Kalter Krieg bizarr Über die Mauer in den Osten

Kalter Krieg bizarr: Über die Mauer in den Osten Fotos
Metin Yilmaz

Plötzlich blieb nur noch der Sprung über die Mauer: Als dem autonomen Hüttendorf am Potsdamer Platz Ende Juni 1988 die Räumung drohte, entschlossen sich 200 West-Berliner zur Flucht - in den Osten. Stephan Noe erinnert sich an das skurrile Ende einer merkwürdigen Landnahme. Von

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Es gehörte zu den Merkwürdigkeiten der deutsch-deutschen Teilung, dass dort, wo die Mauer stand, nicht immer auch die Grenzlinie verlief. Kleine Flächen lagen außerhalb der DDR-Grenzbefestigung, und wer auf der Westseite der Mauer entlang flanierte, betrat mitunter fremdes Hoheitsgebiet.

Der Umgang der beiden Halbstädte West- und Ostberlin miteinander schien sich 1988 zu normalisieren. Sichtbares Zeichen war die Absicht, die durch die Stadt verlaufende Grenze zu begradigen, Enklaven sollten verschwinden. Nach jahrelangen Verhandlungen einigten sich beide Seiten auf einen Gebietsaustausch zum 1. Juli. Die Vereinbarung sah vor, dass die DDR das sogenannte Lenné-Dreieck - eine Fläche zwischen dem Mauerstreifen zum Potsdamer Platz, der Bellevuestraße mit der Ruine des ehemaligen Grandhotels Esplanade und der Lennéstraße - an den Westen abtrat. Zum Ausgleich sollte sie dafür 76 Millionen D-Mark erhalten.

Organe der DDR hatten dieses Gebiet nur selten betreten - und wenn, dann durch eine in der Grenzmauer eingelassene Stahltür. Einer ihrer Besuche hatte 1986 zur Verhaftung des Kreuzberger Bürgers Wolfram Hasch geführt. Der hatte seinem Unmut über die unmenschliche Grenze durch die Stadt mit weißer Farbe an den Betonplatten Ausdruck verliehen und wurde von DDR-Grenzposten gestellt. Es folgten die Verurteilung und Inhaftierung in der DDR.

Verteidigung eines Biotops

Der West-Berliner Senat hatte konkrete Pläne für das Gelände. Eine vierspurige Autobahn sollte den Verkehr entlang der Mauer zwischen den Bezirken Schöneberg, Tiergarten und Kreuzberg sowie Wedding und Reinickendorf bündeln.

Als die Pläne im Frühjahr 1988 konkreter wurden, erzeugte dies vielstimmigen Widerspruch. Umweltschützer taten sich mit alternativen Verkehrs- und Stadtplanern zusammen. Die Autobahn sei unsinnig und vernichte ein einzigartiges Biotop, das sich fast 30 Jahre im Schatten der Grenze habe entwickeln können, so die Kritik der Ausbaugegner. Als Argumente wurden schützenswerte Gräser und Tierarten angeführt, von denen bis zu diesem Zeitpunkt kaum jemand gehört hatte.

Der wachsende Protest mündete in einer - anfänglich nur sporadischen - Besetzung des Lenné-Dreiecks. Für mehrere Tage campierten kleine Gruppen auf dem Gelände, nutzten die beginnende öffentliche Diskussion und verschwanden wieder, sobald ihr Anliegen von den Medien aufgenommen worden war - oder, wenn sie durch einen kurzen Besuch der Grenzsoldaten zum Verlassen der noch zum Staatsgebiet der DDR gehörenden Fläche aufgefordert wurden.

Insel für Autonome

Mitglieder der alternativen und autonomen Szene sahen im Lenné-Dreieck noch ein anderes Biotop und eine einmalige Chance: ein rechtsfreier Raum! Denn weder die West-Berliner Polizei oder alliierte Soldaten der westlichen Schutzmächte durften das Gelände betreten. Die Erkenntnis trat eine Lawine los. Ende Mai erfolgte die Landnahme.

Vereint unter dem Motto "Hier wollen wir nicht mehr weg" versammelte sich die linksalternative Szene im Mauer-Biotop. Der Sommer war warm, die Lust, sich auf einer polizei- und staatsfreien Enklave auszuprobieren, groß. Bald fanden sich auf dem Gelände nicht nur große Teile der West-Berliner Szene ein, der Zuzug erfolgte aus dem ganzen Bundesgebiet, teilweise auch aus dem Ausland.

