Stalins verbrecherischer Besiedlungsplan Die Insel der Kannibalen

Stalins verbrecherischer Besiedlungsplan: Die Insel der Kannibalen Fotos
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Um Städte von vermeintlichen Regimegegnern zu säubern, ließ der sowjetische Diktaor Stalin 1933 rund 6000 Menschen auf der unbewohnten Insel Nasino im Fluss Ob aussetzen. Hunger und Todesangst trieben die Deportierten zu grausamen Verzweiflungstaten. Von Fabienne Hurst

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Wenn die Sonne scheint, wirkt die Insel Nasino heute wie ein Erholungsort: mitten auf dem breiten sibirischen Fluss Ob gelegen, weit abseits vom Ufer, bewachsen von einem geradezu idyllischen Pappelwald. Doch als eine Familie von Holzsammlern im Frühsommer 1933 an der Insel vorbeischippert, traut sie ihren Augen nicht: "Am Ufer entlang sah man in Lappen gewickelte Stücke Fleisch", erinnert sich Taissja, die damals 13-jährige Tochter. Es sind menschliche Gliedmaßen, die an Bäumen hängen.

Taissjas Bericht von 1989 ist ein Teil des umfassenden Archivmaterials, das dem französischen Historiker Nicolas Werth eine Rekonstruktion der Geschehnisse auf der sibirischen Insel Nasino ermöglichte: 6000 vermeintliche Regimegegner waren dorthin deportiert worden - und im Kannibalismus geendet. "Die Tragödie von Nasino" war eines der schrecklichsten Kapitel in der Geschichte stalinistischer Deportationen.

"Schädliche Elemente"

Am 5. Mai 1933 - der Ob war noch zugefroren - erhielt Dimitri Zepkow, Leiter der Kommandantur Alexandro-Wachowskaja, ein Telegramm: Die sibirische Lagerverwaltung kündigte an, dass er sich auf die Aufnahme von "schädliche Elementen aus Tomsk" vorbereiten müsse, "sobald die Bedingungen eine Schifffahrt zuließen". Die Anzahl der zu Deportierten: "fünf- bis sechstausend".

Weil Stalin sie für "Anti-Revolutionäre" hielt, sollten die Betroffenen zunächst in ein Übergangslager gebracht und anschließend nach Nordsibirien in ein Arbeitslager verfrachtet werden, um das Land urbar zu machen. Bei den Häftlingen handelte es sich überwiegend um Kleinkriminelle, es waren aber auch einige Bürger darunter, deren einziges vermeintliches Verbrechen darin bestand, dass sie ihren Pass während einer Straßendurchsuchung vergessen hatten.

"Die sind doch verrückt", soll Dimitri Zepkow ausgerufen haben, als er den Auftrag las. "Wohin soll ich so schnell 5000 Kriminelle stecken? Soll ich sie etwa auf die Bewohner hier loslassen? Wovon sollen sie leben?" Zepkow beschloss, sie an einen der entlegensten Orte des Landes bringen zu lassen: die Flussinsel Nasino, etwa 500 Kilometer nördlich von Tomsk.

Rund drei Kilometer lang und 500 Meter breit, fehlte dem morastigen Fleckchen Erde alles, was man für die Unterbringung solcher Menschenmassen benötigte: Weder gab es Unterkünfte noch Baumaterial, Werkzeug, Nahrungsmittel, Kochutensilien oder eine Krankenversorgung. Für die Bewachung der Gefangenen bewaffnete Zepkow in aller Eile ein paar Aufseher; außerdem berief er drei Mediziner nach Nasino, die den Gesundheitszustand der Deportierten beobachten sollten.

Die Insel des Schreckens

Mitte Mai war das Eis geschmolzen. In vier großen Kähnen, die sonst dem Transport von Holzstämmen dienten, wurden die 4556 Männer und 332 Frauen auf die Insel gebracht. Viele waren so schwach, dass sie vom Schiff geschleift werden mussten. 27 Menschen überlebten den Transport nicht.

Die Temperatur lag knapp über null Grad, es begann zu schneien. Die Gefangenen froren, sie trugen nur bei sich, was sie zum Zeitpunkt der Verhaftung am Körper hatten.

Mit den Deportierten wurden auf der Insel 20 Tonnen Mehl abgeladen, lose aufgeschüttet am Ufer. Zepkow und seine Helfer organisierten die Mehlausgabe: ein Pfund pro Kopf. Doch es gab nichts, um daraus etwa ein Brot zu backen, nicht einmal ein Gefäß, um es aufzubewahren. So blieb den Frauen und Männern nichts anderes übrig, als ihre Ration in einem Hut, einem aufgespannten Mantelzipfel oder in den bloßen, zu einer Schale geformten Händen entgegenzunehmen. Sie gruben ein Loch in den Boden, verrührten das Mehl darin mit Flusswasser und schlürften es. Bei der Ausgabe kam es zu Schlägereien, Aufsässige wurden von den Wachen niedergeschossen. Bald endete auch die Mehlausgabe: Ungeschützt vor der Witterung war der Vorrat verfault.

Vom Menschen zum Menschenfresser

Wachen und ausgewählte Gefangene errichteten eine Schreckensherrschaft auf der Insel, samt primitivem Wirtschaftssystem: Gegen ein Paar Schuhe verkauften die Aufseher fünf gesalzene Fische, ein Mantel kostete zwei goldene Zahnkronen, die die Deportierten den Leichen aus dem Kiefer schlugen. Wer bei einem Geschäft zu schummeln versucht hatte oder flüchten wollte, wurde hingerichtet.

