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Kalter Krieg Der Friseur und das U-Boot

Kalter Krieg: Der Friseur und das U-Boot Fotos
privat

Als Kind entdeckte Mariusz Szymanski ein mysteriöses Gefährt: Es war der geheime Prototyp eines Mini-U-Boots. Der Warschauer Pakt wollte damit Schiffe der Nato versenken. Doch "B155" war nie einsatzbereit. Jetzt taucht es. Von

Mariusz steht in seinem Laden und starrt auf den Schopf unter seinen Händen. Schnippschnapp macht die Schere. Routiniert lässt der großgewachsene Mann mit den tätowierten Unterarmen seine Werkzeuge kreisen. Sein Friseursalon in der Nähe des polnischen Marinehafens und der Marineakademie in Gdynia liegt an der Ulica Podchorazych, zu Deutsch etwa: Straße der Fähnriche. Der 42-Jährige konzentriert sich auf die Arbeit, doch seine Gedanken schweifen immer wieder ab. Hin zum Wasser, ins Meer. Nur wenige Hundert Meter entfernt brandet die Ostsee gegen die Kaimauern.

Mariusz' Geschichte erzählt davon, wie sehr ein Ort einen Menschen prägen kann. In diesem Fall: Gdynia, ehemals Gdingen, kurzzeitig auch Gotenhafen. Die Stadt mit inzwischen rund einer Viertelmillion Einwohnern liegt nördlich von Danzig an der gleichnamigen Bucht, schützend umschlossen von der Halbinsel Hel. In dieser Bucht begann der Zweite Weltkrieg, als die "Schleswig Holstein" das Feuer auf die Westerplatte eröffnete. Und in dieser Bucht endete für viele Deutsche der Zweite Weltkrieg mit einer Massenflucht über die Ostsee.

Gdynia trägt diese Vergangenheit in sich. Jene als neuer, stolzer Kriegshafen des nach dem Ersten Weltkrieg wiedererstandenen Polens. Und jene als Gotenhafen, wie der Ort auf Befehl Hitlers ab 1939 heißen musste, weil selbst der deutsche Name des einstigen Fischerdörfchens Gdingen nicht deutsch genug war. Mehr als 70 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und 25 Jahre nach dem Ende des Kalten Kriegs ist die militärische Bedeutung Gdynias noch immer unübersehbar. Mariusz' Friseursalon befindet sich im Stadtteil Oksywie, vormals Oxhöft - einst Schulungsstätte deutscher U-Boot-Besatzungen und Torpedoforschungszentrum der Nazis.

Ein geheimnisvolles Flugzeug ohne Flügel

Der Friseur hat eine Leidenschaft, die mit eben jenem Ort zu tun hat. Mariusz Szymanski ist Taucher, allerdings, so sagt er, "keiner von denen, die sich für schöne Fische in Ägypten interessieren". Ihn interessiert das Naheliegende: Bomben, Torpedos, Wracks. Kriegsschrott, der noch immer in großen Mengen auf dem Ostseegrund ruht. Torpedos sind seine Spezialität. Viele Male schon wurde er zur Identifikation von Fundstücken geholt. "Da bin ich der Beste", sagt er selbstbewusst. Seit fast 20 Jahren arbeitet er auch als Minentaucher.

Militärische Relikte finden sich in und um Gdynia reichlich. Gotenhafen war ab 1940 Standort der Torpedoversuchsanstalt der Kriegsmarine (TVA). Nur wenige Kilometer davon entfernt entstand der Torpedowaffenplatz Hexengrund (TWP), ab 1942 Erprobungsstätte der deutschen Luftwaffe. Ein Überbleibsel des TWP ragt noch heute als bizarre Struktur mit vier Stockwerken und einem Turm vor dem Badestrand des Stadtteils Babie Doly aus dem Wasser. Die ehemalige TVA hingegen ist für Zivilisten unzugänglich - sie ist nun Teil des polnischen Marinestützpunkts.

Ruine der Testanlage des Torpedowaffenplatzes Hexengrund am Strand vor Babie Doly. Zur Großansicht
Solveig Grothe/SPIEGEL ONLINE

Ruine der Testanlage des Torpedowaffenplatzes Hexengrund am Strand vor Babie Doly.

Mariusz hatte als Kind einen Blick hinter die Schlagbäume des streng abgeschotteten Sperrgebiets werfen können. Schon sein Vater war Friseur und schnitt Marineangehörigen die Haare. Der Junge durfte den Vater in die Basis begleiten. Beim Stromern im Hafen machte er in einem Depot eine Entdeckung: Dort stand ein faszinierendes Gefährt mit tropfenförmigem Rumpf, einer Plexiglaskuppel und einem Sitz im Inneren. Der damals Achtjährige spielte darin, er hielt es für ein Flugzeug, auch wenn dem merkwürdigen Objekt die Flügel fehlten.

Mariusz sollte dieses mysteriöse Gefährt wiedersehen. Jahrzehnte später, 2002, auf einem seiner Streifzüge. Da allerdings wusste er längst, dass dies kein Flugzeug gewesen sein konnte, auch wenn der Rumpf bemerkenswerte Ähnlichkeit mit dem einer Messerschmitt Me 163 "Komet" hatte. Das unbekannte Objekt hatte in Wahrheit mehr mit einem Torpedo gemein: Es war der Prototyp eines Mini-Sabotage-U-Boots aus den Siebzigerjahren. Mariusz würde sich nicht mehr von ihm trennen.

