Kriminalgeschichte Der Menschenfresser von Münsterberg

Mehr als 20 Jahre lang meuchelte, schlachtete und aß der Schlesier Karl Denke Menschen. Im Dezember 1924 flog er zufällig auf, doch bis heute lässt der Kriminalfall die wichtigste Frage offen.

Sammlung Armin Rütters/Verlag Kirchschlager

Unbekümmert bog der Landstreicher Vinzenz Olivier in die Teichstraße im schlesischen Münsterberg ein, wo er an diesem 21. Dezember 1924 seine Betteltour startete. Die Geschäfte liefen gut. Einige Pfennige klimperten bereits in seinem Beutel, als er vor dem Haus Nr. 10 stand und ihm Karl Denke die Tür öffnete. Der bärtige Alte musterte ihn und sagte schließlich: "Sie können sich zwanzig Pfennige verdienen, wenn Sie für mich ein paar Zeilen schreiben." Olivier willigte ein und betrat die Wohnung. Warum auch nicht. "Ich setzte mich. Denke gab mir einen Briefbogen und Bleistift", erinnerte sich Olivier später.

"Adolph, du fetter Wanst", begann der Alte zu diktieren. Olivier traute seinen Ohren nicht und drehte sich langsam zu Denke um. Diese kleine Bewegung rettete ihm das Leben. Denn der Alte hatte bereits mit einer Spitzhacke ausgeholt, um Olivier den Schädel zu zerschmettern. Statt der Mitte des Kopfes traf er nur die Schläfe. "Ich war für einen Augenblick etwas betäubt, hatte aber noch die Geistesgegenwart und Kraft, nach der Hacke zu greifen", erzählte Olivier später. Er rang mit Denke um die Hacke, gewann die Oberhand und lief mit dem Mordwerkzeug in der Hand schreiend in den Hof: "Ein Verrückter will mich erschlagen."

Aus einer acht Zentimeter langen und zwei Zentimeter breiten Platzwunde an seiner Schläfe tropfte das Blut. Fassungslos umringten die Nachbarn den Landstreicher. Durch die offene Tür sahen sie Denke, der hohläugig ins Leere starrte, mit den Zähnen knirschte und am ganzen Körper unkontrolliert zuckte. Alle spürten, dass etwas Grausames passiert war. Dass der Landstreicher im letzten Moment der Schlachtbank eines Kannibalen entkommen war, der in der deutschen Kriminalgeschichte ohne Beispiel ist, ahnte indes niemand. Auch Olivier nicht.

20 Jahre Menschenschlachterei

Wie eine Spinne hockte Denke über Jahre in seiner winzigen Wohnung und lauerte seiner Beute auf. "Sie können sich zwanzig Pfennige verdienen, wenn Sie für mich ein paar Zeilen schreiben." Mit immer derselben Masche lockte er seine Opfer an seinen Esstisch, um sie dort zu erschlagen oder zu erwürgen. Was dann folgte, war ein blutiges Gemetzel. Mit einer Baumsäge zerlegte er auf dem Boden die Leichen, schälte das Fleisch von den Knochen und legte es in großen Fässern, die direkt neben seinem Bett lagerten, in eine Salzlake ein.

Wann immer er Hunger hatte, bediente er sich daraus und aß so Stück für Stück seine Opfer auf. Über zwanzig Jahre betrieb er seine Menschenschlachterei und lebte inmitten der Leichenteile, ohne dass jemand Verdacht schöpfte.

Der 64-Jährige galt zwar als verschroben, wortkarg und scheu. Dennoch mochten ihn die Menschen in der Nachbarschaft, weil er sich stets hilfsbereit zeigte. "Papa Denke" nannten sie den bärtigen, kauzigen, harmlos wirkenden Alten liebevoll. Die Polizei glaubte Olivier daher auch kein Wort, als er Denkes Überfall wenig später anzeigte. Statt sich den Alten vorzuknöpfen, zerrten die Polizisten Olivier vors Amtsgericht, das ihn schon am nächsten Tag zu zwei Wochen Arrest wegen Bettelei und Landstreicherei verurteilte. Es schien, als würde Denke ungestraft davonkommen.

Hosenträger aus Menschenhaut

Doch der Fall ließ den zuständigen Richter denn doch nicht los. Oliviers Ausführungen klangen plausibel. Hinzu kam seine Wunde an der Schläfe. Also ließ er noch am 22. Dezember 1924 auch Denke festnehmen - zur großen Empörung der Nachbarn, die nicht verstanden, warum ein unbescholtener Bürger wegen der Anzeige eines rechtlosen Landstreichers festgenommen wurde. Am nächsten Tag sollte er verhört werden. Doch dazu kam es nicht mehr. Denke hatte sich in seiner Zelle mit einem Taschentuch und einer Schnur selbst erdrosselt.

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Der Kannibale von Münsterberg: "Papa Denke"

Das Motiv für seine grauenhaften Taten nahm er mit ins Grab. Die Spuren seines Treibens konnte er indes nicht mehr verwischen. Da niemand die Kosten für Denkes Beerdigung übernehmen wollte, durchkämmte die Polizei seine Wohnung, in der Hoffnung, dort Wertgegenstände zu finden. Stattdessen stieß sie auf Denkes eingepökelten Menschenfleischvorrat und Blutspuren zwischen den Dielen und in seinem Bett. Es war der Auftakt umfangreicher Ermittlungen, die jeden Tag grauenhaftere Details zutage förderten.

