Kampf der Geschlechter "Ein erotischer Tanz"

Kampf der Geschlechter: "Ein erotischer Tanz" Fotos
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Sie kämpfte gegen die Männerherrschaft im Bett, brachte den Frauen den Spaß an der Lust: Die Autorin Shere Hite rief vor gut dreißig Jahren mit ihrem Bestseller "Hite-Report" zur Revolution beim Sex auf. In ihrem Heimatland USA wurde sie dafür so angegriffen, dass sie nach Deutschland auswanderte. Diese Woche wird die Geschlechterrollen-Revolutionärin 65 Jahre. Von

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Man kann es sich heute gar nicht mehr so richtig vorstellen: "Die Schreibmaschine ist so klug, dass die Frau es nicht sein muss", lautete der Werbeslogan neben dem Konterfei einer langbeinigen Schönen, mit dem der Bürotechnik-Konzern Olivetti vor rund vierzig Jahren für seine eher drögen Produkte warb. Das Model immerhin, das in der Anzeige seinen Körper hingehalten hatte, wurde wegen dieser Anzeige berühmt - allerdings nicht als blondes Dummchen.

Die Bürokraft in kurzen Rock hieß Shirley Diana Gregrory, und die Olivetti-Kampagne war für das goldlockige Model Initialzündung für eine Karriere als Feministin. "Daraufhin bin ich einer Gruppe von Frauen beigetreten, die sich gegen die Ausbeutung des weiblichen Körpers in den Medien wandte", erzählte sie jetzt rückblickend der Deutschen Presseagentur. "So kam ich überhaupt zum Feminismus."

Miss Gregory erfand sich neu: Als Shere Hite wurde die in einer streng religiösen Familie in Montana und Florida Aufgewachsene zur Vorkämpferin eines lustbetonten Feminismus, der als allererstes Recht der Frau das auf den eigenen Orgasmus postulierte. Die verbissen-bigotte Sexfeindlichkeit mancher Frauenrechtlerinnen war ihr ganz und gar fremd, sie selbst fand nichts dabei, auch als Feministin für den "Playboy" zu posieren.

Schick und schlau

Keine Frage: Hite zeigte früh Star-Qualitäten, die sie bald zur "Poster-Ikone des Lippenstift-Feminismus" ("Cicero") machen sollten. Und sie unternahm ohne Hemmungen den damals noch als biologisch unmöglich geltenden Spagat zwischen schick und schlau, indem die Absolventin der New Yorker Columbia Universität sich alsbald der Erforschung des weiblichen Sexuallebens widmete.

Dabei missachtete sie die Konventionen der etablierten Sozialwissenschaften ebenso lässig wie sie die moralischen Standards der Zeit ignorierte: Anstatt unter Laborbedingungen mit repräsentativen Samples zu arbeiten wie ihre Vorgänger Kinsey oder Masters und Johnson, schöpfte Hite lieber tief aus dem prallen Leben ihrer Geschlechtsgenossinnen: Ziemlich wahllos verschickte sie Zigtausende von Fragebögen im ganzen Land, um die sexuellen Vorlieben, Praktiken, Erfahrungen der amerikanischen Frau zu erhellen.

Das Ergebnis, 1976 unter dem Titel "Der Hite-Report: Das sexuelle Erleben der Frau" veröffentlicht, war eine Sensation und machte die Autorin über Nacht zur Berühmtheit. 48 Millionen Exemplare sind bis heute von dem Buch verkauft, das bei Erscheinen eigentlich nur in einer Auflage von 2000 Stück gedruckt werden sollte. Die Behauptung, dass die meisten US-Frauen beim Sex mit ihren Kerlen keinen Orgasmus erleben würden, sich selbst aber durchaus gekonnt und gerne zum Höhepunkt brachten, erwies sich schnell als einzigartiges - und verkaufsförderndes - Skandalon.

Glaubenskrieg um Moral und Anstand

Der "Hite-Report", bald in 15 Sprachen übersetzt, machte Shere so zur Bannerträgerin einer ganzen Generation von ganz normalen Frauen, die keine Lust mehr hatten, es im Bett immer nur dem Herrn der Schöpfung recht zu machen. Doch ihr frühes Opus Magnum katapultierte sie auch in den Mittelpunkt eines teils fanatisch ausgetragenen Glaubenskrieges um Moral, Anstand und Geschlechterrollen. Die düpierten Wissenschaftler warfen Hite "soziologische Science-Fiction" vor, selbst liberale Medien kritisierten sie. Und Ultrakonservative, in Panik angesichts dieses Angriffs auf das Patriarchat, schickten auch schon mal Drohbriefe.

Dabei ging es der lebenslustigen Feministin Hite um ein Miteinander von Mann und Frau im Bett. "Es sollte keinen erotischen Kampf miteinander geben", wie Hite es formulierte, "sondern einen erotischen Tanz." Doch die Männerwelt sah in diesem Ansatz eher einen Angriff auf ihre mentale Missionarsstellung - bis die Frage, ob diese oder jenes der Liebsten gefällt oder vielleicht nicht, die Schlafzimmer der westlichen Welt erreichte, dauert es noch eine ganze Weile.

Hite ließ ihrem Mega-Seller noch weitere Untersuchungen folgen - naheliegender Weise widmete sich der zweite "Hite-Report" von 1981 der Sexualität des Mannes. "Frauen und Liebe" von 1987 sorgte dann wieder für ein Skandälchen: Laut Hites Umfrageergebnissen hatten 95 Prozent der befragten Frauen angegeben, sie fühlten sich von ihren Männern misshandelt, 87 Prozent fühlten sich einer weiblichen Freundin näher als dem Ehemann.

Die Mutter aller Softies

Zu diesem Zeitpunkt hatte Hite die USA bereits hinter sich gelassen. Im Jahre 1985 hatte die fesche Mittvierzigerin einen mehr als zwanzig Jahre jüngeren deutschen Klaviervirtuosen geheiratet und war, auch angesichts der ständigen Querelen mit den selbsternannten Sittenwächtern in ihrer Heimat, in Europa niedergelassen.

Endgültig brach Hite mit Amerika 1995. Angesichts von Todesdrohungen per Brief und Telefon, schrieb Hite damals in einem Artikel für das linke britische Magazin "New Statesman", fühle sie sich in Amerika "nicht länger frei, meine Forschungsarbeit in meinem Geburtsland durchzuführen". Sie gab ihre US-Staatsbürgerschaft zurück - und wurde Deutsche. Am 2. November begeht Shere Hite, die Frau, ohne die es keine Softies, kein "Sex and the City" und keine Erotikratschläge in Frauenzeitschriften gäbe, ihren 65. Geburtstag.

hmk/dpa

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