Tödliche Mission im Kalten Krieg

B155 ist nicht zu übersehen, wenn man vor dem Haus von Mariusz Szymanski steht. Es ruht in der Auffahrt hinter einem schmiedeeisernen Tor. In das Tor ist ein Greifvogel eingearbeitet, er hält ein Mini-U-Boot in seinen Fängen. B steht für Blotniak, deutsch: Weihe, eine Habichtart. Der Vogelname bezeichnete ein geheimes Unterwasserprojekt der polnischen Marine.

In den Siebzigerjahren hatte sich in Polen die Spezialeinheit der Kampftaucher gegründet. Ihr Spitzname: "Formoza", eine Anspielung auf ihre Basis, die ehemalige NS-Torpedoversuchsanstalt in Gdynia. Wie die Insel Formosa (Taiwan) vor dem seinerzeit kommunistischen Bruderland China liegt, ragt die Testplattform rund 500 Meter vor dem Kriegshafen aus der Ostsee. "Formoza" ist mittlerweile offiziell der Name der Truppe.

Luftaufnahme der ehemaligen Torpedoversuchsanstalt in Oxhöft, heute Übungsbasis der Kampfschwimmer-Spezialeinheit "Formoza". Zur Großansicht
Google Earth

Luftaufnahme der ehemaligen Torpedoversuchsanstalt in Oxhöft, heute Übungsbasis der Kampfschwimmer-Spezialeinheit "Formoza".

Zu ihren frühen Aufträgen im Kalten Krieg gehörte die Entwicklung von Unterwasserfahrzeugen, mit deren Hilfe Taucher Sprengstoff an feindlichen Schiffen anbringen sollten. Der Plan: Je zwei dieser Gefährte würden auf dem Deck eines größeren U-Bootes stationiert, das Taucher im Einsatzfall durch den Torpedokanal verlassen würden. Einer sollte das beladene Mini-U-Boot steuern, zwei nebenher tauchen und schließlich die Bombe aussetzen. Steuermann wie Begleiter würden dabei sogenannte Rebreather, Kreislaufatemgeräte, nutzen, die verhindern, dass verräterische Luftblasen aufsteigen.

Parallel zur polnischen Marine verfolgten Sowjetunion und DDR ähnliche Visionen von bemannten Torpedos, die es auch schon im Zweiten Weltkrieg gegeben hatte. Die DDR-Volksmarine gab ihre Pläne jedoch nach einem tödlichen Unfall auf. Und auch Blotniak 155 war nie einsatzbereit. Das polnische U-Bötchen war zu schwer, es hatte Probleme mit der Trimmung und ließ sich nicht unter Kontrolle bringen. Eines Tages mussten Taucher die Glaskuppel zertrümmern, um einen Kameraden zu befreien, weil sich die Kabinentür nicht mehr hatte öffnen lassen. Mariusz erfuhr von dieser Geschichte durch seine Bekanntschaften im Friseursalon und lernte schließlich einen der Konstrukteure kennen. Der Ehrgeiz des Torpedo-Experten war geweckt: Er wollte B155 tauchfähig machen.

2004 brachte er sein Blotniak zum ersten Mal ins Wasser, angetrieben von Rollstuhlbatterien und russischen Torpedopropellern: Es funktionierte. Mittlerweile hat es mehr als 200 Tauchstunden absolviert. Drei Jahre lang war es dabei Teil eines Forschungsprojekts der Marineakademie. Die Wissenschaftler versuchten, Mariusz und sein U-Boot auf geheimen Tauchfahrten ausfindig zu machen - und testeten damit das Sicherheitssystem des Hafens.

Wollte er nie zum Militär? "Keine Zeit", sagt Mariusz lachend und klemmt die dunklen, halblangen Haare hinter die Ohren, während er von seinen neuesten Funden und Entdeckungen schwärmt. Er ist ganz offensichtlich kein Typ für Befehl und Gehorsam. So sei er eben der beste Friseur unter den Tauchern und der beste Taucher unter den Friseuren geworden, sagt Mariusz.

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1. Mini-U-Boote
Joachim Buch, 19.08.2015
setzten auch die Briten gegen das Schlachtschiff Tirpitz ein - siehe hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Tirpitz_(Schiff,_1941)#Unternehmungen_der_Briten_gegen_die_Tirpitz
2.
Dietmar Wigge, 19.08.2015
Tauchscooter wären wohl heute, da schneller,wendiger und kostengünstiger, die bessere Wahl. Allerdings standen damals keine leistungsfähige kompakte Akkus zur Verfügung.
3.
veit schütz, 20.08.2015
Sehr schön, wie er auf Bild 8 ein kleines Logo aus Kamm und Schere angebracht hat!
4. Oben offen ist nicht richtig!
Michael Muller Muller, 20.08.2015
"Oben offen: Anders als ein echtes U-Boot hat dieses Unterwasserfahrzeug keine Druckkabine." Keine Druckkabine ist richtig. Mit 700kg und geschaetzt ueber einem Kubikmeter Holhlraum wuerde sich das auch schlecht tauchen. Aber dies U-Boetchen ist nur oben offen, solange, und vermutlich aus Sicherheitsgruenden, das Kabinendach nicht zugezogen wird. Nett, in warmen Wasser koennte das wohl wirklich Spass machen
5.
Gebhard von der Wense, 20.08.2015
Die deutsche Marine hatte meines Wissens im 2.Weltkrieg sogenannte Ein Mann U-Boote.Es waren 2 Torpedos uebereinander,in dem oberen Torpedo sass ein Mann unter einer Plexiglasskuppel und steuerte dieses Gefaehrt.Ob bzw.wo es je zum Einsatz kam entzieht sich meiner Kenntnis.Auf jeden Fall waere es ein ziemliches :Himmelfahrtskommando" gewesen. G.
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