Kapitäne erzählen Todeskampf im Sturminferno

Kapitäne erzählen: Todeskampf im Sturminferno Fotos
Hans Peter Jürgens

Lastkähne zerschellten an der Küste, ein Kriegsschiff begrub einen Kutter unter sich: Als der legendäre Großsegler "Priwall" im Mai 1940 vor Valparaiso lag, brach ein gewaltiger Sturm los. Hans Peter Jürgens bangte an Bord um sein Leben - denn plötzlich riss sich auch sein Schiff los.

  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren
  • Zur Startseite
    3.9 (53 Bewertungen)

Eigentlich sollte es eine reine Routinefahrt werden, als der 15-jährige Schiffsjunge Hans Peter Jürgens vor 70 Jahren in Richtung Kap Hoorn ablegte. Doch als der Großsegler "Priwall" wenige Wochen später in Chile festmachte, begann für Jürgens eine Odyssee durch eine Welt im Krieg. Er arbeitete als Straßenbauer in Chile, überlebte ein Lager im afrikanischen Dschungel und fütterte Bären an Kanadas großen Seen. Lesen Sie seine spannende Geschichte hier auf einestages - diese Woche die letzte Folge.

21. Mai 1940 Bucht von Valparaiso

Von anderen Seeleuten hatten wir über die verheerende Wirkung der Norder gehört, wie diese Nordstürme genannt werden. Für die Bucht von Valparaiso sind sie besonders gefährlich, weil sie sich wie ein Hufeisen nach Norden öffnet und damit die Wellen und den Wind wie ein Trichter aufnimmt. Auf einem Hügel der Stadt stand ein Denkmal zu Ehren der deutschen Matrosen und Offiziere, die 1919 in einem verheerenden Norder ihr Leben verloren hatten. Jeder an Bord der "Priwall" kannte die traurigen Bilder der gestrandeten Segelschiffe und die Erzählungen von gesunkenen Frachtern.

Norder brachen nicht ohne Vorwarnung über die Bucht herein. Während der Kapitän eines Dampfers in so einer Situation die Option hatte, den Anker zu hieven und auf die offene See hinauszufahren, um den Sturm dort abzureiten, erschöpfen sich die Möglichkeiten eines Segelschiffführers darin, zusätzliche Anker auszubringen, die Ketten so weit wie möglich zu stecken und zu hoffen, dass sie dem Druck standhielten. Auf einem Hügel neben der Marineschule stand ein Signalmast, mit dem Schiffe vor einem heraufziehenden Unwetter gewarnt wurden. Brannte eine Laterne, zog ein Unwetter auf. Als am Abend des 20. Mai ein rotes Licht zu sehen war, war klar, dass ein unruhiger Tag bevorstehen würde.

Wenige Stunden später leuchteten drei rote Lampen: Höchste Warnstufe! Alle Handelsschiffe auf Reede und selbst einige Dampfer hinter der Mole machten sofort ihre Maschinen klar und liefen aus. Sie wollten den Sturm lieber auf offener See als in der engen Bucht abwettern. Ein altes schwedisches Motorschiff blieb mit Maschinenproblemen auf Reede; ein kleiner Küstendampfer und zwei Langustenschoner ebenso. Im Schutz einer großen Mole war außerdem ein Schwimmdock verankert, in dem ein Frachter namens "Chile" lag.

Lastkähne zerschellten am Strand

Am Abend nahm der Wind immer mehr zu. Es bereitete einige Mühe, im hohen Wellengang die letzten Landurlauber mit dem Rettungsboot an Bord zu holen. In Erwartung des schweren Sturms hatte unser Kapitän Befehl gegeben, beide Buganker mit ihrer gesamten Kette auszubringen und den Reserveanker an Deck zu legen.

Große Wellen schlugen auf die "Priwall" ein. Einige Kameraden und ich standen hinter einem Aufbau an Deck und beobachteten, was geschah. Mehrere Lastkähne rissen aus ihren Verankerungen und zerschellten kurz darauf am steinigen Strand. Auch der Dampfer "San Francisco" befand sich in großen Schwierigkeiten, geriet ins Treiben und zwischen einige Schuten, die gegen sein Heck knallten.

"Schaut mal dort hinten!", schrie ein Matrose und zeigte hinaus auf die Bucht. "Seht ihr das?" Die Anker des Kriegsschiffs "Almirante Latorre" hielten nicht. Auch Marineschlepper, die versuchten, das Ungetüm zu halten, kämpften vergeblich gegen den Sturm. Immer weiter schob das Schlachtschiff auf das Schwimmdock zu. Entsetzt beobachteten wir, dass die Distanz immer geringer wurde - und dann sahen wir, wie auch noch der Langustenschoner zwischen Kriegsschiff und Dock geriet. Noch 50, 40, 30 Meter! Nur wenige Augenblicke später überrollte das Schlachtschiff den Schoner und presste ihn mit voller Wucht gegen das Schwimmdock mit der "Chile" darin.

