Kamikaze-Pilot "Ich stürzte bis zum Geht-nicht-mehr"

Erst schrieb er einen Abschiedsbrief, dann stieg er in sein Flugzeug: Erich Kreul sollte sich als Selbstmordbomber der Luftwaffe auf eine Brücke stürzen und sein Leben opfern. Auf einestages schildert der Todespilot den wahnwitzigen Versuch, die Russen noch zu stoppen - und wie er ihn überlebte.


Die Amerikaner hatten den Rhein überquert, die Russen setzten zum Sturm auf Berlin an: Hitlers "Tausendjähriges Reich" lag längst am Boden - doch die Wehrmachtsführung befahl im April 1945 immer mörderischere Einsätze. Erstmals setzten die Deutschen nun sogenannte "SO"-Männer ("Selbstopfer") ein. Pläne dazu hatte es schon ab 1943 gegeben, doch selbst Hitler war skeptisch geblieben. Jetzt sollten die Kamikaze-Flieger ihre mit Sprengstoff oder Bomben beladenen Flugzeuge vom Typ Messerschmitt Bf 109 und Junkers Ju 88 gegen insgesamt 32 Oder-Brücken lenken, um den Vormarsch der Russen doch noch zu stoppen.

Der erfahrene Jagdflieger Erich Kreul schrieb einen Abschiedsbrief an seine Frau, stieg in seine Messerschmitt 109 und hob ab, bereit sich samt Bombe und Maschine in den Tod zu stürzen. Wie es zu seinem wahnwitzigen Einsatz kam - und warum er seinen letzten Flug überlebte, schrieb der Pilot nach dem Krieg detailliert nieder. "Spiegel Online" hat den heute 90-Jährigen in Dortmund besucht und seine Aufzeichnungen gesichtet.

"Im Januar 1945 überschlugen sich die Ereignisse. Die Russen brachen mit vereinzelten Trupps Richtung Oder durch, und wir wurden zu Tiefangriffen eingesetzt. Es war sehr schwierig. Man wusste manchmal nicht, wer Freund und Feind war. Ende Januar sollten wir mit zwei Schwärmen im Raum südlich der Stadt Schneidemühl (heute Pila in Polen) auf Truppenansammlungen Tiefangriffe fliegen. Es war ein schwarzer Tag. Hauptmann Bosch, Oberfeldwebel Hope und Unteroffizier Kuckuck wurden brennend abgeschossen.

Zwei Tage später, es war noch dunkel, schossen Panzer auf unseren Flugplatz. Wir bekamen den Befehl, über die Oder zu verlegen. In Jena machten wir Quartier. Nach ein paar Tagen bekamen wir den Befehl, dass wir nach München-Riem weiter sollten. In München-Riem tauchten ein paar Offiziere auf, die Freiwillige für Rammjäger suchten. Wir meldeten uns. Unsere Personalien wurden aufgenommen, und wir sollten auf Abruf warten."

Tödlicher Angriff auf München

Was Erich Kreul so nüchtern beschreibt, war die Vorstufe zum Selbstmord-Kommando: 1945 suchte die Luftwaffe nach Piloten für einen Einsatz, bei dem es kaum Überlebenschancen gab. Per Rammstoß sollten sich deutsche Jagdflieger ungebremst auf alliierte Bomber stürzen und sie mit einem gezielten Crash vom Himmel holen. Ganze feindliche Verbände sollten so vernichtet werden. In den Sekunden vor dem Zusammenstoß sollten die Piloten aus ihrer Maschine aussteigen und sich per Fallschirm retten.

Auf dem geheimen Schulungslehrgang "Elbe" wurden im März 1945 mehrere hundert Freiwillige ideologisch und psychologisch für diesen Einsatz gedrillt. Erich Kreul war nicht unter ihnen - es hatten sich mehr Freiwillige gemeldet, als es Plätze gab. In München-Riem erlebte er unterdessen genau die Angriffe der alliierten Bomberverbände, die die Rammjäger eigentlich stoppen sollten.

"Ende März, wir hatten gerade zu Mittag gegessen und waren in der Unterkunft, hörten wir im Radio: Kampfverband über Wasserburg (gut 50 Kilometer östlich von München). Dann hörten wir schon das Brummen und liefen nach draußen. Ich rannte mit zwei Mann in 90 Grad weg vom Platz über den Zaun. Da fielen schon die ersten Brocken. Wir lagen im Dreck. Als es ruhig war, lief ich weiter. Vor mir lag Unteroffizier Kuhlmann; er blieb liegen und ich sah, dass ihm die halbe Gesichtshälfte fehlte."

Der Angriff war schnell vorbei. München-Riem war ein Trümmerhaufen. Von unseren Besatzungen war fast nichts mehr da. Man konnte nur noch vermuten, was zu wem gehörte. Von Feldwebel Wagner fand ich nur ein Stück Lederjacke."

"Dreh nicht durch!"

