef Strauß.

Doch als sie wieder in ihr altes Depot bei Darmstadt zurückkehrten, erkannten sie dieses kaum wieder. Der Bunker, der gerade durch Unscheinbarkeit Sicherheit bieten sollte, habe auf einmal einer Festung geglichen, berichtet Sanford. Auf dem Zugangsweg, der zuvor offen war, standen Sperren und Wachhäuschen mit Standleitung zum Hauptquartier.

Weitere Zäune waren errichtet worden. Wachhunde patrouillierten. Ein Maschinengewehr vom Kaliber .50 war aufgestellt, und die 200 MP blieben dauerhaft. Sie hatten jetzt eine eigene Operationszentrale – und vor allem: Sie hatten "scharfe Munition und Befehl, keinen Deutschen hineinzulassen", sagt Sanford.

Was wäre passiert, wenn es einer versucht hätte? Ein Pilzsucher? Ein übermütiger Jugendlicher? Sanford: "Der wäre erschossen worden."

Verstörend und albern

Das ganze Theater wirkte auf Sanford verstörend und albern. "Ich glaubte, da ist ein General aber mächtig übergeschnappt." Jemand sei "ballaballa", das hat er gedacht. Noch nie habe die Idee einer deutschen Bedrohung auch nur im Raum gestanden. Der Gedanke allein war absurd und abwegig in fast jeder Hinsicht. Doch plötzlich sei genau dies offizielle Linie von oben gewesen. Doch: "Als Soldat lernt man, nicht zu viele Fragen zu stellen", sagt Sanford.

Einige Jahre später war Sanford in Washington stationiert. Dort sei ihm die Episode erneut bestätigt worden. Das Misstrauen der Amerikaner gegen Strauß sei enorm gewesen – so sehr, dass es womöglich einging in die umfassenden Risikoanalysen, die eine sicherheitsorientierte Armee eben betreiben muss.

Strauß und einige seiner höchsten Militärs hingen damals einer Strategie an, die auch in eigenen Reihen für Unruhe sorgte. Er wollte taktische Atomsprengköpfe, um einen nuklearen Präventivschlag gegen die Sowjet-Armee führen zu können. Der Gedanke war: Sobald sicher sei, dass ein Angriff auf westdeutschen Boden bevorstehe, sollten die Angreifer mit Atomwaffen beschossen werden, damit es erst gar nicht zum Angriff komme. In Washington galten diese Ideen als sicherer Weg in den Dritten Weltkrieg.

Es sei Strauß zuzutrauen, die Waffen "einfach zu nehmen"

DER SPIEGEL hat versucht, Sanfords Angaben in Washingtoner Archiven zu prüfen – ohne konkretes Ergebnis. William Burr, Kernwaffenexperte im National Security Archive, hat von der Mobilisierung gegen Strauß zwar anekdotisch gehört, dafür aber nie Belege gefunden.

Ist Sanfords Schilderung also doch eher haltlos? Vielleicht nicht: Das bisher stärkste Dokument ist ein Vermerk von Henry Kissinger, dem späteren US-Außenminister. Kissinger hatte sich 1961 zu einem Gespräch mit Strauß getroffen – und gleich danach einen Brandbrief an die Kennedy-Regierung geschrieben, der er damals als Berater zuarbeitete.

Unbedingt, so mahnte Kissinger, sollten die Amerikaner ihre Atomwaffen in der Bundesrepublik so sichern, dass es "physisch unmöglich" werde, sie "zu nehmen oder einzusetzen ohne unsere Zustimmung". Denn in einer Krisensituation sei Strauß zuzutrauen, diese Waffen "einfach zu nehmen", falls er dies im Interesse der Bundesrepublik für notwendig erachte.

Strauß galt den USA offenbar als Sicherheitsrisiko. In Washington war die Erleichterung vermutlich spürbar, als sich zeigte, dass der scheinbar starke Mann weit kürzer im Amt blieb als gedacht. Wegen seiner Verstrickung in die SPIEGEL-Affäre verlor der Verteidigungsminister mit der Kabinettsumbildung Mitte Dezember 1962 sein Amt. Knapp zwei Monate später kam Augstein frei.

