Kapitäne erzählen Heiße Miezen statt frischem Fisch

Den Fang hatte er sich anders vorgestellt: Nicht nur, dass Kapitän Heinz Pallentin von den Grönländern auf einen Felsen gelotst wurde - während der anschließenden Reparaturarbeiten verwandelte sich sein Fischdampfer in ein Loveboat.

Heinz Pallentin

Ich bin häufig gefragt worden, woher ich mein feines Gespür für Fisch habe. Die Reederei hat zu meinem 40. Dienstjubiläum ausgerechnet, dass ich 80.000 Tonnen Filet gefangen hatte, so viel wie kein anderer Kapitän. Bis zu meiner Pensionierung kamen noch einmal 20.000 Tonnen hinzu, überwiegend Kabeljau, Rotbarsch, Hering und Makrele. Für eine Tonne Filet benötigt man rund 60 Zentner Rohware. Mein Verhältnis zum Meer ist relativ unromantisch: Ich war auf See, um Geld zu verdienen.

Was mein Geheimnis ist? Ich habe zu meiner Zeit als Steuermann stets gut aufgepasst während der Fahrten nach Island, Grönland oder Spitzbergen und mir nach Feierabend noch Notizen gemacht, wo sich der Fisch gerne aufhielt. Im Laufe der Zeit kam Erfahrung dazu - und natürlich benötigt man auch Glück. Alle Geheimnisse aber sollte man nicht verraten.

Je älter ich wurde, desto schwieriger wurden die Arbeitsbedingungen. Früher fischte jeder, wo er wollte, bis Länder wie Island oder Grönland begannen, die Hoheitszonen auszudehnen und ihre fischreichen Küsten zu schützen. Schiffe anderer Nationen waren nicht mehr gerne gesehen, und man versuchte, uns mit einigen Schikanen die Arbeit zu erschweren. Mein Kollege Wolfgang Gewiese aus Cuxhaven hat regelrechte Räuber-und-Gendarm-Abenteuer mit der kanadischen Küstenwache erlebt.

Von der Polizei abgeholt

Vor dem Hafen von Nuuk an der Westküste Grönlands hat man auch mich einmal ganz übel auflaufen lassen, im wahrsten Sinne. Ein Inspektionsschiff namens "Agfa" hatte uns aufgefordert, in Nuuk anzulegen, weil wir angeblich zu viel Katfisch gefangen hätten. Für diesen Verdacht gab es nicht den geringsten Anlass. Zu dieser Zeit hatten wir bereits 480 Tonnen gefrostetes Fischfilet an Bord. Um festzustellen, wie viel genau davon Katfisch war, hätten wir die Laderäume komplett umpacken oder ausräumen müssen.

Vor der Hafeneinfahrt kam ein Lotse an Bord, weil wir wegen des starken Windes nicht einlaufen konnten. Der Lotse wies uns einen Ankerplatz in einer Bucht des Fjordes zu. Ein Polizeiboot brachte mich und den Ersten Steuermann zu Vernehmungen in die Stadt. Es war Hochwasser. Drei Stunden dauerte das Gespräch auf der Wache. Es waren drei verschenkte Stunden, aber das war ja schon vorher klar.

Die Positionen standen fest: Wir konnten unseren Laderaum nicht ausräumen, ohne wochenlang festzuliegen. Die Grönländer aber bestanden darauf, unseren Katfischfang sehen zu wollen. Es kam also in Wahrheit nur auf die Höhe der anstehenden Strafe an, Strafe, für was auch immer.

Schock bei der Rückkehr

Als wir zum Ufer zurückkehrten, durchfuhr uns ein Schreck: Der Fischdampfer "Mainz" lag auf den nackten Felsen! Die Schraube ragte sogar aus dem Wasser, und der ganze Dampfer war leicht nach Steuerbord gekippt. Schade, dass der Lotse nicht in der Nähe war: Ich hätte ihm gerne zu diesem Weltklasse-Ankerplatz gratuliert.

Wir mussten abwarten, bis das Hochwasser zurückkam, bevor wir in den Hafen einlaufen konnten. Ich bestellte einen Taucher, der den Schiffsboden untersuchte: Er stellte einen Riss fest. An Auslaufen war nun nicht mehr zu denken, das war zu gefährlich. Aber wie sollte ich einen Unterwasserschweißer in Nuuk finden?

Der Agent der Reederei kannte jemanden auf Island, der sofort die Order bekam, sich ins nächste Flugzeug zu setzen. Wir hatten derweil noch andere Probleme: die Mädchen. Unsere Besatzung, 68 Mann, darunter knapp 30 portugiesische Fischwerker und Matrosen, freute sich natürlich über die Zwangspause. Um noch einigermaßen den Überblick zu behalten, wer sich alles an Bord befand, wies ich den Steuermann an, eine Art Schlauchbootverkehr einzurichten.

Vor Gericht

Drei Tage dauerte es, bis eine Gerichtsverhandlung angesetzt war, in der man den "Katfisch-Fall" verhandelte (in unseren Kühlräumen hatte man natürlich nichts gefunden). Der Richter legte nach kurzem Prozess die Strafe auf umgerechnet 100.000 Mark fest. Für den Fall, dass wir damit nicht einverstanden waren, sollten wir den Inhalt der Laderäume auf der Pier aufbauen. Wir waren mit der Strafe sehr einverstanden. Jeder Tag ohne Fang kostete die Reederei damals 50.000 Mark, muss man wissen.

Der Taucher aus Reykjavik kam zum Glück gut voran und brachte diverse Platten unter Wasser an. Nach einigen Tagen - es hätte auch nicht mehr länger dauern dürfen - konnte unser "Loveboat" endlich wieder auslaufen - und Fisch fangen.

Jahre später ist das Fabrikschiff "Mainz" leider an der Pier von Cuxhaven völlig ausgebrannt. Bei Schweißarbeiten war es zu einem Unfall gekommen. 30 Stunden lang schlugen die Flammen aus meinem alten Dampfer, bis nur noch ein rauchendes Wrack übrig war.

Kapitän Heinz "Hein" Pallentin, geboren 1930 in Haffwerder (Ostpreußen), gilt unter Fischdampferkapitänen als Legende. Niemand fing so viel Fisch wie "Hein". Als Matrose ging er in einem Sturm mitsamt Netz über Bord, konnte sich aber festhalten und überlebte. 1956 erwarb er das Kapitänspatent und übernahm schon mit 28 Jahren sein erstes Schiff, den Seitenfänger "Stuttgart". 1973 übernahm er das Fabrikschiff "Mainz", das er bis zu seiner Pensionierung führen sollte. Pallentin hat drei Kinder. Er lebt in Cuxhaven.

Zum Weiterlesen:

Stefan Krücken: "Orkanfahrt - 25 Kapitäne erzählen ihre besten Geschichten" Ankerherz-Verlag, Appel; 176 Seiten.

Das Buch erhalten Sie im SPIEGEL Shop.

Zum Weiterhören:

Stefan Krücken: "Orkanfahrt - Kapitäne erzählen ihre besten Geschichten", gelesen von Otto Sander; Random House Audio, Köln.

Die CD erhalten Sie im SPIEGEL Shop.

Der Verlag:

Die Bücher von Ankerherz sind authentisch, ganz nah dran und von ihren Erzählern autorisiert. In einem Format zwischen Bildband, Sachbuch und Reportage widmet sich der Hamburger Verlag Geschichten von unbekannten Helden.

Zur Internetseite von Ankerherz.

Aufgezeichnet von Stefan Krücken



zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2008
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.