Nach dem verheerenden Angriff wollte Erich Kreul wieder zurück zu seiner alten Einheit, dem Jagdgeschwader Udet, benannt nach dem legendären Fliegerhelden Ernst Udet aus dem Ersten Weltkrieg. Ein Vorbild für Kreul, der ein leidenschaftlicher Flieger war, jahrelang den Nachwuchs ausbildete, nach eigenen Angaben sieben gegnerische Maschinen abschoss - und dreimal selbst abgeschossen wurde. Nach der Attacke auf München-Riem kam er über Umwege nach Pasewalk in Vorpommern, wo er auf einige alte Freude traf. Gemeinsam betranken sie sich mit Cognac und spielten Skat. Doch die ruhigen Tage währten nur bis zu einem Appell Mitte April.

"Es waren 15 junge Flugzeugführer, frisch von der Schule, anwesend. So gegen 9 Uhr kam Major Langer zum Gefechtsstand. Die Stimmung war wie bei einer Beerdigung. Langer hielt eine Ansprache. Was er sagte, war nicht gerade schön. Er sprach die Jungen an, dass sie auf der Schule einen schönen Job gehabt hätten. Jetzt käme die Stunde der Bewährung, wozu sie sich freiwillig melden könnten. Was sie tun sollten, sagte er nicht. Es wurde nur von einem 'Sonderkommando' gesprochen.

Da nicht gleich jemand die Hand hob, wurde er in seinen Forderungen heftiger. Ich meldete mich zu Wort und sagte, dass ich mich in München-Riem zu den Rammjägern gemeldet hätte. Langer sagte, das wäre dasselbe. Zwei Oberfähnriche meldeten sich und mein Freund, der Unteroffizier Kleemann. Wir bekamen Maschinen zugeteilt und den Auftrag, nach Jüterbog-Waldlager zu fliegen.

Am 17. April war um 17.30 Uhr der Alarm. Wir hatten uns an diesem Nachmittag so richtig einen zur Brust genommen. Da wurden zehn Namen aufgerufen und uns mitgeteilt, dass unsere Maschinen mit 'Sonderbomben' beladen seien. Wir bekamen einen schriftlichen Auftrag mit Luftaufnahmen von unseren Angriffszielen. Bei mir war es die Ponton-Brücke von Kalenzig bei Küstrin. Es war ein Auftrag mit Selbstaufopferung, der verlangt wurde! Nach dem Krieg bewunderte ich den Unteroffizier Kleemann, der damals laut weinte und sagte, das könne er nicht. Ich sagte zu ihm: 'Dreh nicht durch!'"

Wenn der Sensemann kommt

Während Kleemann zusammenbrach und seinen Einsatz verweigerte, machte Kreul mit. Warum, konnte der heute 90-Jährige den wenigen Journalisten, die ihn nach 1945 danach fragten, nie richtig erklären. Vielleicht aus Pflichtgefühl, aus Fatalismus, vielleicht sah er keinen Ausweg mehr oder hatte Angst - aber wovor, wenn man sowieso sterben soll? "Selbstaufopferung - das war doch völlig idiotisch, irrsinnig", sagt er noch heute dazu mit lauter Stimme.

Doch damals dachte er nicht nach. Es blieb auch kaum Zeit. Die Todespiloten sollten in einer Stunde starten. Von der dreiviertel Flasche Cognac noch benebelt, schrieb Kreul ein paar magere Abschiedszeilen an seine Frau in Magdeburg, die gerade erst eine Tochter zur Welt gebracht hatte. Schließlich gab er Kleemann noch Geld, Papiere und ein paar persönliche Dinge mit der Bitte, sie später bei seinen Eltern in Dortmund abzugeben.

Dann stimmten seine Kameraden noch ein makaberes Abschiedslied an, das Kreul noch Jahrzehnte nach dem Krieg auswendig zitieren konnte:

"Und kommt da der harte Sensemann/und holt Dich zur allerletzten Fahrt/Da seh' ich mir die Welt noch einmal an und tröste mich auf eigene Art/ Die Klampfe nehm' ich von der Wand und lass die Trauer sein/und zieh in mein mir unbekanntes Land/ mit zick und zack und klick und klack hinein".

Dann stieg er in seine Messerschmitt 109, beladen mit der tödlichen Fracht.

"Die Bombe war weg, und ich lebte"

"Wir starteten im Abstand von 80 bis 100 Metern. Als ich startete, flog vor mir eine Maschine auseinander. Ich kam noch gerade links vorbei. Ich ging gleich auf Ostkurs. Zwei Me 109 flogen neben mir. Ich ging auf Höhe 6000. Die Gedanken überschlugen sich. Ich war mir nicht im Klaren, was nun werden sollte. Erst als ich das Ziel vor Augen hatte, war alles klar: Du schmeißt die Bombe, und wenn du durchkommst, fängst du ab und fliegst wieder nach Hause.

Die Brücke, die ich angreifen sollte, war voll besetzt. Der Angriff der Russen rollte gen Westen. Ich stürzte bis zum Geht-nicht-mehr, löste aus und fing ab. Im Tiefstflug bin ich über die Brücke weggerauscht. Ich ging wieder auf Höhe. Alles war heile und ich war ok. Ich wusste nicht, ob ich etwas getroffen hatte. Die Bombe war weg, und ich lebte.

