Kalter Krieg Wo Stalins Bombe reifte

Kalter Krieg: Wo Stalins Bombe reifte Fotos
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Ab April 1943 stieg Stalins Sowjetunion in den Wettlauf um die Bombe ein. Wissenschaftler werkelten im Kurtschatow-Institut bei Moskau an einer Nuklearwaffe. Immer noch läuft dort der älteste Reaktor Europas. Das Uran für die rote Atombombe stammte aus Deutschland - wie auch viele der Entwickler. Von

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Hinter gewaltigen Mauern wird auf dem Gelände des Kurtschatow-Instituts gehämmert, gebohrt und geschraubt. Die einst geheime Atomwaffenschmiede der Sowjetunion erstrahlt dieser Tage wieder in neuem Glanz - rechtzeitig zur 65-jährigen Jubiläumsfeier am 17. April. Arbeiter ziehen moderne Gebäude hoch, renovieren die alten Fassaden. Nur im Herzen des größten Forschungszentrums Russlands erstreckt sich unberührt eine grüne Wiese so groß wie ein Fußballfeld. Daneben prangt ein rosa getünchtes Backsteinhaus. Die Türen sind verriegelt. Denn darin befindet sich die Eingangsluke zum Nukleus der Atommacht: dem ältesten Reaktor Europas und Asiens. Darin bändigten die sowjetischen Physiker unter der Leitung von Igor Kurtschatow das Atom. Der Reaktor "F-1" wurde im Dezember 1946 in Betrieb genommen. Er läuft bis heute - und liegt förmlich in der Moskauer Innenstadt.

Das war nicht immer so. Als Josef Stalin im Jahr 1943 das "Test-Labor Nummer 2" ins Leben rief, war hier noch grüne Wiese weit außerhalb der Hauptstadt. Die Eingangsluke wurde von einem großen Zelt bedeckt, das die Geheimdienstler nicht aus den Augen ließen. Als Kurtschatow dort die ersten Versuche startete, bestand sein Team gerade einmal als fünf Nuklear-Experten. Damals hatte die Entwicklung einer Atombombe für Stalin noch keine Priorität. Der Diktator hielt eine solche Waffe nicht für kriegsentscheidend.

Dies änderte sich schlagartig im Sommer 1945, nachdem die Amerikaner in der Wüste von New Mexiko ihre erste Bombe getestet hatten. Angeblich sei dort ein Munitionslager explodiert, erklärte die amerikanische Regierung. "Doch die Sowjets wussten 24 Stunden später, dass es sich um einen Nukleartest handelte", erzählt Andreas Heinemann-Grüder, der für sein Buch "Die sowjetische Atombombe" zahlreiche Nuklearphysiker interviewte. Der Abwurf der Plutonium-Waffe über den japanischen Städten Hiroshima und Nagasaki sechs Wochen später habe Stalin und Geheimdienstchef Lawrentij Berija überzeugt, dass man aus der Laborphase endlich herauskommen müsse, sagt Heinemann-Grüder.

Stalins Order: Bis 1948 müsse die sowjetische Bombe getestet werden. Das setzte die Forschergruppe unter Druck. Bei Versuchen, eine kontrollierte Kettenreaktion in Gang zu bringen, waren zuvor zahlreiche mit Uran beschichtete Graphitblöcke durchgebrannt.

Deutsches Uran für Moskau

Kurtschatow stand vor einem Problem: Das Uran aus den Bergwerken in Kasachstan und Kirgistan reichte nicht aus, um einen Reaktor zu betreiben, geschweige denn eine Atombombe zu bauen. "Das war die größte Herausforderung", weiß der Historiker Rainer Karlsch, der vergangenes Jahr das Buch "Uran für Moskau" veröffentlichte. Der Großteil der weltweiten Uranvorkommen befand sich damals unter amerikanischer und britischer Kontrolle. Deswegen durchkämmte der sowjetische Geheimdienst gemeinsam mit Geologen nach dem Einmarsch in Ostdeutschland das Erzgebirge.

Das radiumhaltige Wasser aus den ältesten Minen Europas lieferte Hinweise auf Uranvorkommen. Und die Geologen wurden fündig: "Erste Schätzungen nannten rund 100 Tonnen", berichtet Karlsch, doch bis 1990 hätten die Sowjets tatsächlich 232.000 Tonnen abgebaut. "Mindestens zwei Drittel des Urans für das sowjetische Atomprojekt stammte aus Deutschland", folgert der Historiker.

Doch den entscheidenden Fund machten die Uran-Sucher in den Auer-Werken bei Berlin und in Lagerstätten unterirdischer Salzbergwerke bei Strassfurt. Dort fanden sie das Uranmetall aus dem deutschen Atomwaffenprogramm. "Die Sowjets haben so viel sie konnten mitgenommen", erzählt Karlsch. "Selbst Kurtschatow musste später zugegeben, dass sie durch diese Beute sicher ein Jahr Zeit gespart haben". 110 Tonnen benötigten sie für den F-1-Reaktor, den sie an Weihnachten 1946 anfuhren.