Hugo Charles Sanford kann sich an der weiteren Aufarbeitung dieser Geschichte nicht mehr beteiligen. Auch den geplanten Fototermin mit ihm kann es nicht geben. Am Morgen des 1. Januar ist der Colonel gestorben. "Ganz plötzlich blieb sein Herz stehen", sagt Andree, seine Witwe.

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1.
John Luwigal 14.01.2013
Umkehrschluß ... Demnach war wohl Strauß den USA gegenüber mißtrauisch. Mißtrauisch dahingehend, dass er nicht davon ausging, dass die USA, falls es zu einer massiven Konfrontation mit dem WP kommen sollte, sich bis auf das "Letzte" für Deutschland einsetzen würden. Demnach wollte er wohl mit den Atomwaffen, falls es nötig sein sollte, selbst "handeln", bevor er sich auf die USA hätte verlassen müssen. Möglw. ging er gar davon aus, dass die Amis sich relativ schnell über den Kanal bzw. Atlantik verdrücken würden.
2.
Nils Holstein 14.01.2013
Das war vermutlich das A-Waffenlager Seidenroth-Alsberg im Wals des Spessarts.
3.
Jan Cooner 14.01.2013
Die Nuklear-Ambitionen von FJS waren das eigentliche Motiv für die Auslösung der Spiegel-Affäre.
4.
Nils Holstein 14.01.2013
Mit dem Fulda-Gap wird i.A. das Kinzigtal in Verbindung gebracht, die kürzeste Verbindung zwischen FFM und Fulda (101 km). Neben Frankfurt waren hier US-Grßverbände ebenfalls in Hanau, Gelnhausen, Büdingen und Fulda stationiert. In der Regel ein mehr oder weniger breites Tal zwischen Spessart und Vogelsberg, erschwert am östlichen Ende ein querender Höhenzug, der Landrücken mit dem Pass Distelrasen bei Gomfritz, den bequemen Durchmarsch. Dies wäre eine im Ernstfall eine bedeutende und leicht zu verteidigende Engstelle gewesen (und stellt bis heute ein verkehrstechnische Hürde dar). In dieser Region war daher auch eine Häufung von permanenten und provosorischen Munitionslagern, insbesondere in den Seitentälern wie das Siebmühlental zu finden; bei US-Manövern war der westliche Teil des Landrückens ein großes Heerlager mit zahlreichen taktischen Posten im Tal sowie aif den Hängen. Alle Straßen, Brücken sowie auch wichtige Feld-, Wald- und Wiesenwege waren mit Walllmachereinrichtungen versehen (auffällige 3er-Kanaldeckel aus Beton). Die Luftsicherung erfolgte auch durch die Bundeswehr durch FlaRak-Abteilungen u.a. in Marburg.
5.
Thomas Schröter 14.01.2013
Die Zweifel FJS's an der Zusage der Amerikaner Europa bei einem massiven Angriff gegen den Warschauer Pakt ernsthaft zu verteidigen hatte ja nicht nur Strauß sondern auch die übrigen Alliierten, die deshalb auch entsprechend unabhängige Atomwaffenentwicklungen betrieben. Man fand ja später offensichtlich eine geschickte politische Lösung für das Sicherheitsbedürfnis, indem man sich mit den Franzosen auf die gemeinsame Entwicklung von Atomwaffen insbesondere Neutronenwaffen einigte, die natürlich auch an eine Verkürzung der Reaktionszeit interessiert waren. Die USA warfen später Deutschland vor zu diesem Zweck FRM I + II betrieben und in diesem Zusammenhang die Atomwaffensperrvertrag unterlaufen zu haben. Die dadurch erlangten Kenntnisse waren allerdings nur schwer zu sichern und flossen teilweise in die Entwicklung u.a. der arabischen Bombe mit ein.
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