Aber was sollte nun werden? Was würde passieren, wenn ich wieder zurückkehrte? Ich hätte sagen können, mich verfranst zu haben. Aber der Auftrag, den ich noch unter meiner Jacke hatte, lautete anders. Ich flog an Jüterbog vorbei. Ich dachte, flieg nach Magdeburg, da wohnt meine Frau mit meiner kleinen Tochter. Ich war mit meinen Gedanken so durcheinander, als in der Gegend vom Harz die rote Lampe anging - der Sprit. Es fing an zu dämmern. Ich warf die Kabine ab und stieg aus. Ich muss mit dem rechten Schuh irgendwo hängengeblieben sein und riss mir die Sohle bis zum Absatz auf."

Dreitägige Odyssee

Leicht am Fuß verletzt kam Kreul in einer kleinen Siedlung aus Einfamilienhäusern herunter. Aber er lebte. In allerletzter Sekunde war ihm der ganze Irrsinn der Aktion klargeworden. Nein, sein Leben wollte er für dieses Regime nicht wegwerfen!

Einheimische warnten den verhinderten Selbstmordattentäter, in der Gegend wimmle es bereits vor Amerikanern. Der 25-Jährige versteckte sich in einer Scheune. Ein Gärtner versorgte ihn mit Stampfkartoffeln, Spinat und Spiegeleiern. Dann zog der Pilot im Schutze der Dunkelheit weiter Richtung Westen, immer querfeldein. Nach dreitägiger Odyssee wurde er von US-Soldaten geschnappt und in das Gefangenenlager in Hildesheim gebracht.

Was er damals nicht wissen konnte: Die wahnwitzige Selbstmordattacke auf die Oder-Brücken endete als völliger Fehlschlag: Vom 16. bis 19. April waren insgesamt 39 Todespiloten gestartet, um die Oder-Brücken zu zerstören. Einige wurden schon im Anflug von der russischen Flak abgeschossen, andere verfehlten ihr Ziel in der Hektik. Zwar wurden tatsächlich 17 Oder-Brücken zerstört. Doch die Rote Armee hielt das kaum auf. Nach wenigen Tagen waren alle Brücken wieder repariert.

Kreuls Eltern erreichten die persönlichen Gegenstände ihres Sohnes nie, weil der Befehlsverweigerer Kleemann den Krieg nicht überlebte - wann und wo er starb, ist unklar. Kreuls Frau in Magdeburg hingegen wurde offiziell vom Tod ihres Mannes benachrichtigt.

Erst Monate nach Kriegsende später erfuhr sie, dass er noch lebte.

Zusammengestellt von Christoph Gunkel



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
Manfred Albers, 01.05.2010
1.
Ein spannendes Kapitel des Kriegsendes der Luftwaffe und eines das die damaligen Verantwortlichen der Luftwaffe, insbesondere auch Hajo Herrmann schwer belastet. Aber Grund Anmerkung ist das erste Bild, die Me 109 des JG Udet. Es ist eine Me 109 der E Serie und ich kann mir eigentlich kaum vorstellen, dass diese 1943 bei der Deutschen Luftwaffe noch im Einsatz außerhalb von Flugschulen war. Falls es nicht ein Fehler der Redaktion ist, fände ich dies hochinteressant.
Manfred Lockan, 02.05.2010
2.
Die Oderbrücken wurden von der Wehrmacht wirklich bis zur letzten "Sekunde" unzerstört gelassen, um möglichst vielen Zivilisten aber auch Wehrmachtsangehörigen die Überquerung zu erhalten. Vor diesem Hintergrund kam es zu den Einsätzen der Luftwaffe aber auch des Heeres.
Wolfram Huber, 02.05.2010
3.
Es war ca. Mai 1944 da wurde unser Vater zu Görig bestellt, nach dem er zuvor einen Liberator gerammt und überlebt hatte. Göring schlug ihm vor, eine Rammjäger Einheit aufzubauen. Als sich aber herausstellte, daß dafür DB 10 Zylinder Me's zum Einsatz kommen sollten, statt der 14 Zylinder Version - die hätten es gar nicht mal durch den Begeitschutzgeschafft geschafft - lehnte er das Komando ab.
Anton Maier, 02.05.2010
4.
Ich bin wirklich irritiert. Kein Hinweis, dass es sich bei dem Einsatz um die Verteidigung eines Unrechtssystems handelt. Welche politische Einstellung hatte Herr Kreul? Die Abenteuergeschichte und das Draufgängertum soll wohl Mut machen, um unsere Jungs in Afghanistan zu stärken. So stirbt man dann für das Vaterland und der Mutigste überlebt.
Jürgen Schiffmann, 02.05.2010
5.
@ Manfred Albers: Wegen der fehlenden Flächenbewaffnung und der dafür notwendigen Beule könnte es sich sogar um einen E-5 oder E-6 Aufklärer handeln...
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