Denke hatte seine Opfer nicht nur geschlachtet, sondern die Knochen feinsäuberlich ausgekocht und sortiert. Im Gartenschuppen fanden die Ermittler, die mittlerweile aus dem nahegelegenen Breslau hinzugezogen worden waren, 420 Zähne und 480 Knochen. Auch die Haut hatte Denke weiterverarbeitet und daraus Hosenträger und Schnüre gefertigt. Die Schnüre hatte er in Weidenkörben verarbeitet, die er gelegentlich auf dem Markt in Breslau verkaufte.

Schließlich förderte die Polizei ein Notizbuch zu Tage, in dem Denke jede Tötung akribisch dokumentiert hatte - mit Datum, Namen des Opfers und Gewicht. Insgesamt 30 Menschen, zumeist Männer über 40 Jahre, hatte er gemeuchelt, geschlachtet und später gegessen. Das erste Opfer demnach 1903, mehr als 20 Jahre vor seiner Begegnung mit Olivier.

"Schlesischer Haarmann"

Keiner sprach mehr von "Papa Denke". Die Rede war nur noch vom "Kannibalen von Münsterberg" oder vom "Schlesischen Haarmann", wie das "Berliner Tageblatt" am 24. Dezember 1924 titelte. Vier Tage, bevor Denke aufflog, war der Serienkiller Fritz Haarmann zum Tode verurteilt worden. Er hatte in Hannover 27 junge Männer brutal ermordet und zerstückelt. Bis ins letzte Detail hatte die Presse seine Morde geschildert und die Öffentlichkeit Tag für Tag mit schrecklichen Neuigkeiten erschauern lassen. Der Name Haarmann stand seither synonym für "blutrünstiges Monster" und "Killerbestie" und brachte als Bezeichnung für Denke das blanke Entsetzen über das Unbegreifliche zum Ausdruck.

Vor allem stellten sich die Münsterberger die Frage, wie Denke so lange unerkannt bleiben konnte. Die Nachbarn zuckten bei den Befragungen immer wieder mit den Schultern und antworteten: "Wir haben uns nichts dabei gedacht." Ja, sie hatten Denke nachts Hämmern und Sägen gehört und geglaubt, er arbeite an Schüsseln, die er auf dem Markt verkaufte. Ja, sie hatten ihn gesehen, wie er Eimer mit Blut im Hof entsorgte. Sie gingen aber davon aus, dass er - in den Zeiten knapper Essensrationen nach dem Krieg - heimlich Hunde schlachtete. Denn vor seiner Tür hatten sie hin und wieder blutige Hundefelle gesehen, die er zur Tarnung seiner Schlachtfeste dort ausgelegt hatte.

Denke versteckte sich über Jahrzehnte hinter seiner Wortkargheit und schlug nie in seiner unmittelbaren Umgebung zu. Gezielt griff er sich Reisende, Landstreicher oder fahrende Handwerksburschen heraus, weil ihr Verschwinden erst Tage wenn nicht gar Monate später auffiel.

Schon wenige Wochen nach seinem Tod flaute die Berichterstattung aus Mangel an skandalträchtigen Nachrichten ab - anders als bei Haarmann, der freimütig über seine sexuellen Neigungen geplaudert und die öffentliche Aufmerksamkeit genossen hatte.

Denke geriet in Vergessenheit und mit ihm seine Gräueltaten. Das abschließende Urteil des Breslauer Gerichtsmediziners Friedrich Pietrusky zum Fall klang ratlos: "Hier der duldsame, friedfertige, gutmütige alte Sonderling, dort die mordgierige Bestie, die Menschen meuchelte, fraß und aus ihrer Haut Riemen schnitt. Das ist Denke. Seine Krankheit kann man Perversion oder vornehmer Paraphilie nennen, doch deswegen weiß noch immer kein Mensch, woher der ewige Zwang zum Menschenfressen stammte."



insgesamt 10 Beiträge
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Reinhard Kupke, 08.04.2014
1. Das rechte Messer
Das rechte Messer ist ein Okuliermesser. Das benutzt der Gärtner und nicht der Schinder.
Andreas Potschka, 08.04.2014
2. @ Reinhard Kupke,
Sorry, aber das ist nicht richtig. Es handelt sich wenn schon um eine Kopulierhippe. Bein Okuliermesser ist ein "Löser" auf dem Messerrücken oder am anderen Ende des Heftes installiert.
Frank Becker, 08.04.2014
3. Als Denker mit seinen
kanitalistischen Aktivitäten um 1904/05 startete wütete eine epidemische Genickstarre (Meningitis) in dieser Gegend. Vielleicht hatte Denker sich etwas in dieser Art eingefangen. Ferner war der Sommer 1904 in Schlesien außergewöhnlich warm und extrem trocken.
Peter Treue, 08.04.2014
4. Nicht ganz vergessen
In meiner Kindheit war Denke durchaus noch bekannt (70er). Meine Oma erzählte davon. Vielleicht lag das auch an der niederschlesischen Region um Görlitz.
Veit Meier, 08.04.2014
5. optional
Und es kursierte früher wohl auch ein makabres Sprüchlein dazu: "Warte, warte nur ein Weilchen, dann kommt Denke auch zu dir, mit dem kleinen Hackebeilchen und macht Hackefleisch aus dir". Ich glaube aber, das wurde beliebig umgedichtet...
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