Mit voller Wucht in das Schwimmdock

Der Schoner sank. Schemenhaft konnten wir erkennen, wie man an Bord der "Almirante Latorre" verzweifelt versuchte, weiteres Unglück zu verhindern. Doch die Seeleute, bei denen wir noch vor einigen Wochen an Bord zu Besuch waren, hatten keine Chance. Mit der Wucht ihrer 28.000 Tonnen rammte die "Almirante Latorre" das Schwimmdock, das sich sofort zur Seite legte. Trotz des Windes konnten wir einen Knall hören. Die Abbäumung der eingedockten "Chile" brach, worauf der Dampfer auf die Seite rutschte und kenterte.

Dramatische Minuten verstrichen. Es gelang den Schleppern, das treibende Kriegsschiff einigermaßen zu kontrollieren. Mit gefährlichen Manövern schafften sie es, die "Almirante Latorre" hinter die Mole des Innenhafens zu ziehen. Der Sturm tobte inzwischen mit einer Wut, dass sich die Kommandanten anderer Kriegsschiffe entschieden, den Schutz der Mole zu verlassen und auszulaufen. Sie dampften hinaus auf die offene See, wobei die schlanken Schiffe bis an die Brücke in die Wellenberge eintauchten.

Mit einem Mal spürten wir, dass sich auch unser Schiff aufs Land zubewegte.

Die "Priwall" geriet ins Treiben. Wir sahen uns an. Wir konnten nichts tun, nur abwarten. Rettungsboote aussetzen? Das war unmöglich im Wellenschlag. Zum Glück griffen die Anker wieder, als das Ufer näher kam und die Wassertiefe abnahm. In manchen Wellen tauchte die "Priwall" so tief ein, dass das Wasser bis aufs Vorschiff schlug.

"Die armen Kerle"

Im ersten Licht des Morgens erreichte der Orkan seinen Höhepunkt. Ein ungeheurer Druck lastete auf der Takelage, doch sie gab kein Stück nach. Auch die Ketten schienen zu halten. Die Besatzung des chilenischen Dampfers "Palena" hatte weniger Glück: In einer besonders hohen See brachen die vorderen Ankerketten. Mit der nächsten Welle schlug die "Palena" quer zur See und trieb auf die felsige Küste zu. Es gab keine Rettung für das Schiff und seine Besatzung. Gischt und Brandung hüllten den Dampfer ein, der stillzustehen schien. Eine Welle warf das Schiff hinauf auf die Felsen, das ablaufende Wasser legte es auf die Seite. Dann traf ein Brecher das Wrack wie ein Hammer; es rollte, rutschte vom Felsen hinunter und verschwand im Meer. "Die armen Kerle", sagte jemand. Alle fühlten mit den Seeleuten, die gerade vor unseren Augen ihr Leben verloren hatten.

Stunden später flaute der Sturm ab. Am Nachmittag setzten wir die Beiboote aus, um uns an der Bergung von Wrackteilen auf dem Wasser zu beteiligen. Die Bucht war nach dem Sturminferno nicht mehr wiederzuerkennen. Meterhoch lag aufgespülter Sand auf dem Küstenstreifen. Eiserne Leitungsmasten der Bahnlinie hatte der Sturm umgeknickt, als seien es dünne Äste. Von einigen Schuppen waren nur Ruinen übrig, und hinter der Mole hatten sich Dampfer ineinander verkeilt. Unter größter Anstrengung hievten wir unsere Anker wieder ein, erleichtert, dass wir verschont geblieben waren von diesem mörderischen Sturm. In Valpairaso trauerte man um Dutzende Tote.

Wenige Wochen später wurden wir von der "Priwall" beordert und zum Arbeitsdienst auf einer Hacienda im Süden von Chile eingeteilt. Für mich begann ein Abenteuer, das sieben Jahre dauern sollte. Es wurde eine Irrfahrt durch eine Welt im Krieg: Ich reiste auf dem Frachter Erlangen zurück ums Kap der Stürme, überlebte die Versenkung des Schiffes im Atlantik und ein Gefangenenlager im Dschungel von Afrika, fror in der Kälte der schottischen Highlands und fütterte die Bären an Kanadas Großen Seen.

Aufgezeichnet von Stefan Krücken

Zum Weiterlesen:

Stefan Krücken: "Sturmkap - Um Kap Hoorn und durch den Krieg - die unglaubliche Reise von Kapitän Jürgens". Ankerherz-Verlag, Hamburg 2008, 223 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

Artikel bewerten
3.9 (53 Bewertungen)
Mehr zum Thema
Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit


Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
zum Forum...
Sagen Sie Ihre Meinung!

© SPIEGEL ONLINE 2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen