Kapitäne erzählen Volles Rohr ins Fischkontor

Kapitäne erzählen: Volles Rohr ins Fischkontor Fotos
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Er hatte Recht, sie hatten Kanonen an Bord: Vor Norwegens Küste stoppte die Kriegsmarine den Fischtrawler von Richard Neu - dabei hatte er gar nichts getan. Wäre er geentert worden, hätte es den Kapiän seinen gesamten Fang gekostet. Also schickte er seine Mannschaft unter Deck - und gab Vollgas. Von

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Auf See bekam jeder Kapitän einen Spitznamen. Wir kannten Harry "Büddel-Harry" Büther von Trawler "Fehmarn", Gerhard "Brackermann"" Karnatz von der "Bonn", Willy "Der Vater" Dahnke auf der "Harengus" oder Albert Knüller, den "Pastor vom Mehlsack". Knüller wurde so genannt, weil er oft vor dem "Mehlsack" fischte, einem Felsen vor Island und weil er dafür bekannt war, so salbungsvoll über Funk zu sprechen.

Warum man mich "King Richie" nannte, weiß ich nicht genau, aber an meiner Statur kann es nicht liegen, denn ich bin eher klein gewachsen. Mein Spitzname mag mit meinem "Löwenherz" zu tun haben, denn ich bin dafür bekannt, dass mich Ungerechtigkeiten mächtig aufregen. Es gab auch eine Zeit, in der ich, das gebe ich zu, bisweilen ziemlich jähzornig werden konnte. Alles kam zusammen, als es im Oktober 1972 zu einer regelrechten Seeschlacht kam, zwischen meinem Fischfabrikschiff und der norwegischen Marine.

In den Kühlräumen von "Hans Pickenpack", einem Trawler von 78 Metern Länge und 13,6 Metern Breite mit 48 Männern Besatzung lagerten gegen Ende unserer Fangreise 520 Tonnen Fischfilet: Kabeljau, Seelachs, Rotbarsch und Schellfisch. 80 Tonnen fehlten noch, bevor wir die Heimreise nach Hamburg antreten konnten. Wir fischten auf der Sveinsgrundbank nördlich der Lofoten, unweit des Anda-Fjordes.

Wenige Wochen zuvor hatten die Norweger in einem Referendum gegen den Beitritt zur Europäischen Wirtschaftsunion (EWG) gestimmt; auf den Fangplätzen vor den Zwölf-Meilen-Hoheitsgewässern, von der norwegischen Marine überwacht, herrschte eine spürbar angespannte Stimmung, denn die Norweger sahen ungern, wie die internationale Flotte ihre Bestände abfischte. Was wir zu spüren bekommen sollten.

"Sie laufen Harstadt an. Sofort!"

Ich hatte kurz nach 21 Uhr das Netz eingeholt und die Maschine stoppen lassen, weil der Bestmann am Rollengeschirr zwei defekte Flügel auswechseln sollte. "Hans Pickenpack" dümpelte außerhalb der Fischereigrenze, der Wind wehte mit fünf bis sechs Stärken. Etwa 20 Minuten dauerte die Reparatur, 20 Minuten, in denen uns der starke Golfstrom in nordöstliche Richtung, also in norwegische Hoheitsgewässer schob. Ich wusste dies, aber wir taten nichts Verbotenes: Wir fischten nicht. Unser Fanggeschirr lag an Deck.

Nach Ende der Reparaturarbeiten nahm unser Trawler wieder Fahrt auf. Ich peilte am Radar unsere Position, stellte fest, dass wir bereits 17,2 Seemeilen Abstand zur Landzunge Teistneset und damit internationale Gewässer erreicht hatten und ließ das Grundschleppnetz ausbringen. Was ich nicht ahnen konnte: Der Erste Steuermann hatte einige Minuten zuvor das Fischereilicht eingeschaltet, mit dem man signalisierte, dass man die Netze aussetzte.

Um 21.40 Uhr wurde es mit einem Mal sehr hell auf der Brücke. Ein Scheinwerfer strahlte mich aus kurzer Distanz an. "Unverschämtheit", fluchte ich, was sollte das? Ich schaltete das Funkgerät auf den Internationalen Kanal 16 und schnauzte:

"Welches Schiff ist längsseits?"

"Hier spricht der Kommandant des Küstenwachboots 'Senja'. Sie fischen verbotenerweise in norwegischen Hoheitsgewässern, over."

Ein Blick auf das Radar zeigte, dass ein Irrtum vorliegen musste. Wir befanden uns 1,47 Seemeilen jenseits der Fischereigrenze, was ich dem Kommandanten des Kriegsschiffs mitteilte. Natürlich fischte ich auch weiter, denn es gab nichts, was man mir vorwerfen konnte. An Bord der "Senja" bewertete man die Lage ganz anders.

"'Hans Pickenpack', holen Sie sofort ihr Fanggeschirr ein!", schallte es aus dem UKW-Gerät. "Nehmen Sie in Andenes einen Fjordlotsen auf und laufen Sie Harstadt an. Dort stellen Sie sich einer polizeilichen Untersuchung, over."