Das sowjetische Geheimnis

Fast das gesamte Kurtschatow-Institut war nach der Kapitulation Hitler-Deutschlands in die sowjetisch besetzte Zone Deutschlands geflogen worden. Dort untersuchten den Stand des deutschen Atomprogramms, packten Gerätschaften und Baupläne in Kisten. Nur Kurtschatow selbst blieb in Moskau zurück: "Was würden unsere Enkel sagen, wenn sie erfahren, dass ich in Deutschland war", soll er gegenüber Berija erklärt haben: Dass letztlich die verhassten, gerade besiegten Deutschen den Sowjets zu ihrer Bombe verhalfen - das sollte ein Geheimnis bleiben.

Rund 300 deutsche Wissenschaftler heuerte der sowjetische Geheimdienst in der Besatzungszone an und offerierte ihnen Arbeitsmöglichkeiten in der Sowjetunion. Sie lebten dort jahrelang an streng geheimen Orten. "Sie wussten zum Teil nicht einmal, wo sie sich befanden", hat Heinemann-Grüder von Nikolaus Riel erfahren, der damals die Pläne für die erste Urananreicherungsanlage bei Moskau mitentwickelte. Der Siemens-Wissenschaftler Max Steenberg war es, der den Sowjets mit einer "genial einfachen Idee aus der Kinderstube" (Heinemann-Grüder) den entscheidenden Durchbruch bei der Zentrifugentechnik zur Urananreicherung bescherte: Steenberg stellte die Schleuder zu Stabilisierung auf einen Nagel, wie einen Kreisel - ein Prinzip, nach dem bis heute sämtliche Zentrifugen weltweit funktionieren.

Ein weiterer Deutscher lieferte Kurtschatow die theoretischen Vorarbeiten zur Urananreicherung und zum Bau der Wasserstoffbombe - wenngleich der nicht in seine Institut forschte. Der Physiker Klaus Fuchs arbeitete in Los Alamos, New Mexiko im geheimen Bombenlabor der Amerikaner. Während des Krieges war der deutsche Kommunist nach England geflohen und arbeitete nun für die britische Seite am gemeinsamen Atombombenprojekt. Über einen Führungsoffizier aus der sowjetischen Botschaft in New York gelangten die Berechnungen des Atomspions nach Moskau; Geheimdienstchef Berija leitete sie an Kurtschatow weiter. "Diese Informationen waren für Kurtschatow sehr wichtig", weiß Heinemann-Grüder. Weil sie die amerikanischen Forschungsergebnisse kannten, hätten die Sowjets gewisse komplizierte Anreicherungsmethoden nicht mehr testen müssen. "Damit haben sie sicher ein weiteres Jahr Zeit eingespart", folgert Heinemann-Grüner.

Tausende verstrahlter Techniker

Dennoch verzögerte sich die Fertigstellung der sowjetischen Atombombe um Monate, schließlich um ein volles Jahr. Kurtschatow hatte den großen Reaktor zur Plutoniumherstellung nicht in Moskau, sondern in Tscheljabinsk im südlichen Ural errichten lassen, doch schon kurz nach Betriebsbeginn waren die Behälter mit den Brennstäben durchgerostet. Um weitere Verspätungen zu verhindern, entschied der Chefphysiker, sie bei laufendem Betrieb auszutauschen. Tausende von Technikern und Wissenschaftlern wurden dabei verstrahlt - auch er selbst.

Die Verspätung brachte Stalin im Juli 1949 in eine Zwickmühle, denn anlässlich des Moskau-Besuchs der chinesischen Führung wollte er unbedingt die Superwaffe präsentieren. Erstaunlicherweise bekamen die Genossen aus dem Reich der Mitte von einer Nuklearexplosion zu sehen. Doch diese Bombe stammte noch gar nicht aus dem Kurtschatow-Institut - der erste Test der Sowjets fand erst am 29. August 1949 statt. Historiker Karlsch vermutet, dass es sich dabei um deutsche Film-Aufzeichnungen handelte. In russischen Archiven fand er jüngst Listen der in Deutschland beschlagnahmten Gegenstände, auf denen auch Filmrollen von angeblichen Atombombentests in Thüringen verzeichnet waren. Über solche hatte Karlsch schon in seinem Buch über "Hitlers Bombe" von 20xy spekuliert - eine Untersuchung der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt 2005 im thüringischen Ohrdruf ergaben allerdings "keinen Befund".

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1.
Stefan Müller-Pfeiffer, 11.06.2009
"Der Siemens-Wissenschaftler Max Steenberg war es, der den Sowjets mit einer "genial einfachen Idee aus der Kinderstube" Der Siemens-Wissenschaftler heißt in Wirklichkeit Max Steenbeck (1904-1981) und war später einer der Wegbereiter der Kerntechnik in der DDR.
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