Im Lagebericht vom 24. Mai verzeichneten die Mediziner 70 neue Leichen auf Insel, "bei fünf von ihnen sind Leber, Herz, Lungen und Stücke von zartem Fleisch (Brüste, Wade) herausgeschnitten". Noch am gleichen Tag wurden drei Gefangene mit blutverschmierten Händen und Mündern gestellt; die Ärzte entdeckten Dutzende weitere verstümmelte Leichen.

Historiker Werth schildert den Fall des Aufsehers Kostja Wanikow, eines jungen Burschen, der sich in eine der Gefangenen verliebt hatte und das Mädchen zu beschützen versuchte. Eines Tages habe er nicht zur Arbeit kommen können und seinen Kollegen gebeten, auf sie aufzupassen. Doch dieser hatte auf der Insel keine Befehlsmacht. Als Kostja zurückkehrte, war seine Freundin, gefesselt an einen Baumstamm, verblutet. Gefangene hatten ihr die Brüste abgeschnitten, um diese aufzuessen.

Die Lage auf der Insel verschlimmerte sich noch: Am 27. Mai lud ein Transportsschiff weitere tausend Menschen auf Nasino ab - viele davon mit Typhus. Von der Situation überfordert, erwirkte Kommandant Zepkow vor dem zuständigen Rayon-Parteikomitee den Abtransport der Gefangenen in fünf Orte, die rund hundert Kilometer flussaufwärts am Nebenflüsschen Nasina lagen. Hunderte allerdings überlebten die tagelange Überfahrt nicht und erhöhten die traurige Bilanz von rund 2000 Menschen, die seit der Ankunft auf der Kannibaleninsel bereits gestorben waren.

Binnen zwei Wochen war die Insel fast leer geräumt; am 12. Juni zählte Nasino nur noch 157 Deportierte. Ihre Bestimmungsorte in Sibirien sollen den Akten zufolge nur 2856 Überlebende erreicht haben, deren Spur sich dort verlief.

Sabotage des Siedlungsplans

Bekannt wurde die Tragödie von Nasino durch den jungen Parteiinstrukteur und Journalisten Wassilij Welitschko: Er hatte von den Missständen auf der Insel gehört und Nachforschungen angestellt. Er fand heraus, dass unter den Deportierten auch zahlreiche regimetreue Bürger waren. In einem Brief wies er Stalin darauf hin, woraufhin dieser den Plan der "Sonderbesiedlung" aufgab.

"Schädliche Elemente" wurden fortan in die Lager des Gulag gebracht. Auch Kommandant Dimitri Zepkow wurde schließlich zu drei Jahren Arbeitslager verurteilt. Wie alle anderen Verantwortlichen bereute er seine Taten zutiefst. Besonders unangenehm war ihm jedoch nicht der mitverschuldete grausame Tod von mehr als 3000 Menschen, sondern vor allem die Tatsache, Stalins "großen Kolonisationsplan" sabotiert zu haben.

Zum Weiterlesen:

Nicolas Werth: "Die Insel der Kannibalen: Stalins vergessener Gulag". Siedler Verlag, München 2006

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1.
Klaus Peter 16.09.2013
Die Redakteure von Spiegeln Online vergessen, dass in der USSR besonders in den dreißiger Jahren die Trotzkisten real die Macht hatten. Sie steckten nähmlich in allen Regierungsstrukturen des Riesenreichs und traffen Soveäne entscheidungen. Viele hundert tausende Menschen starben durch ihre Hand und nicht durch die Hand von Stalin!
2.
Martin Bitdinger 16.09.2013
Na, ich hoffe das lesen auch die NEO-Stalinisten der Linken um Sarah Wagenknecht.
3.
Zaun Feld 16.09.2013
Zu dem Thema gibt es auch einen richtig toll geschriebenen Wikipedia-Artikel: https://de.wikipedia.org/wiki/Trag%C3%B6die_von_Nasino
4.
Goetz Heermann 16.09.2013
Schon beachtlich, daß auf SPON auch Artikel über die Missetaten von Kommunisten gebracht werden. Ist das politisch korrekt, oder löckt SPON bloß wider den Stachel??
5.
Michael Köhler 16.09.2013
---Zitat--- Besonders unangenehm war ihm jedoch nicht der mitverschuldete grausame Tod von mehr als 3000 Menschen, sondern vor allem die Tatsache, Stalins "großen Kolonisationsplan" sabotiert zu haben. ---Zitatende--- Aus dem Artikel nicht so recht hervor inwiefern er mitschuldig gewesen sein soll, bzw was die ihm verfügbare Alternative gewesen wäre. Von sich weigern, erschießen oder den Gefangenen Gesellschaft leisten lassen mal abgesehen. Dass Stalin mit seinen unausgegorenen Getreidekammerspielchen bereits in Europas Kornkommer, der Ukraine, innerhalb kürzester Zeit Millionen Menschen in den Tod geführt hat, während die Rohstoffe vergammelt sind, wird ja in Deutschland auch mehr oder minder ignoriert. Die Selbstkasteiung ist offenbar immer noch beliebter als eine ausgewogene Geschichtsaufarbeitung. Übrigens verstehe ich die Aufregung um Urbarmachung von unwirtlichen Landstrichen mittels Deportation von Gefangen nicht so recht. Das war doch seit Jahrhunderten ein probates Mittel. Das Problem war augenscheinlich eher, dass Staling wie so oft auf Masse statt Klasse (Städter statt Bauern) gesetzt hat, bzw die Siedlungsvorbereitungen (Fabrikbau, Infrastrukturm Unterkünfte, etc) nicht "plangemäß" erfüllt wurden.
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