Anruf in der Villa Pickenpack

Mir war bewusst, was diese Forderung bedeutete: In Harstadt würde Aussage gegen Aussage stehen und das Gericht einem norwegischen Marineoffizier ganz bestimmt mehr Bedeutung schenken als einem deutschen Trawlerkapitän. Unseren Fang im Wert von zweieinhalb Millionen D-Mark? Beschlagnahmt. Die Geldbuße für die Reederei? Etwa eine halbe Million D-Mark. Und auf mich persönlich, so schätzte ich, kam eine Strafe von etwa 50.000 Mark zu.

Ich war wütend und beschloss, trotz der Uhrzeit meinen Reeder anzurufen, um ihn nach einem Rat zu fragen. In der Villa der Pickenpacks, am Ufer der Elbe im feinen Hamburger Stadtteil Blankenese gelegen, lief gerade eine Party, wie ich an dem Gewirr aus Stimmen, Musik und Gläserklingen hörte. Jan Pickenpack, der Junior-Chef, meldete sich. Je länger unser Gespräch dauerte, desto leiser wurde die Musik im Hintergrund. Was die Partygäste nun zu hören bekamen, bot eben feine Unterhaltung - zumindest dann, wenn man nicht selbst auf der Brücke des Trawlers zu entscheiden hat.

Reeder Pickenpack riet, auf keinen Fall Harstadt anzusteuern, sondern in internationalen Gewässern weiter zu verhandeln und die Deutsche Botschaft in Oslo um Beistand zu bitten.

In der Vertretung aber ging niemand ans Telefon. Dafür verlangte die "Senja" nun erneut über Funk, ich möge das Fanggeschirr einholen lassen. Sofort! Man hatte eine Boje an der Stelle ausgesetzt, wo man "Hans Pickenpack" angetroffen hatte, um die genaue Position zu bestimmen. Ich willigte ein und ließ Wachsteuermann Hinrich Meyer wecken, der perfektes Englisch sprach und die weiteren Verhandlungen übersetzen sollte. Was die "Senja" über Radar maß, deckte sich mit meinem Ergebnis: Wir lagen umgerechnet 2,7 Kilometer außerhalb der norwegischen Hoheitszone.

Der eine hat recht, der andere eine Kanone an Bord

Ich war erleichtert und bot dem Kommandanten an, Offiziere überzusetzen, um anhand der Seekarten und Peilungen das Missverständnis endgültig zu klären. Im Funk war ein kurzes Knistern zu hören, dann blaffte eine Stimme:

"No! Sie laufen sofort Harstadt an!"

Wachsteuermann Hinrich Meyer, der als Leutnant der Reserve mit Kenntnissen über das Seerecht gesegnet war, reichte mir das Handbuch des "Genfer Abkommens von 1958 über die Hohe See". Ich blätterte darin und las dem Kommandanten genüsslich die Paragraphen 22 und 23 vor: Demnach durfte er mich in internationalen Gewässern nur durchsuchen oder aufbringen, wenn die Delikte "Waffenschmuggel, Sklavenhandel, Konterband oder Flaggenmissbrauch" vorlagen.

"Ich lehne es also strikt ab, Harstadt anzulaufen", erklärte ich, "und Sie haben kein Recht, mich dazu zu zwingen."

Manchmal aber ist es im Leben so, dass man selbst im Recht ist, der andere aber eine Kanone an Bord hat. Der Kommandant ignorierte meine kleine Juravorlesung und schnauzte: "Kapitän, Sie und Ihr Schiff stehen ab sofort unter Arrest! Sollten Sie meinen Anordnungen nicht Folge leisten, habe ich eine Kanone an Bord und werde davon Gebrauch machen!"

"Wenn ich draufgehe übernimmt Meyer"

Ich ließ den Funker erneut unseren Reeder anrufen und berichtete von der Eskalation. Pickenpack schwieg kurz, dann fragte er:

"Herr Neu, welche Kanone hat die 'Senja' denn an Bord?"

"Das weiß ich nicht genau, vielleicht Kaliber 2,5 Zentimeter."

"Dann halten Sie den Kopf mal nicht hin, wo geschossen wird. Die Löcher schweißen wir in der Werft wieder zu."

"Herr Pickenpack, mir ist gerade nicht nach Scherzen zumute", entgegnete ich, "ich möchte eine genaue Anweisung, wie ich mich verhalten soll."

"Kapitän Neu, Sie haben die bessere Übersicht. Handeln Sie so, wie es Ihnen Ihre Vernunft eingibt", sagte der Reeder.

"Dann werde ich mich nun dem Arrest entziehen. Drücken Sie beide Daumen. Auf Wiedersehen!"

Ich beorderte alle Offiziere auf die Brücke, um sie in meinen Fluchtplan einzuweihen. Der Chief bekam Order, alle überflüssigen Geräte an Bord abzuschalten und die ganze Kraft auf die Schraube zu legen. Alle Besatzungsmitglieder sollten unter Deck gehen, für den Fall, dass wir mit Granaten beschossen wurden. Sämtliche Lichter an Deck mussten gelöscht und notfalls mit einem Schraubenschlüssel ausgeknipst werden. "Ich bleibe alleine auf der Brücke", sagte ich, "und wenn ich draufgehe, übernimmt Meyer das Schiff."

