Tech-Pionier Kane Kramer Der wahre iGod

Tech-Pionier Kane Kramer: Der wahre iGod Fotos
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Wer hat's erfunden? Mit dem iPod macht Apple seit 2001 Milliarden, dabei wurde der MP3-Player bereits 1979 entwickelt. Doch der Technikvisionär Kane Kramer verdiente keinen Cent mit seinem genialen Coup - bis er in einem Patentstreit vor Gericht zog. Für Apple. Von

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Die Geschichte von Kane Kramer ist so absurd und tragisch, dass man sehr lange Ausschau halten muss, um einen ähnlichen Unglücksraben zu finden - und dabei doch unmöglich fündig werden kann. Am ehesten ließe Kramer sich noch mit Dick Rowe vergleichen, der in den Fünfzigern und Sechzigern als Manager der Plattenfirma Decca arbeitete. In dieser Zeit nahm Rowe Künstler wie Tom Jones, The Moody Blues oder Van Morrison unter Vertrag. In die Geschichte eingegangen ist er aber als der Mann, der die jungen Beatles ablehnte. Aber selbst dieser Vergleich hinkt.

Wir schreiben das Jahr 1979. In den USA regiert Jimmy Carter, in Großbritannien neuerdings Margret Thatcher und in Deutschland noch immer Helmut Schmidt. Sid Vicious von den Sex Pistols stirbt an einer Überdosis Heroin, Pink Floyd veröffentlichen "The Wall". Das Internet befindet sich noch in fötalem Zustand, es ist ein Kommunikationsmittel an US-Universitäten. Steve Jobs entwickelt zusammen mit Steve Wozniak gerade einen Computer namens Macintosh, während in England schon ein gewisser Kane Kramer, 22 Jahre alt, herumtüftelt und den iPod erfindet.

Zwar hat auch der iPod seine Vorläufer, allerdings nur im Science-Fiction-Genre. In Stanley Kubricks "2001 - Odyssee im Weltraum" taucht ein ähnlicher Handrechner auf, ebenso in verschiedenen Episoden von Gene Roddenberrys "Star Trek". Kane Kramer aber ist kein Träumer. In einem Bericht an seine Investoren schreibt der 23-Jährige über sein Gerät, das er zusammen mit seinem Freund James Campbel entwickelt hat: "Die IXI-Chips und Wiedergabe-Einheiten sind extrem robust und widerstandsfähig gegen Missbrauch, weil es keine beweglichen oder mechanischen Teile hat."

Zentrale Musikdatenbank auf speziellen Servern

Beim IXI handelte es sich um einen digitalen Player von der Größe eines Kartenspiels, mit einem Display und einem zentralen Menü-Schalter, um sich durch die Lieder zu scrollen. Skizzen des IXI sind erhalten und sehen aus, wie man sich Steve Jobs erste Entwürfe für den iPod vorstellt - wobei der IXI damals schon den ersten iPod-Modellen weit voraus war. Kramer setzte zur Speicherung der Musik nicht auf eine Hard Disk, sondern auf einen elektronischen Speicherbaustein, vergleichbar dem späteren Flash-Drive.

Hier wird es komplett unheimlich, denn Kramer "erfand" wie nebenbei auch noch eine Musikbibliothek wie iTunes. Weil es noch kein Internet gab und die CD erst vier Jahre später eingeführt wurde, sollten Plattenfirmen ihre Musik direkt über Telefonleitungen auf den Chip spielen. Der Erfinder dachte an "Musik-Tankstellen" im Plattenladen und war zuversichtlich, dass die kümmerlichen dreieinhalb Minuten Spielzeit mit wachsendem Speicherplatz größer werden würden. Sogar das Digitale Rechtemanagement (DRM) sah er voraus, inklusive aller Vorteile (keine Tonträger mehr, kein Vertriebssystem mehr, alle Freiheit für den Künstler) und Nachteile (Piraterie).

Um den Plattenfirmen die Sorgen zu nehmen, wies Kramer in seiner Patentschrift darauf hin, dass die auf seinem IXI gespeicherte Musik nicht auf andere Tonträger kopiert werden könne - ganz wie bei Apple: Das Unternehmen sollte zwei Jahrzehnte später der skeptischen Industrie seinen iPod und seine "Musik-Tankstelle" iTunes mit ähnlichen Einschränkungen schmackhaft machen. Darüber hinaus schwebte ihm eine zentrale Musikdatenbank auf speziellen Servern vor, und auch ein Bezahlsystem für Künstler und Rechteinhaber gehörte zu seinen Überlegungen.

Nachdem Kramer den IXI auf einer Erfindermesse 1979 in London vorgestellt hatte, orderte die Industrie Geräte im Wert von umgerechnet fast 100.000 Euro. 1981 meldete Kramer den IXI als Patent an, und es hätte durchaus aufwärts gehen können. Unterdessen aber verdiente die Industrie sich erst mal und letztmalig eine goldene Nase mit der CD. Die Entwicklung größerer Speichermedien stockte. In Kramers kleiner Firma kam es zum Streit - und schließlich fehlten ihm 1988 die 600.000 Pfund, die er zur turnusgemäßen Verlängerung seines Patents in 120 Ländern gebraucht hätte. Das Patent lief aus. Kramer widmete sich wieder seinem kleinen Möbelgeschäft und geriet, zusammen mit seiner Erfindung, in Vergessenheit.

