Käpt'n Jürgen Schwandt Der Ozean, ein Mann, ein Wort

Als junger Matrose heuerte Jürgen Schwandt an, wurde Kapitän und entrann dem Tod oft nur knapp. Seine Biografie "Sturmwarnung" ist die Geschichte eines knorrigen Mannes, der Haltung zeigt - auch an Land und im Internet.

Ankerherz Verlag

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Jürgen Schwandt blickte in die Tiefen des Höllenschlunds, als er aus der Kombüse an Deck der "Franziska Sartori" in den Orkan trat. Der Matrose hatte schon viele Unwetter erlebt, aber dieses am Abend des 9. Dezember 1955 war anders, ein Inferno. Der Sturm kreischte, das Schiff ächzte und zitterte, haushohe Brecher rollten pausen- und gnadenlos auf dem Nordatlantik an.

Jede Minute krachte eine neue, tonnenschwere Wasserwand über dem manövrierunfähigen Frachter zusammen. Schwandt war mit erst 19 Jahren schon dienstältester Matrose, fühlte sich verantwortlich und wollte zur völlig zerstörten Kommandobrücke. Auf dem Weg erwischte ihn ein Brecher. Das Schiff lag mit 43 Grad Schlagseite in der See, Schwandt hielt sich mit beiden Händen am Strecktau fest und lag waagerecht in der Luft. Er hatte mit seinem Leben abgeschlossen.

"Dann kam schon das nächste Haus angerollt. Und gib ihm", erzählt der Kapitän gut 60 Jahre später mit tiefer, rauer Stimme. Schwandt sitzt an einem langen Holztisch im Ankerherz-Verlag, der gerade seine Biografie "Sturmwarnung" veröffentlicht hat. Er strahlt eine freundliche, natürliche Autorität aus, trägt Jackett und Krawatte, darauf ein kleiner, goldener Anker. Mit zwei Zuckerpäckchen, die Schwandt für seinen Kaffee nicht braucht, zeigt er, wie man einen Sturm normalerweise "abreitet": immer senkrecht über die See weg, mit langsamer Fahrt. Auf keinen Fall dürfe das Schiff quer zu den Wellen liegen.

Genau das war im Dezember 1955 mit der "Franziska Sartori" geschehen. "Ein fürchterlicher Schlag hallte durch das Schiff. Ein meterhoher Brecher war in die Brücke gekracht und hatte alles zertrümmert. Mit einem Mal herrschte unter Deck Stille. Die Lichter gingen aus, das Telefon zur Kommandobrücke war tot", erinnert sich Schwandt, 79. In dieser Nacht rechnete er minütlich damit zu sterben. "Jedes Mal dachte ich: Jetzt ist es vorbei. Aber das Schlimmste von allem war die Passivität, zu der wir verdammt waren. Wir konnten nichts tun. Nur abwarten." Nicht sein Ding.

"Ein Seemann muss nicht stark sein, nur stark tätowiert"

Matrose Schwandt blieb standhaft, die Mannschaft und das Schiff überstanden den Orkan. Sein ganzes Leben ist geprägt von dieser Haltung: in Stürmen die Fassung bewahren, für die eigenen Prinzipien einstehen, als Seemann und Kapitän ein Vorbild für die Mannschaft sein, Geradlinigkeit - mit aller Konsequenzen.

Schwandt überlebte den Zweiten Weltkrieg in Hamburg, lag in Luftschutzkellern und hörte die Bomben einschlagen. Sein Vater war überzeugter, ranghoher Nationalsozialist und kämpfte viele Jahre an der Front. Immer wieder hatten sie deswegen harte Auseinandersetzungen. In den Trümmern Hamburgs träumte Schwandt von der großen, weiten Welt. Er wollte die Stadt und seine Eltern mitsamt deren Gesinnung hinter sich lassen, zur See fahren: "Damals galt man in der Seefahrt schon mit 16 Jahren als volljährig. Mit Einwilligung der Eltern konnte man anheuern."

Das Abenteuer konnte im Sommer 1952 beginnen, da ließ er sich auch die ersten Tätowierungen stechen. "Ein Seemann muss nicht stark sein, er muss nur stark tätowiert sein", sagt Schwandt, grinst und krempelt den rechten Ärmel seines Jacketts hoch. Über die blasse Haut seines Unterarms schlängelt sich ein verwaschener Glücksdrache. "Sieht inzwischen aber eher aus wien Glückskeks." Ob der Drache seinen Zweck erfüllt hat? "Jouu! Ich leb ja noch."