Aus ein paar Zelten wuchs ein Hüttendorf mit gut 30 Behausungen. Das Dorf verfügte über eine "Volxküche", in der die Bewohner verköstigt und später auch Gäste und Touristen bewirtet wurden. Die Hüttendorf-Bewohner betrieben ein eigenes Radio, die alternative "Tageszeitung" widmete dem Dorf täglich eine halbe Seite.

Das Echo blieb nicht aus. Hatten Berlin-Touristen bis zu diesem Zeitpunkt von der Aussichtsplattform am Potsdamer Platz vor allem die Grenzanlagen in Richtung Osten betrachtet, ließen sie sich jetzt über das Gelände führen, spendeten für das dörfliche Leben und brachten dem Treiben eine gehörige Portion Sympathie entgegen.

Vom Dorf zum Wehrdorf

Der Senat war gezwungen, der Aktion tatenlos zuzusehen, die Sympathien für die Besetzer und deren Forderungen stiegen stetig. Über die Zeit manifestierte sich das Hüttendorf, Baustellen der Umgebung verzeichneten in diesen Wochen einen erheblichen Schwund an Baumaterialien, auch Bürger leisteten mit Spenden Aufbauhilfe. Die Behörden reagierten mit einem absoluten Halteverbot entlang des Geländes und ließen es einzäunen. "Zum Schutz der Bürger", wie es hieß, denn auf dem Gelände könne sich Munition aus dem Zweiten Weltkrieg befinden.

Der Zugang war zwar erschwert - doch nicht unmöglich, denn die Mauer verlief in diesem Bereich nicht exakt auf der Grenzlinie. Ein schmaler Streifen auf der Westseite gehörte noch zur DDR und war somit ebenfalls für den Senat tabu. Den Versuch, auch diesen Bereich mit Zäunen abzusperren, gab der Senat auf und beschränkte sich auf vereinzelte Kontrollen. So war die Versorgung der Dorfbewohner weiterhin möglich.

Der zunächst friedliche Charakter der Landnahme wandelte sich. Mit den Reaktionen des Senates wuchs die Militanz der Besetzer. Das Dorf wurde zum Wehrdorf. Seine Bewohner hoben Gräben aus und errichteten Schutzwälle. Auf der anderen Seite reihten sich die Einsatzwagen der Polizei auf. Der Senat befand: Hier ging es nicht mehr um Umweltschutz und Verkehrsplanung, hier sammelten sich die Verfassungsfeinde.

Irritation im Osten

Die Provokationen nahmen zu: Steine flogen in Richtung der Polizeifahrzeuge, die wiederum beschallten nachts mit ihren Lautsprechern das Gelände. Zuweilen eskalierte die Situation und vom Dreieck regnete es Pflastersteine auf die Polizei, die ihrerseits das Gelände mit Schwaden von Reizgas einhüllte. Zwillen, Feuerwerkskörper und Brandflaschen waren die Antwort der Besetzer.

Und die Eigentümer des Geländes? Sie betrachteten das Treiben irritiert. An eine Vertreibung der rund 600 Besetzer war aufgrund ihrer zahlenmäßigen Stärke nicht zu denken. Zudem hatten die DDR-Staatsmedien die Besetzer zu ausgewiesenen Antifaschisten und friedliebenden Aktivisten hochstilisiert. Da hätte es der selbsternannten "Friedensmacht DDR" schlecht zu Gesicht gestanden, mit Gewalt gegen die Eindringlinge vorzugehen. Also sahen die Grenzer dem Geschehen zu, manchmal auf Leitern stehend, mit Gasmasken geschützt, und forderten den Senat und seine Polizeikräfte über Megaphon auf, den Beschuss des Staatsgebietes der DDR mit Tränengas zu unterlassen.

Je näher der Zeitpunkt der Übergabe rückte, umso klarer wurde den Besetzern, dass der Senat keinen Handlungsspielraum hatte. Das Gelände würde geräumt. Die in der letzten Juniwoche eingerichteten Straßensperrungen und Halteverbotszonen sowie die Urlaubssperren bei der Polizei ließen vermuten, dass das Ende schnell und heftig sein würde. Verhandlungen waren ergebnislos verlaufen, die Fronten verhärtet.