Der Wachsteuermann weigerte sich aber, die Brücke zu verlassen. "Wir sterben beide den Heldentod", sagte er und grinste breit.

Es war 23.09 Uhr, als ich den Starthebel auf "10" legte: Volle Fahrt voraus! Vier Seemeilen lagen zwischen uns und der 'Senja', als sich mein norwegischer Lieblingskommandant über Funk meldete. Er klang erstaunt:

"Kapitän, was machen Sie denn da?", fragte er.

"Ich dampfe weg von hier", antwortete ich, "aber nicht nach Harstadt!"

Mit einem Blick auf das Log stellte ich fest, dass wir nun 13 Knoten liefen, schneller ging es nicht. Die "Senja" aber, schätzte ich, schaffte mindestens 18 Knoten. Eigentlich hatten wir überhaupt keine Chancen, zu entkommen. Auf dem Radar erkannte ich, dass die Norweger die Verfolgung aufnahmen. Unser Vorsprung schmolz.

Ein Kanonenschlag hallte über das Meer

Um 00.02 Uhr war die "Senja" bis auf eine Seemeile herangekommen. Ein Kanonenschlag hallte dumpf übers Meer. Wir warfen uns auf den Boden der Brücke und warteten auf den Einschlag. Doch nichts geschah. Kurz darauf fiel ein zweiter Schuss. Wieder ohne Ergebnis. Wir wurden nun mutig und traten hinaus auf die Nock, um besser sehen zu können, was die "Senja" vorhatte. Bis auf eine halbe Seemeile kam sie auf.

Sie feuerte ein drittes Mal.

Ein seltsamer Geruch, ein Geruch nach Gas lag nun auf der See.

Ich ging ans Funkgerät und rief dem Kommandanten der "Senja" zu, dass ich auf keinen Fall stoppen und auf gar keinen Fall nach Harstadt dampfen werde. Es kam keine Antwort. Um 0.45 Uhr drehte das Kriegsschiff bei und brach die Verfolgung ab. Steuermann Meyer und ich reichten uns die Hände.

Wir hatten geschafft, was noch kein deutscher Trawler vorher gewagt hatte. Alle anderen Kollegen hatten viel Geld an die Behörden gezahlt, ich hingegen nur die Nerven meiner Mannschaft strapaziert. Um uns alle auf andere Gedanken zu bringen, bat ich in der Messe zu einer Skatrunde. Um kurz nach drei, nach einigen Runden Kartenspiel, legte ich mich erschöpft, aber zufrieden in die Koje.

Neun Tage nach unserer Verfolgungsjagd waren die Kühlräume mit gefrosteten Fischfilet gefüllt. Wir gingen auf Kurs Hamburg-Altona. Als wir vor der Kühlhalle festmachten, sah ich, dass unser Reeder an der Pier wartete. Ich hoffte insgeheim auf einen Bonus, vielleicht einen dicken Schein, denn ich hatte der Firma mit meiner riskanten Flucht etwa drei Millionen Mark gespart. Doch die Prämie fiel nicht ganz aus, wie ich es mir vorgestellt hatte. Der Reeder schüttelte mir nur herzlich die Hand und sagte:

"Kapitän Neu, das haben Sie aber fein gemacht!"

Kapitän Richard Neu, Jahrgang 1930, wuchs in einem entlegenen Dorf im litauischen Landkreis Tauroggen auf. 1940 floh seine Familie wegen des deutsch-sowjetischen Abkommens nach Schleswig-Holstein. Neu erlernte den Beruf des Netzmachers und Taklers, bevor er im Alter von 26 Jahren zur See fuhr. 1969 übernahm er als Kapitän seinen ersten Trawler und wurde von seinen Kollegen "King Richie" gerufen. Mitte der siebziger Jahre wechselte Neu als Nautischer Offizier ins Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten und ging auf Reisen in die Arktis und Antarktis. Neu ist verheiratet und lebt in Hechthausen, Niedersachsen.

Aufgezeichnet von Stefan Krücken

Diese Geschichte ist zuerst erschienen in:

Stefan Krücken: "Orkanfahrt - 25 Kapitäne erzählen ihre besten Geschichten" Ankerherz-Verlag, Hollenstedt 2007, 176 Seiten.

Das Buch erhalten Sie bei Amazon.

Zum Weiterhören:

Stefan Krücken: "Orkanfahrt - Kapitäne erzählen ihre besten Geschichten", gelesen von Otto Sander, Random House Audio, Köln.

Die CD erhalten Sie bei Amazon.

Der Verlag:

Die Bücher von Ankerherz sind authentisch, ganz nah dran und von ihren Erzählern autorisiert. In einem Format zwischen Bildband, Sachbuch und Reportage widmet sich der Verlag Geschichten von unbekannten Helden.

Zur Internetseite von Ankerherz.

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