Kapitäne erzählen Versprengt vor Valparaiso

Kapitäne erzählen: Versprengt vor Valparaiso Fotos

Die Wehrmacht überfiel Polen, die Matrosen der "Priwall" drehten Däumchen: Als 1939 der Zweite Weltkrieg losbrach, war die Fahrt des Großseglers vorerst zu Ende. Schiffsjunge Hans Peter Jürgens und seine Crew vertrieben sich die Zeit mit Kicken oder Kino - und sie entdeckten ein bizarres Denkmal. Von

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Eigentlich sollte es eine reine Routinefahrt werden, als der 15-jährige Schiffsjunge Hans Peter Jürgens vor 70 Jahren in Richtung Kap Hoorn ablegte. Doch als der Großsegler "Priwall" wenige Wochen später in Chile festmachte, begann für Jürgens eine Odyssee durch eine Welt im Krieg. Er arbeitete als Straßenbauer in Chile, überlebte ein Lager im afrikanischen Dschungel und fütterte Bären an Kanadas großen Seen. Lesen Sie seine spannende Geschichte hier auf einestages, jede Woche eine neue Folge.

Ende 1939, Valparaiso, Chile

Auf der "Priwall" kehrte wieder Routine ein. Jeden Tag klopften wir Rost von der Außenhaut aus Stahl, klopften erneut Rost und klopften noch mehr Rost. Vom Kiel bis hinauf zur Spitze des Mastes, eine unangenehme Arbeit. Dazu gehörte auch das Zementieren der Bilgen; dafür mussten wir den Sandballast in den Luken hin und her schaufeln. Wer gehofft hatte, dass es auf Reede weniger zu tun gäbe, der sah sich schnell enttäuscht.

Es wurde manches erledigt, was im normalen Schiffsbetrieb auf See selbst dem pedantischsten Offizier entgangen wäre. Segelmacher, Schmied und Zimmermann bekamen Helfer zugeteilt. Ich wurde zum Assistenten des Zimmermanns Andreas Ohlmeier bestimmt, einem Mann mit prallem Bauch, der immerzu Tabak kaute. Ohlmeier, Jahrgang 1895, war das älteste Mitglied der Mannschaft. Wenn er an Land ging, trug er stets seinen Sonntagsanzug und einen steifen Hut. Die Chilenen grüßten ihn mit "Buenos días, Señor Capitano", was ironisch gemeint war, ihm aber schmeichelte.

Sein handwerkliches Können sprach sich schnell herum, und so übernahm er auch Aufträge in privaten Haushalten von Valparaiso. Wenn er Parkett legte, bestand meine Aufgabe darin, ihm sein Werkzeug zu tragen - und immer dafür zu sorgen, dass sich eine Flasche Rotwein in Reichweite befand. Ich war dankbar, "Señor Capitano" assistieren zu dürfen und nicht dem Schmied. Ein Bekannter, der diese Aufgabe übernommen hatte, bekam von ihm den Auftrag, Löcher in eine Rahe zu bohren, die mit einer maßgefertigten Eisenmanschette repariert werden sollte. Mit einem Handbohrer in Hartholz und Metall. Ich habe den Assistenten des Schmieds sogar im Schlaf fluchen gehört.

Weihnachten auf dem schwimmenden Zoo

Die Besitzer einiger Obstplantagen in der Nähe von Valparaiso machten uns tonnenweise Geschenke. Pfirsiche, saftig und groß wie Tennisbälle, wurden in Lastwagen auf die Pier gefahren; wir ruderten hin und her, um die Früchte in Körben an Bord zu bringen. Es waren so viele, dass das Zwischendeck von Luke IV komplett gefüllt war. Jeder an Bord durfte so viele Früchte essen, wie er wollte. Fortan gab es zum Frühstück, mittags und zum Abendbrot Pfirsich.

Überhaupt herrschte an Bord eine heitere, fröhliche Stimmung, was es mir leichter machte, das erste Weihnachten fern meiner Familie zu verbringen. Anders als auf anderen Schiffen, wo Offiziere und Mannschaft auch am Heiligabend voneinander getrennt speisten, setzten sich Kapitän Hauth und seine Offiziere zu uns. Auf dem Achterdeck hatte man einen langen Tisch aus Rotholzplanken aufgebaut und das Deck von der Bordwand zur Laufbrücke durch ein Rahsegel abgeschirmt. Selbst Tannenbäume standen an Bord. Es kam ein wenig weihnachtliche Stimmung auf, als wir "Stille Nacht" sangen und einen dünnen Punsch tranken, obwohl es 25 Grad warm war.

Auf dem Sandballast in den Luken der "Priwall" waren Kaninchen ausgesetzt worden, die sich auf See offenbar wohl fühlten. Es wurden jedenfalls immer mehr. Ein Dutzend Schweine grunzten auf dem Vordeck; wer von uns Jungen negativ auffiel, durfte sie hüten und ihre Hinterlassenschaften beseitigen. Die stolze Viermastbark "Priwall" erinnerte immer mehr an einen schwimmenden Zoo, denn auch ein Ziegenbock kam an Bord. Er schien einer Hochlandrasse anzugehören, denn er kletterte erstaunlich gut und sprang oft auf die Nagelbänke, um das Meer zu beobachten.