Ein Anruf von Apple

Als Apple 2001 die ersten iPods auslieferte, konnte Kramer daher auch rechtlich nichts geltend machen. Er war ja nicht bestohlen worden, seine Idee gehörte ihm nicht mehr. Während Apple bereits 163 Millionen Geräte verkauft hatte, hatte der dreifache Vater seinen Möbelladen schließen und aus Geldsorgen sein Haus verkaufen müssen - als ihn plötzlich ein Anruf aus Kalifornien ereilte, während er gerade auf der Leiter stand und die Wände der neuen Mietwohnung strich. Es war eine Frau mit amerikanischem Akzent, die sich als "Leiterin der Rechtsabteilung" vorstellte. "Ich muss zugeben, dass ich das erst für einen Scherz meiner Freunde hielt", erzählte Kramer der "Daily Mail": "Aber wir sprachen eine Weile, während ich noch immer auf der Leiter stand, und sie sagte, Apple würde mich gerne für ein Gespräch nach Kalifornien einladen."

Der Hintergrund war eine Klage wegen Urheberrechtsverletzungen, die eine Firma namens Burst.com gegen Apple wegen des iPods, wegen iTunes und des Programms Quicktime angestrengt hatte. Kramer sollte zugunsten von Apple aussagen, weil ein einmal angemeldetes und ausgelaufenes Patent nicht verletzt werden kann. Kramer tat, worum er gebeten wurde, und Apple konnte den Prozess abwenden. Abgefunden wurde der Erfinder mit einer Beratungsgebühr in unbekannter Höhe - und einem iPod: "Er ging aber schon nach acht Monaten kaputt", erinnert sich Kramer.

Wenn er auch von Apples Milliardenumsätzen nicht viel gesehen hat, wurde er inzwischen doch als Erfinder des iPod und damit als Erneuerer der kompletten Musikindustrie anerkannt. Heute ist Kane Kramer der Vorsitzende der "British Inventors Societey" und berät außer Apple noch andere Technikfirmen wie den Navigatorhersteller Tom Tom. Gegenwärtig arbeitet er an einem System namens Monicall, mit dem Telefongespräche aufgezeichnet und als Audio-Files binnen Sekunden an verschiedene Parteien geschickt werden können. Auf diese Weise könnten am Telefon juristisch gültige Verträge geschlossen werden, wie Kramer erläutert: "Es wird Geschäftsvereinbarungen beschleunigen, weil damit kostenlos ein Zeuge der getroffenen Gespräche und Vereinbarungen bereitgestellt würde."

Das mag unspektakulär klingen. Aber wer weiß, was Apple in 20 Jahren aus dieser Idee machen wird?

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1.
Henk Tenhain 22.10.2012
So,So, Kane Kramer der wahre iGod, Dei Idee war nicht marktfähig seinerzeit, da Speicher zu teuer war. die Leitungen zu langsam. Erst mit der Daten-verdichtungs methode MP3 für Musikdaten ohne menschlich hörbare Klangverluste war das möglich. Und MP3 ist nicht von Kane Kramer, sondern vom Fraunhofer Institut und einigen anderen Organisationen.
2.
Jens Zerl 22.10.2012
Naja, hier ging es wohl eher um jemanden, der die Zukunft richtig vorhersagen konnte, ohne jedoch in der Lage zu sein sie selbst dahin zu bringen. Hiefür bedurfte es schon einiger anderer wie dem Fraunhofer Institut und anderen, welche durch MP3 die Verteilung von Musikdaten netzwerktauglich machten. Die ersten mp3-Player kaman auch nicht von Apple und Steve Jobs - diese waren es dann - wie so oft - die das ganze massenatuglich und gut bedienbar machten (1000 songs in your pocket).
3.
Carsten Zander 22.10.2012
Wo liegt denn beim iPod die Erfindungshöhe? Jedes Schulkind hatte hier schon kühnere und erfindungsreichere Zukunftsträume. Nichts gegen das iPod! Ich will sagen, eine Idee zu haben ist relativ einfach, eine Idee zu realisieren dagegen schwer. Und wenn es danach geht, könnte man sich ja jetzt schon die Technik der Zukunft patentieren lassen.
4.
Heinz Breuer 22.10.2012
Zitat: "Wir schreiben das Jahr 1979 ... Steve Jobs entwickelt zusammen mit Steve Wozniak gerade einen Computer namens "Macintosh" Vollkommener Blödsinn. 1979 war gerade der Apple II ein kommerziell erhältliches Produkt, das war noch 5 Jahre vor dem ersten Macintosh. Der Apple II hatte max. 48kB RAM und das waren 24 einzelne Speicherchips für die man seinerzeit ca. 300 Mark bezahlt hat. Ein Musikplayer scheiterte schon an der Verfügbarkeit der Speicherchips. 1985/1986 habe ich Speicherweiterungen für den Macintosh verkauft, 4x 256kB SIMMs kamen raus und 4x1MB zusammen also 4MB kamen rein, das kostete den Kunden gut 300 Mark
5.
Kurt Mueller 22.10.2012
Als der Ei-Pott erschien, war er keineswegs der "Rolls Royce" unter den MP3-Spielern. Die ersten Modelle klangen bestenfalls mittelmäßig, Ei-Tunes war anfangs nur fürs Mac-Betriebssystem verfügbar, die Firewire-Schnittstelle zur Musikübertragung zwar technisch sinnvoll, aber an PCs nur selten zu finden. Erst nach und nach wetzte Apfel diese Scharten aus - neuere Ei-Potts klangen besser, Ei-Tunes gab's auch für Windoof und statt Firewire klappte es per USB. Wesentlich tragischer als jemand, der Jahrzehnte bevor die Zeit reif dafür ist, ein Konzept für einen Musikspieler entwirft, finde ich allerdings in diesem Zusammenhang die Rolle von Philips. Denn bevor Tony Fadell bei Apple den Ei-Pott und das ganze Drumherum konzipierte, war er schon einmal bei Philips und bot unter anderem Philips (lt. Wikipedia aber auch Sony und Real Networks) die Idee an. Apple griff zu...
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