Seefahrer standen damals weit außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, sie blieben meist unter sich. "Den Ruf haben wir auch gepflegt", sagt der Seebär. "Die Landbevölkerung hat uns immer nur mit Alkohol und leichten Mädchen verbunden, aber was wir hinter dem Horizont für eine Scheiße erlebten, das sah keiner."

Seine Heuer pro Monat: 55 Mark

Als die Mannschaft nach dem schweren Orkan den rettenden Hafen in Lissabon erreichte, besetzte sie drei Tage lang ein Bordell. "Das war keine Feier, eher eine Explosion, ein Schrei nach Leben", so Schwandt, "da haben wir den großen Hund von der Kette gelassen." Die kurzen Liegezeiten an Land verwehrten den meisten Matrosen feste Beziehungen: "In zwei Tagen etwas aufbauen? Das wird nichts."

Der Alltag an Bord war hart. Schwandt begann ganz unten, als Schiffsjunge auf der "Argonaut": "Ein Besansegler. Der Schuh war 80 Jahre alt. Wir hatten keinen Strom, das Trinkwasser gab es nur in Milchkannen." Das Essen: Linsensuppe, Kartoffelsuppe, süße Suppe, saure Suppe. Und wieder von vorn. 40 Mark bekam er im Monat, plus 15 Mark Überstundenpauschale.

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Am Anfang war er oft seekrank: "Ich habe mir die Seele aus dem Leib gekotzt." Nach einem halben Jahr war er für immer geeicht. "Gut, wenn man im Nordatlantik mal so richtig einen auf den Sack bekam, hat die Zigarette vier Stunden nicht geschmeckt. Aber dann ging das auch wieder", sagt Schwandt und klatscht seine riesigen Hände flach auf den Holztisch, während er drei laute Lacher aushustet. Zwei Schachteln am Tag raucht er. Schon seit 63 Jahren. Der Rat seines Arztes interessiert ihn nicht.

Der Käpt'n hat seine Prinzipien. Bei den Auseinandersetzungen mit seinem Vater habe er sich geschworen: "Wenn ich irgendwann wieder auf rechte Tendenzen stoße, werde ich mich dagegen ganz klar positionieren und Stellung beziehen. Ohne Angst vor Konsequenzen."

Seemann auf dem Trockendock

AfD und Pegida stellt er sich mit lautstarkem Widerspruch in den Weg - in seiner Kolumne in der "Hamburger Morgenpost", im Ankerherz-Blog oder bei Facebook. Dort haben mehr als 60.000 User seine klaren Ansagen abonniert. "Auf meinen Reisen habe ich gelernt, weltoffen und tolerant zu sein. Es gibt überall reizende Menschen. Und es gibt überall Arschlöcher. Das hat nichts mit Religion, Nationalität, Hautfarbe oder politischer Einstellung zu tun."

Auf den Weltmeeren erlebte Schwandt noch unzählige Stürme, 1966 wurde er mit 30 Jahren Kapitän der "Ludwigsburg". Fünf Jahre später heiratete er. Für seine Frau Gerlinde traf er eine der schwierigsten Entscheidungen seines Lebens: Er trat eine Stelle beim Zoll an. An Land.

"Die ersten zwei Jahre war ich todunglücklich", erzählt der Seemann auf dem Trockendock. "Ich hatte mein Seefahrtsbuch oben in der Schublade liegen und den Seesack gepackt. Ich hätte jeden Tag wieder losfahren können." Er blieb an Land. Heute geht er alle zwei Jahre an Bord eines Frachters und fährt als Passagier irgendwo hin. Dann schaut er oft stundenlang mit einer Tasse Kaffee in der Hand und einer Zigarette im Mund auf das offene Meer hinaus.

Damals, bei ruhigen Wachen, als die See glatt war, habe er oft über den Sinn des Lebens nachgedacht. Schwandt befasste sich mit Platon und Spinoza; seine persönliche Antwort fand er, als er mit sich und dem Meer allein war. Auch die fällt klar und schlicht aus: "Leben empfangen, Leben bewahren, Leben weitergeben, abtreten. Das ist der Kreislauf. Nicht mehr und nicht weniger."

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