Sandwich Caliente und "Die Trommeln des Fu Manchu"

Woher das Futter für unsere vierbeinigen Mitbewohner kam? Dies blieb ein ewiges Rätsel, denn die Abfälle aus der Kombüse konnten nicht ausreichen. Unsere Verpflegung war immer noch nichts für Gourmets, erhielt aber durch Schlachtungen aus dem Schiffszoo immerhin eine neue Note. Mit Booten brachen wir außerdem auf, den Congrio zu fangen, einen mittelgroßen Raubfisch, der in Butter gegart köstlich schmeckte. Wenn der Hunger sehr groß wurde, blieb uns zum Trost die Aussicht auf den Landgang und ein Cafés namens "Rique", wo man hervorragende Torte servierte. Eine Alternative zum Kuchen bot eine Kneipe, in der es Sandwich Caliente gab, ein Brötchen, reichlich belegt mit Beefsteak und einem Ei. Sandwich Caliente war für uns der Höhepunkt jedes Monats.

Oft konnten wir uns solche Genüsse nicht leisten, denn unser knappes Taschengeld musste für Alltagsdinge wie Zahnpasta, Seife und Zigaretten reichen. Oder für eine Kinokarte, um die 23. Folge der "Trommeln des Dr. Fu Manchu" zu sehen. Im Kino von Valparaiso begegnete man Hollywoods Helden und als Kontrastprogramm den Statisten der "Deutschen Wochenschau", mit immer neuen Jubelmeldungen von allen Teilen der Front: "Sieg im Westen!"

In Europa tobte der Krieg, und wir lagen in Valparaiso und schlossen Freundschaften mit anderen jungen Leuten. Jeden Abend spielte auf der Plaza Victoria, dem Laufsteg der Stadt, auf dem sich die Flaneure begegneten, eine Militärkappelle auf. Unsere Sprachschwierigkeiten sorgten immer wieder für Heiterkeit, und auf die Damenwelt hinterließen wir Schiffsjungen in unseren blauen Ausgehuniformen, sagen wir mal: nicht den buckligsten Eindruck.

Bohnen mit Speck auf der "Salbeistrauch"

Während die deutsche Wehrmacht in die Nachbarländer einfiel, erhielten wir Einladungen zu Handballspielen oder Fußballpartien. Einmal lief der 1. FC "Priwall" im Stadion von Playa Ancha auf, um vor einigen hundert Zuschauern gegen eine Auswahl der Berufsfeuerwehr zu kicken. Unser Torwart hieß Heinz Mahnke, ein drahtiger, blonder Bäcker, der in Hamburg für den FC St. Pauli zwischen den Pfosten stand. Dank seiner Paraden endete das Spiel null zu null.

Immer wieder luden uns auch die Besatzungen anderer Schiffe ein. Zusammen mit Joachim Lundberg, einem schmächtigen Schiffsjungen aus Hamburg, besuchte ich das chilenische Schlachtschiff "Almirante Latorre". Zum Abendessen gingen wir an Bord eines amerikanischen Dampfers, über dessen lyrischen Namen wir uns etwas wunderten: "Sagebrush" hieß der Frachter, also Salbeistrauch. Der Leitende Ingenieur führte uns herum und zeigte uns seinen makellos sauberen Maschinenraum, den er komplett in Schwarz-Weiß-Rot angestrichen hatte. Mit stolzem Grinsen erklärte er uns, dass seine Vorfahren aus Deutschland ausgewandert waren; besonders amerikanisch fühlte sich dieser Chief nicht.

Das Abendessen nahmen wir im Salon ein. Am Kopf der Tafel kaute der bärbeißige Kapitän der "Salbeistrauch" sein Essen. Man reichte mehrere Gänge, die uns Jungen geradezu als kulinarische Offenbarung erschienen. Der Anblick, wie wir schmatzend gewaltige Mengen von Bohnen in Specksoße verdrückten, sorgte dafür, dass der farbige Steward zuerst schmunzelte und schließlich in lautes Gelächter ausbrach. Ich habe mich später oft gefragt, was aus diesen netten Menschen im Krieg wohl geworden ist.

Aufgezeichnet von Stefan Krücken

Zum Weiterlesen:

Stefan Krücken: "Sturmkap - Um Kap Hoorn und durch den Krieg - die unglaubliche Reise von Kapitän Jürgens". Ankerherz-Verlag, Hamburg 2008, 223 Seiten.

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1.
Markus Feldmann 04.07.2009
Das amerikanische Schiff Sage Brush das erwaehnt ist wurde 1919 als West Cherow fuer die Northwest Steel Corp in Portland, Oregon gebaut, 1928 umgetauft auf Sage Brush und operierte fuer die Shepard Steamship Co aus Boston MA, 1941 umgetauft auf Keystone fuer die States Marine Line, New York. Wurde am 13. Maerz 1943 von U-172 versenkt, 70 on 72 Mann Besatzung ueberlebten und wurden nach von einem Frachter aus Portugal gerettet, anschliessend nach den Azoren uberfuehrt.
2.
Rudi Thielmann 05.07.2009
Sehr guter Bericht. Ein kleiner Fehler: Sagebrush ist im englischen der Name fuer BEIFUSS, genauer fuer den amerikanischen Wuesten-Beifuss, nicht fuer Salbei. Beifuss und Salbei sind ganz unterschiedliche Pflanzen und noch nichtmals verwandt.
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