Aufforderung zur Räumung

Für die Besetzer blieb die Frage: Was tun, wenn die Polizei von allen Seiten vorrückt? Das Dreieck war auf zwei Seiten von Kräften der West-Berliner Polizei besetzt, die dritte Seite bildete die Mauer. In den langen Plenumssitzungen witzelten die Bewohner des Hüttendorfes, "man würde nach drüben machen", streng der Aufforderung des konservativen Berlins folgend "Wenn's Euch hier nicht passt, dann geht doch nach drüben!" Den Grenzsoldaten warfen sie den kecken Spruch zu: "Wir sehen uns übermorgen..." Jene erwiderten, es sei besser, dies zu lassen.

Die Verbliebenen waren sich einig, dass sie das Gelände nicht einfach verlassen wollten. Am Abend des 30. Juni verständigten sie sich auf passiven Widerstand. Gut 200 Menschen harrten am Morgen des 1. Juli 1988 auf dem Dreieck aus, als gegen 2 Uhr die Meldungen aus Ruhleben, Reinickendorf und Tiergarten eintrafen, wonach größere Polizeieinheiten die Kasernen verlassen würden.

Kurz vor 5 Uhr erfolgten die obligatorischen drei Lautsprecheransagen der Polizei, die die Besetzer aufforderten, das Gelände unverzüglich Richtung Brandenburger Tor zu verlassen. Doch diesen stand der Sinn nicht danach. Sie zogen sich auf den Unterbaustreifen der Mauer zurück. Vorbereitete Leitern aus Teilen der Umzäunung wurden an die Mauer gelehnt - und erklommen.

Mit Rad und Hund über die Mauer

Oben auf der Mauerkrone angekommen bot sich den Besetzern ein merkwürdiges Bild. Im Dunkel der Nacht hatten die Grenztruppen auf der anderen Seite Lkw aufgefahren. Nun halfen sie den Ankömmlingen hinüber. Mit Hab und Gut, Fahrrädern und Hunden verließen die Besetzer des Lenné-Dreiecks den jüngsten Teil West-Berlins in Richtung Osten.

Während auf der Westseite die Berliner Polizei ihren überraschend problemlosen und erfolgreichen Einsatz feierte, wurden die Verletzer der DDR-Staatsgrenze in den Räumen der Staatssicherheit mit einem einfachen Frühstück versorgt und nach Feststellung ihrer Personalien und einer Belehrung, das Staatsgebiet zukünftig nur noch über die hierfür vorgesehenen Grenzübergangsstellen zu betreten, entlassen.

Von den DDR-Organen wurden sie über die Grenzbahnhöfe zurück in den Westteil der Stadt geschleust. Die Fürsorge ging soweit, den Grenzverletzern sogar Bahnfahrkarten für den Westen Berlins zu besorgen. In den Stunden nach der Flucht der Besetzer in den Osten hatten die Berliner Verkehrsbetriebe gemeinsam mit der Polizei die Fahrscheinkontrollen verstärkt, um die Rückkehrenden auf diese Weise zu stellen. Denn einen Fahrschein hätten sie - vom Ostteil der Stadt kommend - üblicherweise nicht besitzen können.

Im Westen geblieben

Auch wenn ich es verstanden habe, dass sich knapp 200 Menschen einer möglichen Strafverfolgung im Westteil der Stadt durch den Sprung über die Mauer entzogen: Ich selbst blieb auf dem Gelände des Lenné-Dreiecks. Ich fand es einfach absurd, mich in den Schutz eines Staates zu begeben, für den die Verletzung der Menschenrechte zum Alltag gehörte. Ich mochte nicht jene zu Partnern meines Handelns machen, die im weiteren Verlauf der Mauer bis 1989 Menschen töteten, die versuchten, die DDR durch Flucht über die Staatsgrenze zu verlassen.

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Georg Diedenhofen 28.06.2008
Noe (damals übrigens Pressesprecher der Alternativen Liste im Abgeordentenhaus) hat die Sache schon sehr treffen geschildert. Der Morgen der Räumung war gespenstisch. Über dem Lenne-Dreieck stand ein Hubschrauber (der Briten, die West-Berliner Polizei durfte keine Hubschrauber haben) , er peitschte die Schwaden des Tränengases hoch, ein paar der Hütten branten, die Polizeikette rückte vor und dann sprangen die Besetzer über die Mauer. Eine Riesengaudi. Ich saß auch auf der Mauerkrone, ein Bein im Westen, eines im Osten. Für mich war dieser morgen der kurzfristigenWest-Ost-Anarchie immer eine erste Ahnung von dem, was dann 17 Monate später in Berlin passierte. Ich war vor gerade mal zwei Monaten nach Berlin gezogen und dachte: Was für eine durchgebratene Stadt. Georg Diedenhofen
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